Kobanê seit 31 Tagen unter schwerer Belagerung
Die kurdische Stadt Kobanê im Norden Syriens steht seit 31 Tagen unter schwerer Belagerung, die humanitäre Lage verschlechtert sich von Tag zu Tag.
Kobanê, eine der symbolträchtigen Städte Rojavas, steht aufgrund der Angriffe bewaffneter Gruppen, die von der syrischen Übergangsregierung und dem türkischen Staat unterstützt werden, vor einer schweren humanitären Krise. Der Prozess hat am 6. Januar 2026 mit Angriffen auf die Stadtteile Şêxmeqsûd und Eşrefiyê in Aleppo begonnen und sich bald auf die Regionen Dair Hafir, Tabqa, Raqqa, Deir ez-Zor und Hesekê ausgebreitet. Seit dem 20. Januar steht Kobanê unter Belagerung, und die humanitären Bedingungen in der Stadt verschlechtern sich von Tag zu Tag.
Der Großteil der Bevölkerung Kobanês lebt von Landwirtschaft, Brunnenwasser und Viehzucht. Während Kobanê über ein ausgedehntes ländliches Gebiet verfügt, ist das Stadtzentrum eine kleine Siedlung, die für eine begrenzte Zahl von Einwohner:innen ausgelegt ist und nur über eine bescheidene Infrastruktur verfügt.
Während Tausende von Dorfbewohner:innen, die vor den Angriffen fliehen, gezwungen sind, im Stadtzentrum Zuflucht zu suchen, dauert die Belagerung durch die von der Türkei unterstützten Gruppen, die der syrischen Übergangsregierung angehören, bereits 31 Tage an.
Darüber hinaus sind viele Menschen aus Flüchtlingslagern in Tabqa, Raqqa, Ain Issa und Girê Spî nach Kobanê gekommen. Die meisten Binnenflüchtlinge leben in Schulen, leerstehenden Geschäften und einige sogar in ihren Fahrzeugen. Es herrscht großer Mangel, insbesondere an Heizung, Unterkünften und lebensnotwendigen Gütern der Grundversorgung.
Das Museum von Kobanê wird zur Unterkunft
Nach Angaben des Sozialausschusses sind bisher mehr als 200.000 Vertriebene in der Innenstadt von Kobanê angekommen. Diese Binnenflüchtlinge sind in Moscheen, Trauerhäusern, Schulen, der Universität und dem Kobanê-Museum untergebracht, welches als Erinnerung an den Widerstand von Kobanê erhalten geblieben ist. Alle Häuser sind vollständig belegt.
Aufgrund des Mangels an Wasser, Strom und Grundversorgungsgütern hat die Lage der Binnenflüchtlinge ein gefährliches Level erreicht. Viele Kinder haben sich nach dem Trinken von Wasser aus Brunnen vergiftet. Diese Menschen, die nur mit ihrem Leben vor den angreifenden Gruppen geflohen sind, finden nicht einmal einen Platz zum Schlafen. Obwohl die Bevölkerung Kobanês versucht, im Rahmen ihrer Möglichkeiten zu helfen, bleibt die geleistete Hilfe äußerst begrenzt.
Die winterlichen Bedingungen verschlimmern die Situation zusätzlich. Die Vertriebenen, die in Schulen und großen Hallen untergebracht sind, leiden unter dem harten Winter. Aufgrund von Wasserausfällen und Schneefall schmelzen die Menschen Schnee, um Trinkwasser zu gewinnen. Mit Beginn des Ramadan hat die vollständige Erschöpfung der Grundversorgung die Lage für die Vertriebenen noch gefährlicher gemacht.
„Kobanê befindet sich in einer schweren Krise“
Ferhan Hec Îsa, Ko-Vorsitzender des Exekutivrats der Selbstverwaltung des Firat-Kantons, erklärte gegenüber ANF, dass die Lage zunehmend kritisch werde:
„Kobanê befindet sich in einer schweren Krise. Es ist von allen Seiten belagert, und aller Zugang zu Grundversorgungsgütern ist abgeschnitten. Eine Welle von Vertriebenen aus Dutzenden von Dörfern und Siedlungen hat sich in Richtung Kobanê bewegt. Strom, Wasser, Internet und alle anderen Versorgungsleistungen wurden eingestellt. Obwohl dank der Bemühungen der Energiebehörde teilweise Strom geliefert wird, kommt es weiterhin zu langen Ausfällen. Die Wasserstationen werden mit Strom versorgt und die Stadt wird teilweise mit Wasser versorgt, aber das bedeutet nicht, dass die Belagerung aufgehoben wurde.
Milizen verdienen am Leid
Waren gelangen über Schmuggelwege und informelle Routen in die Stadt. An den Kontrollpunkten der Milizen werden für diese Waren hohe Summen verlangt. Gemüse und andere lebensnotwendige Güter werden zu extrem hohen Preisen an die Bevölkerung verkauft.“
Ferhan wies auch auf das Problem der Treibstoffversorgung hin und erklärte, dass 22 Tankwagen mit Diesel in die Stadt gelangt seien. Der größte Teil dieses Treibstoffs wurde an Krankenhäuser, Bäckereien und wichtige Einrichtungen verteilt. Obwohl der verbleibende Treibstoff 13 Liter pro Haushalt hätte betragen sollen, wurden 25 Liter verteilt, und eine Umverteilung werde erfolgen, sobald die Straßen in den kommenden Tagen wieder geöffnet seien.
Alle Lieferungen während des Ramadan unterbrochen
Zum Abschluss seiner Ausführungen sagte Ferhan: „Es ist eine Schande, dass Kobanê immer noch schwer belagert wird. Wir fordern die beteiligten Parteien auf, die Belagerung unverzüglich aufzuheben. Der Monat Ramadan ist da. Alle Lieferungen wurden unterbrochen. Wie sollen die Menschen fasten?“
Die Lage in den Krankenhäusern
In Kobanê gibt es sechs Krankenhäuser, von denen zwei privat sind. Die Zahl der Kranken steigt stetig an. Die Zahl der schwer Erkrankten in den sechs Krankenhäusern hat 9.051 erreicht, während die Gesamtzahl der Patient:innen Berichten zufolge 30.000 überschritten hat. Siebzehn Nierenpatient:innen befinden sich in kritischem Zustand; sie müssen achtmal im Monat eine Dialysebehandlung erhalten. Aufgrund von Medikamentenknappheit ist ihr Leben in Gefahr. Bislang wurden 136 Dialysebehandlungen durchgeführt. Einige Kranke, die in Dörfern leben, können die Stadt aufgrund von Treibstoffknappheit nicht erreichen.
Das Miştenûr-Krankenhaus verfügt über Abteilungen für Geburtshilfe und Gynäkologie, Diabetes, Bluthochdruck, Pädiatrie und psychologische Betreuung. Aufgrund der Belagerung ist das Leben von Diabetes-, Bluthochdruck- und Herzpatient:innen jedoch ernsthaft gefährdet. Die Medikamente sind fast aufgebraucht. Die Dieselkrise hält an; Generatoren könnten aufgrund von Treibstoffmangel ausfallen.
Die Situation der Bäckereien
Es gibt zwei Bäckereien im Zentrum von Kobanê und drei in den Dörfern. Die Stadtbäckerei produziert täglich zwischen 27.000 und 30.000 Broten. Für zwei Generatoren werden täglich etwa 4 Tonnen Diesel verbraucht. Es gibt 100 Mitarbeitende und täglich werden etwa 24 Tonnen Mehl verteilt. Die Behörden warnen, dass die Bäckereien innerhalb einer Woche schließen könnten, sollte die derzeitige Situation anhalten.
Die Lage im Bildungswesen
Im Kanton Firat gibt es 72.000 Schüler:innen. Aufgrund der Belagerung und der Zuweisung von Schulen an Vertriebene wurden sie ihrer Bildung beraubt. Im Kanton gibt es insgesamt 572 Schulen und 4.190 Lehrkräfte. Der Unterricht wurde in Arabisch und Kurdisch als Muttersprachen erteilt.
Das erste Schulhalbjahr endete am 15. Januar, das zweite sollte am 25. Januar beginnen. Aufgrund der Angriffe bleiben alle Schüler:innen der Schule fern. Der Bildungsausschuss gab bekannt, dass die Schulen geschlossen bleiben, bis die Belagerung aufgehoben und die Sicherheit in der Region gewährleistet ist.
Aller Zugang zu Grundversorgungsgütern vollständig abgeschnitten
Seit Beginn der Belagerung sind die Zugänge zu Grundversorgungsgütern in der Stadt abgeschnitten. Gemüse und andere Produkte können nur über Schmuggelrouten und zu extrem hohen Preisen in die Stadt gelangen. Es wird berichtet, dass an den HTS-Kontrollpunkten etwa 1.500 Dollar von jedem Lkw verlangt würden.
Menschen entschlossen zum Widerstand
Trotz der Belagerung setzen die Menschen in Kobanê ihren Widerstand fort. Alle Einwohner:innen, ob jung oder alt, erklären, dass sie entschlossen seien, ihre Stadt und ihre Dörfer zu verteidigen.
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