Idlib: „Das Hauptziel sind die Zivilist*innen“

 

Idlib ist die Zielscheibe des syrischen Regimes. Seit April bombardieren Assads Truppen und russische Kampfjets täglich die Region. Eine Knochenarbeit für die Retter der Weißhelme. Wir haben mit einem von ihnen gesprochen.

117.000 Menschen haben die Weißhelme allein in Idlib bereits das Leben gerettet.

Abu Alnur, du arbeitest von Beginn an bei den Weißhelmen in Idlib. Was umfasst eure Arbeitstätigkeiten?

Viele Menschen glauben, dass sich unsere Arbeit auf Such- und Rettungseinsätze beschränkt. Das ist aber nur ein Teil unserer Arbeit. Wir stellen oft auch die medizinische Grundversorgung sicher, unterstützen Schwangere, helfen bei der Kinderbetreuung, klären über Krankheiten auf und stellen öffentlichen Einrichtungen Hygieneartikel zur Verfügung.

Das sind ziemlich viele Aufgaben. Wie viele Mitarbeiter*innen habt ihr und wie teilt ihr die Arbeit auf?

Unser Team in Idlib ist ziemlich groß. Grundsätzlich sind wir 24/7 einsatzbereit, daher arbeiten wir in Schichten, damit rund um die Uhr jedes unserer Zentren besetzt ist. Wir müssen oft ganz spontan reagieren, beispielsweise wenn es Überschwemmungen oder Brände gibt. Auch nach dem Zusammenbruch des Waffenstillstands sind wir wieder im Dauereinsatz.

Du hast den gebrochenen Waffenstillstand angesprochen. Wie ist die derzeitige Lage in Idlib insgesamt und wie für euch speziell? 

Abu Alnur ist für die Weißhelme in Idlib pausenlos im Einsatz.

 

Die Situation ist katastrophal; anders kann man es nicht sagen. Die Zivilbevölkerung vor Ort befürchtet, dass keine Lösung in Sicht ist. Ihr Leiden wurde durch den Zusammenbruch des Waffenstillstands und die fortlaufende Offensive noch verstärkt. Das Leben hier ist geprägt von Bomben und Vertreibung. Was uns Weißhelme angeht: Unsere freiwilligen Helfer sind mit der schrecklichen Situation mittlerweile mehr als vertraut. Das soll aber nicht bedeuten, dass wir uns damit zufrieden geben oder aufgeben. Einige unserer Freiwilligen wurden sieben- oder achtmal aus ihren Häusern vertrieben. Auch wir sind Syrer*innen und Teil der Bevölkerung. Was gerade passiert, wirkt sich auch stark auf uns persönlich aus. Der Druck, der von der Arbeit kommt, belastet uns ständig. Doch uns gibt die Rettung jedes einzelnen Lebens wieder Hoffnung weiterzumachen.

Das syrische Regime und Russland hat euch Weißhelme im Visier. Wie geht ihr damit um?

Das russische Bündnis mit dem Regime hat den systematischen Plan, uns entweder physisch oder durch gezielte Hetze in Medien anzugreifen. Wir verfolgen die Medienberichterstattung über uns ganz genau. Aber wir tun das mit dem Ziel, um unsere Teams zu schützen und sicherzustellen, dass unsere Arbeit fortgesetzt werden kann. Wir glauben nämlich, dass diese systematische Aktion darauf abzielt, uns zuerst zu frustrieren und unser größtes Ziel in Frage zu stellen: Nämlich nicht nur Ersthelfer*innen, sondern auch Augenzeugen von den Verbrechen zu sein. Ein Verbrecher hat immer die Zeug*innen im Visier, und genau das ist bei Russland und dem Regime der Fall. Sie wissen genau, dass wir all ihre Verbrechen dokumentieren.

Mit welchen Einsatzmitteln arbeitet ihr? 

Wir setzen logistisch alles ein, das wir kriegen können – Fahrzeuge, Werkzeuge und andere Geräte. Aufgrund der Lage in Syrien ist es schwierig, bestimmte Materialien und Ausrüstungsgegenstände über die Grenze zu bringen. Deshalb verfügen wir nur über wenige professionelle Geräte. Hinzu kommt, dass unsere Ausrüstung immer wieder systematisch zerstört wird; eine Neuanschaffung ist oft unmöglich.

Was fehlt euch gerade in dieser katastrophalen Lage in Idlib besonders?

Die zivilgesellschaftlichen Retter*innen der Weißhelme und ihre Krankenwagen sind Ziel des syrischen Regimes.

 

Alles. Uns fehlt es einfach an allem. Insbesondere verlieren wir aber alle paar Tage einen Krankenwagen, weil diese systematisch vom Regime angegriffen werden. Das ist besonders dramatisch, weil dabei auch Menschen sterben. Die Verwundeten, die darauf warten, von uns behandelt zu werden, und auch unsere Kollegen, die gerade versuchen,  Menschenleben zu retten.

Wie vielen Menschen habt ihr bisher das Leben retten können und wie viele von euch haben ihr Leben verloren?

Wir haben bisher mehr als 117.000 Leben gerettet. Die Einsätze belaufen sich auf mehrere Tausend. Die Todeszahl unserer Helfer*innen liegt allein in Idlib bei 268 Menschen.

Wer sind die Opfer in Idlib und was bezwecken das Regime und Russland?

Das Hauptziel sind die Zivilist*innen. Wir haben alle Angriffe gut dokumentiert, um diese Aussage zu stützen. Ich denke, das Kalkül des russischen Bündnisses ist den Willen und Mut der Zivilbevölkerung zu brechen. Das könnte ihnen nachher auf der internationalen politischen Bühne als Verhandlungsinstrument helfen, wenn sich die Zivilbevölkerung “ergeben” hat. Und die Menschen haben natürlich nicht viele Handlungsmöglichkeiten: Fast die Hälfte der Bevölkerung von Idlib wurde mindestens einmal in ihrem Leben vertrieben.  Ich weiß nicht, wie man den Terrorismus gegen fast vier Millionen Menschen glaubwürdig verkaufen kann. Die Welt ist schon verrückt geworden!

Auf welche Schwierigkeiten stosst ihr bei eurer Arbeit?

Unsere zivilen Einrichtungen, beispielsweise Krankenhäuser oder Flüchtlingseinrichtungen, sind oft Ziel von Gruppen, die direkt darauf schießen. Leider haben wir davor kaum Schutzmöglichkeiten. Ich würde aber sagen, dass die Zivilbevölkerung uns beschützt und zwar durch das Verhältnis von Liebe und Vertrauen, das sie uns in Syrien geschenkt hat. Das ist das Schutzschild für unsere Freiwilligen.

Wie können Menschen außerhalb von Syrien euch in eurer Arbeit unterstützen? 

Im Kriegsgebrüll ist jede einzelne Stimme wichtig. Die Menschheit sollte uns Syrer*innen bei diesen militärischen Attacken durch eine Supermacht wie Russland nicht alleine lassen. Diese Verbrechen dürfen nicht mit einem Schweigen beantwortet werden. Stattdessen muss auf jede erdenkliche Weise Druck gemacht werden, um weitere Opfer zu verhindern. Wir sorgen weiterhin dafür, dass Menschenleben gerettet werden und bitten immer wieder um Unterstützung von Menschenrechtsvertreter*innen. Wir verlangen wirklich nicht viel. Wir möchten nur, dass die fundamentalen Rechte internationaler Konventionen garantiert werden. Sie sind wie Wasser und Luft – Dinge, die nicht verloren gehen dürfen. Und wenn wir sie verlieren, bedeutet das den Tod.

In Bezug auf die Logistik verfügen wir über eine Fundraising-Seite, die finanzielle Transparenz durch legitime Mittel und Überwachung gewährleistet. So wird sichergestellt, dass Spenden sicher ankommen. Vor allem haben wir aber auch Privatspender*innen auf der ganzen Welt, die an unsere Arbeit und an Menschenrechte glauben. Jede 1-Dollar-Spende reicht aus, um uns wissen zu lassen, dass es Menschen gibt, die immer noch daran glauben, dass Syrer*innen das Leben verdienen.

Idlib: Was das Vorrücken des Regimes für die Zivilbevölkerung bedeutet

 

Seit dem 11. August rücken Bodentruppen des Assad-Regimes im Süden von zwei Richtungen gegen die Region Idlib vor. Beobachter fürchten, der südlichste Teil Idlibs könnten abgeschnitten werden und unter Belagerung fallen. Der Zivilbevölkerung bleibt nur die Flucht nach Norden an die geschlossene türkische Grenze.

Bodentruppen des Regimes rücken gegen Idlib von zwei Seiten vor

 

Seit April steht Idlib bereits unter Dauerbeschuss des Regimes und seiner russischen Verbündeten. Im Süden der Region verging seit Monaten kaum ein Tag ohne Luftangriffe auf zivile Ziele, bei denen bereits rund 500 ZivilistInnen starben. Die Bodentruppen des Regimes kamen anfangs aber nur langsam voran. Das hat sich geändert. Am 11. August nahmen Truppen der Assad-loyalen Allianz die strategisch wichtige Stadt Hubait im Süden Idlibs ein. Auch Khan Shaykhun könnte schon bald fallen.

Wie bei den vorherigen Offensiven auf Ost-Ghouta oder Daraa folgt der Vormarsch am Boden massiven Bombardements. Doch während bei den vergangenen Offensiven die Gebiete mitsamt ihrer Bewohner*innen eingenommen oder übergeben wurden, ist in den jetzt eingenommenen Orten offenbar niemand mehr da: Wer nicht im Bombenhagel gestorben ist, ist in der Regel bereits geflohen.

Das ist wirklich eine Politik der verbrannten Erde: Wer bleibt, der stirbt.

Unser Partner ABU RABI´ vom Zaitoun Magazine aus Saraqeb

Humanitäre Katastrophe mit Ansage

Ganz in der Nähe von Hubait liegt die Stadt Khan Shaykhun – die größte Stadt im südlichen Idlib und ein wichtiger Stützpunkt der Opposition – mit entsprechend symbolischem Wert. Aufgrund des Sarin-Einsatzes durch das Assad-Regime im April 2017 mit rund 90 Toten wurde die Stadt weltbekannt. Wie Videos zeigen, ist aktuell von Khan Shaykhun fast nichts übrig. Ein großer Teil der Häuser ist zerstört, fast die gesamte Bevölkerung geflohen.

Während Assad Truppen auf die Stadt vorrücken und die Verteidigungslinien der oppositionellen Milizen nach den schweren Bombardements der syrischen und russischen Luftstreitkräfte zunehmend einbrechen, droht der südlichste Teil Idlibs abgeschnitten zu werden. Beobacher befürchten, wer dort bleibt, könnte dann – wie einst die Bevölkerung Ost-Aleppos, Ost-Ghoutas oder Yarmouks – belagert werden. Viele Menschen versuchen daher jetzt schnell noch Richtung Norden zu fliehen.

Was ist das Ziel der Bodenoffensive?

Es wird immer wieder vermutet, dass Verbindungs- und Handelsstraßen, die in den Norden führen, im Zentrum des Interesses des Assad-Regimes stehen. Die bereits eingenommene Hubait bietet Zugang zur wichtigen Autobahn zwischen der Hauptstadt Damaskus und Aleppo. Letztlich ist das erklärte Ziel des Regimes, die gesamte Region – wie alle von oppositionellen Akteuren konrollierte Regionen – wieder unter seine Kontrolle zu bekommen.

In Idlib war bislang jedoch die Türkei im Weg, die dort mit Beobachtungsposten präsent ist und oppositionelle Milizen unterstützt. Eigentlich hat die Türkei im Rahmen des Astana-Prozesses gar die Verantwortung für die „Deeskalationszone“ Idlib übernommen. An einer Deeskalation hatten sämtliche bewaffnete Akteure allerdings nur solange Interesse, wie dies zu ihrer militärischen Strategie passte.

Die Rolle der Türkei

Unsere Partner*innen vor Ort schätzen die Lage so ein: „Für uns war klar, dass die Türkei zugelassen hat, dass Hubait fällt. Deswegen glauben die Leute nun, dass doch ein Abkommen zwischen der Türkei und Russland ausgehandelt wurde. Und die Leute hier wollen wissen, was die Grenzen dieser Abmachung sind. Welche Städte dürfen noch eingenommen werden vom Regime?“

Viele Einwohner*innen Idlibs sehen sich als Spielball zwischen Russland, der Türkei und den anderen involvierten Mächten. „Noch beängstigender als die Realiät, in der wir hier leben, sind diese Abmachungen, von denen wir nichts erfahren. Wenn wir wüssten, was abgemacht ist, dann könnten wir uns darauf einstellen.“

Je weiter die Offensive vordringen kann, desto mehr Menschen werden sich entlang der geschlossenen türkischen Grenze stauen – desto katastrophaler werden die Bedingungen sein.

 

„Das Hauptziel sind die Zivilist*innen“

Idlib ist die Zielscheibe des syrischen Regimes. Seit April bombardieren Assads Truppen und russische Kampfjets täglich die Region. Eine Knochenarbeit für die Retter der Weißhelme. Wir haben mit einem von ihnen gesprochen.

117.000 Menschen haben die Weißhelme allein in Idlib bereits das Leben gerettet.

Abu Alnur, du arbeitest von Beginn an bei den Weißhelmen in Idlib. Was umfasst eure Arbeitstätigkeiten?

Viele Menschen glauben, dass sich unsere Arbeit auf Such- und Rettungseinsätze beschränkt. Das ist aber nur ein Teil unserer Arbeit. Wir stellen oft auch die medizinische Grundversorgung sicher, unterstützen Schwangere, helfen bei der Kinderbetreuung, klären über Krankheiten auf und stellen öffentlichen Einrichtungen Hygieneartikel zur Verfügung.

Das sind ziemlich viele Aufgaben. Wie viele Mitarbeiter*innen habt ihr und wie teilt ihr die Arbeit auf?

Unser Team in Idlib ist ziemlich groß. Grundsätzlich sind wir 24/7 einsatzbereit, daher arbeiten wir in Schichten, damit rund um die Uhr jedes unserer Zentren besetzt ist. Wir müssen oft ganz spontan reagieren, beispielsweise wenn es Überschwemmungen oder Brände gibt. Auch nach dem Zusammenbruch des Waffenstillstands sind wir wieder im Dauereinsatz.

Du hast den gebrochenen Waffenstillstand angesprochen. Wie ist die derzeitige Lage in Idlib insgesamt und wie für euch speziell? 

Abu Alnur ist für die Weißhelme in Idlib pausenlos im Einsatz.

 

Die Situation ist katastrophal, anders kann man es nicht sagen. Die Zivilbevölkerung vor Ort befürchtet, dass keine Lösung in Sicht ist. Ihr Leiden wurde durch den Zusammenbruch des Waffenstillstands und die fortlaufende Offensive noch verstärkt. Das Leben hier ist geprägt von Bomben und Vertreibung. Was uns Weißhelme angeht: Unsere freiwilligen Helfer sind mit der schrecklichen Situation mittlerweile mehr als vertraut. Das soll aber nicht bedeuten, dass wir uns damit zufrieden geben oder aufgeben. Einige unserer Freiwilligen wurden sieben- oder achtmal aus ihren Häusern vertrieben. Auch wir sind Syrer*innen und Teil der Bevölkerung. Was gerade passiert, wirkt sich auch stark auf uns persönlich aus. Der Druck, der von der Arbeit kommt, belastet uns ständig. Doch uns gibt die Rettung jedes einzelnen Lebens wieder Hoffnung weiterzumachen.

Das syrische Regime und Russland hat euch Weißhelme im Visier. Wie geht ihr damit um?

Das russische Bündnis mit dem Regime hat den systematischen Plan, uns entweder physisch oder durch gezielte Hetze in Medien anzugreifen. Wir verfolgen die Medienberichterstattung über uns ganz genau. Aber wir tun das mit dem Ziel, um unsere Teams zu schützen und sicherzustellen, dass unsere Arbeit fortgesetzt werden kann. Wir glauben nämlich, dass diese systematische Aktion darauf abzielt, uns zuerst zu frustrieren und unser größtes Ziel in Frage zu stellen: Nämlich nicht nur Ersthelfer*innen, sondern auch Augenzeugen von den Verbrechen zu sein. Ein Verbrecher hat immer die Zeug*innen im Visier, und genau das ist bei Russland und dem Regime der Fall. Sie wissen genau, dass wir all ihre Verbrechen dokumentieren.

Mit welchen Einsatzmitteln arbeitet ihr? 

Wir setzen logistisch alles ein, das wir kriegen können – Fahrzeuge, Werkzeuge und andere Geräte. Aufgrund der Lage in Syrien ist es schwierig, bestimmte Materialien und Ausrüstungsgegenstände über die Grenze zu bringen. Deshalb verfügen wir nur über wenige professionelle Geräte. Hinzu kommt, dass unsere Ausrüstung immer wieder systematisch zerstört wird; eine Neuanschaffung ist oft unmöglich.

Was fehlt euch gerade in dieser katastrophalen Lage in Idlib besonders?

Die zivilgesellschaftlichen Retter*innen der Weißhelme und ihre Krankenwagen sind Ziel des syrischen Regimes.

 

Alles. Uns fehlt es einfach an allem. Insbesondere verlieren wir aber alle paar Tage einen Krankenwagen, weil diese systematisch vom Regime angegriffen werden. Das ist besonders dramatisch, weil dabei auch Menschen sterben. Die Verwundeten, die darauf warten, von uns behandelt zu werden, und auch unsere Kollegen, die gerade versuchen, Menschenleben zu retten.

Wie vielen Menschen habt ihr bisher das Leben retten könneN, und wie viele von euch haben ihr Leben verloren?

Wir haben bisher mehr als 117.000 Leben gerettet. Die Einsätze belaufen sich auf mehrere Tausend. Die Todeszahl unserer Helfer*innen liegt allein in Idlib bei 268 Menschen.

Wer sind die Opfer in Idlib, und was bezwecken das Regime und Russland?

Das Hauptziel sind die Zivilist*innen. Wir haben alle Angriffe gut dokumentiert, um diese Aussage zu stützen. Ich denke, das Kalkül des russischen Bündnisses ist, den Willen und Mut der Zivilbevölkerung zu brechen. Das könnte ihnen nachher auf der internationalen politischen Bühne als Verhandlungsinstrument helfen, wenn sich die Zivilbevölkerung “ergeben” hat. Und die Menschen haben natürlich nicht viele Handlungsmöglichkeiten: Fast die Hälfte der Bevölkerung von Idlib wurde mindestens einmal in ihrem Leben vertrieben.  Ich weiß nicht, wie man den Terrorismus gegen fast vier Millionen Menschen (Die derzeitige Bevölkerung der Provinz Idlib)  glaubwürdig verkaufen kann. Die Welt ist schon verrückt geworden!

Auf welche Schwierigkeiten stosst ihr bei eurer Arbeit?

Unsere zivilen Einrichtungen, beispielsweise Krankenhäuser oder Flüchtlingseinrichtungen, sind oft Ziel von Gruppen, die direkt darauf schießen. Leider haben wir davor kaum Schutzmöglichkeiten. Ich würde aber sagen, dass die Zivilbevölkerung uns beschützt, und zwar durch das Verhältnis von Liebe und Vertrauen, das sie uns in Syrien geschenkt hat. Das ist das Schutzschild für unsere Freiwilligen.

Wie können Menschen außerhalb von Syrien euch in eurer Arbeit unterstützen? 

Im Kriegsgebrüll ist jede einzelne Stimme wichtig. Die Menschheit sollte uns Syrer*innen bei diesen militärischen Attacken durch eine Supermacht wie Russland nicht alleine lassen. Diese Verbrechen dürfen nicht mit einem Schweigen beantwortet werden. Stattdessen muss auf jede erdenkliche Weise Druck gemacht werden, um weitere Opfer zu verhindern. Wir sorgen weiterhin dafür, dass Menschenleben gerettet werden, und bitten immer wieder um Unterstützung von Menschenrechtsvertreter*innen. Wir verlangen wirklich nicht viel. Wir möchten nur, dass die fundamentalen Rechte internationaler Konventionen garantiert werden. Sie sind wie Wasser und Luft – Dinge, die nicht verloren gehen dürfen. Und wenn wir sie verlieren, bedeutet das den Tod.

In Bezug auf die Logistik verfügen wir über eine Fundraising-Seite, die finanzielle Transparenz durch legitime Mittel und Überwachung gewährleistet. So wird sichergestellt, dass Spenden sicher ankommen. Vor allem haben wir aber auch Privatspender*innen auf der ganzen Welt, die an unsere Arbeit und an Menschenrechte glauben. Jede 1-Dollar-Spende reicht aus, um uns wissen zu lassen, dass es Menschen gibt, die immer noch daran glauben, dass Syrer*innen das Leben verdienen.

Wan (türkisch-Kurdistan) soll Frauenstadt werden

Seit den Kommunalwahlen in der Türkei im Frühjahr wird Wan wieder von der HDP regiert. Die Ko-Bürgermeisterin Bedia Özgökçe will aus der Stadt eine „Frauenstadt“ machen.

ANF / WAN, 16. Aug. 2019.

Die Provinzhauptstadt Wan soll eine „Frauenstadt“ werden. Unter Vorsitz der im März gewählten Oberbürgermeisterin Bedia Özgökçe (HDP) hat die erste Sitzung der Frauenfraktion des Stadtrats im Bezirk Qerqelî (Özalp) stattgefunden. An der Sitzung nahmen die Ko-Bürgermeisterinnen der verschiedenen Bezirke der Provinz Wan sowie die Stadtratsfrauen der Demokratischen Partei der Völker (HDP) teil.

Wie Bedia Özgökçe auf der Versammlung ankündigte, sollen diese Sitzungen im monatlichen Turnus in jeweils wechselnden Bezirken stattfinden. Zum Zweck der Frauenversammlungen sagte die Oberbürgermeisterin: „Wir wollen die Probleme, die an die Bürgermeisterinnen herangetragen werden, diskutieren und im Stadtrat einbringen. Für uns ist es eine vorrangige Aufgabe dafür zu sorgen, dass alle in Wan lebende Frauen von den Dienstleistungen der Kommunalverwaltung profitieren können.“

Das Ziel sei es, eine „Frauenstadt“ zu werden, erklärte Bedia Özgökçe: „Wir haben gleich am ersten Tag mit der Arbeit am Aufbau der Frauenstadt begonnen. Unter Frauenstadt verstehen wir, dass Frauen sichtbar sind, dass sie von allen öffentlichen Angeboten profitieren können, dass der Lebensraum von Frauen vergrößert wird und dass sie nicht diskriminiert werden. Zu den größten Problemen von Frauen gehört Armut, auch dafür wollen wir im Sinne einer demokratischen Kommunalverwaltung Lösungen schaffen. Frauenstadt heißt, dass Frauen nicht Opfer von Diskriminierung und Gewalt werden. Um praktische Lösungen für die Probleme von Frauen anbieten zu können, wollen wir einen entsprechenden Mechanismus ins Leben rufen. Ich bin davon überzeugt, dass uns das gemeinsam gelingen wird. Die Tür des Rathauses steht allen Frauen und der gesamten Bevölkerung offen.“

Öcalan: „Bereit für die Lösung der kurdischen Frage“

Der kurdische Repräsentant Abdullah Öcalan wurde am 12. August von seinem Bruder auf der Gefängnisinsel Imrali besucht. Mehmet Öcalan berichtet von den Botschaften seines Bruders an die Öffentlichkeit.

ANF / REDAKTION, 16. Aug. 2019.

Vor vier Tagen konnten die Gefangenen im Inselgefängnis Imrali Besuch von ihren Angehörigen empfangen. Es handelte sich um den dritten Familienbesuch seit 2016, den der kurdische Repräsentant Abdullah Öcalan bekam. Das Gespräch mit seinem Bruder Mehmet Öcalan am zweiten Tag des islamischen Opferfestes dauerte eine Stunde.

Zwar sei in der Folge des jüngsten Hungerstreiks die Isolation gegenüber seinem Bruder teilweise aufgehoben worden, berichtete Mehmet Öcalan anschließend gegenüber der Nachrichtenagentur Mezopotamya Ajansı (MA). Doch die Sicherheitsmaßnahmen für die Besucher seien ‚sehr hässlich‘ gewesen. „Wir mussten zwei Kontrollen passieren. Was bei diesen Kontrollen geschah, ist nicht nur inakzeptabel, es ist schlichtweg unmenschlich. Wir sind Menschen und haben Rechte. Ich bin 68 Jahre alt und wurde bei der Kontrolle nackt ausgezogen. Seit 20 Jahren bin ich immer wieder nach Imrali gefahren. Mittlerweile kennen sie mich dort sehr gut. Doch dieses Mal waren wir mit äußerst hässlichen Kontrollmaßnahmen konfrontiert. Das ist nicht hinzunehmen. Diejenigen, die diese Kontrollen veranlasst haben, sollten sich schämen“, so Mehmet Öcalan.

Auch beim Betreten des Besuchsraums sei er mit einem anderen Umgang konfrontiert gewesen. „Normalerweise schaue ich in Richtung der Tür, wenn ich den Besuchsraum betrete. Dieses Mal forderten sie mich auf, in die andere Richtung zu schauen. Als dann der Vorsitzende den Raum betrat, drehte ich mich zu ihm um und schüttelte ihm die Hand. Er sagte, dass er mich nicht erwartet hatte und es ihm wie ein Zufall erschiene, dass ich heute hier bin. Ich erklärte ihm dann, dass die Anwält*innen einen Familienbesuch für den zweiten Tag des Opferfestes ermöglicht hatten.“

Anschließend habe Abdullah Öcalan seinen Bruder nach der politischen Tagesordnung in Kurdistan gefragt, woraufhin dieser wie folgt antwortete: „Ich sagte, es gibt drei Hauptthemen: Nord- und Ostsyrien, die Besatzungsoperation in Südkurdistan und die Probleme in den kurdischen Institutionen und den damit verbundenen Repressionen gegen die Bevölkerung. Außerdem sagte ich ihm, dass die Menschen draußen nach seinem Gesundheitszustand fragen. Seine Antwort hierzu lautete nur, dass ich seinen Zustand sehen könne.“

Grüße an arabische Stämme

Mehmet Öcalan berichtet, dass sein Bruder zur Situation in Nord- und Ostsyrien folgende Ausführungen gemacht hat: „Ein Krieg wird dort zu keinem Ergebnis führen. Sowohl die Türkei als auch die Völker der Region würden dadurch in Mitleidenschaft gezogen. Es braucht eine Lösung. Wenn die Türkei aber in Syrien intervenieren will, wird das zu keiner Lösung führen. Das wird auch den Völkern nichts bringen. Ich war 20 Jahre in Syrien, ich kenne die Menschen dort  gut. Auch die arabischen Stämme dort kenne ich gut, mit ihnen hatten wir damals schon Beziehungen geknüpft. Richte ihnen und den Völkern dort meine Grüße aus. Das Problem lässt sich nur durch Demokratie lösen. Ein Krieg hat noch nie zu einer Lösung geführt.

Ein Angriff auf den Süden bedeutet den Krieg

Öcalan wiederholte beim Gespräch mit seinem Bruder sein Friedensangebot an den Staat. „Wir sind bereit, für die Lösung der kurdischen Frage unserer Verantwortung und unserer Rolle gerecht zu werden“, so der kurdische Repräsentant. Vor dem Krieg in Südkurdistan habe er hingegen mit folgenden Worten eindringlich gewarnt: „Diese Operation bedeutet Krieg. Doch das Problem, mit dem wir zu tun haben, ist keines, das sich durch Blutvergießen lösen lässt. Wir sind stets auf der Seite des Friedens. Anstelle des Krieges muss es Frieden geben.“

Im Gespräch mit seinem Bruder hat Abdullah Öcalan zudem auf die Notwendigkeit einer innerkurdischen Einigkeit verwiesen. Die Operation in Südkurdistan richte sich auch direkt gegen die Bestrebungen einer kurdischen Einheit. Deshalb seien nun alle gefordert, sich für die Einigkeit unter den Kurd*innen einzusetzen.

Botschaft an die HDP

In Richtung der Demokatischen Partei der Völker (HDP) habe sein Bruder folgendes erklärt, berichtet Mehmet Öcalan: „Sie verfügen über 60 Abgeordnete. Auch bei den Kommunalwahlen konnten sie Stadtverwaltungen übernehmen. Ich habe es ihnen auch das letzte Mal mitgeteilt. Wenn ich in Freiheit wäre, würde ich die Straßen kehren. Jeder Abgeordnete muss sich 24 Stunden unter der Bevölkerung befinden. Die Partei ist eine große demokratische Institution. Sie muss mit dem Willen der Bevölkerung der Bevölkerung zu Dienste stehen. Diese Bevölkerung hat der Partei ihren politischen Willen zur Verfügung gestellt. Deshalb sollten sie (die Vertreter der Partei) der Bevölkerung dienen.“

Mazlum Abdi: Die Verhandlungen zur Pufferzone in Nordsyrien gehen weiter

 

Die indirekten Gespräche mit dem türkischen Staat gehen weiter, erklärt der QSD-Kommandant Mazlum Abdi. Ein endgültiges Abkommen über eine Pufferzone in Nordsyrien ist noch nicht getroffen.

ANF / REDAKTION, 15. Aug. 2019.

Nach Angaben von Mazlum Abdi, dem Generalkommandanten der Demokratischen Kräfte Syriens (QSD), gibt es noch kein endgültiges Abkommen über die Einrichtung einer Pufferzone in Nordsyrien. Die indirekten Verhandlungen zwischen den QSD und der Türkei dauern an. Bei den Gesprächen der vergangenen Tage zwischen den USA und der Türkei sind laut Abdi sowohl Vorschläge der QSD als auch des türkischen Staates thematisiert worden. Der QSD-Vorschlag beinhaltet demnach die Sicherheit an der gesamten Grenze in Nordsyrien.

Gegenüber ANHA hat sich der QSD-Kommandant in einem Interview zum aktuellen Stand in Nordsyrien geäußert. Wir geben das Interview leicht gekürzt wieder:

Überall wird über eine „Sicherheitszone“ oder „Pufferzone“ in Nordsyrien diskutiert. Wie benennen Sie dieses geplante Gebiet?

Das eigentliche Thema ist die Grenzsicherheit. Wie allgemein bekannt ist, gibt es mit der Türkei ein Sicherheitsproblem in der Grenzregion. Von einigen Seiten wird die geplante Zone als „Sicherheitszone“ bezeichnet. Das kann man machen, man kann es auch anders nennen. Wesentlich ist jedoch der gemeinte Inhalt, und das ist die Grenzsicherheit.

Zwischen den USA und der Türkei hat es dreitägige Gespräche gegeben. Haben Sie als QSD Ihre Meinung dabei einbringen können?

Es handelt sich dabei um einen langen Prozess. Als die USA Ende vergangenen Jahres ihren Rückzug aus der Region angekündigt haben, hat der türkische Staat sofort mit einer Invasion gedroht. Deshalb haben wir die Errichtung einer solchen Zone gefordert. Wir wissen nur zu gut, dass Rojava und Nordostsyrien keine Gefahr für den türkischen Staat darstellen. Es gab überhaupt keinen Anlass für die Türkei, einen solchen Vorwand hervorzubringen. Daher haben wir den USA unseren Wunsch erklärt, dass zwischen uns und dem türkischen Staat vermittelt und das Problem über einen Dialog gelöst wird. Dieser Prozess dauert seitdem an. Dabei sind mehrere Etappen durchlaufen worden. Es haben diverse Gespräche stattgefunden, der türkische Staat hat seine Drohungen auf höchste Ebene gebracht. Damit ist die Wahrscheinlichkeit eines Angriffs weiter gestiegen. Mit den Angriffsdrohungen haben sich natürlich auch die Initiativen der Vermittler verstärkt. Die jüngsten Gespräche haben in unserem Wissen stattgefunden.

Also ist Ihre Meinung bei den Gesprächen zwischen den USA und der Türkei in Ankara diskutiert worden?

Ja, so ist es. Als die „Sicherheitszone“ erstmalig ins Gespräch gebracht wurde, haben wir als QSD unsere eigenen Vorschläge vorgelegt und erklärt, was wir uns darunter vorstellen. Unser Projekt haben wir den USA dargelegt. Die türkische Seite hat eine eigene Meinung zu diesem Thema. In den Gesprächen wird über diese beiden Ansichten verhandelt. Die Türkei hat bisher kontinuierlich auf ihren eigenen Forderungen beharrt. Meiner Meinung nach ist unser Projekt sehr nachvollziehbar und vernünftig. Es berücksichtigt die Sicherheitsbedenken beider Seiten. Deshalb gehe ich davon aus, dass es wesentlich sein wird.

In den Medien sind zahlreiche Berichte über die Gespräche in Ankara erschienen. Es gab verschiedene Kommentare und in einigen Meldungen sind sogar die vermeintlich getroffenen Entscheidungen aufgezählt worden. Offiziell gibt es jedoch noch keine Erklärung zu den Einzelheiten. Es wird über das Ausmaß der geplanten Zone und die Öffnung des Luftraums für die Türkei spekuliert. Können Sie uns sagen, was wirklich in Ankara beschlossen worden ist?

Zunächst möchte ich festhalten, dass die Gespräche noch nicht abgeschlossen sind. Die aktuelle Situation stellt für uns ein Problem dar, weil der türkische Staat ständig mit einem Krieg droht. Für uns ist wichtig, dass die Probleme über einen Dialog gelöst werden. Wir haben kein Interesse an einem Krieg.

Sie haben bereits früher einmal erklärt, dass indirekte Gespräche mit der Türkei stattfinden.

Ja, die USA betätigen sich zurzeit als Vermittler zwischen uns und der Türkei. Sie übermitteln uns ständig die Meinung des türkischen Staates und umgekehrt. Beide Seiten teilen mit, welche Punkte sie akzeptieren und welche nicht. Das Abkommen, das zwischen den USA und der Türkei geschlossen und veröffentlicht worden ist, verweist darauf, dass die Verhandlungen weitergehen. Das betrachten wir als positiv. Es beinhaltet noch keine Einzelheiten.

Es wird darüber spekuliert, dass eine Einigung über eine „Sicherheitszone“ zwischen Girê Spî und Serêkaniyê erzielt worden ist und dieses Gebiet zwischen fünf und 14 Kilometer ins Landesinnere reichen sollen. Können Sie dazu etwas sagen?

Ich kann an dieser Stelle etwas zu unserem Vorschlag sagen. Unser Projekt beinhaltet das gesamte Gebiet zwischen dem Tigris und dem Euphrat. Wir wollen nicht nur ein Teilgebiet, das haben wir abgelehnt. Sollte es ein Abkommen geben, muss es für ganz Nord- und Ostsyrien gelten. Das Gebiet zwischen Euphrat und Tigris muss fünf Kilometer ins Landesinnere reichen. Zwischen Girê Spî und Serêkaniyê geht es an manchen Stellen um neun Kilometer und in einem sehr kleinen Bereich um bis zu 14 Kilometer.

An welcher Stelle sollen es 14 Kilometer sein?

Die Stelle liegt zwischen Girê Spî und Serêkaniyê. Dort verläuft ein Bach, der die Grenze bildet.

Also ist noch keine eindeutige Entscheidung zur Frage einer „Sicherheitszone“ zwischen Girê Spî und Serêkaniyê gefallen?

Nein, eine solche Entscheidung gibt es nicht, aber es gibt die Forderung, dass in diesem Gebiet mit der Errichtung begonnen werden soll. Danach kommen die Regionen Kobanê, Qamişlo und Dêrik.

Warum möchten Sie, dass dieses Gebiet die gesamte Grenzregion umfasst? Und warum will der türkische Staat ausgerechnet das Gebiet zwischen Girê Spî und Serêkaniyê?

Wenn es eine Einigung gibt, soll sie unserer Meinung nach allgemein sein und nicht nur für eine Region gelten. Rojava und Nordostsyrien sind ein Gebiet, es gibt keinen Unterschied zwischen einzelnen Orten. Richtig, in Girê Spî und Serêkaniyê leben mehrheitlich arabische Menschen, aber auch diese Region ist ein Teil Syriens. Sie ist nicht anders als Kobanê, Qamişlo und Dêrik. Ein Abkommen muss daher für alle Bereiche in Syrien gelten, die von uns kontrolliert werden. Praktisch ist es jedoch nicht möglich, ein solches Abkommen zeitgleich überall umzusetzen. Der türkische Staat hat eine Region genannt, die den Anfang bilden soll. Für uns ist es kein großes Problem, wo der Anfang gemacht wird.

Welche Kräfte werden in der zu errichtenden Zone vertreten sein und wer übernimmt die Koordinierung?

Laut dem bisherigen Abkommen ziehen wir unsere Kräfte fünf Kilometer zurück. An ihre Stelle kommen lokale Kräfte, also die Militärräte, die aus ortsansässigen Menschen gebildet worden sind. Sie werden mit den Kräften der internationalen Koalition zusammenarbeiten und für die Sicherheit sorgen.

Es wird auch darüber spekuliert, ob der Luftraum über der Sicherheitszone von der Türkei genutzt werden wird. Gibt es einen solchen Beschluss?

Nein, das ist zwar gefordert, aber nicht akzeptiert worden. Wir würden es niemals akzeptieren. Es besteht auch gar kein Bedarf. Die als „Sicherheitszone“ bezeichneten Gebiete sind ohnehin von türkischen Aufklärungsdrohnen einsehbar. Wenn sie jedoch auch über diesem Gebiet fliegen dürfen, kann auch eine Aufklärung über weiterreichenden Gebieten stattfinden und das wäre riskant.

Aus der Türkei wurde erklärt, dass in dem einzurichtenden Friedenskorridor Flüchtlinge aus Syrien untergebracht werden sollen. Was sagen Sie dazu?

Dazu möchte ich zunächst sagen, dass der Begriff „Friedenskorridor“ nur vom türkischen Staat genutzt wird. Er ist erstmalig im türkischen Sicherheitsrat verwendet worden. Für uns hat diese Bezeichnung keinen offiziellen Wert. Unsere Gebiete sind sowieso schon immer die sichersten und friedlichsten Gebiete in Syrien. Darüber hinaus haben wir bereits mehrmals erklärt, dass wir uns eine Rückkehr der Menschen aus der Region wünschen. Dabei geht es allerdings nur um solche, die auch aus Nord- und Ostsyrien stammen. Außerdem setzen wir die Bedingung, dass alle, die sich an der Bevölkerung schuldig gemacht haben und von uns gesucht werden, vor Gericht gestellt werden.

Sie haben gesagt, dass die Verhandlungen noch andauern. Was für eine Auswirkung wird es auf Gebiete wie Dscharablus, Azaz, Bab und vor allem Efrîn haben, wenn die Gespräche zu einem positiven Abschluss kommen?

Ich bin davon überzeugt, dass im Falle eines Abkommens zu Nord- und Ostsyrien die Besatzung in den von Ihnen genannten Orten und insbesondere in Efrîn geschwächt wird. Damit würde die Wahrscheinlichkeit, dass die Besatzung vollständig beendet wird, sehr viel größer werden.

Trotz der laufenden Verhandlungen dauern die Drohungen türkischer Politiker weiter an. Was soll damit erreicht werden?

Die Drohungen zeigen nicht die Stärke des türkischen Staates, sondern seine Schwäche. Wir wissen, dass es dort interne Probleme gibt. Allen Seiten ist klar, dass deshalb immer auf die äußeren Probleme verwiesen wird. Die Aufmerksamkeit der Öffentlichkeit soll aufs Ausland gerichtet werden. Da wir den türkischen Staat kennen, wundert uns das nicht. Als QSD betrachten wir die Angelegenheit jedoch aus militärischer Sicht. An unserer Grenze findet immer noch eine türkische Truppenkonzentration statt. Die Kriegsgefahr ist keinesfalls vorbei und es ist nicht sicher, wie die Gespräche ausgehen werden. Daher müssen wir unseren Kampf weiter führen, auch die Bevölkerung muss ihren Widerstand ausweiten.

Vom Assad-Regime verbotene Bäume werden wieder gepflanzt

Das Pflanzen von Obstbäumen war in der Region Hesekê im Rahmen der Politik des arabischen Gürtels verboten. Im selbstverwalteten Nord- und Ostsyrien entstehen neue Obsthaine.

ANF / HESEKÊ, 14. Aug. 2019.

Die Region Cizîrê in Nordsyrien verfügt über die fruchtbarsten Böden des gesamten Landes. Dennoch wurde die landwirtschaftliche Produktion vom Assad-Regime dort systematisch behindert, allein der Anbau von Getreide war erlaubt. So entwickelte sich die Region zu einer Weizenmonokultur. Seit Beginn der Revolution von Rojava arbeiten die Landarbeiter*innen an einer diversifizierten, nachhaltigen Landwirtschaft und können pflanzen, was sie für richtig halten.

Das Dorf Şemokê liegt etwa 20 Kilometer westlich von Hesekê. Dort betrieb Adurrahman Emîn gemeinsam mit seiner Familie trotz der scharfen Gesetze des Regimes diversifizierte Landwirtschaft. Die Familie lebt von der Landwirtschaft und hat in den vergangenen zwanzig Jahren etwa fünf Hektar bewirtschaftet. Mit der Befreiung der Region durch die Revolution von Rojava konnte sie nun auch verbotene Bäume wie Granatapfel, Apfel, Birne, Pflaume, Mandeln, Feigen, Pfirsiche, Aprikosen, Oliven und auch Trauben anpflanzen.

Adburrahman Emîn begann drei verschiedene Sorten Granatäpfel und zwei verschiedene Sorten Trauben täglich auf dem Markt von Hesekê zu verkaufen. Er liebt die Natur und lebt mit ihr, sagt er. Das Studium des Landwirtschaftsingenieurwesens seines Sohnes hat Emîn gefördert. Sein Sohn beschäftigt sich mit dessen Ehefrau insbesondere mit Apfelbäumen. Mittlerweile muss die Familie im Sommer kein Obst oder Gemüse mehr zukaufen und kann sich selbst versorgen. Allerdings gibt es immer wieder Schwierigkeiten mit der Wasserversorgung, da die Türkei über die Staudämme das Wasser kontrolliert.

Ida-Berge: Umweltwiderstand von Kurdistan bis an die Ägäis

Im westtürkischen Ida-Gebirge schürft ein Bergbau-Konzern nach Gold. Anwohner*innen leisten gemeinsam mit Aktivist*innen aus der ganzen Türkei und Kurdistan Widerstand gegen die Umweltzerstörung.

ANF / ÇANAKKALE, 13. Aug. 2019.

Im westtürkischen Ida-Gebirge schürft ein kanadischer Bergbau-Konzern nach Gold. Anwohner*innen leisten gemeinsam mit Aktivist*innen aus der ganzen Türkei und Kurdistan Widerstand gegen die Umweltzerstörung.

Der türkische Staat hat der kanadischen Firma Alamo Gold Inc. das Gelände und die Schürfrechte für 90 Millionen Dollar zur Verfügung gestellt, heißt es. Mit 4,5 Prozent sei die Türkei zudem an dem Goldertrag beteiligt. Die Dimension der 2017 begonnenen Rodung der Region wurde mit einem vor Kurzem veröffentlichtem Drohnen-Video deutlich. Das Video war in den letzten vierzehn Tagen millionenfach in den sozialen Medien geteilt worden. Es zeigt verwüstete Berghänge, umgewühlte Täler, nachhaltig zerstörte Umwelt. In den vergangenen zwei Jahren wurden Hundertausende Bäume vernichtet.

Seit 19 Tagen strömen Protestierende in die Berge

Seit 19 Tagen protestieren die Aktivist*innen. An der Mahnwache in der Provinz Çanakkale nehmen auch Vertreter*innen der Demokratischen Partei der Völker (HDP) und der Arbeiterpartei der Türkei (TİP) teil. Die Aktivist*innen sind entschlossen, den Widerstand fortzusetzen, bis der kanadische Goldkonzern aufgibt.

Bülent Yoldaş vom Demokratierat von Kadıköy erklärte auf der Mahnwache: „Es ist noch nicht zu spät für die Ida-Berge, Hasankeyf, den Munzur, Fatsa und Eskişehir, wir werden uns vereinen und gemeinsam Widerstand leisten. Zusammen werden wir gewinnen.“ Ekrem Akgül vom Solidaritätsverein IDA sagte, dass der Konzern 2017 mit dem Fällen der Bäume begonnen habe: „Wir haben den Unterschied zwischen Recht und Gerechtigkeit gesehen. Daher haben wir einen anderen Weg eingeschlagen und ein Camp errichtet. Der eigentliche Grund für das Camp ist es, einen Treffpunkt einzurichten. Soviel auch in den sozialen Medien geteilt wird, die Reaktion der Menschen ist allenfalls ein trauriger Emoji. Das hier in der Realität zu sehen, hinterlässt einen viel massiveren Eindruck. Das gerodete Gebiet war ein Wald, der zwei Hänge verband. Vor kurzem stand der Wald noch. Dort flogen die letzten Vögel. Hier wurde der Dolch ins Herz der Ida-Berge gerammt.“

Acht neue Protestdörfer errichtet

An den Protesten nehmen auch Abordnungen aus Heskîf (Hasankeyf) und vielen anderen Orten der Türkei und Kurdistans teil. Seit Tagen werden acht Protestdörfer errichtet, in denen Hunderte Menschen leben. Die Protestierenden nennen diese Dörfer Hasankeyf, Munzur, ODTÜ, Fatsa, Alakır, Salda, Cerattepe und Nordwald. Immer neue Aktivist*innen kommen an und werden in den Zelten untergebracht.

Jeden Tag mehrere Demonstrationen – Gestern über 10.000 Teilnehmer*innen

Zwischen Diskussionsveranstaltungen über die Organisierung des Widerstands finden immer wieder Demonstrationen unter Parolen wie „Die Ida-Berge sind unser“ statt. Gestern lag die Zahl der Demonstrant*innen weit über 10.000.

Wenn es solche Proteste wegen Heskîf gegeben hätte …

Doğan Yıldırım aus dem fast 3.000 Kilometer östlich gelegenen Wan nimmt seit vier Tagen an der Mahnwache teil. Er sei aufgebrochen, als er von der Zerstörung der Ida-Berge erfuhr und habe hier sein Zelt aufgeschlagen, erklärt er. Der Widerstand hier könne auch einen Einfluss auf das Schicksal des Munzur und von Heskîf haben. „Wenn es zur richtigen Zeit am richtigen Ort ernsthafte Proteste gegeben hätte, dann hätte die Verwüstung, die wir heute erleben, nicht stattfinden können“, erklärt Yıldırım.

Geschichte soll vernichtet werden

Die HDP-Abgeordnete Züleyha Gülüm erklärt: „Die einzige Sorge der Regierung ist es, Geld für ihre Anhänger heranzuschaffen. So wird im ganzen Land vorgegangen. Hasankeyf ist ein Beispiel, die Schwarzmeerregion ist ein weiteres Beispiel. Auch die Geschichte des kurdischen Volkes soll vernichtet werden.

Wir müssen zusammen kämpfen

Unsere Aufgabe ist es nicht Teilbereichskämpfe zu führen, sondern alles zusammenzubringen. Es wird versucht, uns einzeln ins Visier zu nehmen und einzuschüchtern. Demgegenüber müssen wir alle gemeinsam aufschreien. Wo auch immer müssen wir den gemeinsamen Kampf organisieren. Wir haben in Gezi gesehen, wie stark wir zusammen sind.“

Hakkari/türkisch-Kurdistan: Neuanfang nach den Kommunalwahlen

„Wir lassen uns nicht einschüchtern“

Cihan Karaman und Hümeyra Armut sind die HDP-Ko-Bürgermeister*innen der nordkurdischen Stadt Colemêrg. Sie übernahmen die Stadtverwaltung aus der Zwangsverwaltung verschuldet und ausgeschlachtet.

ANF / COLEMÊRG, 13. Aug. 2019.

Nach dem Wahlsieg der Demokratischen Partei der Völker (HDP) übernahmen Cihan Karaman und Hümeyra Armut das Amt der Ko-Bürgermeister*innen von Colemêrg (Hakkari) aus den Händen des per Ausnahmezustandsdekret vom AKP-Regime eingesetzten Treuhänders. Wir sprachen mit den Ko-Bürgermeister*innen über ihre bisherige Arbeit.

Der Ko-Bürgermeister Cihan Karaman berichtet von der Verwüstung, die zweieinhalb Jahre Zwangsverwaltung verursacht haben. Er beschreibt, wie der Zwangsverwalter von ihnen entwickelte Projekte halbfertig kaltgestellt hat und seine miserable Arbeit als Dienst an der Bevölkerung darstellte. Während der Zwangsverwaltung wurde das gesamte Personal der Stadtverwaltung gegen Personen aus anderen Regionen, die dem Zwangsverwalter nahestanden, ausgetauscht. Alle Ausschreibungen, das Rathaus inklusive, wurden zu Höchstpreisen an das Klientel des Staatsbeamten vergeben: „Bei den Angeboten war klar, dass es hier nicht um einen Dienst an der Bevölkerung, sondern am eigenen Klientel ging. Zum Beispiel gab es eine Ausschreibung für Straßenbau für elf Millionen Lira. Als die Straßen gebaut waren, wurde eine Ausschreibung für Gas-Leitungen gemacht. Niemand hat gesagt, dass erst die Infrastruktur notwendig ist und man dann darüber baut. Die Straßen müssen jetzt alle wieder aufgerissen werden, um die Gasleitungen zu verlegen. Nun sind elf Millionen Lira für die Tonne. Wer gewinnt dadurch? Die AKPler, welche die Ausschreibung gewonnen haben.“

Die „Arbeiten“ des Zwangsverwalters hätten vor allem seiner Selbstdarstellung gedient, betont Karaman, das Geld der Menschen von Colemêrg sei verschwendet worden. „Stellen Sie sich vor, bei eiskaltem Wetter sind die Straßen geteert worden. Diese Straßen sind jetzt alle völlig kaputt. Das wurde nicht als Dienstleistung getan, sondern um die Leute zu blenden“, erläutert Karaman. „Jede dieser Arbeiten wurde für uns zu einer Last. Wir werden nach jedem Cent fragen, der den Menschen von Colemêrg verloren gegangen ist.“ Er berichtet weiter, dass ein Projekt für Radwege vom Zwangsverwalter begonnen wurde, das zu 90 Prozent vom Staat garantiert war, die Garantie wurde jedoch nach der Wahlniederlage der AKP zurückgezogen.

Der Gouverneur verhindert die Umsetzung von Projekten

Seit sie im Amt sind, haben sie viele Projekte vorbereitet, wurden aber immer wieder durch den Gouverneur behindert, betont Ko-Bürgermeisterin Armut. Der Zwangsverwalter habe viele Menschen in Bereichen angestellt, in denen niemand gebraucht werde, während an wichtigen Stellen Fachleute fehlen. Neuanstellungen werden aber durch den Gouverneur verhindert. Armut betont, dass eines der wichtigsten Probleme von Colemêrg die Wasserfrage sei. Sie haben den Menschen in Colemêrg versprochen, ihnen zumindest 18 Stunden am Tag Wasser zur Verfügung zu stellen. Das System breche jedoch immer wieder zusammen. Die verantwortlichen Dienstleister sitzen in Samsun und unternehmen nichts, um die Probleme mit dem Wassersystem zu beheben. Armut dazu: „Wir haben begonnen, uns auf die Suche nach einer dauerhaften Lösung zu machen. Wenn wir in Colemêrg ein Team Reparaturarbeiter finden, kann sofort interveniert werden. Wir werden das Problem lösen.“

Sie berichtet, man habe auch angefangen die Straßen auszubauen und werde mindestens die Hauptstraßen reparieren. Auch werde man das Projekt der Radwege abschließen, auch wenn der Staat sich aus der Finanzierung zurückgezogen hat. Über die weiteren Pläne sagt Armut: „Wir planen in jedem Viertel ein öffentliches Backhaus einzurichten. Wir werden an den Häusern Märkte einrichten. So werden wir sowohl unsere Kultur, als auch unsere Werte weitertragen und für ein kontinuierliches Einkommen von Frauen sorgen.“

Rojava: Täglich von türkischen Grenzsoldaten beschossen

Täglich werden Menschen in Nordsyrien von türkischen Grenzsoldaten angegriffen. Die Landwirtschaft im Grenzgebiet liegt brach, Schulen mussten aus Sicherheitsgründen geschlossen werden.

ANF / GIRÊ SPÎ, 11. Aug. 2019.

Die Türkei will aufgrund angeblicher Sicherheitsbedenken einen „Friedenskorridor“ im Grenzgebiet in Nordsyrien einrichten. Staatschef Erdoğan hat wiederholt eine Invasion in der Region angekündigt, mit der die in jahrelanger Arbeit aufgebaute Selbstverwaltung von Nord- und Ostsyrien zerschlagen werden soll. Aber auch ohne einen grenzüberschreitenden Einmarsch der türkischen Armee werden die Bewohner des Grenzgebietes in Rojava seit Jahren von türkischer Seite aus angegriffen. Die Felder liegen brach, weil täglich über die Grenze geschossen wird.

Osman Mehmûd lebt im Dorf Sûsikê in Girê Spî (Tall Abyad). Der 69-Jährige hat seinen Lebensunterhalt schon immer als Bauer bestritten. Seit zwei Jahren setzt er jedoch keinen Fuß mehr auf seine Felder. Sein Bruder Ezedîn wurde am 24. April 2017 auf dem Weg zu seinem Feld von türkischen Soldaten erschossen.

Schulen geschlossen

Drei Dorfschulen in der Region mussten aus Sicherheitsgründen geschlossen werden. „Sobald die türkischen Grenzsoldaten eine Bewegung an der Schule festgestellt haben, wurde sofort geschossen. Deshalb können die Kinder nicht mehr in die Schule gehen“, erzählt Mehmûd. Die Dorfbewohner haben jetzt Unterricht in Wohnhäusern organisiert, um den Kindern wenigstens ein Minimum an Schulbildung zu ermöglichen.

Die Situation ist in allen Dörfern an der Grenze zur Türkei gleich, meint Mehmûd: „Niemand hier betreibt Grenzschmuggel oder gefährdet in irgendeiner Form die Sicherheit der Türkei. Wir werden trotzdem angegriffen. In fast allen Familien gibt es Geschichten, die von schmerzvollen Erfahrungen zeugen.“

„Wir werden eine Besatzung nicht zulassen“

Osman Mehmûd verweist auf die Truppenkonzentration auf der anderen Seite der Grenze und sagt: „Niemand in der Region befürwortet einen türkischen Einmarsch. Sollte die Invasion beginnen, werden wir alle bis zum letzten Blutstropfen Widerstand leisten. Eine Besatzung werden wir nicht zulassen.“

Was der türkische Staat anstrebe, zeige sich deutlich in dem im vergangenen Jahr besetzten Kanton Efrîn, fährt Mehmûd fort: „Die Türkei will uns unser Land rauben und uns von hier vertreiben. Deswegen ist Widerstand unsere einzige Alternative.“