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“Ohne die Frauen gäbe es diese Revolution nicht” – Interview mit einer Internationalistin in Rojava

20.Febr. 2020.
Wir interviewen Arîn Hêlîn, eine spanische Internationalistin, die Teil der Frauenbewegung in Nord- und Ostsyriens ist:
“Der Kampf der Frauen in Rojava hat mich dazu gebracht, mehr Liebe für mein eigenes Geschlecht und für den Rest meiner Genossinnen zu empfinden und zu verstehen, dass das Patriarchat versucht, die Frauen zu spalten, weil wir auf diese Weise verletzlicher und wehrloser sind.“
Wir unterhielten uns mit Arîn, die unter anderem ein Mitglied der Jineolojî-Akademie in Rojava, in Nord- und Ostsyrien, ist und an der Kampagne “Women Defend Rojava” mitarbeitet, die von Kongra Star, der Dachorganisation für Frauen in dieser Region, initiiert wurde.
Diese Kampagne versucht, die Rolle der Frauen auf der ganzen Welt zu fördern und sich gemeinsam zu organisieren, zur Verteidigung der Revolution in Rojava, aber auch mot der klaren Perspektive: dass sich Frauen nicht nur zur Verteidigung Rojavas erheben, sondern auch, gemeinsam Widerstand gegen das Patriarchat leisten.
Du bist schon eine lange Zeit hier, blicken wir mal ein wenig zurück: Was hat dich nach Rojava gebracht?
Ich habe eine Zeit lang im spanischen Staat gelebt und von dort aus die Revolution in Rojava und die kurdische Befreiungsbewegung unterstützt. Nachdem ich einige Male nach Bakur gereist bin (Nordkurdistan, nördliche Teil Kurdistans, der vom türksichen Staat kontrolliert wird), beschloss ich, nach Rojava zu kommen, um mit eigenen Augen zu sehen, wie sich diese Revolution entwickelt, und zu versuchen, die Gefühle und die Philosophie der Befreiungsbewegung zu vertiefen und gleichzeitig die Gesellschaft und die Entwicklung der Revolution aus einer pragmatischeren Perspektive kennen zu lernen.
Du hast dich also schon, bevor du nach Rojava kamst, für die Befreiungsbewegung engagiert, warum?
Im Jahr 2015 war ich ziemlich ausgebrannt von kontraproduktiven Dynamiken, meist von der antiautoritären oder anarchistischen Bewegung im spanischen Staat, und plötzlich wurde die Revolution in Rojava durch den Krieg gegen den islamischen Staat in der Stadt Kobane bekannt. Ich begann, mich etwas mehr über die kurdische Befreiungsbewegung zu informieren und mich zu engagieren, lernte Menschen kennen, die sich für die gleichen Themen interessierten und reiste recht bald nach Bakur, um die Flüchtlinge aus Kobane kennen zu lernen. Die Hoffnung, die Motivation und den Widerstand zu sehen, den sie zeigten, um Kobane trotz des Krieges und der schwierigen Situation in der Stadt Suruç vom IS zu befreien. Dies gab mir viel Kraft, die Solidaritäts- und Unterstützungsarbeit für und mit der kurdischen Bewegung fortzusetzen, als ich in den spanischen Staat zurückkehrte.
Was hast du in Rojava gemacht?
Zuerst war ich in der Internationalistischen Kommune und habe mit und innerhalb der Gesellschaft gearbeitet. Als der Krieg in Afrin ausbrach, hatte ich das Glück, die Gelegenheit zu haben, dort zu sein und im Informationszentrum des Widerstands mitzuarbeiten, um die türkische Invasion im Kanton Afrin öffentlich zu machen. Es war eine sehr harte Arbeit, da es ein sehr blutiger Krieg war und gleichzeitig ein historischer Widerstand. Da mein Spezialgebiet die Medienarbeit ist, kann ich aus dieser Perspektive sagen, dass wir eine großartige Arbeit geleistet haben. Als sich die Situation stabilisierte, obwohl der Krieg und die Gewalt in Afrin immer noch anhalten, begann ich an der Jineolojî-Akademie mit zu arbeiten, die später zum Andrea-Wolf-Institut wurde. Wir machten und organisierten Bildungen, Forschungen zu unterschiedlichen Themen, wir schrieben ein Buch über die kurdische Frauenbewegung, ihre Geschichte, ihre Philosophie …
Als es später ein weiteres Mal eine gewisse Gefahr der Besatzung Rojavas gab, begann ich mich an der Frauenbewegung Kongra Star zu beteiligen, um die Kampagne “Frauen verteidigen Rojava – Women Defend Rojava” mit aufzubauen und so die Solidarität der Frauen mit der Revolution in Rojava zu stärken und weiter zu vertiefen.
Als Bewegung und als Individuen sind alle Frauen Vorreiterinnen dieser Revolution.
Wie organisiert sich die Frauenbewegung, sowohl auf ideologischer als auch praktischer Ebene?
Zunächst einmal glaube ich, dass sich die Bereiche der Frauen in all den Jahren der Revolution in Rojava am meisten entwickelt haben. Als Bewegung und als Individuum sind alle Frauen Vorreiterinnen dieser Revolution. Ohne die Frauen gäbe es diese Revolution nicht. Dabei spreche ich von Beispielen wie der gesamten Bewegung, wie Kongra Star, oder Mala Jin, eine Art Frauenhäuser, oder die Jineolojî-Akademie. Und ich erzähle euch von Frauen verschiedenster ethnischer Bevölkerungsgruppen, ich habe arabische, suryoye, kurdische und ezidische Frauen kennen gelernt, die große Schritte getan haben, um eine Entwicklung und Veränderung für die Frauen in diesem Teil der Welt voran zu treiben.
Im Beug auf die Organisierung der Bewegung gibt es eine allgemeine Struktur, in der Männer und Frauen zusammenarbeiten, und dann gibt es eine parallele Struktur, an der nur Frauen teilnehmen. Das ist sehr wichtig, denn eine der theoretischen Fragen in der Philosophie von Abdullah Öcalan ist, dass Frauen ihren eigenen Raum brauchen, um sich entwickeln zu können, um sich gegenseitig zu unterstützen und um sich gemeinsam zu stärken. Das bedeutet nicht, dass man die ganze Arbeit, die mit anderen Geschlechtern zu tun hat, beiseite schiebt, aber es bedeutet, dass Räume benötigt werden, in denen sich Frauen entsprechend ihrer Perspektiven, ihrer Erfahrungen und ihrer Bedürfnisse entwickeln können.
Es gibt also von allem ein bisschen: In den Kommunen muss es ein Frauenkomitee geben, in dem die Frauen zusammenkommen können, um ihre Probleme zu debattieren, zu diskutieren und gemeinsam Lösungen zu finden. Darüber hinaus gibt es Kongra Star, als ein Dachverband für die Frauenbewegung. Dieser setzt sich aus verschiedenen Komitees zusammen (wie beispielsweise dem Komitee für Justiz, Gesellschaft und Wirtschaft), die die Gründung von Kooperativen fördern, damit Frauen die Möglichkeit haben wirtschaftlich unabhängig zu werden, oder die zu Versammlungen zum Thema Justiz anregen, in denen sich Frauen zum Beispiel mit Fällen geschlechtsspezifischer Gewalt befassen… Das sind Strukturen oder Versammlungen, in denen Frauen Entscheidungen über all die Themen treffen, die Frauen und sie selbst direkt betreffen.
In den Gebieten, in denen mehrheitlich kurdische Bevölkerung oder auch arabische Bevölkerung leben, sind die Frauen diejenigen, die die Arbeiten anstoßen, die Initiativen in die Tat umsetzen, die die Energie und den Enthusiasmus mit einbringen und die darüber hinaus überzeugt sind, dass sie keinen Rückschritt zum vorherigen System tolerieren werden. Alles, was sie in diesen Jahren erreicht und aufgebaut haben, ist für sie eine komplette Veränderung des Lebens, denn früher konnte sich eine Frau nicht scheiden lassen, konnte nicht das Sorgerecht für ihre Kinder beanspruchen, hatte kein Recht auf Erbe oder im Vergleich zu ihren Brüdern nur Anspruch auf die Hälfte des Erbes, und durfte das Haus nicht verlassen, um zu arbeiten… Die Frauen sind nicht bereit, nur einen Schritt zurück zu machen, und das macht dieses System sowohl gemischter als auch nicht gemischter bzw. autonomer Strukturen in Rojava so stark.
Die Frauen sind überzeugt, dass sie keinen einzigen Rückschritt ins vorherige System tolerieren werden.
In Europa und in der westlichen Welt haben wir eine gewisse, vorurteilsbeladene Sichtweise auf die Frauen des Mittleren Ostens. Hat sich deine Sichtweise geändert?
Für jede europäische Frau ist es immer ein kleiner Konflikt hier zu sein, aufgrund von Themen wie Kopftuch, der Art und Weise ihres Ausdrucks oder wie sie die Welt verstehen, ihr Leben leben oder ihre Kulturen… Aber nachdem man einige Zeit hier verbracht hat, normalisieren sich diese Dinge und man hört auf, sich darum zu kümmern, ob eine Frau ein Kopftuch trägt oder nicht, denn das, was wir in unserem Kopf haben, ist wichtig. Ich habe Frauen kennen gelernt, die ein Kopftuch tragen und eine Ideologie oder politische Philosophie haben, die viel radikaler ist als meine, oder einen großen Mut haben, sich selbst zu zeigen, zu öffnen und zu kämpfen. Wie beispielsweise Frauen, die, nachdem sie unter dem IS gelebt und überlebt haben und beschlossen haben, eine Frauenbewegung in der Raqqa zu gründen. Manchmal fragen wir aus unserer bequemen westlichen Sicht diese Frauen nicht einmal, was sie wollen, warum sie ein Kopftuch tragen oder nicht, welche Rolle Religion in ihrem Leben spielt… Wenn wir versuchen, nach Antworten zu suchen, ohne die direkt betroffenen Personen zu fragen, scheint es ziemlich Paradox zu sein.
Was für einen Einfluss oder Auswirkung haben deine Erfahrungen in Rojava auf dich als Frau?
Meine Erfahrungen als Frau hier in Rojava haben mir insbesondere eine neue Vision oder das Gefühl des Respekts und der Wertschätzung gegenüber anderen Frauen gegeben. Die Arbeit in einer autonomen Bewegung, das Zusammenleben mit meinen Genossinnen (Tag täglich 24 Stunden lang), die ganze Philosophie der Befreiungsbewegung der kurdischen Frauen, die Philosophie von Abdullah Öcalan und der Gefallenen – Şehîds, die ihr Leben für diesen Kampf gegeben haben, hat mir mehr Liebe für mein eigenes Geschlecht gegeben. Es hat mir mehr Liebe, Respekt und Wertschätzung gegenüber meinen Genossinnen gegeben und das Verständnis dafür, dass das Patriarchat versucht, die Frauen zu spalten, weil wir auf diese Weise verletzlicher und wehrloser sind.
Viele Kollektive und politisch aktive Menschen beziehen sich seit der Schlacht um Kobane auf den Kampf der kurdischen Frauen bzw. sehen diesen als einen Referenzpunkt. Wir haben zum Beispiel von Frauen als Vorreiterinnen und von den autonomen Frauenstrukturen gesprochen und diskutiert, aber davon abgesehen, stellen wir uns auch die Frage was wir von der Frauenbefreiungsbewegung für die feministische Bewegung im spanischen Staat lernen können?
Für mich gibt es zwei sehr grundlegende Dinge in der Frauenbewegung, die großartige Beispiele sind. Das erste ist die Selbstorganisierung. Es ist nicht möglich, einen langfristigen Kampf aufrechtzuerhalten, einen Kampf, der wirklich radikal ist und der eine wirkliche Veränderung der Gesellschaft anstrebt, wenn wir uns nicht formell selbst organisieren. Ohne diese Art der Organisierung ist es nicht möglich, bei der Befreiung der Frauen und anderer unterdrückter Geschlechter voranzukommen und auf diese Weise gleichzeitig eine grundlegende Befreiung der gesamten Gesellschaft zu erreichen.
Es ist nicht möglich, in Europa langfristige Fortschritte zu erzielen, weil die meisten Menschen keine langfristigen Verpflichtungen eingehen wollen.
Was meinst du mit “formell” organisieren?
Das hängt sehr mit dem zweiten Apskekt zusammen, auf den ich noch eingehen werde. Wenn eine Person Teil einer Organisation ist, für und in der sie arbeitet, und gleichzeitig eine Reihe von Verantwortlichkeiten übernimmt, ist es möglich, mittel- und langfristige, taktische und strategische Fortschritte zu machen. Das ist eine der Grundlagen auf der Suche nach Veränderungen, die das Leben der Menschen beeinflussen. Eines der großen Probleme, die wir in Europa haben, ist die Informalität, die durch den Individualismus verursacht wird. In dem ich heute hier mit diesem Kollektiv bin, hier eine Zeit lang arbeite, aber später, aufgrund individueller Umstände oder der Unfähigkeit bestimmte Probleme zu lösen, zerbrechen Kollektive, und wir müssen von vorne anfangen. Deshalb gibt es Probleme wie die Kluft zwischen den Generationen oder die Unkenntnis unserer eigenen Geschichte. Wir können keine Fortschritte machen oder langfristige Pläne schmieden, weil die Mehrheit der Menschen keine langfristigen Verpflichtungen eingehen will: Heute bin ich hier und morgen fliege ich nach Kuba oder Mexiko oder Indien, weil meine Individualität es mir erlaubt, dies zu tun.
Der Grad des Engagements und des Commitments, den die Frauen hier haben, ist es, der dies zu einer wirklichen Revolution machen, mehr oder weniger. Dies ist es, was es möglich gemacht hat und nach acht Jahren später immer noch ermöglicht.
Ohne diesen Grad an Engagement, ohne diesen Grad an Organisation wäre dies nicht möglich. Das ist für mich eines der Dinge, die wir in der westlichen Gesellschaft betrachten müssen: welches Engagement wir haben und welches Organisationsniveau wir erreichen können.
Ein weiteres Thema, über das wir sprachen, war über die Einheit der Frauen, wie man sich zum Beispiel gegenseitig mehr schätzen kann. Wir stellten fest, dass es in unserem Gebiet unendlich viele verschiedene Strömungen und Nuancen gibt, die den Kampf in tausend Kollektive spalten. Wie schafft man hier eine Einheit von Frauen?
Meiner Meinung nach wird die Einheit durch Respekt aufgebaut. Ein gegenseitiger Respekt für Individualitäten, für Kollektive und für Unterschiede. Es ist klar, dass eine 50-jährige verheiratete arabische Frau nicht wie zum Beispiel eine 20-jährige suryoye Frau ist, aber sie sind sich in bestimmten Dingen einig bzw. ähnlich: Sie leben unter demselben Staat, in demselben Gebiet, sie haben eine Reihe gemeinsamer Ziele der Geschlechterbefreiung und auch der Befreiung des Landes und dem Kampf gegen Unterdrückung, aber sie respektieren trotzdem ihre Unterschiede.
Auf der Grundlage des Respekts und der Achtung der Unterschiede und der Autonomie bzw. der Selbstorganisierung kommen alle zusammen, auch wenn sowohl suryoye und arabische Frauen als auch kurdische Frauen ihre eigenen Organisationen haben. Sie kommen zum Beispiel in der Versammlung der Frauen aus dem Norden und Osten Syriens zusammen. Dieser Versammlung gelingt es, eine gemeinsame Politik zu entwickeln, in der alle Unterschiede, alle Bedürfnisse, alle Projekte, die von den verschiedenen Kollektiven benötigt werden, gesammelt und die Autonomie und die Unterschiede jeder einzelnen von ihnen respektiert werden.
Ich denke, das hat auch viel damit zu tun, wie wir uns auf die Probleme konzentrieren. Wenn ihr Problem darin besteht, dass ein Eindringling wie die Türkei kommt und sie tötet, vergewaltigt oder entführt, können bestimmte andere Probleme eher unbemerkt bleiben, ob es sich nun um Probleme ideologischer, ethnischer, kultureller oder religiöser Unterschiede handelt. Es gibt eine Reihe von gemeinsamen Problemen, die als Probleme für alle gelten. Ich sage nicht, dass wir diese Art von Problemen brauchen, um uns kollektiv zu organisieren oder uns innerhalb eines Gebiets, wie dem spanischen Staat, zu koordinieren. Ich sage nur, dass wir, wenn wir in der Lage sind, die Probleme zu erkennen, die wir alle gemeinsam haben, und wenn wir verstehen und respektieren, unter welchen Problemen bestimmte Kollektive von Frauen oder anderen Geschlechtern in den Gebieten, in denen wir leben, besonders leiden, dann werden wir in der Lage sein, bestimmte Vereinbarungen und gemeinsame Ziele zur Bekämpfung dieser Probleme zu entwickeln und umzusetzen. Immer unter der Berücksichtigung der bestehenden Unterschiede.
Die Rechtfertigung des weiblichen Subjekts ist ein sehr wichtiges Thema, hier und überall auf dem Planeten.
Mir ist in den Sinn gekommen, dass die Unterschiede in Rojava zwischen ethnischen oder religiösen Gruppen bestehen. In unserem Gebiet jedoch gibt es zwar auch Gruppen spezifischer Kollektive wie beispielsweise den „Gitanas Feministas“, aber bei den autonomen Frauenkollektiven geht es oft mehr um ideologische Unterschiede oder darum, wo wir den Schwerpunkt des Kampfes setzen, als darum, dass die Frauen sehr unterschiedlich sind. Liegt es an den kulturellen Unterschieden oder an der unterschiedlichen Art und Weise, wie wir unsere Militanz und Organisierung angehen?
Ich glaube, es gibt einen großen historischen Unterschied. Wir können uns weder auf historischer noch auf kultureller, religiöser oder anderer Ebene mit den Frauen im Mittleren vergleichen. Es macht keinen Sinn zu versuchen, etwas, das an einem Ort existiert, direkt in einen anderen Teil der Welt zu transportieren, denn das wird nicht funktionieren. Es gibt bestimmte Grundlagen, die uns als Modelle dienen können, indem man sie an die Orte, aus denen wir kommen, neu anpasst, aber man kann niemals einfach nur kopieren und einfügen. Was wir uns meiner Meinung nach fragen sollten, ist, ob all diese Unterschiede wirklich Unterschiede sind und woher sie kommen. Ich glaube, dass das, was in Europa mit den Frauen besonders und tief greifend geschieht, unser tiefgehender und kompletter Verlust an Geschichte ist. Jetzt wird die Geschichte der Frauen mit vielen Büchern, Forschungen… wieder auf genommen, aber wir müssen die Geschichte mit einem Ziel betrachten, das über “das waren die Fakten, und wir sind so weit gekommen” hinausgeht. Wir müssen mehr versuchen anhand dieser Fakten zu sehen, wie sie uns beeinflusst haben und wie sie uns an diesen Punkt brachten. Um zu sehen, wie sie unsere Persönlichkeit als europäische Frauen beeinflusst haben. Mit einem Blick zurück oder voran in die Geschichte aus der Sicht der Frauen und einer viel tiefgehenderen und grundlegenderen Analyse der gemeinsamen Geschichte, die wir gelebt haben, werden wir eher in der Lage sein, Schritte zu gemeinsamen Zielen und Bedürfnissen zu entwickeln und zu gehen.

Ein weiteres Thema, das viele Spaltungen und Debatten hervorruft, ist die Frage nach dem Subjekt. Hier sehen wir eine klare Parteinahme für das Subjekt “Frau”, sowohl in der Frauenbewegung als auch in der internationalen Kampagne Women Defend Rojava zum Beispiel. Wie können wir dies aus einer feministischen Perspektive heraus im spanischen Staat analysieren?
Das ist eine der großen Fragen, und es ist das, worüber ich vorhin gesprochen habe. Wir können das nicht einfach so in unseren Kontext übersetzen, weil es große Unterschiede gibt. Damit meine ich nicht, dass es im Mittleren Osten keine Transsexuellen, keine Homosexuellen, keine nichtbinären Menschen gibt… Aber so wie die Geschlechter hier verstanden werden, was ihre Kultur, ihre Tradition und ihre Geschichte ist, ist der Geltungsanspruch des weiblichen Subjekts eine sehr wichtige Frage. Das gilt, denke ich, für den ganzen Planeten. Es gibt eine Realität, und zwar die, dass es viele Menschen auf diesem Planeten gibt, die sich mit dem “weiblichen” Subjekt identifizieren, die unterdrückt werden und die eine Reihe von Gemeinsamkeiten haben, die sie zu einem gemeinsamen Kampf veranlassen. Und es geht nicht darum, andere Geschlechtsidentitäten nicht sichtbar zu machen, die von demselben System unterdrückt werden, das die Frauen unterdrückt, und diese müssen respektiert werden. Wichtig ist letztlich, wie wir unter Achtung unserer Unterschiede Bündnisse zum Kampf gegen ein Patriarchat, das uns alle verletzt, aufbauen und stärken können.
Angesichts dieser patriarchalen Gewalt ist die Frage der Selbstverteidigung eine der zentralen Aspekte der Befreiung Kurdistans und eine der bekanntesten. Wird Sebstverteidigung so verstanden wie in Spanien, wo dieses Konzept immer mehr an Bedeutung gewinnt?
Im Allgemeinen sieht die gesamte westliche Welt kurdische Frauen mit Kalaschnikows in der Hand Daesh bekämpfen, und es stimmt, dass die physische oder militärische Verteidigung ein sehr wichtiger Teil ist, besonders in einer Region, in der ständig Krieg herrscht. Aber nicht nur das ist Selbstverteidigung. Es ist ein ganzheitliches Konzept, das die Verteidigung gegen alle Bedrohungen, gegen alle Gewalt, die gegen unseren Körper, gegen unseren Geist und gegen unser Leben ausgeübt wird, beinhaltet. Sich zu bilden ist zum Beispiel einer der wichtigsten Bereiche der Selbstverteidigung, damit man seine eigenen Entscheidungen treffen kann. Ein anderer ist die Verteidigung der Umwelt, denn wir müssen das verteidigen, was uns das Leben ermöglicht.
Die “Theorie der Rose” besagt, dass die Selbstverteidigung wie eine Rose ist: Sie bewahrt ihre Schönheit, schenkt der Welt Freude, hat aber gleichzeitig Dornen, mit denen sie sich gegen Angriffe verteidigen kann. Alle Lebewesen verfügen über Selbstverteidigungsmechanismen, während wir Menschen sie in den Händen von externen Gruppen wie der Polizei, der Armee, einem Ehemann, den Eltern gelassen haben… Wenn wir nicht in der Lage sind, uns individuell und kollektiv zu verteidigen – was bedeutet, den Ort, an dem wir leben, zu schützen, uns physisch zu schützen, unsere Fähigkeit zum Denken, zur Entscheidungsfindung sowie die wirtschaftlichen Fähigkeiten zu haben, uns sowohl individuell als auch kollektiv selbst zu ernähren… – verlieren wir eine der Fähigkeiten, die jedem lebenden Wesen eigen sind. Und das ist das Absurde.
Frauen brauchen keine Männer, um befreit zu werden, Frauen werden sich selbst befreien.
Was ist die Rolle der Männer bei der Befreiung der Frauen in Rojava und wie wird sie in der Praxis angewandt?
Frauen brauchen keine Männer um befreit zu werden, Frauen werden sich selbst befreien, und das Wichtigste ist, dass Frauen sich selbst befreien, damit sie auch die Gesellschaft befreien können. Die Rolle, die die Männer spielen müssen – nicht bei der Befreiung der Frauen, sondern bei ihrer eigenen Befreiung und bei der Befreiung der Gesellschaft – ist es, sich selbst “neu aufzubauen”. Wenn sie selbst nicht in der Lage sind zu verstehen, dass auch sie von diesem patriarchalen System unterdrückt werden, und die Privilegien, die ihnen dieses patriarchale System gibt, ablehnen, weil sie anderen Menschen Gewalt aufzwingen, ist die vollständige Befreiung der Gesellschaft nicht möglich. Frauen und andere Geschlechter können unterstützend wirken, aber wenn sie selbst nicht wollen, wird es ein Kampf zwischen Feinden und nicht zwischen Genoss*innen sein.
Auf praktischer Ebene ist es sehr komplex, es braucht noch viel Zeit. In Rojava gibt es zum Beispiel bei jeder Bildung bzw. Ausbildung Seminare zum Thema Jineolojî, wo über die Geschichte der Frauen und über das Patriarchat gesprochen wird, sodass die Männer sich Fragen über die Frauen und über sich selbst stellen, die sie sich oft noch nie zuvor gestellt haben.
Du hast Jineolojî schon ein paar mal erwähnt. Kannst du erklären, was das ist?
Es ist ein Vorschlag von Abdullah Öcalan, der von der kurdischen Frauenbewegung entwickelt wurde, aber es ist ein Vorschlag für alle Frauen in der Welt. Im Grunde ist das, was er vorschlägt, eine Wissenschaft der bzw. von Frauen und dem Leben, d.h. die bisher entwickelten Wissenschaften und Kenntnisse zu überprüfen und sie aus der Sicht der Frauen zu betrachten. Zum Beispiel zu prüfen, von welchem Standpunkt aus Geschichte geschrieben wurde, und sie als Frauen neu zu interpretieren und umzuschreiben. Und sich so weiter mit allen Feldern des Lebens zu beschäftigen: Soziologie, Etymologie, Epistemologie, Wirtschaft… Es ist ein sehr weitreichendes Projekt, das die Frauen der Befreiungsbewegung Kurdistans präsentieren, und es ist eine Einladung an den Rest der Frauen in der Welt, sich an der Neudefinition dieses Wissens in einer Weise zu beteiligen, die uns zur Freiheit führt, zu einer Gesellschaft, die das Wissen zum Nutzen der Gesellschaft und nicht zum Nutzen der Macht verwendet.
Sehîd Hêlîn Qereçox, Anna Campbell, war ein bedeutendes Beispiel einer revolutionären weiblichen Vorreiterin.
Und zu guter Letzt: Gibt es Geschichten oder Erfahrungen von Frauen, die dich beim Kampf der Frauen in Rojava beeindruckt haben?
Lass mich zwei Beispiele nennen. Das erste ist von einer Internationalistin: Ich habe eine relativ lange Zeit mit Şehîd Hêlîn Qereçox, Anna Campbell, verbracht, und für mich war sie, abgesehen davon, dass sie eine tolle Genossin und Freundin war, ein großartiges Beispiel für eine fortschrittliche revolutionäre Frau, was ich für unverzichtbar halte. Die Art und Weise, wie sie auf die Menschen zugegangen ist, ihr Interesse am Wissen, ihr Geist, der völlig offen war für das Verstehen und Überdenken all der Dogmen, Kenntnisse oder Theorien, die sie vorher hatte und die sie aus Europa mitbrachte… Ihr Wunsch zu kämpfen, ihr Respekt vor der Vielfalt, ihre Freude, die Fürsorge, die sie ihren Genoss*innen entgegenbrachte, wie sie ihnen Aufmerksamkeit schenkte… Şehîd Hêlîn ist ein Beispiel dafür, dass nicht nur kurdische Frauen eine Vorkämpferin sein können, sondern jede Frau, die wirklich entschlossen ist, für die Befreiung der Frauen und der gesamten Menschheit zu kämpfen. Sei es in ihrem eigenen Land oder in einem anderen. Sie ist eine Vorkämpferin für die Frauenbewegung in der ganzen Welt.
Ein anderes Beispiel ist die Mutter von zwei şehîds, ihren beiden ältesten Kindern. Einer ihrer Söhne namens Agîrî ist in Raqqa gefallen und Saxin, ihr zweiter Sohn, ist in Afrîn gefallen. Diese Frau ist in der Gemeinde ihres Viertels aktiv und hilft den Geflüchteten, die aus Serêkaniyê gekommen sind, sie geht dort zu allen Beerdigungen, zu allen Demonstrationen… Sie ist Kurdin, ihr Mann ist Araber, und man kann ein wenig von der demokratischen Nation und der Dynamik der Frauenbewegung im Inneren des Hauses sehen. Und vor allem kann man die Energie sehen, von der die Frauenbefreiungsbewegung so viel spricht: Sie hat eine ganz besondere Energie, sie ist in der Lage, mit allem fertig zu werden, Empathie zu empfinden, Energie zu geben, allen Menschen um sie herum einen Wert zu geben. Sie sagt immer, dass sie eine besondere Verbindung zu ihren Kindern hat, die als Märtyrer gefallen sind, und dass sie das gespürt hat, als ihr erster Sohn fiel. Sie wusste, bevor sie kamen, um ihr die Nachricht zu überbringen, dass ihr Sohn als Märtyrer gefallen war und dass er an dem Ort war, wo sie die Leichen ablegten. Sie sagte: “Es war 10.00 Uhr morgens, und mir war plötzlich sehr kalt. Nach ein paar Stunden kamen sie mich besuchen und sagten mir, dass sie genau zu dieser Zeit meinen Sohn in die Kühlzelle gebracht hatten. Und wenn sie es braucht, kommen ihre Kinder zu ihr. Sie sagt immer: “Ihr mögt diese Dinge als Europäer nicht glauben. Ihr werdet sagen, dass wir ein bisschen verrückt sind, aber für mich ist das die Realität.” Kurdische Frauen, und ich glaube, auch arabische Frauen, haben eine sehr starke Verbindung zu ihren Kindern, zur Natur. Diese Energie, die sehr mystisch, sehr unerklärlich erscheinen kann, ist eine sehr starke Realität, die eine ganz andere Verbindung mit der ganzen Umgebung, in der man lebt, und mit den Menschen, die man liebt, entstehen lässt. Das ist eines der Dinge, die ich nie und nimmer vergessen werde, und das lässt mich darüber nachdenken, wo diese Verbindung mit den Menschen, die wir lieben, mit der Natur um uns herum, in unserer Natur als Menschen zurückgelassen wurde, wo all diese Energie zurückgelassen wurde, die wir nicht mehr in der Lage sind, so zu fühlen. Und für mich ist das eines der beeindruckendsten Dinge, und diese Frau ist unglaublich, man muss sie kennenlernen!
Dieses Interview wurde im Orginalen auf spanisch hier veröffen

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