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Nach Angriffen auf Kurd:innen: Massengrab bei Aleppo entdeckt

 


Mit den Angriffen im Januar sind tausende Kurd:innen in Nordsyrien verschwunden. Berichte schildern Entführungen, Lösegelderpressung und Hinrichtungen. In Naqqarin bei Eşrefiyê soll ein Massengrab mit über 270 Leichen liegen.

Tausende Vermisstenfälle weiter ungeklärt
 
ANF / REDAKTION, 30. März 2026.

Nach den Angriffen auf die kurdischen Stadtteile Eşrefiyê und Şêxmeqsûd in Aleppo ab dem 6. Januar mehren sich Hinweise auf schwere Verbrechen gegen die Zivilbevölkerung. Während das Schicksal tausender verschleppter Kurd:innen weiterhin ungeklärt ist, berichten lokale Quellen von einem Massengrab mit mehr als 270 Leichen im Osten der Stadt. Unabhängige Untersuchungen stehen bislang aus.

Die Offensive der von der Türkei unterstützten syrischen Übergangsregierung, die sich in kurzer Zeit von Aleppo auf weitere Teile Nord- und Ostsyriens ausweitete, markiert einen Einschnitt für Rojava. Die Angriffe richteten sich gezielt gegen die kurdische Bevölkerung und ihre Errungenschaften. Zehntausende Menschen wurden vertrieben, Hunderte sollen getötet worden sein, zahlreiche weitere gelten seither als vermisst.

Unklare Zahlen, widersprüchliche Angaben

Wie viele Menschen seit Beginn der Angriffe tatsächlich verschwunden sind, lässt sich bislang nicht eindeutig beziffern. Unterschiedliche Quellen sprechen von teils erheblich abweichenden Zahlen – ein Umstand, der die Aufarbeitung zusätzlich erschwert. Der Oberkommandierende der Demokratischen Kräfte Syriens (QSD), Mazlum Abdi, hatte in früheren Erklärungen von 1.070 Personen gesprochen, die von Truppen der syrischen Übergangsregierung festgehalten werden, darunter auch Zivilist:innen. Im Rahmen eines Abkommens zwischen den QSD und Damaskus wurden am 19. März rund 300 Gefangene freigelassen. Doch selbst diese Zahl bietet nur begrenzte Klarheit. Lokale Quellen weisen darauf hin, dass sich unter den Freigelassenen offenbar viele Personen befanden, die bereits vor den Angriffen vom 6. Januar inhaftiert waren. Für die während der Offensive Verschleppten bleibt die Lage damit weiterhin unübersichtlich.

„Wir wissen nicht, wo sie sind“

Ein deutlich größeres Ausmaß der Vermisstenfälle beschreibt Nesrîn Silêman von der Vereinigung der Vertriebenen aus Efrîn. Sie spricht von rund 3.000 Menschen, deren Verbleib ungeklärt ist. Diese Zahl tauchte auch in einem Bericht der Basler Kantonsabgeordneten Franziska Stier auf, die Anfang Februar Teil einer Delegation war, die nach Rojava reiste. In einem Beitrag unter dem Titel „Ihr müsst unsere Stimmen in die Welt tragen“ griff sie die Aussagen Silêmans auf und machte die Situation der Vermissten international öffentlich. Silêman selbst formuliert die Lage im Gespräch mit der Zeitung Yeni Özgür Politika nüchtern: „Wir wissen nicht, wo diese Menschen sind oder was mit ihnen geschehen ist.“ Es gebe keine verlässlichen Informationen darüber, ob die Verschwundenen noch am Leben seien, wo sie festgehalten würden oder ob sie getötet worden seien.

Nesrîn Silêman

Flucht unter Beschuss und ohne Kontakt zur Außenwelt

Die Angriffe auf Eşrefiyê und Şêxmeqsûd verliefen nach Schilderungen von Betroffenen unter Bedingungen, die eine geordnete Flucht nahezu unmöglich machten. Kommunikationswege seien gezielt unterbrochen worden, berichtet Silêman. Telefon- und Internetverbindungen seien ausgefallen oder abgeschaltet worden. Viele Menschen hätten ihre Wohnungen überstürzt verlassen müssen – oft nachts, ohne sichere Fluchtrouten. „Die Angriffe dauerten acht Tage und waren sehr umfassend“, sagt Silêman. In dieser Zeit hätten zahlreiche Familien versucht, die Stadtteile zu verlassen, häufig in Richtung Efrîn oder anderer Gebiete. Doch die Fluchtwege selbst wurden für viele zur Falle.

Entführungen entlang der Fluchtrouten

Nach Angaben von Nesrîn Silêman wurden viele der fliehenden Zivilist:innen gezielt auf den Straßen abgefangen. Bewaffnete Milizen hätten entlang der Routen Kontrollpunkte eingerichtet oder Hinterhalte gelegt. „Viele unserer Menschen wurden unterwegs gefangen genommen, verschleppt oder direkt entführt“, berichtet sie. Betroffen seien insbesondere Familien gewesen, die versuchten, die umkämpften Stadtteile zu verlassen. Andere seien in den Orten aufgegriffen worden, in denen sie Schutz gesucht hatten. Auch diejenigen, die es zunächst in weiter entfernte Regionen wie Tabqa oder Raqqa geschafft hatten, waren offenbar nicht in Sicherheit. „Selbst dort mussten viele später wieder fliehen“, sagt Silêman. Die Frontlinien und Einflusszonen verschiedener bewaffneter Akteure hätten sich in kurzer Zeit mehrfach verschoben.

Fragmentierte Kontrolle und fehlender Zugang

Besonders unübersichtlich ist die Lage in Regionen wie Raqqa und Deir ez-Zor. Diese Gebiete gehörten zuvor zur Demokratischen Selbstverwaltung von Nord- und Ostsyrien, gelten inzwischen jedoch als Räume, in denen verschiedene Milizen um Einfluss konkurrieren. Silêman beschreibt die Situation als kaum kontrollierbar: Zwar beanspruche die Übergangsregierung die Hoheit über diese Gebiete, tatsächlich seien sie jedoch zu Zonen geworden, in denen unterschiedliche Akteure parallel agierten. Für die Aufklärung von Entführungen, Tötungen oder Verschwindenlassen hat das weitreichende Folgen. „Wir haben dort keine Möglichkeit, verlässliche Informationen zu sammeln“, sagt Silêman. Der Zugang sei aus Sicherheitsgründen stark eingeschränkt oder gar nicht möglich.

Tausende Fälle, aber kaum dokumentiert

Vor diesem Hintergrund bleibt das tatsächliche Ausmaß der Gewalt schwer zu erfassen. Während einige Fälle dokumentiert sind, etwa über Aussagen von Betroffenen oder registrierte Gefangene, existiert für viele andere keinerlei gesicherte Information. Silêman betont, dass insbesondere während der intensiven Angriffsphase zwischen dem 6. und 29. Januar zahlreiche Vorfälle nicht erfasst werden konnten. Menschen seien auf der Flucht verschwunden, ohne dass ihre Namen registriert oder ihre Fälle dokumentiert worden seien. „Wenn wir auch die früheren Entführungen mit einbeziehen, sprechen wir von tausenden Menschen, deren Schicksal wir nicht kennen“, sagt sie.

Gefangenenaustausch mit großen Lücken

Zwar laufen zwischen den Konfliktparteien Gespräche über Gefangenenaustausch, doch auch hier zeigt sich ein fragmentiertes Bild. Nach Angaben von Silêman verlaufen diese Prozesse schleppend und selektiv. Besonders auffällig sei, dass die Freilassung von Frauen nur zögerlich behandelt werde. „Die Freilassung von Frauen wird hinausgezögert oder gar nicht thematisiert“, sagt sie. Unter den bislang freigelassenen Gefangenen seien Frauen deutlich unterrepräsentiert. Zudem betreffen die bekannten Austauschprozesse ausschließlich Fälle, in denen Gefangene registriert oder identifiziert sind. Für die große Zahl der Vermissten, deren Schicksal völlig unklar ist, greifen diese Mechanismen nicht.

Offene Fragen ohne Antworten

Damit bleibt ein zentraler Komplex weitgehend im Dunkeln: Was ist mit denjenigen geschehen, die weder unter den Gefangenen auftauchen noch als Tote identifiziert wurden? „Wir wissen nicht, wo sie entführt wurden, ob sie noch leben oder ob sie getötet wurden“, sagt Silêman. Es handle sich um eine Vielzahl offener Fragen, die bislang unbeantwortet geblieben seien. Aus ihrer Sicht kann dieses Problem nicht im Rahmen bestehender Gefangenenaustauschprozesse gelöst werden. Vielmehr brauche es eine eigenständige Untersuchung der Vermisstenfälle.

Entführungen als Geschäftsmodell

Neben politisch motivierter Gewalt deuten zahlreiche Berichte auf eine systematische ökonomische Dimension der Entführungen hin. Nach Angaben von Nesrîn Silêman wurden Angehörige von Verschleppten wiederholt telefonisch kontaktiert und unter Druck gesetzt. Milizen hätten Familien mit dem Tod ihrer Angehörigen bedroht und Lösegeld gefordert. „Unsere Menschen werden zu einem Mittel der Erpressung gemacht“, sagt Silêman. In einigen Fällen sei versucht worden, selbst die Herausgabe von Leichen nur gegen Bezahlung zu ermöglichen. Diese Praxis deutet darauf hin, dass sich Teile der Gewalt verselbstständigt haben und nicht allein politisch motiviert sind, sondern auch als Einnahmequelle dienen.

Berichte über Hinrichtungen und extreme Gewalt

Parallel zu den Entführungen gibt es Hinweise auf gezielte Tötungen. Augenzeug:innen hätten berichtet, dass festgenommene Personen teilweise unmittelbar nach ihrer Gefangennahme hingerichtet worden seien. Einige dieser Berichte gehen noch weiter: So ist von Fällen die Rede, in denen Opfer nach ihrer Tötung verbrannt worden sein sollen. Auch diese Angaben konnten bislang nicht unabhängig überprüft werden, werden jedoch von verschiedenen lokalen Quellen in ähnlicher Form geschildert. Für die Betroffenen und ihre Familien entsteht dadurch eine Situation völliger Ungewissheit: zwischen Hoffnung auf Überleben und der Angst, dass die Verschwundenen bereits getötet wurden.

Hinweise auf Massengrab bei Naqqarin

Besonders schwer wiegen die Berichte über ein mögliches Massengrab im Gebiet Naqqarin (auch Nakarin), östlich von Aleppo entlang der M4-Straße in Richtung al-Bab. Nach Angaben von Nesrîn Silêman, die sich auf Zeugenaussagen stützt, sollen sich dort in einem Kanal mehr als 270 Leichen befinden. Die Informationen stammen unter anderem von einer Familie aus Efrîn, die bei der Suche nach einem Angehörigen auf das Grab gestoßen sein soll. Demnach hätten Augenzeug:innen berichtet, dass in dem Gebiet festgenommene Personen zusammengebracht und anschließend getötet worden seien. Einige der Leichen sollen sichtbare Spuren schwerer Gewalt aufgewiesen haben.

Kein Zugang, keine unabhängige Überprüfung

Eine unabhängige Untersuchung des mutmaßlichen Massengrabs war bislang nicht möglich. Das Gebiet gilt weiterhin als unsicher und ist für unabhängige Beobachter:innen kaum zugänglich. „Wir haben keine Möglichkeit, selbst dorthin zu gehen und die Informationen zu überprüfen“, sagt Silêman. Die Angaben beruhen daher vollständig auf Aussagen von Zeug:innen und indirekten Berichten. Gleichzeitig weisen mehrere Faktoren darauf hin, dass die Hinweise plausibel sind. Die Lage des Gebiets – rund zehn Kilometer von Eşrefiyê entfernt – entspricht den Fluchtrouten vieler Zivilist:innen aus den kurdischen Stadtteilen Aleppos.

Hinweise verdichten sich

Nach Einschätzung lokaler Quellen könnte es sich bei den Toten um Menschen handeln, die während der Angriffe auf Eşrefiyê und Şêxmeqsûd verschleppt oder unmittelbar danach getötet wurden. Zugleich wird davon ausgegangen, dass die bislang genannte Zahl von über 270 Leichen nicht das gesamte Ausmaß widerspiegelt. Viele halten es für möglich, dass weitere Grabstellen existieren oder die tatsächliche Zahl der Opfer höher liegt. Solange keine unabhängige Untersuchung erfolgt, bleiben diese Angaben jedoch vorläufig und die genaue Dimension der Ereignisse unklar.

Forderung nach internationaler Untersuchung

Angesichts der Vielzahl ungeklärter Fälle fordern kurdische Organisationen eine unabhängige internationale Untersuchung. Nesrîn Silêman spricht sich für die Entsendung einer Kommission aus, an der unter anderem die Vereinten Nationen und die Europäische Union beteiligt sein sollen. Eine solche Untersuchung sei notwendig, um das Schicksal der Verschwundenen aufzuklären und mögliche Verbrechen zu dokumentieren. Die lokalen Strukturen seien aufgrund der Sicherheitslage und der fragmentierten Kontrolle über viele Gebiete derzeit nicht in der Lage, diese Aufgabe zu übernehmen. „Wenn eine solche unabhängige Kommission gebildet wird, sind wir bereit, sie mit allen uns zur Verfügung stehenden Mitteln zu unterstützen“, sagt Silêman.

Europäische Union zwischen Anspruch und Realität

Die Forderungen richten sich auch an die Europäische Union, die trotz der Berichte über Gewalt und Menschenrechtsverletzungen den Kontakt zur Übergangsregierung in Damaskus intensiviert hat. Nach einem Besuch hochrangiger EU-Vertreter:innen in Syrien wurde finanzielle Unterstützung in Höhe von 620 Millionen Euro angekündigt. Die Mittel sollen unter anderem für humanitäre Hilfe sowie für den Wiederaufbau eingesetzt werden.

Diese Unterstützung steht jedoch in einem Spannungsverhältnis zu den Entwicklungen vor Ort. Das Europäische Parlament hatte in einer Resolution darauf hingewiesen, dass die Gewalt gegen Zivilist:innen möglicherweise als Kriegsverbrechen einzustufen sei und die Rechte der kurdischen Bevölkerung garantiert werden müssten. Gleichzeitig wurde die Übergangsverwaltung in Damaskus in politischen Erklärungen dafür kritisiert, ihrer Verantwortung zum Schutz der Bevölkerung nicht ausreichend nachzukommen.

Zwei Fragen an die EU

Vor diesem Hintergrund hat Yeni Özgür Politika dem Europäischen Auswärtigen Dienst zwei zentrale Fragen zur Beantwortung übermittelt: Zum einen, ob die EU angesichts ihrer finanziellen Unterstützung konkrete Informationen über das Schicksal der Verschwundenen bei der Übergangsverwaltung einfordert. Zum anderen, ob sie bereit ist, eine unabhängige Untersuchung zu den Berichten über Tötungen, Vertreibungen, sexualisierte Gewalt und Verschwindenlassen in Auftrag zu geben.

EU: Umsetzung des Abkommens entscheidend

In einer schriftlichen Stellungnahme erklärte ein Sprecher der EU, man verfolge die Lage in Nordostsyrien aufmerksam und habe alle beteiligten Akteure wiederholt zur Einstellung der Gewalt, zum Schutz der Zivilbevölkerung und zur Sicherstellung humanitärer Hilfe aufgerufen. Wörtlich hieß es, die EU „verfolge die Situation in Nordostsyrien sehr genau“. Zugleich betonte die EU die zentrale Bedeutung des am 29. Januar geschlossenen Abkommens zwischen Damaskus und den QSD. Dessen vollständige Umsetzung sei entscheidend, um eine weitere Eskalation zu verhindern.

„Jetzt mehr denn je ist es entscheidend, dass die syrischen Übergangsbehörden und die Demokratischen Kräfte Syriens das am 29. Januar erzielte Abkommen vollständig und im Geist von gutem Willen und Kompromissbereitschaft umsetzen“, heißt es in der Stellungnahme. Zugleich betonte die EU, dass die Wahrung der Rechte der kurdischen Bevölkerung ein zentraler Bestandteil ihrer diplomatischen Kontakte sei. Verantwortliche für schwere Menschenrechtsverletzungen müssten zur Rechenschaft gezogen werden, unabhängig von ihrer Zugehörigkeit.

Zwischen diplomatischen Erklärungen und ungeklärten Verbrechen

Trotz dieser Stellungnahmen bleibt die Diskrepanz zwischen diplomatischen Formulierungen und den Berichten aus der Region bestehen. Während auf politischer Ebene von Stabilisierung und Übergangsprozessen die Rede ist, zeichnen lokale Quellen ein Bild anhaltender Gewalt, Unsicherheit und fehlender Aufklärung. Die Berichte über ein mögliches Massengrab, systematische Entführungen und tausende Vermisste werfen Fragen auf, die bislang unbeantwortet sind.

Eine offene Bilanz

Mehrere Monate nach den Angriffen vom Januar ist das Schicksal zahlreicher Menschen weiterhin ungeklärt. Für Angehörige bedeutet dies eine anhaltende Situation zwischen Hoffnung und Gewissheit, ohne Zugang zu verlässlichen Informationen. Ohne unabhängige Untersuchungen dürfte sich daran wenig ändern. Die zentrale Frage bleibt bestehen: Was ist mit den Menschen geschehen, die seit Beginn der Angriffe verschwunden sind?

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