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Malabou: Das Ziel der Angriffe auf Rojava ist nicht das Territorium, sondern das Modell

 

Malabou: Angriffe auf Rojava sind Teil einer über Syrien hinausgehenden Strategie

Die französische Philosophin Catherine Malabou sieht in den Angriffen auf Rojava eine Strategie zur Zerschlagung eines demokratischen Gegenmodells. Sie spricht von westlichem „Verrat“, warnt vor der Reorganisation des IS und fordert internationalen Schutz

„Das Ziel ist nicht das Territorium, sondern das Modell“
 
SERKAN DEMIREL / REDAKTION, 27. Feb. 2026.

Die anhaltenden Angriffe der von Ankara unterstützten syrischen Übergangsregierung auf die Selbstverwaltungsgebiete in Nord- und Ostsyrien sind nach Einschätzung der französischen Philosophin Catherine Malabou nicht als isolierte militärische Operationen zu verstehen. Im Gespräch mit ANF ordnet die international renommierte Denkerin die Entwicklungen als Teil einer umfassenderen Strategie ein, die weit über Syrien hinausreiche und das politische Modell von Rojava ins Visier nehme.

Malabou, die insbesondere durch ihre Arbeiten zum Begriff der „Plastizität“ weltweit bekannt wurde und derzeit an der Kingston University in London lehrt, betont, dass die Angriffe nicht primär auf territoriale Kontrolle zielten. „Diese Angriffe können nicht als einfache militärische Auseinandersetzungen verstanden werden“, sagt sie. „Vielmehr sind sie Teil einer umfassenderen Strategie, die darauf abzielt, die politischen Errungenschaften Rojavas zu zerschlagen und seinen Status zu unterminieren.“


Ziel ist das politische Modell – nicht das Territorium

Nach Ansicht Malabous richtet sich die Offensive gegen das Fundament der Selbstverwaltung: das Modell der basisdemokratischen Organisierung, der lokalen Räte und der gleichberechtigten Partizipation. „Das eigentliche Ziel ist nicht das Land, sondern das Modell der Selbstorganisation und der lokalen Demokratie“, erklärt sie. Gerade weil dieses Modell eine Alternative zu autoritären Staatsstrukturen darstelle, werde es als Bedrohung wahrgenommen.

Rojava habe in den vergangenen Jahren gezeigt, dass ein anderes politisches Ordnungsprinzip jenseits eines klassischen, zentralistischen Nationalstaates möglich sei. „Dieses Modell zwingt uns, Begriffe wie Souveränität, Grenzen und Legitimität neu zu denken“, so Malabou. Es verbinde demokratische Selbstverwaltung, Geschlechtergerechtigkeit und solidarische Ökonomie mit einem Bewusstsein für die Würde und Identität des kurdischen Volkes.

„Ein alternatives Projekt mit universellem Anspruch“

Malabou widerspricht der Darstellung, wonach Rojava ein rein ethnisch-nationales Projekt sei. Dass die politische Organisierung sich autoritären und nationalstaatlichen Logiken widersetze, bedeute nicht, dass sie die kurdische Identität negiere. Im Gegenteil: „Für mich vereint dieses Modell die Offenheit gegenüber universellen Werten wie Gleichheit, Demokratie und Feminismus mit dem Bewusstsein für die Würde der kurdischen Identität.“ Gerade diese Verbindung aus universellem Anspruch und konkreter historischer Erfahrung mache das Projekt politisch brisant. Rojava sei ein Experiment, das sowohl im Nahen Osten als auch global eine Herausforderung für bestehende Machtordnungen darstelle.

Kritik an westlichen Regierungen: „Das ist ein Verrat“

Scharf fällt Malabous Kritik an der Haltung westlicher Staaten aus. Insbesondere Frankreich und die USA hätten Rojava im Kampf gegen den sogenannten Islamischen Staat (IS) unterstützt – nicht zuletzt, weil die kurdischen Kräfte maßgeblich zur Zerschlagung des IS-Kalifats beigetragen und tausende jihadistische Gefangene in Haft gehalten hätten. „Heute jedoch werden die Kurdinnen und Kurden im Stich gelassen“, sagt Malabou. „Man kann das als Verrat bezeichnen.“ Während die Bevölkerungsebene weiterhin Solidarität zeige, dominiere auf Regierungsebene eine rein pragmatische Haltung.

Besonders kritisch äußert sie sich zur Politik der Vereinigten Staaten. „Ich würde das kaum als Politik bezeichnen“, erklärt sie mit Blick auf die Linie Washingtons. Politik habe eine konstruktive Dimension, folge einer gewissen Logik, auch wenn man ihr widerspreche. „Was wir hier sehen, ist vielmehr eine rohe Durchsetzung von Interessen und Macht.“

Pragmatismus gegenüber jihadistischen Strukturen

Mit Blick auf die syrische Übergangsregierung, deren Akteure in der Vergangenheit dschihadistischen Strukturen zugerechnet wurden, warnt Malabou vor einer problematischen Normalisierung. „Eine dschihadistische Struktur kann nicht einfach vollständig von ihrer Vergangenheit getrennt werden“, sagt sie. Dass internationale Akteure eine solche Regierung aus pragmatischen Gründen unterstützten, sei eine gefährliche Verkürzung. „Man sagt: Es gibt eine neue Machtbalance in Syrien, wir respektieren sie. Aber diese Balance unterscheidet sich nicht grundlegend von früheren autoritären Strukturen.“ Die Rechte und politischen Errungenschaften der Kurd:innen in Syrien würden dabei faktisch ignoriert.

Rojava als Raum der Gleichberechtigung

Besondere Anerkennung zollt Malabou der Rolle der Frauen in Rojava. Unter Bedingungen von Krieg, Marginalisierung und existenzieller Bedrohung sei es gelungen, Räume für politische Partizipation und Gleichberechtigung zu schaffen. „Die Entschlossenheit der Kurdinnen und Kurden, insbesondere der Frauen, ist bemerkenswert“, sagt sie. Angesichts der jahrzehntelangen Unterdrückungserfahrungen der Kurd:innen in der Region sei die Aufrechterhaltung eines solchen Modells „außergewöhnlich“. Die jüngsten Angriffe erfüllten sie mit „Angst und tiefer Trauer“.

Internationale Verantwortung und europäische Sicherheitsinteressen

Malabou betont, dass die internationale Gemeinschaft eine Verantwortung trage – aus mehreren Gründen. Erstens gebiete die Loyalität gegenüber früheren Allianzen eine klare Haltung. Zweitens sei das demokratische Modell Rojavas ein politischer Wert an sich. Drittens bestehe auch ein sicherheitspolitisches Eigeninteresse Europas. Eine Destabilisierung Rojavas könne zur Reorganisation dschihadistischer Netzwerke führen. Berichte über freigelassene oder entkommene Terroristen und ihre Angehörigen zeigten, dass der sogenannte IS nicht verschwunden sei. „Das stellt auch für Europa und insbesondere für Frankreich eine reale Gefahr dar“, warnt Malabou.

Öcalans Rolle und der Friedensprozess

In diesem Zusammenhang verweist Malabou auch auf die von Abdullah Öcalan initiierte Initiative für Frieden und demokratische Gesellschaft in der Türkei. Die Auflösung der PKK und die Abkehr vom bewaffneten Kampf bezeichnet sie als „äußerst mutigen Schritt“. Dass die türkische Regierung bislang keine konsequenten politischen Schritte zur Umsetzung dieses Prozesses unternommen habe, sei nicht akzeptabel. „Öcalan ist ein bedeutender politischer Akteur“, betont sie. „Mit ihm muss verhandelt werden.“ Seine fortdauernde Inhaftierung bezeichnet sie als „skandalös“. Ein Staatspräsident, der sich weigere, mit einer zentralen politischen Figur in einen ernsthaften Dialog zu treten, nehme eine historische Verantwortung nicht wahr.

Wer ist Catherine Malabou?

Catherine Malabou, geboren 1959, zählt zu den einflussreichsten Vertreter:innen der zeitgenössischen französischen Philosophie. Als Schülerin von Jacques Derrida verbindet sie in ihren Arbeiten Philosophie, Neurowissenschaften und politische Theorie. International bekannt wurde sie durch ihre Theorie der „Plastizität“, mit der sie Fragen von Identität, Wandel und Transformation neu denkt. In Werken wie „L’Avenir de Hegel“, „Que faire de notre cerveau?“ oder „Le Plaisir effacé“ setzt sie sich mit Hegel, Gehirnforschung, Feminismus und politischen Umbrüchen auseinander.

Gerade aus dieser theoretischen Perspektive liest Malabou Rojava als ein Projekt politischer und gesellschaftlicher Transformation; als Versuch, neue Formen kollektiver Organisation unter extremen Bedingungen zu erproben.

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