Rückkehr nach Efrîn: Tausende Häuser und Grundstücke bleiben beschlagnahmt
Rund 80.000 Vertriebene sind nach Efrîn zurückgekehrt, doch viele erhalten ihr Eigentum nicht zurück. Der Menschenrechtler Îbrahîm Şêxo berichtet von Geldforderungen, anhaltenden Enteignungen und türkischen Stützpunkten, die eine Rückkehr verhindern.

Trotz der Rückkehr Zehntausender Vertriebener nach Efrîn (Afrin) und Serêkaniyê (Ras al-Ain) bleibt die Rückgabe ihrer Häuser, Grundstücke und landwirtschaftlichen Flächen weitgehend ungelöst. Bewaffnete Milizen und während der türkischen Besatzung angesiedelte arabische Familien halten zahlreiche Immobilien weiterhin besetzt und verlangen teilweise hohe Geldbeträge von den rechtmäßigen Eigentümer:innen. Allein in Efrîn werden rund 2.000 Wohnhäuser nicht zurückgegeben, erklärte Îbrahîm Şêxo, Sprecher der Menschenrechtsorganisation Rêxistina Mafên Mirovan li Efrînê (RMME), gegenüber ANF.
„Diese Milizenführer und arabischen Familien verlangen von den zurückkehrenden Familien hohe Geldbeträge für deren Häuser und Eigentum. Sie fordern zwischen 2.000 und 10.000 Dollar, abhängig von der Größe der Häuser und der vorhandenen Einrichtung“, berichtete Şêxo. Selbst Personen, die Efrîn inzwischen wieder verlassen haben, verweigern demnach die Herausgabe der besetzten Immobilien. Viele Rückkehrende müssen deshalb bei Verwandten unterkommen oder Wohnungen anmieten.
Îbrahîm Şêxo
Dabei war die sichere Rückkehr der Vertriebenen einschließlich der Rückgabe ihres Eigentums Bestandteil des Integrationsabkommens zwischen der Demokratischen Selbstverwaltung von Nord- und Ostsyrien (DAANES), den Demokratischen Kräften Syriens (QSD) und der islamistischen Übergangsregierung in Damaskus. Nach Einschätzung Şêxos sind die entsprechenden Vereinbarungen bislang jedoch nicht umgesetzt worden. Insbesondere die örtliche Verwaltung in Efrîn habe keine wirksamen Entscheidungen zur Rückgabe beschlagnahmter Häuser und Grundstücke getroffen.
Rückkehr trotz anhaltender Besatzungsstrukturen
Seit dem Abkommen sind nach Angaben der Menschenrechtsorganisation rund 80.000 Menschen aus etwa 10.000 Familien nach Efrîn zurückgekehrt. In Serêkaniyê wurden zwischen 2.000 und 2.500 Rückkehrende registriert. Nach Girê Spî (Tall Abyad) ist dagegen bislang niemand zurückgekehrt. Auch 1.300 aus Şehba vertriebene Familien leben weiterhin in Hesekê und Qamişlo, ohne konkrete Aussicht auf eine Rückkehr.
In Serêkaniyê behindert insbesondere die fortgesetzte Präsenz verschiedener Milizen die Rückkehr. Viele der dort stationierten Söldner stammen laut Şêxo aus dem Stadtteil Xiwêran in Hesekê. In Efrîn wiederum befinden sich in fünf Dörfern weiterhin türkische Militärstützpunkte, weshalb die ursprünglichen Bewohner:innen ihre Häuser nicht beziehen können.
Zwar seien seit Beginn der Rückkehrbewegung keine neuen Entführungen oder Festnahmen bekannt geworden. An der Beschlagnahmung von Eigentum habe sich jedoch wenig geändert.
Türkei und bewaffnete Gruppen halten an Enteignungen fest
Besonders betroffen sind landwirtschaftliche Flächen und Olivenhaine, die für viele Familien in Efrîn ihre wirtschaftliche Lebensgrundlage bilden. „Sie halten die Olivenbäume und landwirtschaftlichen Flächen weiterhin in ihrer Gewalt und geben sie den Eigentümern nicht zurück“, sagte Şêxo.
Die fortgesetzte Kontrolle über das Eigentum gehe auf Absprachen zwischen der Türkei und den bewaffneten Gruppen zurück, erklärte der Menschenrechtler. In Efrîn würden zudem über einen sogenannten Souveränitätsfonds Abgaben auf landwirtschaftliche Erträge erhoben. Ursprünglich seien 35 Prozent der Ernte eingezogen worden. Erst nach Protesten sei dieser Anteil auf 20 Prozent gesenkt worden.
Die wirtschaftlichen Folgen treffen auch jene Familien, die ihre Häuser zurückerhalten haben. Fehlende Arbeitsmöglichkeiten zwingen einige Rückkehrende, erneut nach Qamişlo oder Aleppo zu ziehen. Hinzu kommt die ungelöste Bildungsfrage: Nach Angaben Şêxos gibt es in Efrîn weiterhin keinerlei Maßnahmen, um Unterricht in kurdischer Muttersprache zu ermöglichen.
Kommentare
Kommentar veröffentlichen