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Rojava: Schritte zu einem dauerhaften Status für Kurdisch

Der Status des Kurdischen gehört seit der Gründung Syriens zu den zentralen Fragen der kurdischen Bevölkerung. Nach Jahrzehnten der Verleugnung begann ab 2011 eine neue Phase. Nun steht die dauerhafte rechtliche Absicherung der Sprache im Mittelpunkt.

Der lange Weg zu einem dauerhaften Status für Kurdisch
 
NÛJIYAN ADAR / ANF, 1. Sept. 2026.

Die Frage nach dem Status der kurdischen Sprache gehört seit der Gründung Syriens zu den zentralen Aspekten der kurdischen Frage im Land. Nach der Unabhängigkeit 1946 blieb Kurdisch infolge einer auf das Arabische ausgerichteten Staatspolitik über Jahrzehnte weitgehend aus Bildung und öffentlichem Leben ausgeschlossen. Seit den 1950er Jahren gewann der arabische Nationalismus zunehmend an Einfluss auf die staatliche Politik. Die öffentliche Sichtbarkeit kurdischer Sprache und Identität wurde eingeschränkt, während Arabisch die Sprache von Verwaltung und staatlichem Bildungssystem blieb.

Verleugnung und Arabisierung

Eine entscheidende Verschärfung folgte in den 1960er Jahren. Bei einer außerordentlichen Volkszählung in der Provinz Hesekê entzog das syrische Regime 1962 offiziellen Angaben zufolge rund 120.000 Kurd:innen die Staatsbürgerschaft. Viele wurden als ajanib, als „Ausländer“, registriert; daneben entstand mit den maktumin eine weitere Gruppe von Kurd:innen, die überhaupt nicht in den staatlichen Personenstandsregistern erfasst waren. Andere Quellen gehen davon aus, dass die Zahl der Kurd:innen denen die Staatsbürgerschaft verweigert wurde, noch höher lag.

Nach der Machtübernahme der Baath-Partei 1963 wurde die auf arabischem Nationalismus beruhende Staatspolitik weiter systematisiert. 1965 wurde das aus zwölf Punkten bestehende Projekt des sogenannten „Arabischen Gürtels“ beschlossen. Unter Hafiz al-Assad begann Mitte der 1970er Jahre dessen Umsetzung. Im Zuge des Projekts wurden kurdische Dörfer geräumt und zahlreiche Kurd:innen zwangsumgesiedelt. An ihrer Stelle wurden arabische Familien angesiedelt. Zwischen Dêrik und Serêkaniyê entstanden neue arabische Siedlungen, deren Bewohner:innen staatliche Unterstützung in Form von Land und finanziellen Mitteln erhielten.

Parallel dazu wurden kurdische Ortsnamen durch arabische Bezeichnungen ersetzt. Kurdischsprachige Publikationen und kulturelle Aktivitäten wurden stark eingeschränkt. Auch wenn Kurdisch nicht ausdrücklich als verbotene Sprache galt, blieb es aus dem staatlichen Bildungswesen, der Verwaltung und weiten Teilen des öffentlichen Lebens ausgeschlossen. Kurdische Kinder hatten keine Möglichkeit, in ihrer Muttersprache unterrichtet zu werden. Auch diejenigen, die das arabischsprachige Bildungssystem durchliefen, konnten ihren Beruf nicht frei wählen.

Die strikte Verleugnungspolitik, die von 1970 bis 2000 fortgesetzt wurde, wurde schließlich durch die Errungenschaften des jahrzehntelangen Kampfes der Kurd:innen und die Entwicklungen in der Region aufgebrochen. Damit begann auch für die kurdische Sprache eine neue Phase.

Neue Phase ab 2011

Mit den gesellschaftlichen und politischen Umbrüchen ab 2011 und der Rojava-Revolution vom 19. Juli 2012 wurde das Bildungswesen neu aufgebaut. Kurdischunterricht, der zuvor etwa in Aleppo, Kobanê und Efrîn im Verborgenen stattgefunden hatte, konnte nun öffentlich organisiert werden. Bereits 2011 entstanden die ersten kurdischsprachigen Schulen. Am 9. September wurde in Kobanê die Şehîd-Osman-Silêman-Schule eröffnet, am 6. Oktober folgte die Şehîd-Fewzî-Schule im Dorf Duraqliya bei Şera in Efrîn. Am 12. Oktober nahm im Dorf Bestasusê bei Dêrik die Şehîd-Dîcle-Schule ihre Arbeit auf. Drei Tage später wurden im Viertel Enteriyê in Qamişlo die Schulen Şehîd Reşo und Şehîd Mustafa Gulo eröffnet, am 9. November folgte in Amûdê die Reşîdê-Kurd-Schule.

Mit der Eröffnung weiterer kurdischsprachiger Schulen in den damaligen Kantonen Efrîn, Cizîrê und Kobanê weitete sich das Bildungsangebot in den folgenden Jahren aus. Kurdisch entwickelte sich damit von einer Sprache, die vor allem in den Familien und im Alltag bewahrt worden war, zu einer Unterrichtssprache, für die eigene Lehrpläne entstanden und die schließlich auch Eingang in den akademischen Bereich fand. Im Studienjahr 2024/25 wurden 827 Studierende an der Rojava-Universität, 435 an der Universität Kobanê und 326 an der Al-Sharq-Universität aufgenommen.

Damit wurde Kurdisch, nachdem es jahrzehntelang aus dem staatlichen Bildungswesen und dem öffentlichen Raum ausgeschlossen worden war, erstmals zu einem grundlegenden Bestandteil eines institutionellen Bildungssystems in den von Kurd:innen kontrollierten Gebieten. Die Sprache war nun nicht mehr allein ein im familiären und gesellschaftlichen Alltag bewahrtes Element der Identität, sondern wurde in Schulen unterrichtet, erhielt eigene Lehrpläne und fand Eingang in die akademische Bildung.

Sturz des Assad-Regimes

Mit dem Sturz des Assad-Regimes am 8. Dezember 2024 begann in Syrien auch hinsichtlich der kurdischen Frage und des Status der kurdischen Sprache eine neue Phase. Anders als das vorherige Regime leitete die neue Führung erste Schritte zur Anerkennung der kulturellen und sprachlichen Rechte der Kurd:innen ein. Einer der wichtigsten Schritte war das Dekret Nr. 13 vom 16. Januar 2026, mit dem Kurdisch als „Nationalsprache“ anerkannt wurde.

Darauf folgte am 26. August eine weitere Entscheidung, die den Unterricht des Kurdischen an staatlichen und privaten Schulen in Gebieten mit einem hohen kurdischen Bevölkerungsanteil ermöglicht. Dem Beschluss zufolge sollen Schüler:innen drei Stunden Kurdischunterricht pro Woche erhalten. Auch Aktivitätsstunden sollen auf Kurdisch stattfinden. Die im Kurdischunterricht erzielten Noten werden in die Gesamtbewertung am Ende des Schuljahres einbezogen. Im ersten Schuljahr, in dem die Regelung umgesetzt wird, erhalten die Schüler:innen zudem die Möglichkeit, die Fächer Soziologie, Geschichte, Geografie und Philosophie entweder auf Arabisch oder auf Kurdisch zu belegen. Diese Wahlmöglichkeit ist jedoch auf das erste Jahr beschränkt.

Dem Beschluss zufolge werden die Lehrpläne für den Kurdischunterricht vom Nationalen Zentrum für die Entwicklung der Lehrpläne ausgearbeitet und in den landesweiten Lehrplan aufgenommen. Die Bildungsdirektionen sollen zugleich Stellen für Kurdischlehrer:innen schaffen. Als Lehrkräfte können Hochschulabsolvent:innen, Absolvent:innen von Ausbildungsinstituten für Lehrkräfte sowie kurdischsprachige Schulabgänger:innen eingestellt werden. Um die Sprachkenntnisse der Bewerber:innen festzustellen, sind schriftliche und mündliche Prüfungen vorgesehen. Dabei sollen ihre Kenntnisse der kurdischen Grammatik sowie ihre mündliche Ausdrucks- und Kommunikationsfähigkeit bewertet werden.

Die Frage nach einem dauerhaften Status

Diese Absicherung des Kurdischen im Bildungsbereich wird als bedeutende Errungenschaft gegenüber der jahrzehntelangen Verleugnungs- und Assimilationspolitik des Regimes bewertet. Eine dauerhafte Lösung wird jedoch erst möglich sein, wenn Kurdisch verfassungsrechtlich abgesichert und im offiziellen und öffentlichen Leben Syriens anerkannt wird. Mit dem neuen Verfassungsprozess verbindet sich daher die Erwartung, den Weg für einen dauerhaften Status zu öffnen, der die historische Existenz der kurdischen Sprache absichert.

 

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