Raqqa auf dem Weg in eine neue Zukunft

Für Raqqa bedeutete die Besetzung durch den IS den Anbruch einer Zeit der Gräueltaten und Unterdrückung. Mit der Befreiung der Stadt im vergangenen Jahr unter Führung der YPJ begann eine Zeit der Selbstorganisierung und Emanzipation.

ANF / RAQQA, 18. Okt. 2018.

Nach der Befreiung der nordsyrischen Stadt Raqqa unter Führung der Frauenverteidigungseinheiten YPJ (Yekîneyên Parastina Jin) im Oktober 2017 wurde die Verwaltung der Stadt dem Zivilrat übergeben. Seitdem wird im Gesundheits-, Bildungs-, Sicherheitsbereich und vielen anderen gesellschaftlichen Sektoren ein neues Leben aufgebaut.

Nachdem die irakische Stadt Mosul 2014 vom sogenannten Islamischen Staat (IS) besetzt wurde, marschierten die Dschihadisten mit den dort erbeuteten Waffen in Raqqa ein, einer der größten Städte Syriens. Die Al-Qaida-Gruppe Jabhat al-Nusra und die sogenannte Freie Syrische Armee (FSA) gaben die Stadt auf. Wenig später wurde Raqqa zur Hauptstadt des „IS-Kalifats“ ernannt und mit einer an der salafistischen Interpretation der Scharia orientierten Schreckensherrschaft überzogen. Von Raqqa aus übernahm der IS Schritt für Schritt viele weitere nordsyrische Städte und richtete sein Augenmerk im September 2014 auf Kobanê. Der IS griff die Stadt an drei Fronten an, stieß dort aber auf einen unvergleichlichen Widerstand. In Kobanê erlitt die Terrormiliz ihre Niederlage und wurde von nun an Stück für Stück in sein Zentrum Raqqa zurückgedrängt.

Gegen das Regime der Schreckensherrschaft führte insbesondere der militärische Arm des aus den Bevölkerungsgruppen von Nord- und Ostsyrien gebildeten Demokratischen Syrienrats (MSD) – die Demokratischen Kräfte Syriens (QSD) – einen entschlossenen Kampf. Am 6. Juni 2017 begannen die QSD mit ihrer Offensive zur Befreiung von Raqqa und konnten die dortige IS-Herrschaft nach fünf Monaten heftigster Gefechte beenden.

Der Sieg von Raqqa

Die Erklärung der Befreiung der Stadt gaben die an vorderster Front gegen den IS kämpfenden Frauen der YPJ ab. Diese Erklärung wurde der ganzen Welt am 19. Oktober 2017 auf dem Al-Naim- Platz verkündet, wo der Islamische Staat öffentliche Hinrichtungen durchführte. Morgen jährt sich dieser Tag zum ersten Mal. Die etwa 200 Kilometer östlich von Aleppo gelegene Stadt mit ihren rund eine Million Einwohner*innen wurde ab 2014 zur Zeugin schlimmster Tragödien.

Die Verwaltung der Stadt

Die Verwaltung der befreiten Stadt Raqqa wurde nach kurzer Zeit einem Zivilrat übergeben. Dieser Zivilrat begann mit 60 Mitgliedern und besteht nun aus 200 Araber*innen, Kurd*innen, Armenier*innen, Turkmen*innen und Suryoye. Der Ko-Vorsitz wird von einer arabischen und einer kurdischen Vertreter*in gestellt. Der Rat organisiert sich über Volksversammlungen in Zentral-Raqqa, den Kreisstädten, den Gemeinden und den Dörfern. An vielen Orten wurden Vertretungen des Rates eröffnet, und in der gesamten Stadt wurden Kommunen gebildet. Der Zivilrat bereitet sich im Moment auf den 1. Jahrestag der Befreiung vor. Es werden viele Menschen, auch internationale Delegationen, zu den Feierlichkeiten in Raqqa erwartet.

Alltagsleben

Die Zerstörungen durch den Islamischen Staat wurden eine nach der anderen beseitigt. Die Rückkehr der Bevölkerung in die Stadt nimmt ebenfalls kontinuierlich zu. Insbesondere in den Vierteln, in denen die Kämpfe zu Kriegszeiten am heftigstenn waren, stechen die vielen Menschen auf den Straßen ins Auge. Überall werden Läden eröffnet. Die Häuser, die aufgrund der Flucht vor dem IS verlassen worden sind, beginnen sich ebenfalls wieder mit Leben zu füllen. Auf den Märkten und Plätzen ist viel los. Die Baumaschinen arbeiten rund um die Uhr am Wideraufbau der Stadt. Die Mansura- und die Korniş-Brücke, die den Euphrat im Süden der Stadt überspannten, waren vom IS gesprengt worden. Die Reparatur und Wartung der Brücken hat ebenfalls begonnen. Die Menschen, die auf der gegenüberliegenden Seite des Flusses Leben, überqueren diesen noch immer mit Fähren und Frachtkähnen.

Stadtverwaltung kümmert sich um Wiederaufbau der Infrastruktur

Abgesehen vom Rat stellt die Stadtverwaltung von Raqqa ein wichtiges Zentrum der Stadt dar. Unter der IS-Herrschaft handelte es sich beim Rathaus um ein Folterzentrum und Gefängnis. Nun wurde das Gebäude der Bevölkerung geöffnet. Die Stadtverwaltung spielt bei der Erneuerung der durch den Krieg zerstörten Infrastruktur eine wichtige Rolle. Sie begann ihre Arbeit mit einem Stab von 13 Personen. Mittlerweile bieten dort bereits 150 Personen Dienstleistungen an. Sie beschäftigen sich unter anderem mit der Infrastruktur, der Stromproduktion und der Brotherstellung. Während in Raqqa auch wieder nahezu jedes Haus an das Wassernetz angeschlossen ist, können im Moment nur drei Stadtteile durch die Hauptstromversorgung erreicht werden. Die anderen Stadtteile werden mit Unterbrechungen durch Generatoren versorgt. In Vierteln wie Mansur, Raşidiye, Rafqa, Mahdi und Salihiye, die Schauplätze von heftigen Gefechten zwischen dem IS und den QSD geworden waren, dauern die Minenräumarbeiten ebenfalls noch an.

Historische Orte

Die Reparatur der sich wie ein „J“ um die Stadt erstreckenden historischen Mauern hat ebenfalls begonnen. Die während des Krieges beschädigten Orte werden restauriert und von den dort versteckten Minen befreit. Im vergangenen Jahr wurden das Bagdad-Tor und seine Umgebung von Minen geräumt. Das dortige Industriegebiet hat sich in einen der belebtesten Orte der Stadt verwandelt. Die fast am Ende der Mauern befindliche Festung Harun Rashids wurde abgesperrt und gesichert.

Sicherheit

Während die äußere Sicherheit der Stadt von den QSD garantiert wird, sorgen die Gesellschaftlichen Verteidigungskräfte (HPC) und die Frauenverteidigungskräfte (HPJ) sowie die zum Asayiş gehörigen Kräfte der Inneren Sicherheit für den Schutz innerhalb der Stadt. Das hohe Verkehrsaufkommen soll durch Verkehrspolizist*innen in den Straßen und Gassen geregelt werden. Insbesondere in den Nachtstunden werden die Sicherheitsmaßnahmen intensiviert.

Bildung

Eine der stärksten Veränderungen erlebte das Bildungssystem. Beim IS waren die Schulen zu Kasernen geworden. Mit der Befreiung von Raqqa begannen die Kinder in die Schulen zurückzukehren. Bisher wurden in der gesamten Stadt etwa sechzig Schulen eröffnet. Die Kinder werden dort in ihren Muttersprachen unterrichtet.

Gesundheit

Die Arbeiten am Gesundheitswesen gehen sowohl im Rat als auch in der Stadtverwaltung weiter. Viele im Gesundheitsbereich Beschäftigte waren gezwungen, vor dem IS zu fliehen und kehrten nach der Befreiung in die Stadt zurück. Bis jetzt wurden zehn Krankenhäuser eröffnet und viele Gesundheitszentren eingerichtet. Die Versorgung wird von Ärzt*innen aus Raqqa und Ärzt*innen und Mitarbeiter*innen von Heyva Sor gewährleistet.

Hochschulkonferenz in Rojava

Am 19. und 20. Oktober findet eine Konferenz der Universitäten und Akademien Nord- und Ostsyriens in Qamişlo statt.

AXÎN TOLHILDAN / ANF/QAMIŞLO, 19. Okt. 2018.

Die zweitägige Konferenz der Universitäten und Akademien von Nord- und Ostsyrien beginnt heute. Themen der Konferenz sind die Bildung, die Probleme und das Prüfungssystem an den Hochschulen. Die Konferenz wird von der Rojava Universität, der Kobanê Universität, der Efrîn Universität und der Mesopotamien-Akademie auf dem Campus der Rojava Universität von Qamişlo ausgerichtet. ANF sprach mit der Lehrkraft an der Literaturwissenschaftlichen Fakultät der Rojava Universität, Aram Hesen, und mit Leyla Ehmê, Lehrkraft an der Jineolojî-Fakultät.

Aram Hesen wies darauf hin, dass jede einzelne der Universitäten in Nord- und Ostsyrien über ihr eigenes Bildungs- und Prüfungssystem verfügt, und dass man nun darauf abziele, einige gemeinsame Grundlinien herauszuarbeiten und zusammenzuführen. Hesen sagte: „Es bestand der Bedarf für eine Konferenz, bei der die unterschiedlichen Systeme unter einem Dach zusammengeführt werden sollen. Auch wenn es hier um kleine Vereinheitlichungen geht, so soll doch ein gemeinsamer Punkt gefunden werden. Das ist einer der Gründe, warum wir mit dieser Arbeit begonnen haben. Es geht darum, die Originalität jeder Universität zu bewahren. Auf dieser Grundlage haben wir ein Komitee gegründet, um die Ordnungen unserer Universitäten richtig kommentieren und bearbeiten zu können. Dieses Komitee arbeitet bereits.“

Komitees werden vorbereitet

Anstelle eines Systems des Auswendiglernens arbeite man an einem wissenschaftlichen und auf Kommentierung basierenden Bildungsmodell, erklärt Hesen, und fährt fort: „Wir zielen darauf ab, unsere als Alternative zum Prüfungssystem entwickelte, auf der Fähigkeit zum Kommentieren basierende Form der Bildung weiter zu entwickeln. Wir haben zusätzlich zu den bereits bestehenden Komitees ein Komitee, das sich mit den Regulierungen an der Universität beschäftigt, und zwei Komitees, welche sich mit den disziplinarischen Regulierungen beschäftigen, gebildet. An der Konferenz werden sowohl die Leitung aller drei Universitäten als auch die Lehrkräfte, Studierenden und Vertreter*innen der bestehenden Institutionen teilnehmen.

Das Ziel ist es, ein gemeinsames System zu schaffen

Leyla Ehmê von der Jineolojî-Fakultät sagt: „Das Ziel der Konferenz ist es, ein gemeinsames System an den Universitäten in Rojava zu schaffen, die Kommunikation zwischen den Universitäten garantieren zu können und die Besonderheiten jeder einzelnen Universität zu bewahren. Wir zielen darauf ab, ein gemeinsames System der Universitäten unter Einschluss ihrer Besonderheiten aufzubauen.“

Jineolojî: Eine neue Wissenschaft

Die Einrichtung einer Fakultät für Jineolojî ist ein weltweites Novum. Ehmê erzählt, dass die Fakultät nun ein Jahr besteht und großes Interesse erfährt: „Seit hier die weltweit erste Fakultät für Jineolojî vor einem Jahr eingerichtet wurde, hat sie sowohl von unserem Volk als auch von den anderen Völkern großes Interesse erfahren. Ein Grund dafür ist, dass es sich um einen neuen Zweig der Wissenschaft handelt. Die als Frauenwissenschaften bekannte Jineolojî beschäftigt sich mit den Problemen der Frauen und damit, ihre vergessene Geschichte wieder ans Tageslicht zu holen. Dass die Universität der Erforschung dieser Geschichte und der Frage, wie Frauen auf dieser Grundlage ihre Rolle in der Gesellschaft ausüben können, eine solche Bedeutung beimisst, lässt die Universität ihre eigentliche Funktion erfüllen.“

 

MSD: Drohungen des Regimes stellen keine Lösung der Krise dar

Der Demokratische Syrienrat kritisierte die Äußerungen des syrischen Außenministers, wonach das nächste Ziel nach Idlib die Region östlich des Euphrat sein werde und wies darauf hin, dass eine „Sprache der Drohungen“ keine Lösung bringen könne.

ANF / REDAKTION, 17. Okt. 2018.

Trotz Ablauf der Frist haben sich die radikal-islamistischen Milizen nicht aus der für die Rebellenhochburg Idlib vereinbarten Pufferzone zurückgezogen. Russland und die Türkei hatten sich im September auf eine bis zu 20 Kilometer breite entmilitarisierte Pufferzone für die syrische Provinz geeinigt, die bis vergangenen Montag mit dem Abzug der Dschihadisten errichtet werden sollte. Besonders stark ist in Idlib die Miliz Hayat Tahrir al-Sham (HTS). Diese kündigte am Sonntag an, nicht aus der Region abzuziehen: „Wir werden nicht vom Weg des Heiligen Krieges abweichen, um die Ziele unserer Revolution zu verwirklichen”, hieß es in einer entsprechenden Erklärung. Syriens Außenminister Walid al-Muallim erklärte daraufhin, die HTS-Miliz müsse „ausgerottet” werden, wenn sie sich weigere, sich dem Abkommen zu beugen. Bei einem Treffen mit seinem irakischen Amtskollegen Ibrahim al-Jafari in Damaskus äußerte Muallim, seine Regierung halte daran fest, das gesamte Land wieder unter Kontrolle zu bekommen. Nach Idlib werde das nächste Ziel die Region östlich des Euphrat sein.

Damaskus: Status Quo östlich des Euphrats gegen syrische Verfassung

Der Demokratische Syrienrat (MSD) hat die Äußerungen Muallims scharf kritisiert. In einer Stellungnahme von MSD-Sprecher Emced Osman in direkter Antwort auf die Ankündigungen von Walid al-Miallim heißt es: „Nach Ansicht der syrischen und irakischen Außenminister verstoße der Status quo östlich des Euphrats gegen die syrische Verfassung. Aus diesem Grund werde Damaskus nach Idlib die Region östlich des Euphrat ins Visier nehmen.

In früheren Erklärungen hatten wir bereits deutlich gemacht, dass der wahre Grund für das Feststecken des Dialogs mit der syrischen Regierung die alten Verfassungsartikel und der Verhandlungsrahmen war, der von Damaskus zu eng angelegt wurde. Auch Behauptungen, wonach ausländische Mächte diese Treffen verhindern würden, akzeptieren wir nicht und fordern die Regierung in Damaskus auf, Maßnahmen zu ergreifen, um die Spannungen in eine politische Lösung im nationalen Rahmen zu transformieren.“

MSD: Regime ignoriert Forderungen nach Demokratie

Die Äußerungen Muallims seien ein Beleg dafür, dass die syrische Verfassung nicht den aktuellen Entwicklungen entspreche. Die jetzige Verfassung müsse überprüft und zur Debatte gestellt werden, fordert der MSD, da sie weder die Entwicklungen der letzten sieben Jahre noch die Krise und den großen Widerstand der unterschiedlichen Komponenten der Bevölkerung reflektiere. Zu den Hauptgründen für das Fortdauern der Syrien-Krise gehöre das Beharren auf der unveränderten Verfassung; außerdem ignoriere Damaskus nach wie vor die Forderungen der Völker nach Demokratie.

„Wir möchten noch einmal betonen, dass ein militärischer Weg keine Lösung sein wird. Wir werden kein militärisches Vehikel für einen Krieg gegen die syrische Regierung darstellen. Die Demokratischen Kräfte Syriens sind eine Verteidigungsmacht und schützen die Bevölkerung vor dem Feind. Die Aussagen syrischer Regierungsvertreter bringen keine Lösung, sondern verhindern einen Dialog.“

Şahoz Hesen: Das syrische Regime soll die Sprache der Drohungen aufgeben

Auch Şahoz Hesen, Ko-Vorsitzender der PYD, äußerte sich zu den Drohungen aus Regimekreisen. Während einer Rede in Girkê Legê vor den Angehörigen der Gefallenen sagte Hesen: „Die Drohungen des Regimes werden die Schmerzen der Völker Syriens nicht lindern. Der Dialog für eine politische und demokratische Lösung muss fortgesetzt werden. Wenn das syrische Regime ernsthaft an einem Dialog interessiert ist, dann sollte es die Sprache der Drohungen aufgeben.“

Landwirtschaft in Ayn Isa neu belebt

Mit den in Ayn Isa in der Provinz Raqqa aufgebauten Landwirtschaftskomitees konnten Hunderte Hektar Land neu bepflanzt werden.

ANF / AYN ISA, 24. Aug. 2018.

Ayn Isa liegt zwischen Girê Spî (Tell Abyad) und Raqqa. Die Stadt wurde im Juni 2015 aus den Händen des sogenannten Islamischen Staat (IS) befreit. Die Landwirtschaft des von Raqqa 50 Kilometer entfernten Ayn Isa wurde insbesondere durch die Arbeit der Landwirtschaftskomitees wieder aufgebaut.

Im Rahmen des Ökonomie-Rates von Ayn Isa wurde ein Landwirtschaftskomitee gegründet, um die landwirtschaftlichen Arbeiten in der Stadt und den Dörfern der Umgebung zu beobachten, zu fördern und die Landarbeiter*innen zu unterstützen. Erste Aufgabe des Komitees war die Zählung der Felder. Dementsprechend gibt es in der Region 462,22 Hektar Landwirtschaftsfläche. Den Bäuer*innen wurden den Feldern entsprechend vom Komitee sowohl Generatoren zur Bewässerung als auch günstiger Treibstoff zur Verfügung gestellt. Darüber hinaus wurde für Kredite gesorgt, damit sie vom Landwirtschaftszentrum in Girê Spî Dünger beziehen können. In Ayn Isa, El-Celebiye und El-Dehliz wurden Komitees eingerichtet, welche den Bauern ihre Produkte zum passenden Preis abkaufen.

Nach Angaben der Nachrichtenagentur ANHA beschwerte sich der Bauer Abdulrahman Osman aus dem Dorf El-Fatsa über die Verteuerung einiger Produkte und forderte mehr Unterstützung. Meryem Ersalan, die Ko-Vorsitzende des Landwirtschaftskomitees sagte: „Wir versuchen die Bäuer*innen mit all unseren Möglichkeiten zu unterstützen, um die Landwirtschaft in der Region zu entwickeln und ihnen die Arbeit zu erleichtern.“ Ersalan sagte: „Um Lebensmittelspekulation zu verhindern, haben wir die Winterprodukte von den Bauern zum passenden Preis abgekauft.“

Die Verantwortlichen des Landwirtschaftskomitees erklären, dass sie auch Zentren für die Baumwollsaison vorbereiten.

Mehlbedarf in Ayn Isa vollständig aus lokaler Produktion gedeckt

Das Ökonomiekomitee von Ayn Isa kann nun den Mehlbedarf der Bevölkerung im gesamten Landkreis vollständig aus der Produktion lokaler Landwirte decken.

ANF / GIRÊ SPÎ, 17. Okt. 2018.

Um von Einflüssen von außen unabhängig zu sein und ökologisch sinnvoll zu produzieren, ist die Ökonomie von Nordsyrien und Rojava darauf ausgerichtet, die Grundbedürfnisse der Bevölkerung aus eigener Produktion zu decken. Die Versorgung des Landkreises Bozanê/Ayn Isa im Kanton Girê Spî (Tall Abyad) mit Mehl wird nun vollständig aus regionaler Weizenproduktion gedeckt.

Das Ökonomiekomitee von Ayn Isa hatte im Juni begonnen, die Weizenernte der lokalen Landwirte anzukaufen. Dabei handelt es sich mittlerweile um eine Menge von 30.000 Tonnen, welche die Getreidespeicher von Ayn Isa, Çelebi und Dehlîz füllt. Nachdem der Weizen in den Silos behandelt wurde, wird er zur Weiterverarbeitung an die Mühlen in Girê Spî geschickt und von dort an alle Bäckereien verteilt. Die Menge des gesammelten Weizens deckt den Bedarf eines Jahres.

Mihemed Ednan, der Ko-Vorsitzende des Landwirtschaftskomitees von Ayn Isa berichtet, dass der Weizen unter der Aufsicht von Experten gereinigt und nach der Vermahlung auf der Mühle als Mehl an die Bäckereien weitergegeben wird. Nachdem die Getreidespeicher von Ayn Isa bereits vollständig gefüllt sind, können nun auch die Speicher von Dehlîz und Çelebî in Kobanê gefüllt werden.

 

800 Islamisten aus 46 Ländern in Rojava inhaftiert

In Rojava befinden sich 800 Mitglieder des IS und anderer dschihadistischer Milizen aus 46 Ländern im Gefängnis. Die Herkunftsstaaten verweigern sich einer Rückführung.

RÊBAZ HESEN / ANF, 15. Okt. 2018.

Seit Jahren kämpfen die Selbstverteidigungskräfte YPG und YPJ und weitere bewaffnete Einheiten unter dem Dach der Demokratischen Kräfte Syriens (QSD) nicht nur gegen den sogenannten Islamischen Staat (IS), sondern auch gegen al-Nusra, al-Qaida und Dutzende weitere dschihadistische Gruppierungen. In diesem Kampf sind ungefähr 16.000 Dschihadisten getötet worden. Knapp 800 Dschihadisten haben sich den QSD ergeben oder sind gefangen genommen worden.

Dr. Abdulkarim Omar ist Ko-Vorsitzender des Rates für auswärtige Angelegenheiten im nordsyrischen Kanton Cizîrê. Gegenüber ANF äußerte er sich zu den aus 46 verschiedenen Ländern stammenden Dschihadisten, die sich in Rojava in Gefangenschaft befinden. Der Rat für auswärtige Angelegenheit hat sich mit vielen Herkunftsstaaten in Verbindung gesetzt, um eine Rückführung der gefangenen Milizionäre zu erwirken.

„Bei der Befreiung von Rojava und Nordsyrien sind knapp 800 Dschihadisten von den QSD gefangen genommen worden. Diese Dschihadisten stammen aus 46 verschiedenen Herkunftsländern. Außerdem leben zurzeit 584 Frauen und 1248 Kinder in Camps. Diese Kinder sind vom IS erzogen worden. Sie brauchen eine neue Erziehung, die wir nicht leisten können. Aus diesem Grund rufen wir die internationale Gemeinschaft dazu auf, ihrer Verantwortung gerecht zu werden. Wir haben unser Land unter großen Opfern von den Dschihadisten befreit. Jetzt müssen die Herkunftsstaaten die in unserer Gefangenschaft befindlichen Milizionäre und ihre Familien übernehmen. Sie fallen unter die ethische und juristische Verantwortung ihrer Herkunftsstaaten“, erklärte Omar.

In Nordsyrien können die Dschihadisten nicht vor Gericht gestellt werden, betonte Omar: „Jedes Land muss seine eigenen Bürger vor Gericht stellen, oder sie müssen vor einem internationalen Gericht angeklagt werden. Wenn die internationalen Institutionen ihrer Verantwortung nicht nachkommen, müssen wir selbst eine Entscheidung treffen. Ich wiederhole noch einmal, dass wir diese Dschihadisten nicht weiter bei uns behalten werden.“

Nach Angaben von Abdulkarim Omar hat Russland bisher 50 Frauen aus dem Gefolge des getöteten georgischen IS-Kommandanten Abu Omar al-Schischani zurückgeführt. „Indonesien hat drei seiner Bürger übernommen, Saudi-Arabien zwei Frauen und drei Kinder. Die YPJ haben eine Frau und ihre vier Kinder den USA übergeben. Wir haben uns mit Dänemark, Belgien und Holland in Verbindung gesetzt, aber immer noch keine Antwort erhalten“, so Omar.

Mit kanadischen Vertretern haben Gespräche über eine Rückführung in Südkurdistan stattgefunden, teilt Omar mit: „Es sind Vorbereitungen für die juristischen Abläufe getroffen worden, aber seit drei oder vier Monaten bewegt sich nichts mehr. Uns liegen keine Informationen darüber vor, warum Kanada nicht antwortet.“

Todesstrafe gesetzlich nicht vorgesehen

„Einige Länder sagen uns, wir sollten ihre Staatsangehörigen vor Gericht stellen. Andere sagen, wir sollten sie töten. Wir können uns ihrer jedoch nicht auf diese Weise entledigen, weil es in unseren Gesetzen keine Todesstrafe gibt. Außerdem gibt es noch die Frauen und Kinder, die wir in Camps untergebracht haben. Sie sind nicht im Gefängnis, nur die Dschihadisten.“

Autonomes Bildungssystem in Nord- und Ostsyrien

Das Schulwesen in Nord- und Ostsyrien wird vom „Bildungskomitee für eine demokratische Gesellschaft“ gestaltet. Eines der Ziele ist muttersprachlicher Unterricht für alle Schülerinnen und Schüler.

ANF / REDAKTION, 14. Okt. 2018.

Das „Bildungskomitee für eine demokratische Gesellschaft“ (Komîteya Perwerdeya Civaka Demokratîk, KPCD) hat in Nordsyrien große Schritte unternommen, um das Schulwesen in Nordsyrien weiterzuentwickeln. Es sind Unterrichtsmaterialien in kurdischer, arabischer und aramäischer Sprache erstellt worden, Tausende Lehrerinnen und Lehrer haben sich anhand dieser Lehrbücher auf das neue Schuljahr vorbereitet.

Efrîn und Şehba

Hunderttausende Menschen mussten Efrîn aufgrund der türkisch-dschihadistischen Besatzung verlassen und sind nach Şehba gegangen. Das Bildungskomitee hat große Anstrengungen unternommen, damit der Unterricht auch dort weitergehen kann. Inzwischen sind Schulen für alle Bildungsstufen eingerichtet worden. In Şehba gibt es 5205 Kinder aus Efrîn an Grundschulen, 775 Schülerinnen und Schüler an der Mittelstufe und 449 am Gymnasium. Sie werden von 823 Lehrerinnen und 120 Lehrern unterrichtet.

Außerdem wurden in Şehba zur Vorbereitung auf das neue Schuljahr Fortbildungen für Lehrerinnen und Lehrer durchgeführt.

Minbic

In Minbic sind 317 Schulen auf das neue Schuljahr vorbereitet worden, in denen 4000 Lehrerinnen und Lehrer insgesamt 110.000 Schülerinnen und Schüler unterrichten.

Euphrat-Region

In Kobanê sind 400 Schulen für das neue Schuljahr hergerichtet worden, in Girê Spî 350 Schulen. Im vergangenen Jahr gab es in Kobanê 57.522 Schülerinnen und Schüler, in Girê Spî 50.711. Im neuen Schuljahr wird eine noch höhere Anzahl erwartet. Das Bildungskomitee hat außerdem Fortbildungen für den Lehrkörper angeboten, an denen in Girê Spî 2073 und in Kobanê 2626 Lehrerinnen und Lehrer teilgenommen haben. In den Kreisstädten Silûk und Eyn Îsa sind Lehrerfortbildungen in Kurdisch und Arabisch durchgeführt worden.

Cizîrê

In Qamişlo gibt es 37.934 Schülerinnen und Schüler, in Hesekê 104.072 an insgesamt 2225 Schulen. Damit sich Probleme aus den vergangenen Jahren nicht wiederholen, musste der gesamte Lehrkörper der Region an pädagogischen Fortbildungen teilnehmen, die mit einer Prüfung abgeschlossen wurden.

Die neu befreiten Gebiete

Auch in den von der IS-Herrschaft befreiten Gebieten Raqqa, Tabqa und Deir ez-Zor arbeitet das Bildungskomitee auf Hochtouren. Insgesamt gibt es 285.000 Schülerinnen und Schüler. Für den gesamten Lehrkörper wurden Fortbildungen durchgeführt.

In Raqqa werden ungefähr 120.000 Schülerinnen und Schüler an 281 Schulen von 4100 Lehrerinnen und Lehrern unterrichtet, die vom Bildungskomitee eingesetzt wurden. Für die Fortbildung des Lehrkörpers sind zwölf Institute eingerichtet worden.

In Tabqa befinden sich 200 Schulen, an denen 57.493 Schülerinnen und Schüler von 2000 Lehrerinnen und Lehrern unterrichtet werden.

In Deir ez-Zor sind 450 Schulen für das neue Schuljahr hergerichtet worden. Nach Angaben des Bildungskomitees haben sich bisher 108.000 Schülerinnen und Schüler angemeldet. Da in der Region weitere Gebiete von der IS-Herrschaft befreit werden, wird die Anzahl weiter steigen. Für die Region sind 5300 Lehrerinnen und Lehrer beauftragt worden. Das Schuljahr beginnt in Deir ez-Zor am 16. Oktober.

Frauenökonomieprojekte in Hesekê

Das Frauenkomitee der Wirtschaftsbehörde von Hesekê hat etliche Projekte zur Förderung der Frauenökonomie entwickelt.

ANF / HESEKÊ, 14. Okt. 2018.

Das Frauenkomitee der Wirtschaftsbehörde von Hesekê hat etliche Projekte zur Förderung der Frauenökonomie initiiert. In der Entwicklung der regionalen Ökonomie spielen Frauen mit ihren Landwirtschafts-, Viehzucht-, Küchen- und Kleidungskooperativen eine Vorreiterrolle.

Das Komitee hat im Dorf Silêmaniyê bei Hesekê eine Rinderzuchtkooperative aufgebaut. In dem landwirtschaftlichen Betrieb, der am 1.September eröffnet wurde, arbeiten elf Frauen. Die Kooperative zielt sowohl auf die Entwicklung der Frauenökonomie als auch auf die Entwicklung der Viehzucht in der Region ab. An dem Projekt beteiligt sich unter anderen Duha Mihemed, die betont, dass der Geist der Kollektivität besonders wichtig sei, auch um Betrug vorzubeugen.

Die Inanna-Küche im Kelasê-Viertel von Hesekê spielt in der Entwicklung der Frauenökonomie ebenfalls eine wichtige Rolle. Die Frauen im Küchenkollektiv bereiten in den Wintermonaten Essen zu, um es weit unter den Marktpreisen zu verkaufen. In der Küche werden auch die täglichen Mahlzeiten gekocht. Eine der Mitarbeiterinnen ist Zêneb Omar. Sie sagt, dieses Kollektiv habe die Last der Frauen leichter gemacht.

Im Nasre-Viertel der Stadt sind acht Frauen zusammengekommen und haben die Frauenbäckerei Ischtar eröffnet.

Auch in der regionalen Landwirtschaft arbeitet das Komitee. So wurden verschiedene landwirtschaftliche Flächen in der Region unter 300 Frauen aufgeteilt. Diese Gebiete werden in den nächsten Tagen mit Brunnen ausgestattet.

Das Frauenkomitee hat außerdem an bestimmten Straßen der Stadt Generatoren aufgebaut, von denen jeder einzelne 130 Haushalte mit Strom versorgt.

Cewhera Mihemed aus der Leitung des Frauenkomitees erklärt, dass neue Projekte zur Förderung der Frauenökonomie auf Grundlage von Kooperativen in Vorbereitung sind.

Abschlussresolution der Frauen – Konferenz „Revolution in the Making“

Zwei Tage lang tauschten sich weit mehr als 500 Frauen auf der 1. Internationalen Frauenkonferenz „Revolution in the Making“ aus. „Wir werden neue Einrichtungen einer freien und neuen Gesellschaft schaffen“, betonen sie in der Abschlussresolution.

ANF / FRANKFURT, 12 Okt. 2018.

Vom 6. bis 7. Oktober fand an der Goethe-Universität in Frankfurt die 1. Internationale Frauenkonferenz „Revolution in the Making“ des Netzwerks „Women Weaving the Future“ statt. Zwei Tage lang tauschten sich mehr als 500 Frauen von überall auf der Welt über die Krise des Patriarchats und seinen systematischen Krieg gegen Frauen, den weltweiten Frauenkampf für Freiheit und seine Aufbauprozesse sowie über die Erfahrungen unterschiedlicher Frauenbewegungen aus.

Die Abschussresolution der 1. Internationalen Frauenkonferenz „Revolution in the Making”

Wir sind uns sehr der Tatsache bewusst, dass vom Patriarchat ein globaler Krieg gegen Frauen geführt wird. Wir haben in verschiedenen Formen gegen das Patriarchat seit Tausenden von Jahren gekämpft. Diese neue Welle des globalen Krieges gegen Frauen richtet sich gegen uns aufgrund dessen, was wir erreicht haben und aufgrund der Tatsache, dass wir die Bedeutung der Vorstellung eines gleichberechtigten und freien Lebens und dessen Realisierung immer weiter wachsen lassen, in allen Teilen der Welt.

Sei dir darüber klar! Wir werden nehmen, was uns gehört: unsere Kraft und unsere Freiheit. Wir werden das trotz der extremen Brutalität tun, der uns das Patriarchat zwingt entgegenzutreten.

Es gibt viele verschiedene Gesichter des globalen Krieges gegen Frauen: Rassismus, Kolonialisierung, Kapitalismus und Patriarchat verbinden sich auf unterschiedliche Weise; zuweilen kristallisieren sie sich zu Figuren wie Erdoğan, Duterte, Mondi, Putin und Trump, die offen frauenfeindlich sind, die rassistisch sind und das Patriarchat mobilisieren, um Macht zu monopolisieren und die Umwelt zu zerstören, um ein paar Wenige reich zu machen.

Dann gibt es die Kartelle an Orten wie El Salvador, Guatemala, Honduras und die Warlords in Afghanistan. Es gibt staatliche Gerichte in Iran, die die Todesstrafe gegen Frauen verhängen, und es gibt den Grenzschutz in Europa und den Vereinigten Staaten. Es gibt den Sexhandel sowohl in Europa als auch in Afrika. Da sind der IS und andere patriarchale dschihadistische Organisationen im Nahen Osten und es gibt die Kapitalisten, die die Arbeit von Frauen ausbeuten sowie die Söldner, die sie überall auf der Welt kidnappen und vergewaltigen. Es gibt die sogenannten Ehrenverbrechen und Verbrechen aus Leidenschaft, Genitalverstümmelung und Vergewaltigung; alle Arten, in denen Frauen durch ihre intimen Beziehungen verletzt und getötet werden. Dann gibt es die Staaten und die Gerichte, die die Täter beschützen und Frauen bestrafen.

Viel wichtiger jedoch sind die Frauen.

Menschenrechtsaktivistinnen, Feministinnen, Kämpferinnen, Politikerinnen, Aktivistinnen … Frauen versuchen trotz aller Widrigkeiten, ihre Kinder im Jemen am Leben zu erhalten, leisten Widerstand gegen Extremismus und Diktatur in Ägypten, überleben und helfen anderen, Vergewaltigung zu überleben und Entführung aus den ezidischen Gemeinschaften. Sie versuchen, Frieden für ihre Gesellschaft und die Welt auf dem Balkan zu schaffen und Frauen in Argentinien, die sich organisieren und vereinen. Frauen aus Syrien, Libyen, Zentralamerika und Westafrika sind auf der Flucht und versuchen, sich und ihre Familien in Sicherheit zu bringen. Auch gibt es zapatistische Frauen, die um jeden Preis kämpfen und aufbauen, und dann gibt es die Frauen, die in Rojava eine Revolution machen und sich eine andere Welt vorstellen. Auf all diesen verschiedenen Wegen weben wir unsere Zukunft.

Da sind jene, die sagen, Black Lives Matter und me too, solche, die sagen, dass es nicht eine weniger sein darf, nein zum Abtreibungsverbot und dass du nicht alleine bist. Und solche, die sagen, dass du das hättest sein können.

Jetzt ist die Zeit, es zu verstehen, zu wertschätzen, zu fühlen und die ganzen verschiedenen Kämpfe zu unterstützen. Und vor allem ist es wichtig, ein Teil dieser Kämpfe zu werden!

An zwei Tagen kamen mehr als 500 Frauen von überall auf der Welt in Frankfurt zusammen und haben darüber diskutiert, wie wir unsere Zukunft weben sollen und wie ein Beitrag für die Frauenrevolution in der Mache geleistet werden kann. Wie von vielen in der Konferenz vorgeschlagen, müssen wir unsere Organisationen aufbauen, verknüpfen und vernetzen, und so wie andere es vorgeschlagen haben, müssen wir anfangen, einen weltweiten Demokratischen Konföderalismus der Frauen aufzubauen. Lasst diese Konferenz und dieses Netzwerk zu einem ersten Schritt werden. Zum Schluss dieser Konferenz erklären wir, dass wir unseren gemeinsamen Kampf um Freiheit von jeder einzelnen von uns und von uns allen fortführen werden. Wir werden es nicht erlauben, dass nur eine Frau verletzt wird. Wir werden den Kampf gegen das Patriarchat gewinnen. Wir werden neue Einrichtungen einer freien und neuen Gesellschaft schaffen. Wir erklären, dass eine Revolution in der Mache ist. Die Krise des Kapitalismus ist ein Ergebnis unserer Kämpfe und das Jetzt – die Gegenwart – gibt uns die historische Möglichkeit, dieses Jahrhundert, das 21. Jahrhundert in ein Jahrhundert der Frauen und der Völker zu wandeln. Wie eine der Rednerinnen sagte: „Wir als JIN (Frauen), möchten, dass unser JIYAN (Leben) auf AZADÎ (Freiheit) beruht.” Also lasst uns gemeinsam unsere Stimmen und unsere Fäuste erheben und rufen NI UNA MENOS, ELE NAO, BLACK LIVES MATTER und JIN JIYAN AZADÎ!

 

Revolution in the Making: Ein Ausblick der Frauenkonferenz

Nach der internationalen Frauenkonferenz am vergangenen Wochenende in Frankfurt verweist Meral Çiçek auf die wichtigsten Ergebnisse und gibt einen Ausblick, wie der gemeinsame Kampf weitergehen kann.
von MERAL ÇIÇEK, Redaktion der „Yeni Özgür Politika“, 10.10.2018.

Am vergangenen Wochenende haben sich über 500 Frauen auf der Konferenz „Revolution in the Making“ in Frankfurt getroffen. Organisiert wurde die Konferenz von der kurdischen Frauenbewegung, aber nur knapp ein Viertel der Teilnehmerinnen waren Kurdinnen. Alle anderen kamen aus verschiedenen Ländern Europas und der ganzen Welt. Es war wirklich eine internationale Konferenz.

Mehr als 500 Frauen waren in Frankfurt, aber noch viel mehr wollten kommen. Aufgrund der begrenzten Räumlichkeiten sind bereits im Vorfeld keine weiteren Anmeldungen mehr angenommen worden. Wäre mehr Platz gewesen, wären noch mehr Frauen zusammengekommen.

Das riesige Interesse zeigt, dass die Konferenz ein gemeinsames Bedürfnis von Frauen jenseits von Ländergrenzen und Altersgruppen angesprochen hat. Es besteht Bedarf an einer Diskussion über die Auswirkungen der Krise des patriarchalen Systems auf Frauen in Europa, im Mittleren Osten, in Lateinamerika, in den USA, in Asien und in Afrika. Es besteht Bedarf an einem Erfahrungsaustausch der verschiedenen Frauenbewegungen und einer Auseinandersetzung über die Methoden und das Verständnis eines gemeinsamen Kampfes.

Patriarchat in der Krise

Alle Referentinnen und Teilnehmerinnen waren sich einer Sache bewusst: Wir befinden uns in einem Prozess von historischer Bedeutung. Das patriarchale Herrschaftssystem steckt in einer strukturellen Krise, und diese Krise macht sich bei Frauen in Form von Angriffen bemerkbar. Bei globaler Betrachtung können wir sogar von einem Kriegszustand sprechen. Die unmittelbarste Form haben wir Frauen im Mittleren Osten, insbesondere als kurdische Frauen, in der Konfrontation mit dem sogenannten Islamischen Staat erlebt. Diese Konfrontation geht weiter.

Wir sprechen jedoch nicht deshalb von einer historischen Zeit, weil sich die Krise des Patriarchats verschärft hat und die Angriffe zunehmen, mit denen Frauen daran gehindert werden sollen, sich zu befreien und als selbständig agierende Subjekte wahrgenommen zu werden. Was diese Zeit so besonders macht, sind die global zunehmende Suche von Frauen nach Freiheit und die Möglichkeit, dieses Jahrhundert zu einem Jahrhundert der Frauenbefreiung zu machen.

Diese Möglichkeit ist größer als je zuvor. Notwendig ist jedoch ein gemeinsamer organisierter Kampf. Dieser Punkt ist auf der Frauenkonferenz häufig angesprochen worden. Der Bedarf nach einer Vernetzung zwischen Frauenorganisationen und Frauenbewegungen weltweit wird oft thematisiert. Viel seltener wird jedoch über die Methoden, Mittel, Begriffe und Konzepte diskutiert, die für einen gemeinsamen Befreiungskampf von Frauen in verschiedenen Teilen der Welt notwendig sind. Wir sprechen von gemeinsamem Kampf, von demokratischen Bündnissen, von radikalem Widerstand und dem Aufbau eines Systems; aber was sind die Parameter dafür? Und damit einhergehend, was sind die Denkweisen, Methoden und Umgangsweisen, die uns an einem Zusammenkommen mit unseren Unterschiedlichkeiten hindern, eine Distanz zwischen uns herstellen und uns Grenzen setzen?

Radikale Kritik und Selbstkritik

Natürlich ist auf der Konferenz auch über schmerzhafte Erfahrungen gesprochen worden. Das globale patriarchal-kapitalistische System ist analysiert worden. Das ist allerdings mehr aus subjektiver Perspektive geschehen. Der allgemeine Fokus lag auf dem Kampf und dem Widerstand. Zum großen Teil waren die Beiträge von Kritik und Selbstkritik geprägt. Und das ist auch eines der wichtigsten Ergebnisse der Konferenz: Um aus diesem Zeitalter ein Jahrhundert der Frauenbefreiung zu machen, brauchen wir radikale Kritik und Selbstkritik.

Damit einhergehend sind viele Fragen aufgeworfen worden, mit denen wir uns nach der Konferenz vorrangig beschäftigen müssen: Wie wollen wir leben? Wie sollen die Beziehungen zwischen Frauen, Männern, der Gesellschaft und der Natur sein? Wie soll ein neuer Gesellschaftsvertrag aussehen? Was für ein System wollen wir? Wie können wir ein Frauensystem, einen weltweiten Frauenkonföderalismus aufbauen? Welche Methodik und Terminologie brauchen wir dafür? Welche gemeinsamen Mechanismen brauchen wir, um anstelle von Solidarität Subjekte desselben Kampfes zu sein und ein neues ‚Wir‘ zu erschaffen?

Wir nennen es Revolution

Was jetzt ansteht, ist der Aufbau einer Geschwisterlichkeit der Bewegungen und eines Bewusstseins über die Dringlichkeit einer Gesamtheit. Wir müssen uns und unseren Schmerz fühlen können und daraus ein Verständnis der Selbstverteidigung entwickeln. Wir müssen den Individualismus aufgeben, die zerstörerischen Auswirkungen des Liberalismus auf Frauen erkennen und dagegen ankämpfen. Uns muss bewusst werden, was uns behindert und voneinander trennt. Nach welchen Prinzipien und Kriterien wollen wir eine Einheit von Frauen und nachhaltige Bündnisse aufbauen? Diese Fragen sind sehr wichtig, weil sie nicht nur Kritik, sondern auch die Perspektive eines Aufbaus widerspiegeln.

Wichtig ist jetzt, gemeinsam an den Fragen und Feststellungen zu arbeiten, die bei der Konferenz aufgeworfen wurden. Das Netzwerk „Frauen weben die Zukunft“ ist nicht nur für die Organisation der Konferenz entstanden, sondern vor allem, um die Ergebnisse der Konferenz in die Arbeit einfließen zu lassen, die Kämpfe zu vereinen und gemeinsam zu kämpfen.

Bereits jetzt sind wir viel mehr geworden. Wir werden noch mehr werden. Bereits jetzt gibt es verschiedenste Farben, Materialien und Motive innerhalb des Netzwerks. Mit jedem weiteren Knoten werden neue Farbtöne und Muster entstehen. Es entsteht etwas. Etwas befindet sich in der Entstehungsphase.

Wir nennen es Revolution.