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Europäische Jineolojî-Konferenz in den Niederlanden eröffnet

 


Mehr als 100 Delegierte beraten im niederländischen Haelen über die Zukunft der Jineolojî-Arbeit in Europa. Zum Auftakt zog Elif Kaya eine Bilanz der bisherigen Entwicklung und benannte Defizite bei der Organisierung von Frauen.

Zehn Jahre Jineolojî-Arbeit in Europa auf dem Prüfstand
 
ANF / HAELEN, 16. Okt. 2026.

Im niederländischen Haelen hat die erste europaweite Jineolojî-Konferenz begonnen. Mehr als 100 Delegierte aus verschiedenen europäischen Ländern beraten drei Tage lang über die Erfahrungen aus zehn Jahren organisierter Jineolojî-Arbeit, ihre Rolle beim Aufbau einer demokratischen Gesellschaft und neue Perspektiven der Organisierung. Zum Auftakt rief Elif Kaya von der Jineolojî-Akademie dazu auf, bisherige Errungenschaften ebenso wie bestehende Defizite kritisch zu bewerten.

Die Konferenz steht unter dem Motto „Bi Jineolojî ber bi avakirina jiyana komunal û azad“ (Mit Jineolojî zum Aufbau eines kommunalen und freien Lebens). Vertreten sind unter anderem Jineolojî-Komitees, Frauenräte und Kommunen, Mütter von Gefallenen, Jugend- und Kulturorganisationen, Medienschaffende, Glaubensgemeinschaften und Wissenschaftler. Eröffnet wurde die Zusammenkunft mit einem musikalischen Beitrag der Künstlerin Sosin und einer Gedenkminute für die gefallenen Frauen der kurdischen Freiheitsbewegung. Im Konferenzsaal erinnern Porträts unter anderem an Sakine Cansız, Nagihan Akarsel, Hevrîn Xelef und Alina Sánchez (Lêgerîn Çiya).


Von einer Idee zur Organisierung in sieben Ländern

In ihrer Eröffnungsrede blickte Elif Kaya auf die Entwicklung der Jineolojî zurück, die Abdullah Öcalan 2008 erstmals als eigenständigen Begriff formulierte. Aus den anfänglichen Diskussionen sei eine Bewegung entstanden, die Frauen unterschiedlicher gesellschaftlicher und kultureller Hintergründe zusammenbringe. „Wir erleben gerade einen historischen Moment. Seit Öcalan 2008 erstmals die Jineolojî definierte, sind genau 18 Jahre vergangen. Heute veranstalten wir unsere erste Konferenz, auf der wir die Jineolojî-Arbeit europaweit bewerten“, erklärte Kaya.

Jineolojî sei von Beginn an auf großes Interesse bei Frauen unterschiedlicher Völker, Glaubensgemeinschaften und gesellschaftlicher Gruppen gestoßen. Noch bevor feste Organisationsstrukturen entstanden seien, hätten Frauen in Europa eigene Konferenzen organisiert und ihr Wissen miteinander geteilt.

Inzwischen ist die Jineolojî nach Angaben Kayas in sieben europäischen Ländern organisiert. Tausende Menschen hätten an Bildungsangeboten teilgenommen, zudem seien zahlreiche Forschungsarbeiten entstanden. Auch andere Initiativen und Organisationsformen hätten wichtige Impulse aus der Jineolojî erhalten. „Jineolojî hat uns vor allem ermöglicht, Wissen über unsere eigene Existenz zu erlangen und die Bedeutung unserer praktischen Erfahrungen zu vertiefen“, sagte Kaya.

Das Erbe der gefallenen Frauen

Einen besonderen Stellenwert räumte Kaya dem Vermächtnis jener Frauen ein, die die Entwicklung der Jineolojî geprägt haben. Sie erinnerte unter anderem an Sakine Cansız, Nagihan Akarsel, Leyla Agirî und die Internationalistinnen Alina Sánchez und Anna Campbell. „In den Methoden der Jineolojî und dem Wissen, das sie hervorgebracht hat, erkennen wir die Liebe zur Freiheit, die Hoffnung, den Mut und die Kreativität dieser Weggefährtinnen. Daraus ist die Jineolojî entstanden, auf dieser Grundlage hat sie sich organisiert und institutionalisiert.“ Eine symbolisch freigehaltene Sitzgelegenheit im Konferenzsaal stehe für die fortdauernde Präsenz der gefallenen Frauen. Ihre Gedanken, Erfahrungen und Hoffnungen seien weiterhin Bestandteil der gemeinsamen Diskussionen über die Zukunft der Jineolojî.

Defizite bei der Arbeit mit migrantischen Frauen

Neben den bisherigen Entwicklungen sprach Kaya auch Schwierigkeiten und Versäumnisse offen an. Es sei bislang nicht ausreichend gelungen, Strukturen zu schaffen, in denen sich jede Frau mit ihren Erfahrungen und Fragen wiederfinden könne. Insbesondere die Lebensrealitäten migrantischer Frauen seien zu wenig berücksichtigt worden. „Wir haben uns nicht ausreichend mit den vielschichtigen Problemen befasst, die Migration für Frauen mit sich bringt. Es ist uns nicht gelungen, dies zu einem zentralen Thema unserer Arbeit zu machen“, erklärte Kaya.

Die Konferenz solle deshalb nicht allein eine Bilanz der vergangenen Jahre ziehen, sondern konkrete Veränderungen anstoßen. „Mit dieser Konferenz wollen wir unsere Defizite sichtbar machen, gemeinsam eine Perspektive für die neue Phase entwickeln und diese überwinden.“

Neue Organisationsmodelle im Mittelpunkt

Im weiteren Verlauf der dreitägigen Konferenz stehen Arbeitsgruppen zur gesellschaftlichen Rolle der Jineolojî und zur künftigen Organisierung auf dem Programm. An den Vorbereitungen waren neben Jineolojî-Strukturen auch Frauenräte, die Sozialwissenschaftliche Akademie sowie Arbeitsbereiche des Frauenkonföderalismus, der gesellschaftlichen Organisierung und der demokratischen Bündnisarbeit beteiligt. „Eines der grundlegenden Ziele unserer Konferenz besteht darin, unser eigenes Organisationsmodell herauszuarbeiten und eine Perspektive für die kommende Arbeitsphase zu entwickeln. Deshalb sind die Diskussionen in den Workshops und ihre Ergebnisse von großer Bedeutung“, betonte Kaya.

Zugleich verwies sie darauf, dass die Teilnahme aus organisatorischen Gründen begrenzt werden musste. Viele Frauen, die sich an der Jineolojî-Arbeit beteiligen und Interesse an der Konferenz bekundet hätten, könnten nicht anwesend sein. Für die kommende Zeit hoffe sie deshalb auf zusätzliche Veranstaltungen und Möglichkeiten zur Zusammenarbeit. Im Anschluss an die Eröffnungsrede wurde die Konferenz mit der Verlesung von Grußbotschaften fortgesetzt.

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