260 Frauen sorgen für die Sicherheit in Raqqa

Nach der Befreiung von Raqqa durch die Demokratischen Kräfte Syriens wird das Leben in der Stadt neu organisiert. Immer mehr Frauen bewerben sich bei den Sicherheitskräften.

ANF / RAQQA, 15. Dez. 2018.

Nach der Befreiung der syrischen Stadt Raqqa von der Terrorherrschaft des sogenannten Islamischen Staates (IS) sind viele der zuvor geflüchteten Menschen in die Stadt zurückgekommen und beteiligen sich am Neuaufbau. Die Frauen in Raqqa haben sich organisiert und sind in allen Bereichen des öffentlichen Lebens vertreten. Sie nehmen Führungspositionen in der Selbstverwaltung ein und gestalten die Stadt wesentlich mit. Auch im Sicherheitsbereich sind immer mehr Frauen tätig.

Die Kräfte für die innere Sicherheit wurden zwei Wochen nach der Befreiung von Raqqa gegründet. In der vier Jahre vom IS besetzten Stadt waren es zunächst nur wenige Frauen, die Sicherheitsaufgaben übernahmen. Innerhalb eines Jahres ist ihre Anzahl auf 260 gestiegen.

Zu ihren Aufgaben gehören die Kriminalitätsbekämpfung, Kontrolle, Ermittlungen, Verkehr und ähnliche Gebiete. Außerdem werden die Zufahrtswege in die Stadt kontrolliert. An einem dieser Kontrollpunkte ist Rim al-Ali tätig. Sie ist seit der Befreiung bei den Kräften für innere Sicherheit und sagt: „Frauen spielen jetzt in allen Lebensbereichen eine führende Rolle. Wir haben die Wände der Angst eingerissen, die der IS um uns herum errichtet hat.“

Menal al-Umer ist in der Ermittlungsabteilung tätig und erklärt, dass die Kräfte der inneren Sicherheit im Dienste der Bevölkerung koordiniert mit den allgemeinen Sicherungseinheiten zusammenarbeiten. Bei ihrer Arbeit hat sie ein besonderes Augenmerk auf die Anzeigen von Frauen.

Für Kifa Mahmud war die Tätigkeit bei den Sicherheitskräften anfangs schwer, sagt sie: „Das Patriarchat hat sich schließlich auch auf uns Frauen ausgewirkt. Wir haben in dem letzten Jahr jedoch große Schritte gemacht und viele Probleme überwinden können.“

Abkommen mit den USA über Angriffe auf Rojava?

Es besteht der begründete Verdacht, dass die USA der Türkei die Erlaubnis erteilt haben, einige Gebiete in Rojava anzugreifen, um sie aus der Achse Moskau-Teheran herauszulösen.

ERSİN ÇAKSU aus MINBIC, 14. Dez. 2018.

Die aktuellen Angriffsdrohungen Erdoğans klangen wie eine Wiederholung seiner Äußerungen vor seinem Angriff auf Efrîn. Damals hatte er gesagt: „Wenn wir uns mit den USA verständigen, greifen wir Minbic an, wenn wir uns mit Russland verständigen, dann greifen wir Efrîn an.“

In den vergangenen drei Jahren hat der türkische Staat zwischen den USA und Russland changiert, um die Bevölkerung von Rojava anzugreifen und zu vertreiben. Er versucht von allen Großmächten zu profitieren. Wenn wir uns Erdoğans aktuelle Invasionsdrohungen anschauen, dann sind diese nicht einfach von der Hand zu weisen. Schon allein die Generalmobilisierung der autonomen Selbstverwaltung von Nord- und Ostsyrien deutet auf die Größe der bestehenden Gefahr hin. Es wäre falsch, die Hintergründe und Ziele dieser kurdenfeindlichen Aktionen des faschistischen Staates als Wahlkampfgetöse abzutun.

Erdoğans Invasionsdrohungen kamen direkt, nachdem der US-Syriensonderbeauftragte James Jeffrey die Türkei besucht hatte und der MIT-Chef Hakan Fidan von einer Reihe von Treffen aus den USA zurückgekehrt war.

Der US-Generalstabschef Joseph Dunford hatte erklärt: „Wir bilden zur Sicherung der Stabilität im Osten von Syrien 35-40.000 lokale Kräfte aus.“ Eine ähnliche Aussage hatte ein Sprecher der Internationalen Koalition kurz vor der Invasion von Efrîn verbreitet. In der E-Mail hieß es: „Wir werden im Norden und Osten von Syrien eine 30.000 Personen starke Grenzschutzeinheit aufbauen.“ Wenn wir diesen Punkt betrachten, dann bleibt die Frage, was die eigentlichen Handlungsabsichten der USA sind. Während der Kampf gegen den IS sich dem Ende zuneigt, und 50 Prozent des letzten IS-Gebiets der Gemeinde Hajin befreit worden sind, ist klar, was die Türkei will, und es entsteht ein ernster Verdacht über das, was die USA zu tun gedenken.

Jeffrey hatte, bevor er in die Türkei gekommen war, erklärt, es sei die Zeit gekommen „Astana den Stecker zu ziehen“. Es geht also darum, den türkischen Staat aus der Achse Moskau-Teheran herauszulösen; es scheinen schon konkrete Schritte erfolgt zu sein. Aber was ist die Gegenleistung für die Türkei? Die Türkei scheint sich schwer damit zu tun, die bezüglich Idlib gemachten Versprechen gegenüber Russland einzulösen. Es besteht der begründete Verdacht, dass die USA der Türkei die Erlaubnis erteilen, bestimmte Gebiete in Rojava anzugreifen, um sie aus der Achse Moskau-Teheran herauszulösen. Erdoğan ist der Meinung, mit Russland in Idlib nicht alle Fäden in der Hand zu haben, hat auf dem Dreiergipfel in Teheran jedoch weiterhin sogenannte antiamerikanische Töne gespuckt.

Aber wenn es um eine Entscheidung zwischen Russland und den USA geht, dann wird er den USA den Vorzug geben. Auch wenn es immer noch nicht ganz deutlich geworden sein mag, so hat der türkische Staat langfristig den Plan Russland auszubooten, sich mit den USA in Cerablus, Bab, Azaz, Efrîn und Idlib gemein zu machen, die Region „unter den Schutzschirm der NATO“ stellen zu lassen und das „Prinzip Hatay“ anzuwenden, sprich die Region zu annektieren.

Es heißt, Hakan Fidan hatte bei seinen Treffen in den USA ein Dossier mit dem Titel „Eine neue Stärkung der Allianz zwischen den USA und der Türkei und Zusammenarbeit für gemeinsame Ziele in Syrien“ dabei. Die konkrete Bedeutung davon in der Region lautet: „Die in Syrien annektierten Gebiete und Idlib gemeinsam mit den USA zu verwalten, dafür die Erlaubnis zu erhalten, in den Osten Syriens vorzudringen und dafür das demokratische System, das die Kurd*innen gemeinsam mit den Völkern der Region aufgebaut haben, zu vernichten.“ Mit anderen Worten eine Fortsetzung der bisher mit Russland nach dem Prinzip „Nimm Aleppo, gib Bab“-, „Nimm Ost-Ghouta, gib Efrîn“-Politik mit dem Ziel „Lasst uns Idlib gemeinsam beherrschen, die Gebiete östlich des Euphrat hinzufügen. Soll dort doch ein Dschihadistan entstehen, wir teilen Syrien, werden Russland einen schweren Schlag zufügen und den schiitischen Halbmond schwächen.“

Auch wenn man es offiziell so nicht zur Sprache bringt, so zeigen doch die intensiven Treffen mit den USA genau dies. Dass Erdoğan nach dem Treffen mit dem aus den USA zurückgekehrten Hakan Fidan begann seine Drohungen auszustoßen, zeigt den Ernst der Lage.

Ein anderer Punkt ist der, dass die USA schon lange versuchen, eine neue Struktur unter ihrer Kontrolle in Nord- und Ostsyrien zu schaffen. Auch wenn dies bis zu einem gewissen Grad zum Ende des Krieges gegen den IS hin nachvollziehbar sein mag, so sind diese schmutzigen Deals gegenüber den Kurd*innen absolut inakzeptabel. Es mag zu früh sein, um zu sagen, dass sich die gesamte Regierung der USA und ihr militärischer Flügel an einem solchen Deal beteiligt haben, aber es existieren deutliche Hinweise darauf, dass ein solcher schmutziger Handel geschlossen wurde.

Ohne Zweifel wird ein solcher Handel auch den USA, der Zukunft ihrer Politik in der Region und ihrer Vertrauenswürdigkeit einen großen Schaden zufügen. Ein solcher Deal der USA auf dem Rücken eines der unterdrücktesten Völker des Mittleren Ostens auszutragen, wird zu einen großen Vertrauensverlust der USA weltweit führen.

Die Kurd*innen wurden seit Jahrhunderten unterdrückt und von den Nationalstaaten der Region einer Verleugnungs-, Vernichtungs- und Assimilationspolitik unterzogen. Sie haben in den vergangenen fünf Jahren den wirkungsvollsten Kampf gegen den IS geführt und dabei einen hohen Preis gezahlt. Diese Kurd*innen werden einen solchen Verrat nicht akzeptieren und bis zum letzten Widerstand leisten.

Es bleibt festzustellen, dass dieses neue Spiel, das Fraktionen in der US-Regierung ausgekocht haben, die Gefahr birgt, die Stabilität, welche die Kurd*innen und die anderen Völker der Region in Nord- und Ostsyrien mit großer Opferbereitschaft geschaffen haben, wie auch die Stabilität der anderen Länder im Mittleren Osten nachhaltig zu zerstören und einen noch größeren Krieg als den Syrienkrieg in der Region auf lange Jahre zu entfachen.

Während wir versuchen, die Drohungen Erdoğans zu analysieren und niederzuschreiben, kommt aus dem Pentagon eine schwache Erklärung zu den Drohungen. In der Erklärung hieß es, dass sich in Nordostsyrien militärisches Personal der USA befinde und man daher ernsthaft besorgt sei, deshalb seien solche Aktionen inakzeptabel. Es handelt sich um eine schwache Erklärung, denn Erdoğan hatte gesagt: „Natürlich sind die Basen der USA und ihre Soldaten nicht unser Ziel.“ Wenn man jetzt die Erklärungen nebeneinanderlegt und liest, wie die USA von einer Intervention an Orten sprechen, an denen insbesondere US-Militärpersonal präsent ist, dann weckt das einen üblen Verdacht.

Nach aktuellen Informationen visiert der türkische Staat vor allem die Linie zwischen Girê Spî und Serêkaniyê an. Dort soll an Stelle eines „arabischen Gürtels“ ein „türkischer Gürtel“ geschaffen werden und nachdem ein Keil zwischen Kobanê und Cizîrê getrieben worden ist, mit der Invasion in die anderen Regionen auf die entsprechende Konjunktur gewartet werden.

Es könnte aber auch sein, dass die Türkei auf Girê Spî und Serêkaniyê Druck ausübt und die USA erlauben, Minbic (und die Linie von Şêxler bis Qereqozax) zu übernehmen. Wenn wir uns Erdoğans Rede und seine Äußerung, er sei im Moment zufrieden, betrachten, dann deutet dies auch darauf hin.

Auch wenn bisher noch nicht klar ist, ob es sich bei dem Angriff um einen „lokalen“ Angriff oder einen umfassenden Angriff handeln wird, ist sicher, dass der Widerstand „in allen Gebieten, an allen Fronten, mit allen Methoden und zur gleichen Zeit“ notwendig sein wird. Kurz gesagt, gegen die grenzenlose Kurdenfeindlichkeit des türkischen Kolonialismus ist nun die Zeit grenzenlosen Widerstands gekommen.

Tabqa: Sicherheitskräfte beenden Ausbildung an Frauenakademie

An der Frauenakademie „Şehîd Rojîn Ereb“ in al-Mansoura wurde eine Ausbildung für Kräfte der Inneren Sicherheit mit einer militärischen Zeremonie und Vereidigung abgeschlossen.

ANF / TABQA, 12. Dez. 2018.

Im Osten von Tabqa in der Gemeinde al-Mansoura befindet sich die Frauenakademie „Şehîd Rojîn Ereb“. Hier wurde gestern das bereits zweite Ausbildungsprogramm für Kräfte der Inneren Sicherheit Nordsyriens abgeschlossen. Die 31 Absolventinnen des 30-tägigen Programms traten zur Abschlusszeremonie an. Im Rahmen des Seminars hatten sich die Frauen sowohl ideologisch als auch in Verteidigungstaktik gebildet.

Mazlum Omar und Betul Al-Mohammad vom Komitee für innere Angelegenheiten von Tabqa, Rewşen Hemê als Ko-Vorsitzende des Legislativrats von Raqqa, zahlreiche Mitglieder des Frauenkomitees von Tabqa und Fraueneinheiten der Kräfte der Inneren Sicherheit Raqqas nahmen an der Abschlusszeremonie teil.

Die Abschlusszeremonie wurde mit einer Schweigeminute für die Gefallenen eingeleitet. Anschließend gratulierte Ghalia Hammoud im Namen des Komitees für Innere Angelegenheiten von Raqqa allen Teilnehmerinnen der Ausbildungseinheit und richtete einige Worte an die Anwesenden. Hammoud erklärte, die Teilnehmerinnen müssten nun Gelerntes in ihrer Praxis mit Leben füllen. Betul al-Mohammad brachte ihre Überzeugung zum Ausdruck, dass Frauen die Kraft haben, die Gesellschaft zu leiten. Nach den Ansprachen wurden die Frauen vereidigt. Die Zeremonie endete in ausgelassenen Tänzen.

Zentralrat der Êziden: „Viele Islamisten haben nur ihre Kleidung gewechselt“

„Viele Islamisten haben nur ihre Kleidung gewechselt – ein Völkermord an den Eziden kann jederzeit wieder passieren”, sagt Dr. Irfan Ortac, Vorsitzender des Zentralrats der Eziden in Deutschland.

ANF / REDAKTION, 13. Dez. 2018.

Im August 2014 verübte die Terrormiliz „Islamischer Staat“ einen Völkermord an den Eziden im Nordirak/Südkurdistan. Viele Überlebende konnten sich ins nahe Sindschar-Gebirge (Şengal) retten. Noch immer leben etwa 30.000 Flüchtlinge unter menschenunwürdigen Bedingungen in den Bergen Nordiraks, weitere 400.000 sind seit Jahren in Flüchtlingscamps untergebracht. Sven Lilienström, Gründer der Initiative Gesichter der Demokratie, sprach mit dem Vorsitzenden des Zentralrats der Eziden in Deutschland Dr. Irfan Ortac über den Völkermord an den Eziden, die Verwendung deutscher Entwicklungshilfen und über die Frage, warum Camps keine Fluchtalternative sind.

Herr Dr. Ortac, der Titel Ihrer Doktorarbeit lautet: „Der Demokratisierungsprozess Irakisch-Kurdistans“. Welchen Stellenwert haben Demokratie und demokratische Werte für Sie ganz persönlich?

Demokratie ist für mich nicht nur ein politisches System, sondern eine Lebenseinstellung. Der Politologe Theodor Eschenburg hat einmal sinngemäß gesagt: „Mit den Gemütsdemokraten kann ich überhaupt nichts anfangen.“ Da hat er in der Tat Recht! Demokratie muss zu einer Lebenseinstellung werden.

Das Grundgesetz und vor allem seine ersten 19 Artikel bilden das demokratische Wertefundament unserer Gesellschaft. Im Artikel 1 steht: „Die Würde des Menschen ist unantastbar.“ Sie zu schützen ist die Verpflichtung der staatlichen Gewalt, sie zu achten ist Aufgabe aller Bürgerinnen und Bürger.

Einen wahren Demokraten erkennt man daran, dass er nicht nur Anspruch auf seine eigenen Rechte erhebt, sondern sich auch für die Rechte derer stark macht, die keine Stimme haben. Das ist mein Lebensinhalt und der Grund, warum ich mich tagtäglich und ehrenamtlich für die Menschen einsetze, die ihr Leben nicht in Würde leben können.

Der Genozid an den Eziden im Nordirak hat tausende Opfer gefordert. Viele überlebten nur, weil sie sich ins Sindschar-Gebirge retten konnten. Unter welchen Bedingungen leben Eziden derzeit im Nordirak?

Über Genozide im Allgemeinen habe ich während meines Studiums und im Rahmen meiner Forschung immer wieder gelesen. Ein Völkermord im 21. Jahrhundert und in diesem Ausmaß lag jedoch weit außerhalb meiner Vorstellungskraft. Aber es ist passiert!

Die gesamte ezidische Gemeinschaft ist auf der Flucht. Die komplette Infrastruktur ist zusammengebrochen, die gesellschaftlichen Strukturen sind zusammengebrochen. Diejenigen, die den Genozid überlebt haben, konnten sich ins nahe Sindschar-Gebirge retten. Zum Glück haben Amerikaner und Europäer schnell reagiert, sonst wären die Menschen dort nach wenigen Wochen verhungert oder verdurstet.

Ich weiß noch genau wie ich damals zu mir gesagt habe: „Okay, es ist passiert – jetzt reagiert die Welt. Der IS wird innerhalb weniger Wochen militärisch besiegt. Die Menschen, die man in Zelte gesteckt hat, können rasch wieder in ihre Städte, Dörfer und in ihre Häuser zurückkehren. Man wird ihnen helfen.“ Das war meine naive Vorstellung.

Doch die Realpolitik sieht anders aus. Politiker sprechen gerne davon, dass der IS vermeintlich besiegt sei; ist er aber nicht. Die Menschen leben weiterhin in Camps. Auch in den Bergen leben weiterhin knapp 30.000 Flüchtlinge. All diese Menschen sind hoffnungs-, orientierungs- und perspektivlos. Sie sind dringend auf Hilfe von außen angewiesen.

Ich war vor drei Wochen noch im Irak und habe dort viele ehemalige Hochburgen des IS besucht. Ich wollte unbedingt dahin! Die Menschen im Irak sagen mir, dass viele Islamisten nur ihre Kleidung gewechselt haben. Die Ideologie aber ist weiterhin in ihren Köpfen. Der IS ist zwar formal besiegt, aber nicht politisch. Was vor vier Jahren passiert ist, kann jederzeit wieder passieren.

Tausende von Frauen sind damals verkauft worden – teils mehrfach! Mehr als 2.600 Frauen sind bis heute verschollen. Wo sind diese Frauen? Wir bekommen immer wieder Hinweise und Anrufe von Frauen und Kindern, die sich in Häusern aufhalten ohne zu wissen, wo sie genau sind. Sind sie in Syrien oder im Irak? Wäre der IS besiegt, dann müsste man diese Menschen doch wiederfinden. Der IS hat zwar keine sichtbaren Checkpoints mehr, aber in den Häusern sind sie weiterhin existent.

Die Region Sindschar liegt trotz deutscher Aufbau- und Entwicklungshilfen in Trümmern – mehr als 400.000 Menschen leben weiterhin in Camps. Wo ist das Geld hin?

Das Geld fließt noch, aber es kommt nicht an. Die Hilfen sind nicht nachhaltig, denn die Gelder fließen in die Camps und nicht in den Wiederaufbau. Aber die Zukunftsperspektive der Eziden im Irak kann kein Leben in einer Zeltstadt sein. Von daher ist es schade um das Geld!

Vergleichen wir mal die Situation im Irak mit der Migrationswelle nach Deutschland im Jahr 2015. Auch wir haben damals Zelte und Container aufgestellt. Wir haben jedoch schnell erkannt, dass eine nachhaltige Integration nicht in Zelt- oder Containerstädten gelingen kann. Folgerichtig wurden viele der Notunterkünfte aufgelöst, nachdem der Flüchtlingszustrom abgeebbt ist. Der Großteil der Flüchtlinge lebt mittlerweile in Wohnungen.

Im Irak hingegen werden Containerschulen aufgebaut, oder Stromgeneratoren angeschafft. Die Infrastruktur innerhalb der Camps wird aufgebaut. Die Menschen müssen aber zurück in ihre Häuser. Sie müssen wieder die Möglichkeit haben ihre Felder zu bestellen, um für sich selbst sorgen zu können. Sie müssen die Möglichkeit haben zu studieren. Die Menschen im Irak sind bereit, sie wollen es!

Voraussetzung dafür ist jedoch außerhalb der Camps eine sichere Umgebung und eine funktionierende Infrastruktur herzustellen. Die Menschen dürfen keine Angst haben auf ihre Felder zu gehen, nur weil der ehemalige IS-Kommandeur noch immer im Nachbardorf lebt. Dafür muss man Lösungen finden.

Wenn diese Voraussetzungen gegeben sind bin ich mir sicher, dass viele ezidische Flüchtlinge wieder in ihre Heimat zurückkehren.

Die Anerkennungsquote für Eziden bei uns ist rückläufig. Ein Grund: Nach Ansicht des BAMF werden Eziden in der Region Kurdistan-Irak nicht verfolgt. Wie bewerten Sie diese „inländische Fluchtalternative“?

Wenige Tage nachdem am 3. August 2014 der Genozid an den Eziden im Nordirak stattfand habe ich Gespräche mit dem damaligen Vizekanzler Sigmar Gabriel geführt mit dem Resultat, dass Deutschland sofort interveniert hat. Dafür bin ich der Bundesregierung bis heute sehr dankbar. Auch aus Dankbarkeit habe ich über Jahre hinweg stets versucht, mich diplomatisch auszudrücken. Bestimmte Entwicklungen sind nicht von heute auf morgen realisierbar. Regierungen brauchen Zeit – auch die Bundesregierung.

Doch zurück zu Ihrer Frage bezüglich einer „inländischen Fluchtalternative“ im Irak. Von welcher Alternative sprechen wir hier? Die Menschen berichten mir, dass sie im Gefängnis sitzen. Die Camps sind umzäunt. Die Bewohner dürfen die Camps nicht verlassen. Wer eine Nacht nicht zurückkehrt und einen Stempel vorzeigen kann, wird nicht mehr ins Camp gelassen. Trotz gegenteiliger Behauptungen dürfen die Menschen nicht außerhalb der Camps arbeiten. Sie dürfen nicht in ihre Heimat zurückkehren, außer sie lassen ihr gesamtes Hab und Gut zurück.

Ich habe Ihnen bereits berichtet, dass sowohl die gesamte Infrastruktur, als auch die gesellschaftlichen Strukturen im Nordirak zusammengebrochen sind. Also nochmal, von welcher Alternative sprechen wir hier?

Sowohl in meinen bilateralen Gesprächen als auch in meinen öffentlichen Reden habe ich immer wieder auf Folgendes hingewiesen: Das Ziel der Bundesrepublik Deutschland muss sein, die Fluchtursachen zu bekämpfen. Dafür bin ich jederzeit zu haben. Wenn die Regierung das nicht schafft – aus welchen Gründen auch immer – muss sie sich an das Grundgesetz halten.

Im Artikel 16a des Grundgesetzes steht, dass jeder politisch Verfolgte das Recht auf Asyl in Deutschland genießt. Wenn ich aufgrund meiner sexuellen Orientierung verfolgt werde, dann genieße ich politisches Asyl in Deutschland. Wenn ich verfolgt werde, weil ich vom Islam zum Christentum konvertiere und gemäß der Scharia umgebracht werden soll, dann habe ich das Recht auf politisches Asyl in Deutschland. Und wenn ich als Ezide verfolgt werde, weil ich einer anderen Religion angehöre oder als Ezide missachtet, beschimpft und als Mensch fünfter oder sechster Klasse behandelt werde, dann habe ich ohne Zweifel das Recht auf politisches Asyl in Deutschland.

Wir alle kennen Artikel 1 des Grundgesetzes: „Die Würde des Menschen ist unantastbar.“ Nicht die Würde der Deutschen, nicht die Würde der Amerikaner oder die Würde der Franzosen, sondern die Würde des Menschen – dazu gehören auch die Eziden! Und wenn die Würde der Menschen im Irak mit Füßen getreten wird, dann ist es unsere Pflicht, diesen Menschen hier Asyl zu gewähren.

Zusammengefasst: Bis jetzt gibt es keine Fluchtalternative. Ich wäre froh, wenn es eine gäbe. Dann wäre ich sicherlich einer der ersten, der diese Alternative unterstützen würde. Aber Camps sind keine Alternative!

Zehntausende Eziden sind allein 2014 nach Deutschland geflohen, nachdem die Terrormiliz „Islamischer Staat“große Gebiete im Nordirak erobert hat. Wie ist die Situation der Eziden in Deutschland?

Es gibt zwei Gruppen von Eziden in Deutschland. Die erste Gruppe sind Eziden, die in zweiter, dritter oder vierter Generation in Deutschland leben. Sie sind deutsch sozialisiert und unterscheiden sich nur durch ihre Religion.

Die zweite Gruppe sind ezidische Flüchtlinge, die vor drei Jahren nach Deutschland gekommen sind. Diese Menschen sind kollektiv traumatisiert! Ihre Familien wurden komplett auseinandergerissen. Teile der Familie leben in Deutschland, andere weiterhin im Nordirak, sind gestorben oder verschollen.

Diese Menschen sind nach Deutschland geflohen, um Schutz zu suchen. Sie sind zunächst verwundert, wenn auch Muslime in Deutschland Asyl erhalten und ihren Glauben frei ausleben dürfen. All die traumatischen Erlebnisse dieser Menschen sind natürlich sofort wieder präsent, sobald sie einen „salafistisch-dschihadistisch“ aussehenden Mann sehen. Unsere Aufgabe ist es, sensibel aber bestimmt zu erklären, dass in Deutschland nicht nur Eziden ein Recht auf Asyl haben, sondern alle politisch oder religiös verfolgten Menschen.

Durch die Medien werden immer wieder Fälle bekannt, in denen ezidische Mädchen und Frauen selbst in Deutschland verfolgt werden. Wird seitens der Politik genug für den Schutz der hier lebenden Ezidinnen getan?

Alle in der Politik sind überaus bemüht, dass es den hier lebenden Eziden gut geht. Als im Jahr 2015 über eine Millionen Flüchtlinge nach Deutschland kamen, haben wir Hand in Hand gearbeitet. Vor diesem Hintergrund kann ich die Kritik an Bundeskanzlerin Angela Merkel in keiner Weise nachvollziehen. Die Kanzlerin hat damals gesagt „Wir schaffen das!“ – und wir haben es geschafft. Ich denke, darauf sollten wir stolz sein.

Nirgendwo auf dieser Welt fühlen sich die Eziden sicherer als in Deutschland! Sie wissen, dass es in Deutschland Institutionen der Exekutive und Judikative gibt, an die sie sich im Falle von Verfolgung, Belästigung oder Unterdrückung wenden können. Abgesehen von wenigen Einzelfällen sind die Eziden froh und glücklich darüber, hier leben zu dürfen.

Herr Dr. Ortac, wann ist Ihre nächste Reise in den Nordirak geplant und was wünschen Sie sich für die Zukunft der Eziden in Deutschland, Irak und in Syrien?

Ich weiß nicht, wie oft ich bisher gesagt habe: „Das war die letzte Reise!“ Dennoch war ich in den letzten vier Jahren siebzehnmal im Irak. Die nächste Reise ist jedoch noch nicht geplant.

Ich wünsche mir, dass die Eziden in Deutschland unsere demokratischen Werte verinnerlichen und unsere demokratischen Errungenschaften mit allen dazugehörigen Rechten und Pflichten achten und wertschätzen.

Für die Menschen im Irak wünsche mir, dass sie wieder in ihren Dörfern leben können. Vor allem wünsche mir, dass die Eziden dort in Würde leben können – sie haben es nämlich verdient!

Nordsyrien versorgt tausende Geflüchtete

Trotz knapper Mittel versorgt die demokratische Verwaltung von Nord- und Ostsyrien aktuell tausende Geflüchtete. Unterstützung internationaler Hilfsorganisationen gibt es dabei kaum.

ERSİN ÇAKSU aus AYN ISA, 11. Dez. 2018.

Die Region Nord- und Ostsyrien ist nicht nur für tausende Binnengeflüchtete aus den Kriegswirren Syriens zum sicheren Hafen geworden. Auch aus dem Irak fanden in den letzten Jahren viele Menschen hier Schutz. Ein Teil der Geflüchteten hat in den verschiedenen Städten ein neues Leben aufgenommen. Andere leben weiterhin in den Camps, die von der demokratischen Verwaltung von Nord- und Ostsyrien gestellt werden.

Allein im Newroz-Camp in Dêrik, im Hol-Camp bei Hesekê, im Mebrûka-Camp in Serêkaniyê, im Îwa-Camp in Deir ez-Zor und in dem Geflüchtetencamp von Eyn Isa leben zehntausende Geflüchtete. Für die Versorgung dieser Menschen trägt die Verwaltung von Nord- und Ostsyrien ebenso die Verantwortung wie für tausende Menschen, die aus Efrîn flüchten mussten und nun in den Camps Berxwedan, Serdem und Efrîn in Shehba leben müssen.

Und während der Westen und die Vereinten Nationen seit Anbeginn des syrischen Bürgerkriegs das AKP-Regime, das ununterbrochen über die „Flüchtlingskarte“ Drohungen in alle Richtungen ausspricht, mit Milliarden unterstützt, ist von einer Hilfe für die Geflüchteten in Nord- und Ostsyrien kaum etwas zu sehen. Die Reaktion auf die Aufrufe der Verwaltung der Region war stets sehr begrenzt. Die Ausgaben für die Aufrechterhaltung der Camps trägt die Verwaltung von Nord- und Ostsyrien weitgehend selbst.

12.500 Menschen alleine im Camp Eyn Isa

Mit dem Wintereinbruch wird die Situation für die Menschen im Camp nicht einfacher. Eines der größten Camps in Nord- und Ostsyrien ist Eyn Isa. Die Campverwaltung öffnete für unsere Nachrichtenagentur die Pforten. Das Camp gibt es seit zwei Jahren und es ist an den Zivilrat von Raqqa angebunden. Aktuell leben 12.500 Geflüchtete in 1.080 Zelten innerhalb des Camps. Celal al-Eyaf von der Campleitung berichtet, dass sie bislang nur begrenzte Hilfen von den Vereinten Nationen erhalten haben. Es ist in erster Linie der Zivilrat, der die Campkosten trägt. Selbst der Boden auf dem das Camp errichtet ist, sei Privateigentum. Deswegen muss der Zivilrat monatlich 100.000 Syrische Lira Miete an den Eigentümer zahlen, erklärt al-Eyaf.

Geflüchtete aus verschiedenen Teilen Syriens

Abdulnasir Heme, ein weiterer Verantwortlicher des Camps, berichtet, dass die Menschen aus verschiedensten Teilen Syriens hier Zuflucht gefunden haben. So seien aktuell mehr als 8.000 Menschen aus Deir ez-Zor im Camp, gefolgt von über 3.000 Menschen aus Raqqa. Aber auch aus Aleppo, Idlib, Hama, Homs und rund 500 Menschen aus dem Irak leben hier derzeit.

Selbstverwaltung im Camp muss sich mit den Problemen auseinandersetzen

Ganush Mahmud al-Hesun lebt mittlerweile seit mehr als einem Jahr gemeinsam mit seiner Familie in dem Camp. Er erklärt, dass hier vielfältige Strukturen geschaffen worden sind, die sich um die Anliegen der Bewohner kümmern. Trotzdem gebe es auch Schwierigkeiten, um die sich die Campverwaltung kümmern müsse. Er erwähnt die fehlenden Möglichkeiten für die Schulbildung. Auch mangele es an Beschäftigungsmöglichkeiten. So ergänzt al-Hesun, dass er selbst Lehrer ist, doch in Ermangelung der Unterrichtsmöglichkeiten seinem Beruf nicht nachkommen kann. Ähnlich gehe es vielen anderen in verschiedenen Zweigen ausgebildeten Menschen. Für die Bewohner des Camps müssen deshalb nach al-Hesun Bedingungen geschaffen werden, unter denen sie ihr Leben neu aufbauen können.

Von der Sultan-Murad-Brigade zum Efrîn-Widerstand

Die Nachrichtenagentur ANHA konnte ein Gespräch mit einem ehemaligen Mitglied der Sultan-Murad-Brigade führen. Heute kämpft Murshid Reco in den Reihen der QSD bei der Gruppe Jabhat al-Akrad.

ANF / SHEHBA, 9. Dez. 2018.

Murshid Reco (27) kommt aus al-Bab in Shehba und ist Vater eines Sohnes. Aufgrund der Schreckensherrschaft des IS musste er nach Aleppo fliehen. Gegenüber der Nachrichtenagentur ANHA erklärte das ehemalige Mitglied der Sultan-Murad-Brigade: „Ich lebte mit meiner Familie in Bizra in der Region al-Bab. Der IS besetzte unsere Gegend im Jahr 2014. Wir sind vor seiner Grausamkeit nach Aleppo geflohen.“

In Aleppo lernte Murshid die Sultan-Murad-Brigade kennen (die von der Türkei finanziert wird und hauptsächlich Turkmenen rekrutiert, die Red.) und schloss sich ihr an: „Diese Leute sagten: ‚Wir werden die Rechte, die das Volk verloren hat, zurückbringen und den Frieden garantieren‘. Wir hatten durch den IS viel erlitten. Deswegen und auch um meine Familie zu schützen, entschied ich, mich ihnen anzuschließen.“

Das wahre Gesicht der Miliz

Über seine Zeit bei der Brigade berichtete Murshid: „Alle ihre Behauptungen waren erlogen. Ihr einziges Ziel war es, junge Männer zum Beitritt zu bewegen. Es gab keinen Unterschied zwischen der Sultan-Murad-Brigade und dem IS. Sie plünderte wie der IS und sie mordete. Ich wollte dort so schnell wie möglich weg, aber ich hatte Angst, dass meiner Familie etwas angetan wird. Wenn ich mich von der Brigade getrennt hätte, wäre ich getötet worden, weil ich ihr wahres Gesicht gesehen hatte.“

Bei Verteilungskämpfen zwischen den Milizen gefangen genommen

Im Jahr 2015 kam es im Bustan-Pascha-Viertel zwischen der Khaled-al-Hayani-Brigade (auch bekannt als Badr-Märtyrer-Brigade der 16. Division) und der Sultan-Murad-Brigade zu Kämpfen aufgrund von Uneinigkeiten über die Verteilung geplünderter Beute. Murshid wurde bei diesen Gefechten gefangen genommen. Er berichtete von seiner Gefangenschaft: „Ich war sechs Monate gefangen und wurde jeden Tag gefoltert. Auch nach drei Jahren sind die Folterspuren noch zu sehen. Meine Familie wusste nichts von meiner Lage. Um mich aus dieser Hölle zu retten, wollte ich mich dieser Brigade anschließen. Sie war genauso übel wie die anderen Milizen. Ihre Bekenntnisse bestanden nur aus Parolen, in Wahrheit waren sie alle Plünderer und Diebe.“

Murshid wurde selbst Zeuge davon, wie Frauen an Kontrollpunkten belästigt und wegen vermeintlicher Zusammenarbeit mit dem syrischen Regime entführt und vergewaltigt wurden. Männer wurden unschuldig gefangen genommen, gefoltert und ausgeraubt.

Angst um die Familie

Murshid war eine Zeitlang bei der Khaled-al-Hayani-Brigade. Von dieser Zeit erzählte er: „Obwohl ich ihr Mitglied war, wurde meine Waffe gestohlen und dann behauptet, ich hätte sie verloren. Anschließend wurde ich in den Kerker geworfen und sollte die Waffe bezahlen. Eines Tages wurde ich bei einem Gefecht mit dem Regime am Bein verletzt. Die Milizionäre, mit denen ich zusammen war, nahmen meine Waffe und hauten ab, sie ließen mich alleine zurück. Später holte mich meine Familie vom Schlachtfeld und kümmerte sich um meine Behandlung. Ich hatte große Angst um meine Familie. Wenn ich in den Kampf ziehen musste, dann brachte ich sie in Aleppo bei meinem Bruder unter. Das Ziel dieser Milizen ist nicht die Verteidigung der Bevölkerung oder so. Ihr einziges Ziel ist es, die Menschen zu vertreiben und ihre Sachen zu stehlen.“

Ein Milizionär mit dem Namen Abu Omar al-Zengi habe in Azaz gearbeitet, um die Khaled-al-Hayani-Brigade mit Waffen, Munition und Mitgliedern zu versorgen, berichtete Murshid weiter: „Es war Ende 2016. Wir hatten die Kastelo-Road und die Ramusaye-Straße abgesperrt und umstellt. Nach dem Abkommen hätte die Miliz Jaish-al-Fatah die Blockade gegen uns aufgeben müssen. Wir erfuhren jedoch, dass die Blockade auf Befehl des türkischen Staates aufrechterhalten werden sollte. Dann kam der Befehl, dass wir nach Nord-Aleppo in das Viertel Shear gehen und auf die vom Regime bereitgestellten grünen Busse in den Norden warten sollten. Das alles war Teil eines Abkommens zwischen dem türkischen Staat und dem syrischen Regime. Nachdem der türkische Staat seine Milizen verkauft hatte, erlaubte es Russland der Türkei im Gegenzug, al-Bab zu besetzen.“

Murshid wollte die Stadt jedoch nicht zusammen mit den anderen Milizionären verlassen: „Ich weigerte mich, Aleppo zu verlassen, weil ich es nicht verantworten konnte, was die FSA tat. Ich habe ihre Haltung und ihre Verbrechen an Frauen gesehen. Nachdem ich in Aleppo zurückgeblieben war, schloss ich mich den Freunden von Jabhat al-Akrad an und lebe jetzt in Şêxmeqsûd.“

„Hier habe ich die wahre Bedeutung von Freundschaft verstanden“

Murshid Reco sagte: „Die Kämpfer von Jabhat al-Akrad sind für ihre Organisiertheit, Disziplin, ihren Respekt und ihre Moral bekannt. Bei ihnen habe ich den Geist der Freundschaft kennengelernt. Sie haben mit Diebstahl oder unmoralischem Verhalten nichts zu tun. Sie tun alles, um verletzte Freunde zu retten. Ich habe hier wahre Freundschaft und Opferbereitschaft kennengelernt. Sie lassen dich nicht alleine, Jetzt mache ich mir keine Sorgen mehr um meine Familie, denn ich weiß, sie ist in Sicherheit.“

Der Widerstand von Efrîn

Murshid hat sich während der türkischen Militärinvasion in Efrîn dem Widerstand angeschlossen: „Zum ersten Mal fühlte ich, dass ich kämpfte, um zu beschützen. Wir haben gegen den türkischen Besatzerstaat und seine Milizen gekämpft. Wenn die Bedingungen etwas gerechter gewesen wären, hätten sie gegen unseren Widerstand nicht bestehen können.“

Murshid wurde in Efrîn-Şiyê verletzt: „Ich werde nie vergessen, was die Milizen mir angetan haben. Ich werde mit der Befreiung von Efrîn und den anderen Gebieten Rache für mein Volk und mich selbst nehmen.“

Parteien in Rojava: Kurden gewinnen und verlieren gemeinsam!

Wir haben in Qamişlo mit Vertretern von drei verschiedenen kurdischen Parteien gesprochen. Sie erklärten: „Die Kurden sollten sich nicht mit dem faschistischen türkischen Staat, sondern untereinander einigen und die nationale Einheit umsetzen.“

ANF | AXÎN TORHILDAN aus QAMIŞLO, 9. Dez. 2018.

Mit Vertretern der Kommunistischen Partei Kurdistans (KKP), der Liberalen Partei Kurdistans und der Partei der Demokratischen Linken in Kurdistan haben wir im nordsyrischen Qamişlo über die Fahndungsentscheidung der USA gegenüber Führungskadern der PKK, die Schließung der Büros von Tevgera Azadî (in Sulaimanye/Südkurdistan) und die Isolationshaft gegenüber Abdullah Öcalan gesprochen.

„Die USA und die Türkei wollen die Kurden gegeneinander aufhetzen“

Necmeddin Melle Omar, Generalsekretär der KKP, betonte in unserem Gespräch, dass die KKP stets an der Seite der kurdischen Parteien gestanden habe, und verurteilte sowohl die Entscheidung der südkurdischen YNK (Patriotische Union Kurdistans), die Büros von Tevgera Azadî zu schließen, wie auch die die Auslobung von Kopfgeldern auf Führungskader der PKK (Cemil Bayık, Murat Karakyılan und Duran Kalkan) durch die USA.

Omar kommentierte die Fahndungen mit den Worten: „Diese drei Menschen sind Kinder Kurdistans, die für ihre Opferbereitschaft bekannt sind. Sie sind die Avantgarde der unterdrückten Völker und der Kommunisten. Sie nur als PKK zu betrachten, wird ihnen nicht gerecht. So wie Mustafa Barzanî, Celal Talabani oder Ghassemlou unsere Werte, unseren Fokus und unsere Vorkämpfer darstellen, sind sie es ebenfalls. Und sie dürfen nicht nur als Führungspersonen der PKK verstanden werden. Sie sind unser aller Anführer. Die USA und die Türkei sind terroristische Regime, die darauf abzielen, die Kurden gegeneinander auszuspielen. Wie kann die Türkei ein Freund Südkurdistans sein, während sie in Rojava und in Nordkurdistan Kurden umbringt… Ist so etwas möglich?“

„Alle Parteien in Rojava haben das Recht, politisch aktiv zu sein“

Zur Repression gegen Tevgera Azadî in Südkurdistan sagte Omar: „Die kurdischen Parteien sollten sich nicht auf dieses Spiel einlassen. Es ist ein Fehler der YNK, diese Büros schließen zu lassen. Die Mitglieder von Tevgera Azadî haben gearbeitet, dafür Opfer gebracht und diese Bewegung gegründet. Die Perspektiven von Tevgera Azadî mögen anders als die von PDK und YNK sein, aber sie ist auch nicht gezwungen, ihnen zu ähneln. Wir sind Parteien mit unterschiedlichen Ideen hier in Rojava. Aber auch wenn wir ganz unterschiedliche Ideen haben, so verfügt jede Partei über das Recht, Politik zu machen. Niemand kommt daher und schließt sie. Jeder hat das Recht, seine Ideen und Gedanken zu verteidigen. Wir sind dagegen, gegen Menschen zu kämpfen, die nicht so denken wie wir, und wir sind absolut dagegen, dass irgendjemand die eigenen Ideen jemand anderem aufzwingt. Man kann Tevgera Azadî nicht das Recht nehmen, Politik zu machen.“

„Der Nationalkongress kann nicht ohne die nationale Einheit der Kurden stattfinden“

Ein Kongress der Nationalen Einheit der kurdischen Parteien sei im Interesse der Kurden von unausweichlicher Notwendigkeit, sagte Omar weiter. Er appelliert an Mesut Barzanî, endlich von seinem Irrweg umzukehren und Verantwortung für die kurdische Bevölkerung zu übernehmen.

„Die Kurden gewinnen oder verlieren zusammen“

Ferhad Telo vom Zentralkomitee der Liberalen Partei Kurdistans verurteilte ebenfalls die Schließung der Tevgera-Azadî-Büros: „Wir betrachten die Schließung der Parteibüros und Zentren von Tevgera Azadî als Angriff auf alle Menschen aus Kurdistan. Von welcher Seite wir es auch betrachten, wenn ein Kurde verliert, dann verliert das ganze Volk, denn die Kurden gewinnen oder verlieren zusammen.“

„Nicht spalterisch sondern kreativ“

Telo kritisierte auch die Hinderung der Teilnahme einer Delegation aus Südkurdistan an dem internationalen Efrîn-Forum durch die Regionalregierung und sagte: „Efrîn ist heute eine Wunde im Herzen des kurdischen Volkes, ein Schmerz.  Es ist ein Schmerz für die Kurden, der nicht hinter Halabja zurücksteht. Deswegen müssen wir alle in Bezug auf Efrîn Haltung beziehen. Efrîn betrifft nicht nur Rojava, nicht nur Nordkurdistan; es ist für alle Kurden wichtig.

Wir finden es nicht richtig, dass eine Delegation aus Südkurdistan, die am internationalen Efrîn-Forum teilnehmen wollte, daran gehindert worden ist. Dies ist keine Haltung, die Kurden zusammenbringt und vereint. Statt einer spalterischen, hetzerischen Haltung müssen wir konstruktiv sein. Wir grüßen alle Parteien in Kurdistan. Wir senden unsere Grüße an Tevgera Azadî. Wir hoffen auf die Entwicklung eines konstruktiven Dialogs, der ein festes Band zwischen den Parteien Kurdistans schafft.“ Telo rief die PDK und YNK dazu auf, sich an der Vorbereitung des Kurdistan Nationalkongresses zu beteiligen.

„So wie die Bevölkerung müssen auch unsere Parteien die Einheit schaffen“

Salih Gedo, Generalsekratär der Demokratischen Linkspartei Kurdistans, forderte von der YNK die Wiederöffnung der Tevgera-Azadî-Büros: „Wir haben seit 1975 Beziehungen zur YNK. Wir haben die YNK als eine Partei kennengelernt, die national eingestellt ist und in Kurdistan einflussreich ist. Zu dem, was wir heute in Südkurdistan und insbesondere in Silêmanî erleben sagen wir, heute ist nicht der Tag für Familienstreit, es ist weder der Ort noch der richtige Zeitpunkt für eine Auseinandersetzung unter Brüdern. Das ist überhaupt nicht hilfreich. Alle wissen, dass die Entscheidungen zur Schließung der Parteien und ähnliche Entscheidungen von den nationalstaatlich orientierten Kräften getroffen wurden. Wir rufen sie auf umzukehren. Die YNK und Tevgera Azadî sollen wie früher Beziehungen zu einander aufbauen können. Tevgera Azadî muss ihre Büros wieder öffnen und vor allem auch in Silêmanî wieder frei Politik machen können.“

„Der Vorsitzende Apo muss freikommen“

Salih Gedo sprach auch über die Isolationshaft gegenüber dem kurdischen Repräsentanten Abdullah Öcalan: „Die Inhaftierung und Isolation des Vorsitzenden geht nun ins 20. Jahr. Nicht nur das kurdische Volk fordert Herrn Öcalans Freilassung. Viele Menschen weltweit haben sich dieser Forderung angeschlossen. Alle Menschen, die an der Seite der Menschenrechte und der Freiheit stehen, fordern dies. Vor 20 Jahren hat der türkische Staat diese Wunde aufgerissen. Alle demokratischen Menschen haben dies gefühlt. Die internationale Staatengemeinschaft, insbesondere Amerika, Russland und Europa müssen zum faschistischen türkischen Staat ‚es reicht‘ sagen. Der Vorsitzende Apo muss freikommen und seine Arbeit frei im Volk fortsetzen können.“

Erfolgreiche Arbeit gegen Kinderehen und Polygamie in Girê Spî

Die Arbeit des Frauenzentrums in der nordsyrischen Stadt Girê Spî hat zu einem spürbaren Rückgang frauenspezifischer Probleme in der Region geführt.

ANF / GIRÊ SPÎ, 9. Dez. 2018.

Als die Terrormiliz IS noch in Girê Spî im Norden Syriens herrschte, waren alle Fraueneinrichtungen verboten und die Frauen aus dem öffentlichen Leben verbannt. Seit der Befreiung vor dreieinhalb Jahren haben große Entwicklungen stattgefunden. Frauen organisieren sich in 35 Kommunen und Räten, außerdem wurden Einrichtungen geschaffen, in denen Bildungsarbeit für Frauen gemacht und nach Lösungen für frauenspezifische Probleme gesucht wird. Durch die geleistete Arbeit spielen Frauen inzwischen eine Führungsrolle in der Stadt.

Eine wichtige Funktion hat dabei das Frauenhaus von Girê Spî. Das Zentrum ist eine Anlaufstelle für Frauen, die Unterstützung bei verschiedenen Problemen suchen. Zu Beginn gab es monatlich mindestens fünfzig Fälle, die an die Mitarbeiterinnen herangetragen wurden. Durch die Bildungsarbeit und den Kampf für Frauenrechte sind die Fallzahlen inzwischen auf zwanzig heruntergegangen.

Wie Fadiya Şerîf Xelîl aus dem Vorstand des Frauenhauses erklärt, sind die Probleme von Frauen in der Stadt spürbar zurückgegangen. Zu den häufigsten Problemfeldern gehören Zwangsehen Minderjähriger und Polygamie.

medico international: Ein Krankenhaus für Rojava

Ein Beispiel wie es gehen kann: Im Krankenhaus von Rakka, das der Kurdische Roten Halbmond betreibt, werden die Menschen kostenlos behandelt. (Alle Fotos: Mark Mühlhaus/attenzione)

Veröffentlicht Dez. 2018.
medico international unterstützt die Sanierung und Ausstattung eines Krankenhauses im kurdischen Kanton Cizire in Nordsyrien. Helfen Sie mit!

Die Strom- und Wasserversorgung des verlassenen Krankenhauses in Tirbespi/Cizire muss wieder hergestellt werden und eine Notaufnahme, eine Röntgenstation, ein Labor und mehrere Patient*innenzimmer sollen in dem zweistöckigen Gebäude eingerichtet werden. Außerdem unterstützt medico die Beschaffung der Ausrüstung für eine Mutter-Kind Station (Frauenheilkunde und Geburtshilfe).

Die Neueröffnung hat höchste Priorität, denn das Krankenhaus wird für 100.000 Menschen die einzige Möglichkeit sein, eine kostenlose und gute Gesundheitsversorgung zu bekommen. Seit 2014 gibt es hier kein öffentliches Krankenhaus mehr, nur eine kleine Gesundheitsstation sichert notdürftig die medizinischen Grundbedürfnisse der Bevölkerung.

Unterversorgt waren die kurdischen Gebiete im Norden Syriens schon zu Zeiten der Herrschaft Assads. Die Korruption führte zu einer schleichenden Privatisierung des Gesundheitswesens, öffentliche Gelder fehlten auch bei der adäquaten Ausstattung der Gesundheitseinrichtungen. Ärzt*innen verließen wegen schlechter und unregelmäßiger Bezahlung die öffentlichen Gesundheitseinrichtungen und eröffneten Privatkliniken, wo sie sich Behandlungen teuer bezahlen ließen. Auch in Tirbespi führten Korruption und Missmanagement dazu, dass die Bewohner*innen Privatkliniken aufsuchen mussten – obwohl es ein öffentliches Krankenhaus gab.

Mit der Belagerung durch die dschihadistische Al Nusra-Front ab 2014 und später dem IS verschärfte sich die Situation in Nord-Ost-Syrien dramatisch. Viele Menschen aus den umliegenden Dörfern flohen vor den Angriffen nach Tirbespi, das von der Schreckensherrschaft des IS verschont blieb. Das Krankenhaus war zu dieser Zeit schon nicht mehr in Betrieb.

Die medico-Partnerorganisation, der Kurdische Rote Halbmond, betreibt in Tirbespi inzwischen eine „Primary Health Clinic“, in der grundlegende Behandlungen durchgeführt werden können. Das Einzugsgebiet umfasst die umliegenden Kleinstädte und Dörfer, insgesamt etwa 100.000 Menschen. Aber es braucht dringend eine bessere Infrastruktur, denn für größere Operationen und Behandlungen müssen die Menschen in Hauptstadt von Cizire, nach Qamishlo fahren. Und auch hier gibt es nur Privatkliniken und ein Krankenhaus – das im Gebiet des Assad-Regimes liegt.

Zwischen Nothilfe und Strukturaufbau

„Die Bevölkerung in Nordsyrien leidet unter fehlender sozialer Infrastruktur. Besonders im Gesundheitsbereich ist die Situation noch besonders unzulänglich“ sagt der Vorsitzende des Kurdischen Roten Halbmondes Sherwan Bery gegenüber medico. In den letzten Jahren hat medico den Kurdischen Roten Halbmond größtenteils mit Nothilfemaßnahmen unterstützt, zuletzt bei der Medikamentenbeschaffung für das Flüchtlingslager Sheba, wo immer noch bis zu 100.000 Menschen festsitzen, die vor dem Einmarsch der Türkei in den kurdischen Kanton Afrin geflohen sind. Diese Hilfe des Roten Halbmonds und die Unterstützung dafür durch medico wird weitergehen.

Gleichzeitig unterstützen wir den Aufbau von Infrastruktur, denn nur so kann Veränderung nachhaltig werden. Unter der demokratischen Selbstverwaltung wird in Nordsyrien ein neues Gesundheitssystem aufgebaut, in einer Gesundheitsakademie werden nach einem eigens entwickelten Curriculum Ärzt*innen und Helfer*innen ausgebildet. Die ersten Absolvent*innen arbeiten bereits in Krankenhäusern oder Gesundheitsposten der Region. Ziel des Programms ist es, allen Gesundheitsarbeiter*innen ein angemessenes Gehalt zu zahlen und eine kostenlose Basisgesundheitsversorgung für die Bevölkerung sicherzustellen. Auch Gesundheitsbildung, Verhütung, die Reduzierung von Kaiserschnitten und sogar das Thema Abtreibung finden hier Eingang. In einer sehr konservativ geprägten Gesellschaft wie im Norden Syriens bedeuten bereits kleine Fortschritte in diesem Bereich einen großen Erfolg.

Dabei darf nicht vergessen werden, dass diese Entwicklung in einer sehr bedrohlichen Situation stattfindet. Erst kürzlich startete die Türkei wieder Angriffe auf kleinere Orte in der Nähe von Kobane und der Fortgang des entgrenzten Stellvertreterkriegs in Syrien ist unklar. Dass die Kurd*innen in Nordsyrien in dieser undurchsichtigen und bedrohlichen Zeit Strukturen demokratischer Teilhabe und Partizipation aufbauen, ist mehr als unterstützenswert.

Krippe für Stiftungsmitarbeiter*innen in Qamişlo

Die Stiftung der freien Frau in Rojava (WJAR) richtet in Qamişlo für ihre Mitarbeiter*innen eine Krippe ein. Mit dem Projekt sollen auch andere Einrichtungen motiviert werden, den Bedürfnissen ihrer Mitarbeiter*innen zu begegnen.

ANF / QAMIŞLO, 6. Dez. 2018.

Die Stiftung der freien Frau in Rojava (WJAR, kurdisch: Weqfa Jina Azad A Rojava) richtet in Qamişlo im nordsyrischen Kanton Cizîrê eine Kinderkrippe für ihre Mitarbeiter*innen ein. Mit dem Projekt möchte die Frauenstiftung auch andere Einrichtungen motivieren, den Bedürfnissen ihrer Mitarbeiter*innen zu begegnen.

Die Projektbeauftragte Yasemin erklärte dazu: „Es gibt nach wie vor das dringende Bedürfnis von Frauen nach Angeboten für Kinderbetreuung. Frauen können sich nur voll engagieren, wenn sie ihre Kinder gut betreut wissen”.

Die Stiftung hat mittlerweile über 150 Mitarbeiter*innen. Etwa ein Viertel arbeiten in Qamişlo im Stiftungszentrum.