Aufruf von70 kurdischen Organisationen für eine sofortige Flugverbotszone für Rojava

Es ist an der Zeit, Worte der Betroffenheit durch Handlungen zu ersetzen; kurdische Organisationen und Parteien fordern eine sofortige Flugverbotszone für Nordsyrien und Sanktionen gegen die Türkei.

ANF / REDAKTION, 15. Okt. 2019.

Knapp siebzig kurdische Organisationen und Parteien appellieren an die internationale Staatengemeinschaft und internationale Institutionen und fordern eine sofortige Flugverbotszone in Nordsyrien:

Die Türkei marschiert völkerrechtswidrig in Nord-Ostsyrien und Rojava Kurdistan ein und bombardiert die Zivilist*innen vom Land und aus der Luft. Es ist an der Zeit, Worte der Betroffenheit durch Handlungen zu ersetzen.

Wir fordern eine sofortige Flugverbotszone über Rojava.

Die Politik des türkischen Staatspräsidenten Erdoğan wie auch von Baschar al-Assad zielte sowohl in der Vergangenheit als auch heute auf eine ethnische Säuberung der kurdischen Bevölkerung.

Wir fordern die internationalen Institutionen dazu auf, einzugreifen. Zahlreiche westliche Staaten tragen mit ihren Waffenverkäufen an die Türkei maßgeblich zu dieser ethnischen Säuberung Verbrechen an der Menschheit bei.

Wir fordern die internationale Gemeinschaft auf, mit diplomatischen Sanktionen gegen die Türkei Stellung zu beziehen.

Wir kritisieren die internationale Gemeinschaft scharf für ihre Zurückhaltung in diesem Krieg. Jeder Tag kostet Menschenleben. Eine klare politische Haltung gegen Erdoğan ist das Mindeste.

Die NATO- Mitgliedschaft der Türkei muss mit sofortiger Wirkung eingefroren werden.

Im nächsten Schritt fordern wir den Ausschluss der Türkei aus der NATO.

Das Ausmaß der humanitären Katastrophe in diesem Krieg ist unvorstellbar. Die einzigen Verbündeten des Westens, die unsere Werte gegen den IS-Terror verteidigt haben, werden nun zum Abschuss frei gegeben. Rojava gibt Syrien Stabilität, vielen religiösen Minderheiten Schutz und eine wichtige demokratische Perspektive.

Die internationale Staatengemeinschaft und internationalen Institutionen dürfen sich nicht von Erdoğan mit dem Flüchtlingsdeal nicht länger erpressen lassen.

Dieser Krieg ist auch Europas Krieg. Wer jetzt nicht handelt, duldet den Terror im Nahen Osten und gefährdet die Sicherheit in Europa da der IS die neue Situation für sich nutzen wird um deutlich an Schlagkraft zu gewinnen.

Organisationen und Parteien, die diesen Aufruf unterstützen:

• KNK (Kongreya Netewêyi ya Kürdistanê)

• YNK (Yektiya Nistimane Kurdistan)

• PYD (Partiya yekîtiya Demokrat)

• PDKS( Partiya Demokrat kurdi ya sûrî)

• Partiya çep a kurd li sûrî.

• Tevgera nûjen ya kurdistanî-sûrya.

• EL-PARTİ(Partiya demokrata kurde li Suri)

• Partiya demokrata pêşverû ya kurd li sûrıya.

• Partiya çep a Demokrat li sûrıya

• Partiya yekîtiya kurd li sûriya

• Partiya rêkeftin a kurd li sûrya.

• Partiya çaksaziya kurd li sûriya.

• Partiya kesk a Kurdistanî li sûriya.

• Partiya demoqrata Kurdistanî li sûrya.

• Partiya Komunist a Kurdistanî li sûriya.

• Partiya yekîtiya sûryanî li sûrya.

• PJAK (Partiye jiyana Azada kurdistan)

• Sazimana xebata Kurdistan Iran

• Partiya serbestiya kurdistanê

• Partiya Yekiti

• PIK (Partiya islamiya Kürdistan)

• Partiya Azadiye Kürdistana

• Rêkxistna Kurdistaniyan hizbê komonîstê iranê

• Revolutionar -Union Of Kurdistan

• KOMALA- Kurdistan organisation of Communist Party of Iran

• KODAR(Civaka demokratîk û Azada rojhelatê Kurdistan)

• KAR(Civaka jinên rojhelatê Kurdistanê)

• KKP ( Partiya Kominista Kurdistan)

• Mezopotamya Özgürlük partisi

• Platforma dimokratîkê Pilatforma Yarsan iran

• Mezopotamya Halk Kongresi

• KCDK-E (Kongra Civaka Kürdistaniyan Ewrupa)

• Sazmana Xebatê Kürdistana iran

• Mezopotamya Dayanişma Derneğ

• TJK-E (Tevgera Jinê Kürdistanê Ewrupa)

• Platforma yarsan

• Platforma Zagros

• Platforma Hora

• Yekitiya şoreşgeran

• Yarikurd Organization

• Yarsan Democratic Organization

• Tevgerê dimokratîk yarsan

• Kurdisch Gemeînde Deutschland

• Kurdischer Geminde Stuttgart

• CİK (Civaka Islamîaya Kurdistan)

• NAVEN e.V Bonn

• FEDA ( Federesyona Elewîyên Kurdistan)

• NAV – YEK ( Federasyona Komelen Ezidiya)

• Kurdische Zentrum Berlin

• CIK ( Civaka Islamiya Kurdistan

• Enstituta Kurdî – Almamaya

• Enstituta Kurdî – Brüksel

• MŞD ( Meclisa Şingal ya Derveyi Welat)

• YMK ( Yekîtîya Mamostayên Kurdistan)

• YES (Yekitiya Êzdiyên Suri)

• Kurdisch Gemeînde Brandenburg – Berlîn

• ESU (Yekitiya Süryaniye Ewrupa)

• Mala Kurda Berlîn

• Komela Rojan Niviskar Berlin

• Civakê Kurd Berlin

• Komela Rojava Berlin

• Mala gele Kürdistan e.V Berlin

• Kurdische Frauen im Exil Berlin

• The Socialist Trend of koala

• Welt Kurdische Organisation(W

VW-Werk in der Türkei steht in Frage

Der Automobilkonzern VW verfolgt die Entwicklungen in Syrien „mit großer Sorge“. Die ökonomischen und sicherheitspolitischen Konsequenzen der Invasion scheinen den Konzern am Bau eines Werks in Izmir zweifeln zu lassen.

ANF / REDAKTION, 15. Okt. 2019.

VW plant in Manisa bei Izmir ein neues Werk zu bauen. Mit Beginn des Angriffskriegs der Türkei gegen Nordsyrien und den internationalen Protesten und Sanktionsdrohungen kommen dem Automobilkonzern einer dpa-Meldung zu Folge Zweifel an seinem Vorhaben. Dem Spiegel zu Folge befinde man sich in der „finalen Phase“ der Planung, beobachte die Entwicklung in Nordsyrien aber „ganz genau und mit großer Sorge“. VW hielt bisher trotz Kritik an dem Plan mit der Argumentation fest, die Türkei gelte als EU-Beitrittskandidat.

In dem Werk sollen ab 2022 300.000 VW-PKWs von 4.000 Arbeiter*innen produziert werden. In das Werk sollen 1,5 Milliarden Euro investiert werden.

 

Salih Muslim berichtet von Abkommen mit syrischem Staat

Das Abkommen mit dem syrischen Regime ist ein erster militärischer Schritt, die genauen Inhalte werden noch festgelegt, erklärt der kurdische Politiker Salih Muslim (PYD) zu den jüngsten Entwicklungen in Nordsyrien.

BÊRÎTAN SARYA / QAMIŞLO, 14. Okt. 2019.

Der PYD-Sprecher Salih Muslim hat sich gegenüber ANF zum am Sonntag geschlossenen Abkommen zwischen der Autonomieverwaltung von Nord-und Ostsyrien und der syrischen Regierung geäußert:

„Bei dem zwischen dem Regime und der Autonomieverwaltung geschlossenen Abkommen handelt es sich um ein militärisches Abkommen und einen ersten Schritt, dem Gespräche folgen werden, um es gänzlich mit Inhalten zu füllen.

Das Abkommen besagt in groben Zügen folgendes: Die Grenzsicherheit bzw. die Souveränität des Staates Syrien ist verletzt worden. Um die Souveränität zu bewahren, müssen die Grenzen gemeinsam geschützt werden. Dafür werden syrische Soldaten an der Grenzlinie zwischen Dêrik und dem Euphrat stationiert und syrische Fahnen gehisst. Die syrischen Soldaten werden sich nicht innerhalb der Städte aufhalten, sondern an bestimmten Stellen außerhalb der Städte.

Es wird keine Einmischung in die Arbeit der Autonomieverwaltung geben. Die Räte werden wie bisher ihre Arbeit fortsetzen.“

Ziel des Abkommens ist der Schutz der Bevölkerung

Ziel des Abkommens sei der Schutz der Bevölkerung, erklärt Muslim: „Die Türkei unter Führung Erdoğans hat einen Genozid vorbereitet. Die demokratischen Kräfte in Nord- und Ostsyrien haben zuvor mit den US-Amerikanern und über ihre Vermittlung mit einem Abkommen zur Grenzsicherheit versucht, diesen Genozid zu verhindern. Die USA haben sich jedoch ohne vorherige Ankündigung zurückgezogen und der türkische Staat hat mit Zehntausenden islamistischen Söldnern über Serêkaniyê [Ras al-Ain] und Girê Spî [Tall Abyad] eine auf die Besatzung Nord- und Ostsyriens und einen Genozid abzielende Invasion gestartet. Die USA haben ihren Schritt unter anderem damit begründet, dass sie nicht gegen die Türkei kämpfen wollen.“

Auch die Befreiung Efrîns steht auf der Agenda

Laut Muslim sind bereits früher diverse Gespräche mit Russland und der syrischen Regierung geführt worden, um ein Abkommen zu erzielen. Bei dem jetzt erreichten Abkommen steht auch die Befreiung Efrîns auf der Agenda, so der PYD-Sprecher: „Vor dem Rückzug der US-Amerikaner haben die Russen und das Regime ein Abkommen abgelehnt. Jetzt haben sie es akzeptiert. Die Gespräche werden fortgesetzt. Einer der wichtigen Punkte dieses Abkommens betrifft Efrîn. Nachdem die Sicherheit in der Region gewährleistet ist, soll eine Zusammenarbeit für die Befreiung Efrîns stattfinden.“

Inhalte werden in weiteren Gesprächen festgelegt

Die Gespräche sollen in wenigen Tagen in Damaskus fortgesetzt werden, teilt Salih Muslim mit. Die Eckpunkte der Verhandlungen sind folgende: „Anerkennung der Autonomieverwaltung, verfassungsrechtliche Anerkennung der kurdischen und aller anderen Bevölkerungsgruppen. Ihre Rechte sollen in der Verfassung garantiert werden. Es handelt sich um einen Prozess. Welches Ausmaß der Rahmen dieses Abkommens haben wird, werden die kommenden Gespräche zeigen.“

USA haben die türkische Invasion nicht aufgehalten

Die türkischen Angriffe können laut Muslim nur noch von Russland gestoppt werden: „Die USA haben es nicht gekonnt oder nicht gewollt. Sie haben es mit der Beharrlichkeit der Türkei begründet und mit möglichen Nachteilen in der Zukunft, wenn es zum Konflikt mit der Türkei kommt. Niemand hat die Invasion gestoppt. Die US-Amerikaner haben sich sowieso zurückgezogen, sie sind weit weggegangen. Wie es ab jetzt mit ihnen weitergehen soll, weiß ich nicht. Das ist auch nicht unser Problem. Es geht eher den syrischen Staat etwas an.“

Russland als Garantiemacht

Muslim erklärt weiter, dass sich die Gleichgewichte innerhalb weniger Tage geändert haben und diese Tatsache die syrische Regierung und Russland zu einem Abkommen gedrängt hat. Russland verfügt laut Muslim über die Stärke, die Angriffe zu stoppen, und ist die Garantiemacht des Abkommens.

„Wichtig ist jedoch die Umsetzung des Abkommens. Ob damit die Angriffe gestoppt werden, werden wir in der Praxis sehen“, sagt Muslim: „Wie gesagt haben wir uns bereits in früheren Zeiten um einen Dialog und ein Abkommen bemüht. Die Angriffe, die Entwicklungen und der großartige Widerstand haben alle Seiten dazu gezwungen, die Angelegenheit zu überdenken. Die Russen haben gesehen, dass der syrische Staat dabei verliert, wenn die Türkei die Region besetzt. Wenn sich die Türkei einmal festgesetzt hat, geht sie nicht wieder weg. Dennoch handelt es sich nicht um ein wirkliches Abkommen, sondern eher um ein Vorgespräch.“

Zusage einer Flugverbotszone

„Der Krieg wird weiter gehen. Die Türkei greift mit aller Kraft an. An diesem Punkt werden die syrischen Soldaten nicht gegen die Türkei kämpfen, wir werden kämpfen. Die Präsenz der Regimetruppen an der Grenze wird die Souveränität des syrischen Staates repräsentieren.

Es ist noch ein weiteres Versprechen gegeben worden. Russland und das Regime haben zugesagt, den Luftraum über Nord- und Ostsyrien für türkische Flugzeuge zu schließen und sich gegen Luftangriffe zu stellen. Das wäre eine Unterstützung des Widerstands, der von der Bevölkerung und den QSD [Demokratische Kräfte Syriens] geleistet wird.“

Keine IS-Gefangenen freigelassen

Zur Äußerung des US-Präsidenten Trump, dass „die Kurden“ gefangene Islamisten freilassen könnten, um die USA in den Krieg hineinzuziehen, erklärt der PYD-Sprecher Salih Muslim:

„Wir haben niemanden freigelassen. Einigen ist aufgrund der türkischen Bombardierungen in der Nähe der Gefängnisse und Camps die Flucht gelungen. Beispielsweise ist die Umgebung des Gefängnisses und des Camps in Ain Issa bombardiert worden. In Ain Issa waren auch US-Militärs. Warum haben sie geschwiegen, als die Türken bombardiert haben? Warum haben sie die Türkei nicht aufgehalten? Eine Kriminalisierung der Kurden nützt niemandem.

ANF – Liveticker Sonntag 13.10.2019

Die (kurdische) Nachrichten-Agentur ANF veröffentlicht im Internet in 8  Sprachen, darunter Deutsch, alle paar Minuten neue Informationen aus Nordostsyrien. Hier eine Auswahl:

11.10 Uhr: Nach der Bombardierung des Camps Ain Issa konnten zahlreiche IS-Mitglieder und ihre Familienangehörigen flüchten. Die Syrische Beobachtungsstelle für Menschenrechte spricht von 100 IS-Dschihadisten und ihren Familien, denen die Flucht aus dem Camp gelungen sein soll. Die Autonomieverwaltung in Nordsyrien ruft vor diesem Hintergrund den UN-Sicherheitsrat, die internationale Anti-IS-Koalition, die Arabische Liga und die Europäische Union zum sofortigen Handeln auf. Andererseits werde der IS mit Hilfe der türkischen Invasion von Neuem erstarken.

12.17 Uhr: Ein Flug von Turkish Airlines von San Francisco nach Istanbul musste wegen einer Protestaktion gegen die türkische Invasion in Nordsyrien storniert werden. Hunderte Menschen hatten den THY-Schalter im Flughafen von San Francisco blockiert.

13:16 Uhr: Die Türkei hat angefangen, das Stadtzentrum von Kobanê zu bombardieren. Die Bevölkerung der Stadt befindet sich nach dem abgewehrten Angriff des IS 2014-2015 ein weiteres Mal auf der Flucht.

@BillNeelyNBC 13:37 Uhr: As chaos envelopes N. Syria, hundreds of ISIS affiliated women escape from camp, executions of Kurds, 210,000 people fleeing, US announces 1,000 troops will evacuate in a „deliberate withdrawal..as safely & quickly as possible“ (US Def. Sec. Mark Esper)

17.14 Uhr: „Syrische Regierungskräfte bereiten sich auf der Grundlage eines Abkommens mit den Demokratischen Kräften Syriens (QSD) auf den Einzug in Kobanê vor”, erklärte Mohammed Shaheen vom Exekutivrat der Euphrat-Region gegenüber NPA.

 

QSD: Wir kämpfen weiter, egal was passiert

„Rückzug ist keine Option. Wir werden weiter kämpfen, egal was passiert. Der türkische Staat kann den Beginn des Krieges bestimmen, aber nicht das Ende”, erklärte Rêdûr Xelîl zur aktuellen Lage in Rojava.

ANF / REDAKTION, 13. Okt. 2019.

Der QSD-Verantwortliche für Außenbeziehungen Rêdûr Xelîl hat am Samstag eine Erklärung zu den aktuellen Entwicklungen in Nord- und Ostsyrien abgegeben. Wir hatten in unserem Liveblog berichtet und veröffentlichen nachfolgend das vollständige Statement.

„Im Namen der Generalkommandantur der Demokratischen Kräfte Syriens drücke ich zunächst den Familien unserer gefallenen Kämpfer*innen und Zivilist*innen und unserem Volk unser Mitgefühl aus. Den Verwundeten wünschen wir eine baldige Genesung.

Mit Trauer haben wir vom Verlust der Generalsekretärin der Zukunftspartei Syriens, Havrin Khalaf, erfahren. Sie ist heute bei einem gezielten Anschlag auf dem internationalen Verkehrsweg M4 zwischen Til Temir und Aleppo gefallen. Dieser Anschlag zeigt, dass der türkische Staat nicht zwischen militärischen, zivilen oder politischen Zielen unterscheidet: Er greift an, um jeden zu töten. Aufgrund des Verlustes von Havrin Khalaf sprechen wir ihrer Familie, ihren Freund*innen und unserem Volk unser Beileid aus.

In der Vergangenheit sind wir regelmäßig an diesem Ort hier zusammengekommen, um über die militärischen Entwicklungen in unserem Kampf gegen terroristische Gruppierungen wie der Al-Nusra-Front und DAISH (arabisches Akronym für ‚Islamischer Staat’, Anm. d. Red.) zu berichten. Diesmal stehen wir einem anderen Kampf gegenüber. Unglücklicherweise ist es ein Angriffskrieg des türkischen Staates, den wir nie wollten.

Mit aller Kraft und Entschlossenheit haben wir uns dem Terror von DAISH widersetzt. Die Verteidigung gemeinsamer menschlicher Werte und einer freien Welt kostete uns 11.000 Gefallene und mehr als 22.000 Kriegsversehrte.

Diejenigen Kämpfer*innen, die heute vor den Augen der gesamten Welt gefallen sind, waren dieselben, welche Raqqa, die selbsterklärte Hauptstadt des sogenannten Kalifats, befreiten. Es waren diejenigen, die al-Bagouz zur Freiheit führten und die Welt vor dem Terror von DAISH beschützten.

In den letzten Jahren entwickelte sich Nord- und Ostsyrien dank des selbstlosen Widerstands unserer Völker zur friedlichsten Region ganz Syriens. An keinem Tag stellten wir eine Bedrohung für die Türkei dar und haben nicht einen Schuss in unser Nachbarland abgefeuert.

Als Völker Nord- und Ostsyriens haben wir Hunderttausende Binnenflüchtlinge sowie Vertriebene und Schutzsuchende aus dem Irak und Şengal aufgenommen. Wir haben sie mit offenen Armen empfangen, unser Brot mit ihnen geteilt und sie zu keinem Zeitpunkt als Druckmittel benutzt oder sie für unsere politischen Interessen missbraucht – so wie es in der Türkei der Fall ist.

Trotz schwerer Kriegsbedingungen stehen die Geflüchteten weiterhin unter unserem Schutz. Darüber hinaus beherbergen wir in unseren Lagern Tausende IS-Gefangene und Zehntausende ihrer Angehörigen. Sie alle sind tickende Zeitbomben, die eine Bedrohung für die gesamte Welt darstellen.

Am Freitag hat der türkische Staat das Gefängnis in Qamişlo bombardiert, in dem IS-Terroristen festgehalten werden. Der Angriff wurde ausgeführt, um diesen Häftlingen die Flucht zu ermöglichen. Vor dem Gefängnis in Hesekê unterstützte der türkische Staat einen Sprengstoffanschlag mit einer Autobombe. Doch die internationale Gemeinschaft ignoriert diese immense Gefahr, die von ihnen ausgeht.

In unserem Kampf gegen DAISH hatten wir viele Verbündete. Gemäß unseren soziokulturellen und ethischen Prinzipien waren wir ihnen gegenüber stets aufrichtig und loyal.

Wir haben unsere Aufgaben und Verantwortlichkeiten gegenüber der Welt zu jedem Zeitpunkt erfüllt. Wir haben die aus allen internationalen Abkommen erwachsenden Verpflichtungen umgesetzt. Infolge der trilateralen Vereinbarungen, die mit unseren Verbündeten und der Türkei getroffen wurden, haben wir alle Wälle im Grenzstreifen abgetragen. Unsere Verbündeten garantierten uns den Schutz vor Bedrohungen durch die Türkei. Doch genau diese Verbündeten entschieden auf grausame Weise, ihre Streitkräfte aus dem Grenzstreifen abzuziehen und hielten es noch nicht einmal für nötig, uns darüber in Kenntnis zu setzen. Diese Haltung bedeutet nichts anderes, als seinen Verbündeten ans Messer liefern zu lassen.

Wir sehen, dass die Angriffe der Türkei auf unser friedliches Volk verurteilt werden, eine politische Haltung angenommen wird und wirtschaftliche Sanktionen in Erwägung gezogen werden. Längerfristig könnten diese Aussagen und Entscheidungen wirksam sein, eine direkte Wirkung haben sie jedoch. Das, was jetzt im Moment dringend ist, ist eine Entscheidung, welche die Angriffe stoppt.

Dennoch möchten wir mitteilen, dass wir die aufrichtige Anteilnahme und politische Haltung von Freund*innen, Persönlichkeiten, einigen Staaten und Regierungen zu schätzen wissen. Der Arabischen Liga und ihren Mitgliedsstaaten, Saudi-Arabien, Ägypten und den Vereinigten Arabischen Emiraten sprechen wir unseren Dank aus. Diese Länder legen Wert auf den gemeinsamen Willen der Völker in Nord- und Ostsyrien.

Seit vier Jahren verteidigen unsere Kämpfer*innen die Kräfte der Internationalen Koalition und handeln mit ihnen in Übereinstimmung. Diese Kämpfer*innen werden nun jedoch vor den Augen der Koalitionskräfte von Kriegsflugzeugen bombardiert und getötet.

Ein Wiedererstarken von DAISH durch die Angriffe der Türkei droht nun nicht mehr; er ist bereits erstarkt. In Regionen wie Qamişlo und Hesekê hat sich DAISH bereits reaktiviert. Wir stehen heute zwei Fronten gegenüber, die eine ist der türkische Staat, die andere DAISH.

Wir fordern unsere Verbündeten auf, umgehend ihre Verantwortlichkeiten und Verpflichtungen zu erfüllen. Wir bitten die Internationale Koalition nicht, mit uns an den Fronten des Krieges zu kämpfen. Aber sie sollte ihre Versprechen einhalten und eine Flugverbotszone für türkische Kriegsflugzeuge schaffen. Das umzusetzen wird nicht schwer sein.

Der türkische Besatzungsstaat zielt ganz bewusst auf Zivilist*innen, um unsere Kämpfer*innen zu demoralisieren. Solche Angriffe gegen Zivilpersonen begrenzen sich nicht nur auf Nord- und Ostsyrien. Auch innerhalb der Grenzen der Türkei kommt es zu Massakern, für die wir verantwortlich gemacht werden. Diese Anschuldigungen sind inakzeptabel. Jede Person weiß, dass die Kurden, Araber und Assyrer auf beiden Seiten der Grenze miteinander verwandt sind. Wie können wir die eigene Bevölkerung und unsere Verwandten töten?

Wir danken ihnen für ihren heldenmütigen Widerstand. Wir wissen, dass sie bis zum Ende des Widerstands ihren Kämpferinnen und Kämpfern beistehen werden. Wir versprechen ihre Freiheit und werden niemals die uns auferlegte Sklaverei akzeptieren. Wir werden unseren Widerstand für ein würdevolles Leben fortsetzen. Wir rufen ein weiteres Mal zur Einheit der Kurden, Araber, Assyrer und Aramäer auf.

Die Angriffe des türkischen Staates dauern seit dem 9. Oktober an. Die Luft- und Bodenangriffe auf die Städte und Dörfer Nord- und Ostsyriens halten vom Tigris bis zum Euphrat – in Dêrîk, Tirbespiyê, Girkê Legê, Qamişlo, Amûde, Dirbesiyê, Serêkaniyê, Girê Spî, Kobanê und Ain Issa unvermindert an.

Infolge der Bombardements des türkischen Staates wurden bisher mehr als 100.000 Menschen vertrieben. Sie sind nun auf der Flucht, ihre Lage ist dramatisch. Hinzu kommen mindestens 200 zivile Todesopfer und Verletzte aufgrund der Kriegshandlungen der Türkei. Unter den Verletzten sind auch Kinder und ältere Menschen.

Die Bemühungen des türkischen Staates und seiner ‚Nationalen Syrischen Armee’, über den Boden einzufallen, halten ebenfalls an. Dagegen leisten die QSD insbesondere in Serêkaniyê und Girê Spî einen historischen Widerstand. 45 dieser Kämpferinnen und Kämpfer sind bisher gefallen.

Der türkische Staat will nicht nur das Gebiet zwischen Girê Spî und Serêkaniyê besetzen, er will ganz Nord- und Ostsyrien. Die Internationale Koalition hat bisher keine konkreten Schritte unternommen, um die Besatzungsangriffe zu stoppen.

Andererseits befinden sich in unseren Gefängnissen tausende IS-Dschihadisten. Bisher konnten wir diese Söldner kontrollieren. Aber wenn sich der Krieg verschärft, wird unser Schwerpunkt auf der Verteidigung unseres Volkes liegen. Die Sicherung von Gefängnissen mit IS-Mitgliedern hat für uns keine Priorität. Der IS ist kein inneres Problem Nord- und Ostsyriens. Die Welt kann sich um dieses Problem kümmern, wenn es ihr tatsächlich wichtig ist.

Rückzug ist keine Option. Wir werden weiter kämpfen, egal was passiert. Wir konzentrieren uns vorerst nur auf den Kampf gegen die türkische Invasion und den Schutz unserer Bevölkerung. Der türkische Staat kann den Beginn des Krieges bestimmen, aber nicht das Ende.”

Nachricht einer Internationalistin aus Rojava

„Auch wenn der Faschismus grade stark zu sein scheint, war er nie unwidersprochen und wird nie unwidersprochen bleiben“, betont eine Internationalist in einer Botschaft an die Suchenden nach einer freien Welt aus Rojava.

ANF / REDAKTION, 12. Okt. 2019.

Liebe Freundinnen und Freunde, liebe Suchenden nach einer freien Welt,

Ich schicke euch diese Nachricht aus Rojava.

Ich bin hierher gefahren, weil ich die Revolution und vor allem die Revolution der Frauen sehen, erleben, erfahren wollte. Weil ich verstehen wollte, was wir von diesem Ort, diesem Raum, den Menschen und der Bewegung hier lernen können.

Diese Räume werden seit wenigen Tagen angegriffen. Sie werden von einer faschistischen Kraft angegriffen, die nicht ausschließlich der türkische Staat ist, sondern ein System, was sich über den türkischen Staat hinausstreckt. Ein System, das in Halle mordet, das den IS entstehen lässt und das nun Rojava angreift. Es ist das faschistische System des kapitalistischen Patriarchats.

Auch wenn der Faschismus grade stark zu sein scheint, war er nie unwidersprochen und wird nie unwidersprochen bleiben.

Denn wir sind da. Wir, die hier in Rojava sind. Wir sind die Nichten und Neffen der Hexen, die sie nie verbrennen konnten und nun mit unterschiedlichsten Aufgaben Teil des Widerstandes sind. Ihr, die auf den Straßen seid, Diskussionen führt, Aktionen macht, Bilder malt und vieles mehr. Ihr, die die Nachfahren der Widerständigen der Welt seid. Wir gemeinsam, die wir uns Kraft geben.

Wir hier hören Einschläge von Granaten, hören wie Luftangriffe auf Kobanê oder Dêrik geflogen werden. Ihr dort kämpft gegen die Hoffnungslosigkeit, faschistische Banden, Wohnungsnot und das Vergessen.

Wir hier sehen und hören, wie viele Leute ihre Häuser niemals verlassen werden. Sie werden Widerstand leisten. Mit allem, was das bedeuten wird. Wir hören, wie die Verteidigungseinheiten kreative und entschlossene Aktionen machen. Wir sehen euch auf Bildern von Aktionen.

Und ihr hört von uns, vom Widerstand. Und ihr seid selber Teil des Widerstands an euren Orten.

Aber auch von der Bedeutung des Krieges. Was es heißt, wenn Kobanê nach so wenigen Jahren wieder angegriffen wird. Ihr wisst, was es heißt, wenn der IS wieder erstarkt.

Wir alle hören voneinander und sind miteinander verbunden. Und genau das müssen wir uns bewusst machen.

Und genau weil wir das alles wissen und sehen, werden wir uns der Bedeutung bewusst.

Und wir wissen, dass diese Revolution dann verteidigt werden kann, wenn wir alle unsere Verantwortung wahrnehmen.

Ich erinnere mich an die letzten Monate, all das was wir gesehen, erfahren und gelernt haben. An all die Menschen, die mit uns gemeinsam jetzt im Widerstand sind. An euch, die mit uns an anderen Orten kämpfen.

An die Mütter, die ihre Kinder, ihre Gesellschaft verteidigen werden. An die Orte, die so voller Geschichte sind, und die Menschen, die so voller Erzählungen sind.

An all das, für das wir hier und ihr dort kämpft. All das, was anders werden muss und wofür wir viel Kraft brauchen werden. An den Widerstand, der jetzt weitergeht.

Und ich bin mir sicher, wir können das kapitalistische Patriarchat besiegen. Wir können es. Weil wir beieinander sind. Als Frauen. Als Menschen mit anderen Identitäten. Als Menschen, die suchen und die finden werden. Die schon gefunden haben. Denn genau diese Suche bringt uns mit jedem Schritt, mit jedem kleinen und großen Widerstand einen Schritt weiter in Richtung dessen, was wir suchen.

Einer freien, geschlechterbefreiten Gesellschaft. Und dafür, dafür werden wir kämpfen, Hevals. Wir hier in Rojava, ihr an anderen Orten. Aber gemeinsam.

Serkeftin an serkeftin

Jin jiyan aza

Botschaft aus Berlin an Bevölkerung in Partnerstadt Dêrik

Der Städtepartnerschaftsverein Friedrichshain-Kreuzberg – Dêrik e.V. wendet sich mit einer Erklärung an die Menschen in ihrer Partnerstadt Dêrik sowie an die gesamte Bevölkerung Nordostsyriens.

ANF / REDAKTION, 12. Okt. 2019.

„Wir sind wütend auf unsere Regierung, die in dieser Situation weiter mit Erdoğan paktiert. Dadurch, dass sie immer wieder deutsche Waffen in die Türkei geliefert hat, ist sie mitschuldig an der Bombardierung von Wohngebieten und an der Vertreibung zehntausender Menschen aus ihren Städten und Dörfern“, erklärt die Städtepartnerschaft Friedrichshain-Kreuzberg – Dêrik e.V. und wendet sich mit einer Botschaft an die Menschen in ihrer Partnerstadt und an die übrige Bevölkerung Nordostsyriens. Von der deutschen Bundesregierung fordert der Verein unter anderem ein Exportverbot für deutsche Waffen in die Türkei.

An die Menschen in Dêrik und die gesamte Bevölkerung Nordostsyriens

Unsere Herzen sind in diesen schweren Stunden bei euch. Nicht nur in Friedrichshain-Kreuzberg, sondern in ganz Deutschland waren seit Beginn der türkischen Angriffe auf Nordostsyrien Zehntausende auf der Straße, weil sie das Unrecht und das Leid, das ihr erfahrt, nicht hinnehmen können. An mehr als 60 Orten in Deutschland haben Menschen demonstriert, um deutlich zu machen, dass ihr es wart, die unter enormen Opfern den IS besiegt habt und zu zeigen, dass ihr nicht allein seid mit eurem Wunsch endlich in Frieden zu leben. Wir werden nicht aufhören der deutschen Bevölkerung eure Situation deutlich zu machen. Wir werden unsere Regierung laut darauf hinweisen, dass ihre Untätigkeit angesichts dieses völkerrechtswidrigen Angriffs der Türkei nicht zu akzeptieren ist.

Wir sind wütend auf unsere Regierung, die in dieser Situation weiter mit Erdoğan paktiert. Dadurch, dass sie immer wieder deutsche Waffen in die Türkei geliefert hat, ist sie mitschuldig an der Bombardierung von Wohngebieten und an der Vertreibung zehntausender Menschen aus ihren Städten und Dörfern.

Sie ist auch mitschuldig an den Gräueltaten der von Erdogan gestützten dschihadistischen Milizen, unter deren Herrschaft unter anderem die Frauen Nordostsyriens ihre erkämpfte Freiheit wieder verlieren würden.

Sollte die Bundesregierung weiter untätig bleiben, wird sie dadurch auch mitverantwortlich für einen möglichen Neubeginn des Kalifats des sogenannten Islamischen Staats. Wir werden die deutsche Bevölkerung immer wieder darauf hinweisen, welche Gefahr auch ihr durch den Angriff auf euch entstanden ist.

Wir fordern neben einem Exportverbot für deutsche Waffen in die Türkei von der deutschen Regierung und der Europäischen Union sofort wirtschaftliche Sanktionen gegen die Türkei zu verhängen. Zudem muss sich die Bundesregierung auf internationaler Ebene für die Einrichtung einer Flugverbotszone über Nordostsyrien einsetzen, um den türkischen Luftangriffen auf Wohngebiete ein Ende zu setzen.

Wir stehen an der Seite der Bewohner*innen von Dêrik und der Menschen, die vor den Bombardements ihrer Dörfer in unsere Partnerstadt geflohen sind. Wir danken der Stadtverwaltung von Dêrik für ihre Bemühungen, alle Neuankömmlinge mit einer Unterkunft zu versorgen. Unser Dank gilt auch den internationalen Helfer*innen unserer Partnerorganisation „Make Rojava Green Again“, die unter diesen schwierigen Umständen vor Ort bleiben. Wir fordern alle unsere Freund*innen und Unterstützer*innen ebenfalls dazu auf, sich dafür einzusetzen, dass die Bevölkerung von Nordostsyrien in Frieden und Freiheit leben kann.

Frauen aus Nordsyrien rufen zur Teilnahme an Aktionstag auf

Der Frauenrat von Nord- und Ostsyrien ruft aus Ain Issa zum Widerstand gegen die türkische Besatzung auf und benennt konkrete Forderungen für den heutigen weltweiten Aktionstag.

ANF / AIN ISSA, 12. Okt. 2019.

Der Frauenrat von Nord- und Ostsyrien hat sich mit einem offenen Brief an „alle Frauen und freiheitsliebenden Menschen auf der Welt“ gewandt:

„Als Frauen verschiedener Kulturen und Glaubensrichtungen senden wir unsere wärmsten Grüße vom historischen Boden Mesopotamiens.

Wir rufen euch dazu auf, euch dem internationalen Aktionstag am 12. Oktober mit der Entschlossenheit anzuschließen, den türkischen Besatzungskrieg in Nord- und Ostsyrien zu stoppen und den Faschismus und das Patriarchat weltweit zu zerschlagen!

Wir schreiben an euch mitten aus dem Krieg in Nord- und Ostsyrien, der unserer Heimat durch den türkischen Staat aufgezwungen wurde. Seit vier Tagen leben wir und leisten unter den Bombardierungen türkischer Kriegsflugzeuge und Granatenfeuer Widerstand. Wir haben gesehen, wie auf Mütter in unserer Nachbarschaft gezielt wurde, wenn sie aus ihren Häusern gehen, um Brot für ihre Familie zu kaufen; wie die Explosion einer NATO-Granate die Beine der sieben Jahre alten Sara in Teile riss und ihren zwölfjährigen Bruder Mohammed tötete. Wir erleben, wie christliche Viertel und Kirchen bombardiert werden und unsere christlichen Schwestern und Brüder, deren Großeltern den Völkermord von 1915 überlebt haben, gerade von der Armee des neuen osmanischen Reichs Erdoğans ermordet werden. Vor zwei Jahren haben wir gesehen, wie Erdoğan eine 620 Kilometer lange Mauer mit Finanzierung durch die UN und der EU gebaut hat, um die Teilung unseres Landes physisch zu festigen und zu verhindern, dass mehr Flüchtlinge nach Europa kommen. Jetzt erleben wir, wie der türkische Staat Teile dieser Mauer wieder entfernt, damit ihre Panzer, Soldaten und dschihadistischen Killergruppen in unsere Städte und Dörfer eindringen können. Wir erleben, wie die Nachbarschaften, Dörfer, Schulen, Krankenhäuser und das kulturelle Erbe der Kurd*innen, Jezid*innen, Araber*innen, Suroyo, Armenier*innen, Tschetschen*innen, Tscherkess*innen, Turkmen*innen und anderer Kulturen, die hier gemeinsam leben, von Luftangriffen und Artilleriefeuer getroffen werden. Wir erleben, wie Tausende von Familien gezwungen sind, aus ihren Häusern zu fliehen, um Zuflucht zu suchen, ohne einen sicheren Ort zu haben. Gleichzeitig erleben wir neue Angriffe von IS-Killerkommandos auf Städte wie Raqqa, die vor zwei Jahren durch den gemeinsamen Kampf unserer Völker vom IS-Terrorregime befreit wurden. Wieder einmal erleben wir die gemeinsamen militärischen Angriffe der türkischen Armee und ihrer dschihadistischen Söldner auf unsere Städte Sêrekaniyê, Girê Spî und Kobanê. Dies sind nur einige Beispiele für Ereignisse, mit denen wir konfrontiert sind, seit Erdoğan am 9. Oktober 2019 den Kriegsbeginn erklärt hat.

Während wir die ersten Schritte bei der Umsetzung der völkermörderischen ethnischen Säuberungsaktion der Türkei erleben, erleben wir auch den mutigen Widerstand von Frauen, Männern und Jugendlichen, die ihre Stimme erheben und ihr Land und ihre Würde verteidigen. Seit vier Tagen kämpfen die Demokratischen Kräfte Syriens (QSD) zusammen mit YPJ und YPG erfolgreich an der vordersten Front, um die Invasion und die Massaker der Türkei zu verhindern. Frauen und Menschen jeden Alters sind Teil aller Bereiche dieses Widerstands zur Verteidigung der Menschheit und der Errungenschaften und Werte der Frauenrevolution in Rojava.

Als Frauen sind wir entschlossen, bis zu unserem Sieg für ein Leben in Frieden, Freiheit und Gerechtigkeit zu kämpfen. Um unser Ziel zu erreichen, verlassen wir uns auf die internationale Solidarität und den gemeinsamen Kampf aller freiheitsliebenden Frauen und Menschen auf der ganzen Welt.

Wir wissen, dass die Vorbereitungen für den türkischen Besatzungskrieg offen und in Zusammenarbeit mit den Hegemonialmächten der Welt wie den USA und Russland durchgeführt wurden. Auch internationale Institutionen wie die UNO haben die Kriegsdrohungen der Türkei ignoriert. Sie haben versagt zu handeln und wurden so zu Komplizen.

Jetzt müssen wir überall und viel lauter als je zuvor unsere Stimme erheben, um weitere Völkermorde, Feminizide und Verbrechen gegen die Menschlichkeit im 21. Jahrhundert zu verhindern. Deshalb fordern wir alle unsere Schwestern und Freund*innen im Mittleren Osten und auf allen Kontinenten auf, unseren Aufruf zu verbreiten und Druck auf alle Frauen und Menschenrechtsorganisationen, Gewerkschaften, politischen Parteien und Akteure zu machen, die UN und den UN-Sicherheitsrat zur Durchführung dringender Maßnahmen aufzufordern.

Unsere Forderungen sind:

– Stoppt die Invasion und Besatzung Nord- und Ostsyriens durch die Türkei

– Einrichtung einer Flugverbotszone zum Schutz des Lebens der Menschen in Nord- und Ostsyrien

– Verhinderung weiterer Kriegsverbrechen und ethnischer Säuberungen durch türkische Streitkräfte, den IS, al-Nusra und andere dschihadistische Killerorganisationen

– Sicherstellung der Verurteilung aller Kriegsverbrecher nach dem Völkerrecht

– Stopp des Waffenhandels mit der Türkei

– Umsetzung politischer und wirtschaftlicher Sanktionen gegen die Türkei

– Sofortige Schritte für eine politische Lösung der Krise in Syrien unter Einbeziehung aller verschiedenen nationalen, kulturellen und religiösen Gesellschaften in Syrien

Gemeinsam werden wir den Kreislauf von Schweigen und Krieg, Ungerechtigkeit und Straflosigkeit durchbrechen! Lasst uns den Aufruf ‚Frauen verteidigen Rojava‘ verbreiten und unsere Kämpfe gegen Faschismus, Kolonialismus und Patriarchat überall vereinen!“

Mitgliedsorganisationen des Frauenrates von Nord- und Ostsyrien

Kongreya Star, Syriac Women’s Union, Women’s Council in Raqqa, Women Council in Manbej, Women’s Council in the Tebqa, Women’s Council in Deir Ezzor, Women’s Council in Shahba, Women Council in Tal Abyad (Girê Sipî), Women ’s Committee for Northern and Eastern Syria, The Legislative Council of Autonomous Administration, The Armenian Community, Chaldean  Community, Chechen Community,  The Circassian Community, The Turkmen Community, Union of Young Women

Frauenorganisationen der politischen Parteien

Democratic Union Party, Kurdish Democratic Peace Party is Syrian, Future Syria Party, Kurdistan Green Party, Syrian Kurdish Democratic Accord Party, Free Patriotic Union Party, Kurdistan Workers Party, Syriac Union Party, Democratic Change Party, Arab National Commission, National Alliance, Kurdistan Future Movement, Kurdish Democratic Party in Syria, Kurdistan Brotherhood Party, Kurdistan Renewal Movement, Kurdish Democratic Unity Party in Syria (Yekiti), Democratic Conservative Party, Free National Union, Liberal Union, Modernity and Democracy for Syria Party, Syrian Kurdish Democratic Party, Syrian Kurdish Left Party, Kurdish Left Party in Syria

Zivilgesellschaftliche Organisationen

Women stand free, Women’s Bureau of the Democratic Society Movement TEV-DEM, Jineolojî Academy, Union of Teachers, Mala Ezîdî, Sara Organization against Violence against Women, Union of Intellectuals, Women’s Democratic Network, Federation of Women Lawyers, Peace Leaders Network, Shawishka Association, Women’s Culture Movement the Golden Crescent, Platform for Women’s Status in Islam

Internationalist an der Serêkaniyê-Front: Wir erwarten Taten!

Der französische Internationalist Serhat Tiqqum vermittelt eine Botschaft von der Front in Serêkaniyê.

ANF / REDAKTION, 11. Okt. 2019.

Der französische, anarcho-kommunistische Internationalist mit dem Codenamen Serhat Tiqqun veröffentlichte eine Botschaft von der Serêkaniyê-Front. Er ist gemeinsam mit einer Einheit von zehn Internationalist*innen dort im Kampf. „Wir sind in Serêkaniyê eine zehnköpfige Gruppe von Internationalist*innen, die an der Seite unserer kurdischen, arabischen, türkischen, armenischen und assyrischen Genoss*innen kämpft. Dies wird ohne Zweifel meine letzte Botschaft sein. Die türkischen Kampfflugzeuge und die Artillerie bombardieren uns pausenlos.“

Serhat Tiqqun berichtet, dass der türkische Staat die Region mit Milizionären und türkischen Agenten zu infiltrieren versucht, und schreibt an die internationalen Mächte gerichtet: „Wir brauchen nicht eure Unterstützung, wir brauchen Taten!“ Weiter schreibt er: „Wenn die imperialistischen Staaten sich nicht aus ihrer Verkommenheit aufmachen und uns retten, vertrauen wir darauf, dass unsere revolutionären Freund*innen für uns Rache nehmen. Es gibt bekannte Ziele, zerstört sie.“

Erdoğan ist das geringste Problem

Wie kommt es, dass die Türkei so verbrecherisch agieren darf und alle wichtigen staatlichen Akteure sie dabei stützen? Diese Frage stellt Ramazan Mendanlioglu vom Bündnis Hamburg für Rojava.

RAMAZAN MENDANLIOGLU / HAMBURG, 11. Okt. 2019.

Die USA und Russland haben gestern gemeinsam (!) eine Verurteilung des türkischen Angriffs vonseiten des UN-Sicherheitsrats durch ihr jeweiliges Veto-Recht verhindert. Diese beiden dominantesten Staaten der Welt, die sonst einander immer in Opposition stehen, agierten in diesem Punkt gemeinsam.

Ein Sprecher der Vereinten Nationen (UN) hat kurz vor dem Angriff der Türkei öffentlich erklärt, dass man auf das Schlimmste im Hinblick auf den Einmarsch der türkischen NATO-Armee vorbereitet sei. Es wird nicht verhindert, das kriminelle Verhalten der Türkei eher toleriert. Der NATO-Generalsekretär selbst hat mitgeteilt, die türkische Regierung habe die NATO über den Angriff in Kenntnis gesetzt. Damit legitimiert er Besatzungsansprüche und den Einmarsch der türkischen Regierung.

In Efrîn hat die Türkei abgesehen davon, dass sie durch ihre Eroberung die dortige demokratische, feministische und multiethnische Selbstverwaltung abgeschafft hat, eine ethnische Säuberung der Kurd*innen, Armenier*innen, Assyri*innen und Eziden*innen und einen damit verbundenen kulturellen Genozid durchgeführt. Zusätzlich hat sie sich das vielfältige Eigentum der Bevölkerung illegal angeeignet und ihre Länder kolonisiert. Die Menschenrechtsverletzungen, Verschleppungen und Vergewaltigungen vonseiten der türkischen Kräfte und ihrer islamistischen Milizen gegenüber der in Efrîn verbliebenen Frauen und Männer, haben diverse NGOs dokumentiert und davon berichtet.

All diese Maßnahmen sind Kriegsverbrechen und von den Genfer-Konventionen verboten. Doch weder hinsichtlich des Efrîn-Kriegs noch aktuell haben die Staatsregierungen der sogenannten freien und demokratischen westlichen Welt und ihre Konkurrenten die Türkei aufgehalten, geschweige denn ernsthaft kritisiert. Dabei wäre es innerhalb weniger Stunden möglich, Erdoğan zu stoppen oder zumindest den Luftraum zu sperren, wenn der Wille und das Interesse bestünden.

Aber wie kommt es, dass die Türkei so verbrecherisch agieren darf und dass alle wichtigen staatlichen Akteure sie dabei stützen? Was ist der eigentliche Grund für so eine Haltung?

Wir wollen die sowohl komplizierte als auch einfache Antwort versuchen kurzzuhalten: Die Rojava-Revolution in Nordsyrien stellt die umfassende Systemfrage und bietet sich als Lösungsmodell aus der Krise an. Sie stellt die ökonomische, ökologische, Frauen- und die Demokratiefrage. Das sind alles zentrale Fragen und Probleme unserer Zeit.

Die Verfechter des gegenwärtigen Weltsystems, die Regierenden und die Großkonzerne sowie das Großkapital können die Alternative einer auch ihre eigenen Ressourcen, Ökonomie und den eigenen Boden selbst verwaltenden Gesellschaft nicht akzeptieren. Es geht um Pipelines und Energiezufuhr, um Handelswege und andere Interessen der monopolistischen Konzernstaaten.

Bedeutet diese Nachvollziehbarkeit der Interessen der Staaten und Mechanismen des kapitalistischen Weltsystems, welche den Faschismus gegen den demokratischen Lichtblick in Nordsyrien jenseits aller (vorgetäuschten und nicht greifenden) menschenrechtlichen und internationalen Verträge und Konventionen agieren lassen, Hoffnungslosigkeit und dass Rojava fallen muss? Wir sagen nein!

An die Jugendlichen und Schüler*innen von Fridays for Future, die ökologischen Bewegungen, die  feministischen Bewegungen, die antimilitaristischen Kreise und die Friedensbewegung, die antikapitalistischen und antifaschistischen Individuen und Kollektive, kurzum, an alle emanzipatorischen Kräfte: Lasst uns eine globale Bewegung rund um Rojava entstehen lassen und die Systemfrage mit unseren gebündelten Kräften in dieser krisenhaften Stunde auf ein Niveau bringen, das einschneidend sein wird! Lasst uns eine so große Öffentlichkeit entstehen lassen, dass die Regierungen verunsichert und die Legitimitätsfrage gestellt wird: Nicht in unserem Namen! Nicht auf dem Rücken der Gesellschaften und Bevölkerungen! Wir akzeptieren dieses Unrecht und diese Barbarei nicht!

Der Erfolg von Rojava und dem Selbstverwaltungsmodell wird synergetisch alle progressiven Kräfte und Forderungen nachhaltig positiv beeinträchtigen! Lasst uns Geschichte schreibend die Geschichte in positive Bahnen lenken und diesem blinden Irrsinn einen tiefen Schlag versetzen! Wir haben in dieser Phase die Chance, einen krebsgeschwürartigen Kreis zu durchbrechen!

#Riseup4Rojava – Hoch die Internationale Solidarität – Bijî Berxwedana Rojava!