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Ferman-Gedenken: Drei Minuten Stillstand in Şengal

 


In Schulen, Verwaltungen und auf Marktplätzen wurde geschwiegen, der Blick zum Berg gerichtet – dorthin, wo viele 2014 Zuflucht fanden. In Şengal ist der Opfer des IS-Genozids gedacht worden.

Elf Jahre nach dem IS-Genozid
 
ANF / ŞENGAL, 3. Aug. 2025.

Zum elften Jahrestag des Völkermords an der ezidischen Bevölkerung durch die Terrormiliz „Islamischer Staat“ (IS) hat die Gesellschaft in Şengal heute innegehalten. Punkt 10 Uhr Ortszeit legten Menschen in der gesamten Region für drei Minuten ihre Arbeit nieder, drehten sich symbolisch in Richtung des Şengal-Gebirges und gedachten der Opfer der Massaker vom 3. August 2014.

In zahlreichen Ortschaften – von Herdan bis Xanesor, von Sinûnê bis Sîba – standen öffentliche Einrichtungen, lokale Räte, Läden, Schulen und Haushalte für einen Moment still. Organisiert wurde die Gedenkaktion vom Demokratischen Autonomierat Şengals, unterstützt von verschiedenen zivilgesellschaftlichen Gremien, darunter Frauenorganisationen wie der TAJÊ.


Stille Geste der Erinnerung

Die kollektive Geste galt den bis zu 10.000 getöteten Ezid:innen sowie den Tausenden entführten Frauen und Kindern, deren Schicksal bis heute vielfach ungeklärt ist. Mit dem stillen Innehalten wollten die Teilnehmenden nicht nur trauern, sondern auch Widerstand gegen die fortdauernden politischen und militärischen Bedrohungen zum Ausdruck bringen, denen sich die Region ausgesetzt sieht.

Borik

Akt des kollektiven Gedächtnisses

Die Zeremonie, bei der die Menschen schweigend dem Şengal-Gebirge zugewandt standen, wurde in der Region als eine besonders symbolträchtige Form des Gedenkens aufgenommen. Der ezidischen Gemeinschaft gilt der Şengal-Berg seit Jahrhunderten als Schutzraum und Rückzugsort – nicht zuletzt während des IS-Überfalls 2014.

„Diese stille Geste ist mehr als Erinnerung“, erklärte ein Vertreter der lokalen Selbstverwaltung. „Sie ist ein Zeichen der Würde, der Selbstbehauptung und der Forderung nach Gerechtigkeit.“

Duhola

Anklage gegen Staaten und Kräfte, die wegsahen

In politischen Erklärungen, die den Tag begleiteten, wurde erneut scharfe Kritik an den damaligen und heutigen Verantwortlichen laut. Mehrere Organisationen warfen der Türkei, der irakischen Zentralregierung sowie der in Hewlêr (Erbil) herrschenden Demokratischen Partei Kurdistans (PDK) vor, beim Angriff des IS weggesehen oder gar mitverantwortlich gehandelt zu haben. Die Angriffe auf Şengal hätten mit dem 3. August 2014 nicht geendet – die politische, militärische und wirtschaftliche Einflussnahme auf die Region dauere an, hieß es.

Erinnerung als Teil des Widerstands

Die Bevölkerung von Şengal betrachtet den Jahrestag des Völkermords nicht nur als Tag der Trauer, sondern auch als Teil ihres kollektiven Widerstands. „Solange Gerechtigkeit ausbleibt, wird das Gedenken Teil unseres politischen Handelns sein“, sagte eine Teilnehmerin der Aktion in Sinûn.

Şengal

Der Genozid und Feminizid des IS in Şengal

Am 3. August 2014 überfiel der IS die Şengal-Region im nördlichen Irak mit dem Ziel, eine der ältesten Religionsgemeinschaften auszulöschen. Durch systematische Massakrierung, Vergewaltigung, Folterung, Vertreibung, Versklavung von Mädchen und Frauen und der Zwangsrekrutierung von Jungen als Kindersoldaten erlebte die ezidische Gemeinschaft den 74. Völkermord in ihrer Geschichte.

Etwa 10.000 Menschen fielen jüngeren Schätzungen nach Massakern zum Opfer, mehr als 400.000 weitere wurden aus ihrer Heimat vertrieben. Über 7.000 Frauen und Kinder wurden verschleppt, bis heute werden 2.500 von ihnen vermisst. Daher stellt dieser Genozid in seiner Form zugleich auch einen Feminizid dar.

Die Peschmerga der PDK, die damals in Şengal stationiert waren, hatten sich bei dem IS-Angriff kampflos zurückgezogen. Nur die PKK-Guerilla, die mit einem kleinen Kontingent vor Ort war, und die Volks- und Frauenverteidigungseinheiten (YPG und YPJ) aus Rojava kamen den Ezidinnen und Eziden zur Hilfe und stellten sich den Islamisten entgegen. Gemeinsam kämpften sie einen Fluchtkorridor nach Rojava frei und retten so zehntausenden Menschen das Leben. Ohne dieses Handeln wären die Verluste der ezidischen Gesellschaft bei diesem Völkermord vermutlich weit höher gewesen.

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