Öcalan an Jineolojî-Konferenz: Das Wissen um ein freies Leben erweitern
In einer Botschaft an die Europäische Jineolojî-Konferenz betont Abdullah Öcalan die zentrale Rolle der Frauen beim gesellschaftlichen Neuaufbau. Jineolojî müsse die wissenschaftliche und ideologische Grundlage dieses Prozesses bleiben.

Der kurdische Repräsentant Abdullah Öcalan hat sich mit einer Botschaft an die erste Europäische Jineolojî-Konferenz im niederländischen Haelen gewandt. Darin zeichnet er die persönlichen und theoretischen Grundlagen seiner Auseinandersetzung mit der Frauenbefreiung nach und unterstreicht die Bedeutung der Jineolojî für den Aufbau einer demokratischen Gesellschaft. Der gegenwärtige Prozess für Frieden und eine demokratische Gesellschaft sei nicht allein eine politische Verhandlungsfrage, sondern zugleich ein Prozess des gesellschaftlichen Neuaufbaus, dessen Führung die Frauen übernehmen müssten.
In seiner Botschaft beschreibt Öcalan die Unterdrückung der Frau als grundlegendes gesellschaftliches Herrschaftsverhältnis, dessen Überwindung Voraussetzung für Freiheit, Gleichheit und Demokratie sei. Er setzt sich zugleich mit der Notwendigkeit auseinander, die über Jahrhunderte gewachsene dominante Männlichkeit zu überwinden, und erklärt die Freiheit der Frau zum grundlegenden Maßstab sozialistischer Praxis.
Mit Blick auf die Zukunft der Jineolojî fordert Öcalan, die Erfahrungen der vergangenen Jahre aufzugreifen und neue Perspektiven zu entwickeln. „Diese Konferenz soll sowohl über die Vergangenheit als auch über die Zukunft der Jineolojî sprechen. Sie soll die Existenz der Frau richtig definieren und das Wissen um ein freies Leben erweitern“, heißt es in der Botschaft.
Die Erklärung im Wortlaut:
Liebe Genossinnen,
Trägerinnen des Bewusstseins und der Arbeit der Jineolojî,
Gestalterinnen eines freien Lebens,
seit meiner Kindheit trage ich eine Suche in mir: die freie Existenz der Frau zu erleben und einen Lebensraum zu schaffen, der ihrer würdig ist. Diese Suche vertiefte sich, als meine Spielgefährtinnen aus dem gemeinsamen Spiel herausgerissen wurden und meine Schwester für einen Sack Bulgur weggegeben wurde. Im stillen Widerstand der Frauen des Dorfes und im Wiedererstarken dessen, was von den Göttinnen geblieben war, erkannte ich, dass Befreiung möglich ist. Diesem Glauben bin ich gefolgt. Stets habe ich ihre Spuren gesucht. Denn ich wusste, dass die tiefste Wunde der Gesellschaft die Versklavung der Frau war. Ohne dies zu begreifen, konnten weder Freiheit noch Gleichheit noch eine wirkliche Demokratie möglich sein.
Als ich die Jineolojî entwickelte, ging es mir nicht darum, lediglich einen Begriff zu schaffen. Die Existenz der Frau in ihrer historischen und gesellschaftlichen Wirklichkeit neu zu definieren, sie aus ihrer Stellung als Objekt zu befreien und zum Subjekt zu machen, sollte unsere wichtigste Aufgabe sein, die wir der Geschichte hinterlassen. Ich wollte die Weisheit der Göttinnen und die matrilineare Lebensweise des Neolithikums wieder ans Licht bringen, die von der jahrtausendealten patriarchalen Zivilisation verschüttet worden waren. Der Dolch im Rücken der Gesellschaft war die Versklavung der Frau. Solange dieser Dolch nicht entfernt wurde, konnte kein gesellschaftliches Problem an seiner Wurzel gelöst werden. Die Jineolojî entstand als eine Wissenschaft, die diesen Dolch erkennt, ihn herauszieht und an seine Stelle das Wissen um ein freies Leben setzt.
Die Arbeit, die bisher im Namen der Jineolojî geleistet wurde, die Schriften, Diskussionen und Organisationsprozesse haben gezeigt, dass diese Wissenschaft zugleich eine Lebensweise ist. Sie war ein neuer Atemzug für die Frauenperspektive. Die Identität der Frau von sexistischen Denkmustern zu befreien, ihr einen eigenen Raum des Denkens und Handelns zu eröffnen und sie ihre eigene Geschichte schreiben zu lassen, war die wichtigste Aufgabe und Verpflichtung gegenüber der Menschheitsgeschichte. Dies wurde zum grundlegenden Tätigkeitsfeld und zur Kampfform der Jineolojî. Der Leitsatz „Man wird nicht als Frau geboren, man wird dazu gemacht“ ist von Bedeutung. Doch dieses Werden darf sich nicht innerhalb der vom Mann vorgegebenen Grenzen vollziehen, sondern muss aus der eigenen Kraft der Frau heraus geschehen. Deshalb haben wir gesagt, dass jede Frau ein eigenes Zimmer, eine eigene Stimme und ihr eigenes Wissen haben muss.
Als Mann habe ich mich in diesem Prozess fortwährend selbst hinterfragt und erneuert. Auch dem haben wir eine Bedeutung gegeben und uns zum Ziel gesetzt, uns durch Veränderung von der jahrhundertealten herrschenden Männlichkeit zu befreien. Ich habe erklärt, dass die Freiheit der Frau das Grundprinzip des Sozialismus ist. Denn der Maßstab dafür, ob ein Mann tatsächlich Sozialist sein kann, liegt darin, ob er in der Lage ist, eine richtige, gleichberechtigte und freie Beziehung zur Frau aufzubauen. In den meisten großen sozialistischen Erfahrungen der Geschichte blieb dieses Prinzip unberücksichtigt. Dieses Versäumnis führte dazu, dass die Revolutionen unvollendet blieben. Ich habe mich bemüht, diesen Mangel zu überwinden, und wollte der Göttinnen würdig sein. Den Mann zu verändern und ihn dazu aufzurufen, sich gemeinsam mit der Frau zu befreien, wurde für mich zu einer unverzichtbaren Aufgabe.
Heute stehen wir vor einem neuen Prozess. Die Suche nach Frieden und Demokratie ist ebenso ein politischer Verhandlungsprozess wie ein Prozess des gesellschaftlichen Neuaufbaus. Die Führung dieses Aufbaus werden die Frauen übernehmen. Denn mehr als die Hälfte aller bedeutenden Errungenschaften, die wir bisher erreicht haben, wurde durch die Arbeit, den Widerstand und den Verstand der Frauen ermöglicht. So wird es auch in Zukunft sein. Die Jineolojî muss weiterhin die wissenschaftliche und ideologische Grundlage dieser führenden Rolle bilden.
Wann immer ihr mich braucht, werde ich weiterhin gemeinsam mit euch denken und schöpferisch tätig sein. Denn der Sinn des Lebens findet für mich seinen konkreten Ausdruck darin, dass die Frau frei leben kann.
Diese Konferenz soll sowohl über die Vergangenheit als auch über die Zukunft der Jineolojî sprechen. Sie soll die Existenz der Frau richtig definieren und das Wissen um ein freies Leben erweitern. Mein unvollendetes Projekt wird durch die Kraft dieser Diskussionen seine Vollendung finden. Mein Vertrauen in euch ist uneingeschränkt. Vergesst nicht, dass ich immer an eurer Seite bin.
Mit unendlicher Sehnsucht und Liebe …
Abdullah Öcalan
Imrali“
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