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Rojava: Frauen spielen eine Führungsrolle in der Ökonomie

 


Mit 78 Kooperativen spielen Frauen auch eine Führungsrolle im Aufbau einer solidarischen Ökonomie in Rojava - ein Prozess, der unter Kriegsbedingungen stattfindet.

Die Revolution von Rojava ist ein radikaldemokratisches Gegenmodell zur kapitalistischen Moderne. Das zeigt sich in der Praxis. So wird Schritt für Schritt eine solidarische Ökonomie in der Region aufgebaut. Die Frauenkooperativen spielen dabei eine Doppelrolle, einerseits beim ökonomischen Empowerment von Frauen und andererseits bei der Demokratisierung der Ökonomie. Die wirtschaftspolitische Sprecherin des Frauenverbands Kongra Star in Nord- und Ostsyrien, Gûlê Murad, hebt hervor, dass das ökonomische Modell von Rojava kein Novum sei, aber der Aufbau und die Organisierung von Frauenökonomie etwas vollkommen Neues sind. Dabei muss man bedenken, dass der Aufbau der Frauenökonomie unter Kriegsbedingungen stattfindet. „Wir bemühen uns, unsere Kooperativen an die Bedingungen des Krieges anzupassen und weiterzuentwickeln, um die Errungenschaften der Frauen zu verteidigen und weitere Fortschritte zu machen“, sagt Murad.


Mit der Rojava-Revolution begannen die Frauen, sich am politischen, sozialen, militärischen und wirtschaftlichen Leben zu beteiligen. Unter der Führung von Kongra Star wurde 2015 offiziell eine organisierte Frauenökonomie geschaffen. Diese Frauenökonomie entwickelte sich kontinuierlich trotz Rückschlägen durch Krieg und am alten System orientierten Denkstrukturen weiter und wuchs. In Dêrik, Tirbêspiyê, Girke Legê, Amûdê, Qamişlo, Hesekê, Dirbêsiyê, Şedadê, Til Temir, Kobanê, Şehba, Tebqa und Raqqa arbeiten etwa 500 Frauen in landwirtschaftlichen Kooperativen auf etwa 63.000 Hektar Land. Die Zahl mag gering erscheinen, aber wenn man die Familien dazu rechnet, die vom Einkommen der Frauen leben, kommt man auf ein Vielfaches. 131 Frauen arbeiten in verschiedenen Kooperativprojekten wie Bäckereien, Restaurants, Schneidereien und Geschäften. Insgesamt gibt es 78 Frauenkooperativen, davon 51 in der Landwirtschaft, zwei im Bereich der Konservenproduktion und 25 Laden- und Bäckereikooperativen.

Das Ergebnis eines großen Kampfes“

Murad erinnert an die Zeit vor der Revolution: „Die Wirtschaft wurde als ein Bereich betrachtet, der nur Männern vorbehalten war. Daher sahen die Frauen den Bereich der Ökonomie nicht als den ihren an. Erst durch große Kämpfe ist es uns gelungen, Frauen für den Bereich der Wirtschaft zu gewinnen. Wir sind von Haus zu Haus gezogen, haben eine Diskussion nach der anderen geführt und haben so den heutigen Stand erreicht. Die Frauen waren auf ihre Häuser beschränkt und handelten innerhalb der ihnen gesetzten Grenzen. Historisch betrachtet ist die Ökonomie ein Frauenbereich, aber im Laufe der Zeit wurden Frauen aus diesem Bereich entfernt.“

Wirtschaftlicher Aufschwung reduziert Fluchtbewegung

Murad betont die Bedeutung der offiziellen Organisierung der Frauenökonomie und weist darauf hin, dass Fluchtbewegungen dadurch abgemildert werden konnten: „Frauen produzieren jetzt ihre Produkte selbst und gründen Kooperativen. Sie treffen eigene Entscheidungen im Bereich der Ökonomie und sind regelrechte Vorreiterrinnen. Es gehörte zu unseren Zielen, die Migration aus der Region durch wirtschaftliche Entwicklung zu stoppen, und wir konnten dieses Ziel verwirklichen. Die Beteiligung von Frauen an der Wirtschaft und die Entwicklung der Frauenökonomie hat die Frauen ermutigt, sich neue Lebensbereiche zu erschließen. Wir haben auch die Politik der Selbstversorgung der Frauen als Grundlage genommen. Mit der Beteiligung von Frauen an der Wirtschaft haben wir auch ihre ökonomische Freiheit sichergestellt. Wir haben ihre Bindung an das Land durch landwirtschaftliche Kooperativen gestärkt. Wir können nicht sagen, dass wir eine perfekte Wirtschaft geschaffen und alle Frauen erreicht haben, aber es ist nicht zu übersehen, dass große Schritte gemacht wurden.“

Kommunalen Ökonomie an die Bedürfnisse des Lebens angepasst

Gulê Murad berichtet über das intensive Engagement der Frauen im ökonomischen Aufbauprozess: „Vor der Revolution gab es berufstätige Frauen, aber das ging nicht über den Staatsdienst hinaus. Sie erledigten ihre Arbeit für ein paar Stunden und wurde dann wieder im Haus eingesperrt. Sie hatten keine wirtschaftliche Freiheit und kein Mitspracherecht im Haushalt. Sie befanden sich vollständig in den Fängen des Patriarchats. Als die Frauen sich in allen Lebensbereichen ein Mitspracherecht erkämpften, leisteten sie im wirtschaftlichen Bereich Pionierarbeit. Sie nahmen frei am Leben teil und schufen ein soziales Wirtschaftsmodell. So konnte eine kommunale Ökonomie nach den Bedürfnissen des Lebens aufgebaut werden.“

Strategische Perspektive auf ökologische Energieproduktion und Autarkie

Murad unterstreicht, dass der Aufbau der Frauenökonomie als strategische Perspektive Erfolge verzeichnet: „Früher haben wir uns auf Landwirtschaft beschränkt. Wir warteten auf Regen und versuchten so, die wirtschaftliche Entwicklung voranzubringen. Als Frauenökonomie konzentrieren wir uns auf landwirtschaftliche Kooperativen, aber wir sind zu dem Schluss gekommen, dass es eine strategischere Ausrichtung geben sollte. Wir haben die Notwendigkeit der Schaffung von Solarenergie erkannt, weil wir Wert auf ein fortschrittliches, umfassendes und autarkes System legen, und wir werden unsere Organisierung in dieser Hinsicht stärken. Außerdem wurden an allen Orten Wasserbrunnen gebohrt, denn wenn unsere landwirtschaftlichen Kooperativen stagnieren, werden wir Schwierigkeiten bei der Entwicklung unserer anderen Projekte haben. Mit der Landwirtschaft können wir die Grundlagen der Wirtschaft festigen.“

Stärkung der Kooperativen

Insbesondere im letzten Jahr wurde die Rolle der Kooperativen gestärkt. In Şedadê, Til Temir, Hesekê, Dirbêsiyê und Cizîrê wurden neue Wasserbrunnen gebohrt. Murad berichtet: „Es wurden etwa 8.000 Obstbäume gepflanzt. Die bestehenden 25 Bäckereien und Geschäfte wurden gestärkt. Landwirtschaftliche Kooperativen zur Unterstützung der Familienökonomie wurden an geeigneten Orten organisiert. Es wurden auch neue Bildungsgänge eingerichtet.“

Die Angriffe hören nicht auf

Die Kooperativen leiden jedoch unter den Angriffen auf die Infrastruktur. Die Angriffe des türkischen Staates zielen insbesondere darauf ab, die Ökonomie in der Region zu zerstören. Murad erklärt dazu aus der Perspektive der Frauenökonomie: „Als Frauenökonomie schaffen wir eine alternative Form der Produktion. Das Ganze findet unter Angriffen statt. Unser Wirtschaftsmodell ist nicht neu, aber es ist ein Novum, was die Organisation der Frauenwirtschaft angeht. Wir bemühen uns, unsere Kooperativen an die Kriegsbedingungen anzupassen und weiterzuentwickeln, um die Errungenschaften der Frauen zu verteidigen und weitere Schritte nach vorne zu machen. Die wirtschaftlichen Errungenschaften werden das Wohlstandsniveau der Gesellschaft erhöhen und die Abhängigkeit vom Ausland beseitigen. Trotz der vielfältigen Angriffe werden wir uns weiterhin für die Entwicklung der Wirtschaft und die Entwicklung der von Frauen geführten Wirtschaft im Sinne der Gesellschaft einsetzen.“

Titelbild: Arbeiterin im ökologischen Frauendorf Jinwar

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