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Wie die Berichterstattung vom „Spiegel“ den Krieg gegen Frauen in Rojava verharmlost

 

Ein Kommentar von Civaka Azad
 
CIVAKA AZAD / BERLIN, 9. Feb. 2026.

In den letzten Wochen häufen sich Analysen und Meldungen über die Situation in Syrien in deutschen Medien, bei denen wir uns fragen, welches Ziel die Autorinnen und Autoren mit dieser Darstellung verfolgen. Dabei handelt es sich nicht selten um fragwürdige Berichterstattung, die Kriegsverbrechen, darunter oftmals sexualisierte Gewalt, relativiert. Die islamistischen Täter aus der Tradition von al-Qaida und dem IS werden verharmlost, geradezu saubergewaschen, während die mehrheitlich kurdischen Opfer zu Tätern verklärt werden.

Ein prominentes Beispiel für diese Art der Berichterstattung ist der „Spiegel“-Artikel „Wie ein wohl falscher Zopf die Welt bewegt“, verfasst von Christoph Reuter und Mohannad Alkhalil Alnajjar. In dem Artikel geht es den Autoren nicht nur um den Zopf, den Rami al-Dahesh lächelnd in die Kamera hält. Es geht ihnen offenkundig darum, die Verbrechen des Heers von al-Scharaa in Frage zu stellen, sie reinzuwaschen und gar als eine Propagandakampagne der Demokratischen Kräfte Syriens (QSD/SDF) abzutun.

Kriegsverbrechen sind dokumentiert, für Spiegel jedoch nicht von Interesse

Die von den Soldaten al‑Scharaas begangenen Kriegsverbrechen sind umfassend und sorgfältig dokumentiert. Menschenrechtsorganisationen wie die SOHR, Journalist:innen vor Ort sowie die offiziellen Stellen der Demokratischen Kräfte Syriens und der Selbstverwaltung haben in den vergangenen Wochen sowohl einzelne Fälle als auch systematische Zusammenstellungen veröffentlicht – jeweils detailliert aufbereitet, überprüft und mit belastbarem Beweismaterial untermauert.

Als Civaka Azad haben wir diese Zusammenstellungen der Presse angeboten. Sie sind aber auch mit ein wenig Eigenrecherche selbst aufzufinden.

Die Beweislage ist eindeutig und das vor allem deshalb, weil die Täter ihre eigenen Verbrechen filmen und über Telegram‑Kanäle, X und TikTok selbst verbreiten. Diese öffentliche Zurschaustellung ist Teil ihrer Kriegsstrategie.

Die Täter verfolgen damit ein klares Ziel: Sie wollen ihre Gegner einschüchtern und unmissverständlich demonstrieren, was all jene erwartet, die in die Hände von al‑Scharaas Männern geraten. Diese Form der öffentlichen Brutalisierung ist psychologische Kriegsführung. Ein Muster, das wir aus früheren Konflikten nur allzu gut kennen. Auch der sogenannte Islamische Staat (IS) setzte systematisch auf diese Strategie.

Für die Autoren Christoph Reuter und Mohannad Alkhalil Alnajjar jedoch spielt die Auseinandersetzung mit diesen Verbrechen kaum eine Rolle. Ihr Artikel schlägt einen völlig anderen Ton an: Die SDF betreiben demnach eine gezielte Kampagne, um die neuen Machthaber in Damaskus zu delegitimieren. Und diese seien ja nicht so schlimm, auch wenn sie Alawit:innen, Drus:innen und nun eben Kurd:innen massakrieren. Denn schließlich wollten sie die staatliche Ordnung wiederherstellen.

Ahmed al‑Scharaa weiß sehr genau, wo er politisch und ideologisch steht – der deutsche Journalismus scheint das jedoch zunehmend auszublenden.

Reuter und Alnajjar räumen zwar ein, dass al-Scharaa ein Islamist ist, relativieren dies jedoch sofort mit dem Hinweis, er sei seit 2013 ein Todfeind des IS gewesen. Soll das beim Publikum den Eindruck erwecken, dies mache ihn zu einem ‚besseren‘ Islamisten? Zu jemandem, dem die EU ohne Weiteres 620 Millionen Euro für den sogenannten Wiederaufbau Syriens in Aussicht stellt – während sein Heer gleichzeitig über 100.000 Kurd:innen aus ihren Heimatgebieten in Aleppo vertreibt?

Die Logik dahinter ist eine andere: Es geht darum, al‑Scharaa in die westliche Interessenpolitik der Region einzupassen. Dafür braucht es einen al‑Scharaa im Anzug, nicht einen al-Jolani in Kampfmontur. Es braucht eine Figur, deren Vergangenheit glattgebügelt, deren gegenwärtige Verbrechen ausgeblendet und deren Zukunftspläne diskret unter den Teppich gekehrt werden. Kurz: jemanden, mit dem „wir“ zusammenarbeiten können, selbst wenn er keiner Politikerin die Hand gibt.

Die deutsche Presselandschaft liefert dafür die nötige Schützenhilfe und trägt dazu bei, genau diesen al‑Scharaa zu konstruieren. Der Hinweis, dass selbst dieser al‑Scharaa ein Todfeind des IS gewesen sei, soll ihn offenbar in ein milderes Licht rücken – als wäre das bereits ein Gütesiegel.

Wenn Christoph Reuter darauf verweist, dass al‑Scharaa auf der Todesliste des IS stand, dann weiß er selbstverständlich auch, warum das so war. Im Artikel bleibt dieser entscheidende Kontext jedoch unerwähnt. Wir holen das nach: Als der IS 2013 sein Einflussgebiet vom Irak nach Syrien ausweitete, entbrannte ein Machtkampf innerhalb des globalen dschihadistischen Spektrums. Der selbsternannte Kalif des IS, Abu Bakr al‑Baghdadi, hatte sich zuvor von einer weiteren zentralen Figur des transnationalen Islamismus, al‑Qaida‑Chef Aiman al‑Zawahiri, losgesagt. Al-Zawahiri wiederum forderte al‑Baghdadi auf, sich auf den Irak zu beschränken, denn sein Vertrauter in Syrien erfülle dort bereits die Aufgaben, die er von ihm erwartete.

Dieser Vertreter der al‑Qaida in Syrien war – und ist es aller Wahrscheinlichkeit nach bis heute – eben jener al‑Scharaa, der nun in Damaskus das Sagen hat. Der selbsternannte syrische Übergangspräsident, der derzeit vom Westen hofiert wird, war bzw. ist der zentrale Repräsentant der al‑Qaida in Syrien – jener Organisation, die am 11. September 2001 unter anderem zwei Flugzeuge in das World Trade Center steuerte.

Sein Konflikt mit dem IS war für al‑Scharaa nie eine Frage der Ideologie, sondern eine des Machtanspruchs und der territorialen Kontrolle. Er wurde zum Todfeind des IS, weil er al‑Qaida selbst dann noch die Treue hielt, als der IS 2014 den Höhepunkt seiner Stärke erreichte. Viele aus seinen Reihen liefen damals zum IS über, al‑Scharaa jedoch blieb bei al‑Qaida.

Als der IS einige Jahre später zusammenbrach, tauchten viele seiner Söldner, soweit ihnen die Flucht vor Tod oder Gefangennahme gelang, in Idlib oder den türkisch besetzten Gebieten Nordsyriens unter. Und auch wenn die Spiegel‑Autoren verzweifelt versuchen, eine klare Trennlinie zwischen dem IS und den neuen Machthabern in Damaskus zu ziehen: Ideologisch existiert diese Grenze nicht.

Deshalb überrascht es kaum, dass in Raqqa wieder IS‑Fahnen auftauchen (laut Spiegel angeblich ebenso harmlos wie das Abschneiden des geflochtenen Zopfes), dass al‑Scharaas Soldaten mit IS‑Abzeichen vor Kameras posieren, dass zahlreiche IS‑Söldner nach der Machtübernahme der Übergangsregierung aus Gefängnissen entlassen wurden und dass al‑Scharaas Männer Kriegsverbrechen begehen, die in ihrer Brutalität und Inszenierung an die Methoden des IS erinnern.

Dass al‑Scharaa an seiner Ideologie festhält, bezweifelt in Syrien kaum jemand. Vielleicht steht er derzeit noch zu sehr im internationalen Rampenlicht, um den Staat offen nach seinen Vorstellungen umzubauen und einen islamistischen Staatsapparat nach dem Vorbild der Taliban zu etablieren. Doch wer im deutschen Qualitätsjournalismus wirklich verstehen möchte, wie die Menschen in Syrien die selbsternannte Übergangsregierung einschätzen, sollte nicht allein aus dem vermeintlich „befreiten“ Raqqa berichten. Die Antworten liegen in Suweida bei den Drus:innen, in Latakia bei den Alawit:innen oder in Kobanê bei den Kurd:innen – dort, wo die Folgen dieser neuen Machtordnung unmittelbar spürbar sind.

Türkische Narrative haben in deutscher Syrienberichterstattung Hochkonjunktur

Womit wir direkt zum nächsten Thema kommen: Christoph Reuter und sein Co‑Autor behaupten, der zentrale Konflikt bestehe darin, dass die Interimsregierung in Damaskus die territoriale Integrität Syriens anstrebe, während die „syrische Kurdenpartei“ unter Kontrolle der „türkischen Separatistenpartei PKK“ eigene Streitkräfte und vollständige Unabhängigkeit von Damaskus beanspruche.

Das gesellschaftliche Konzept, das in Nord- und Ostsyrien aufgebaut worden ist, hier umfassend zu erläutern, würde den Rahmen sprengen. Zentral ist jedoch der Gesellschaftsvertrag, der gemeinsam von Kurd:innen, Araber:innen und allen weiteren ethnischen und religiösen Gemeinschaften der Region ausgearbeitet wurde. Er formuliert die politischen, sozialen und rechtlichen Grundlagen der Selbstverwaltung und beschreibt, welches Zusammenleben in den autonomen Gebieten aufgebaut werden soll.

Nur so viel: Die Selbstverwaltung hat weder unter Baschar al-Assad noch heute unter al‑Scharaa jemals separatistische Ziele verfolgt. Im Gegenteil – sie hat konsequent den Anspruch vertreten, ein neues, demokratisches und föderales Syrien zu gestalten, in dem alle Menschen unabhängig von Herkunft, Sprache oder Religionszugehörigkeit ihren Platz haben. Dieses Prinzip ist im Gesellschaftsvertrag ausdrücklich verankert und bildet die Grundlage des politischen Projekts in Nord‑ und Ostsyrien.

In den arabischen Gebieten wurde keine „kurdische Herrschaft“ errichtet. Stattdessen entstanden zivile Rätestrukturen, die aus der lokalen Bevölkerung hervorgingen – mit einem Co‑Vorsitz, also einer Frau und einem Mann an der Spitze.

Natürlich verlief die Umsetzung dieses Modells nicht ohne Schwierigkeiten. Das überrascht kaum, wenn man bedenkt, dass der IS hier zuvor geherrscht hatte und in Teilen der Bevölkerung durchaus Rückhalt besaß. Warum das Gesellschaftsmodell dennoch nicht tiefer in den arabischen Gebieten verwurzelt werden konnte, ist eine berechtigte und notwendige Frage. Eine, der man sich ernsthaft stellen muss.

Aber arabische Stämme, die mit ihren bewaffneten Einheiten einfach nur die Seite gewechselt haben, als Beweis für eine angebliche „Befreiung“ heranzuziehen, reicht nicht aus.

Was ist mit den Frauen, die sich in diesem Gesellschaftssystem erstmals selbstorganisiert haben und politisch wie gesellschaftlich mitentscheiden konnten? Was ist mit den vielen (auch arabischen) Menschen, die Teil der Selbstverwaltungsstrukturen waren und nun, nach der Eroberung Raqqas und anderer Gebiete, öffentlich gedemütigt, gefoltert und festgenommen worden sind? Darüber verliert die deutsche Presse derzeit kaum Worte, weil es offensichtlich nicht ins Konzept passt.

Stattdessen ist die Rede von „Separatismus“ und dem angeblichen Plan der „vollständigen Unabhängigkeit“. Wie gehabt ohne Belege und ohne Nachweise. Die Reproduktion türkischer Narrative hingegen sind offenkundig.

Zurück zum angeblich falschen Zopf

Der Zopf in den Händen eines in die Kamera grinsenden Rami al-Dahesh steht symbolisch für eine Botschaft, die gezielt jene Frauen erniedrigen soll, die sich im Kampf gegen das islamistische Heer al-Scharaas an die vorderste Front stellen. Dieses Video reiht sich ein in eine Reihe weiterer Aufnahmen, die von al-Scharaas Männern aufgezeichnet wurden und nur einem Zweck dienen: der Erniedrigung der Frauen, die nicht bereit sind, die Herrschaft dieser islamistischen Ideologie zu akzeptieren.

Es sind Bilder von festgenommenen Kämpferinnen, die als Kriegsbeute präsentiert werden, untermalt von hässlichem Männergelächter; Bilder von Leichnamen von Kämpferinnen, die geschändet und von Häusern geworfen werden.

Das sind übrigens Frauen aus denselben Einheiten, die sich 2014 in Şengal und in Kobanê gegen den IS gestellt haben. Dieselben Frauen, die später die vermeintliche Hauptstadt des IS, Raqqa, befreit haben. Damals wurden sie weltweit, mitunter auch in der deutschen Presse gefeiert. Doch nun ist der Gegner nicht mehr der IS, sondern ein Partner des Westens. Und das dürfte vermutlich auch der Grund sein, warum sich deutscher Journalismus nicht darum bemüht, diese Verbrechen offenzulegen, sondern stattdessen die Täter schützt.

Der Kommentar ist der Webseite von Civaka Azad e.V. entnommen

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