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„Sie hatten die Schuhe der Ermordeten auf das Massengrab gelegt“

 


Als der IS 2014 Şengal überfällt, überlebt Mam Bircûn Gefängnis, Flucht und Genozid. Er berichtet vom Rückzug der Peschmerga, dem Einsatz der PKK-Guerilla, dem Massengrab von Qinê und den Spuren, die der Ferman bis heute hinterlassen hat.

Mam Bircûn über den Genozid von Şengal und den Weg zurück ins Leben
 
CÎHAN ZEMO-GULÎSTAN EZÎZ / ŞENGAL, 31. Juli 2026.

Als Mam Bircûn nach der Vertreibung des sogenannten Islamischen Staates (IS) in sein Dorf Qinê zurückkehrt, führt man ihn zu einem Massengrab. Dort liegen die sterblichen Überreste von 82 Ezid:innen, die während des Genozids von 2014 ermordet wurden. Was sich ihm an diesem Ort bietet, hat sich tief in sein Gedächtnis eingebrannt: Auf den Gräbern liegen die Schuhe der Getöteten. „Sie hatten ihre Schuhe auf das Massengrab gelegt“, erinnert er sich. „Damit wollten sie sagen: ‚Das ist es, was Eziden verdienen.‘“

Das Bild verfolgt ihn bis heute. Nach dem Massaker hatten die Täter die Leichen hastig verscharrt. Später spülten Regenfälle Knochen und Kleidungsstücke wieder an die Oberfläche. Noch lange seien überall menschliche Überreste verstreut gewesen, erzählt Mam Bircûn. Erst Jahre später wurden die Gebeine exhumiert und nach Bagdad gebracht. Viele Familien warten bis heute auf Gewissheit über das Schicksal ihrer Angehörigen.

Für Mam Bircûn begann der Weg zu diesem Massengrab jedoch nicht erst mit dem Genozid an den Ezid:innen in Şengal. Seine Geschichte führt zunächst in das Badusch-Gefängnis bei Mossul – in die letzten Tage, bevor der IS die Millionenstadt einnahm und eine der schwersten Verbrechensserien der jüngeren Geschichte des Irak ihren Lauf nahm.


„Damals kannten wir den IS noch nicht“

Als der IS im Juni 2014 seinen Vormarsch auf Mossul begann, saß Mam Bircûn im Badusch-Gefängnis nordwestlich der Stadt ein. Von der Organisation hatte dort zunächst kaum jemand gehört. „Damals nannten alle sie nur Erhab“, erinnert er sich und verwendet damit den im Irak gebräuchlichen Begriff für Terrorgruppen. Erst später habe sich der Name „Daesh“ beziehungsweise IS verbreitet. Mit jedem Tag drangen neue Gerüchte hinter die Gefängnismauern. In der Stadt sei eine bewaffnete Gruppe auf dem Vormarsch, hieß es. Sie töte Menschen, plündere ganze Viertel und bringe immer weitere Gebiete unter ihre Kontrolle. Am 22. Juni erfährt Mam Bircûn schließlich, dass der IS Mossul erreicht hat.

Ein arabischer Mitgefangener, der mit dem IS sympathisierte, habe ihn damals gewarnt: „Mam Bircûn, uns bleibt nicht mehr viel Zeit. Entweder werden wir getötet oder wir kommen hier heraus. Der IS ist in Mossul. Als Nächstes werden sie Tel Afar und den gesamten Irak einnehmen.“ Noch in derselben Nacht wird Mam Bircûn aus dem Schlaf gerissen. „Steh auf“, sagt derselbe Mann zu ihm. „Der IS hat bereits das Mossul-Tor erreicht. Entweder sterben wir heute Nacht oder wir gehen nach Hause.“

Mam Bircûn erinnert sich an seine Antwort: „Selbst wenn wir sterben sollten – nach Hause zu gehen wäre besser, als unter diesen Bedingungen hier eingesperrt zu bleiben.“ Gegen zwei Uhr morgens beginnen rund um das Gefängnis heftige Gefechte. Bis zum Morgengrauen wird Badusch vollständig vom IS eingeschlossen. Die irakischen Sicherheitskräfte ziehen sich zurück, der Gefängnisbetrieb bricht zusammen. „Als wir sahen, dass die weiblichen Gefangenen freigelassen wurden, wussten wir, dass der Staat zusammengebrochen war“, erzählt Mam Bircûn. Gemeinsam mit anderen Gefangenen schlägt er die Tür seines Haftraums auf und versucht zu fliehen.

Doch viele der ersten Flüchtenden geraten unmittelbar in die Hände der IS-Söldner. Nach vorbereiteten Listen trennen diese die Gefangenen voneinander. Ezid:innen, Kurd:innen, schiitische Gefangene und Fayli-Kurd:innen werden ausgesondert und ermordet. Sunnitische Araber hingegen werden in Fahrzeuge gesetzt und nach Hause geschickt. „Sie wussten genau, wen sie suchten“, sagt Mam Bircûn. „Die Auswahl erfolgte nach religiöser und ethnischer Zugehörigkeit.“

Mam Bircûn selbst gehört zu einer Gruppe, die zunächst nicht getötet wird. Stattdessen bringen die Terroristen sie in das Ghazlani-Gefängnis im Süden von Mossul. Dort verbringt er rund zwanzig Tage unter der Kontrolle der Dschihadisten. Erst ein US-Luftangriff verändert die Situation erneut. Das Gefängnis wird bombardiert, zahlreiche Gefangene kommen ums Leben oder werden verletzt. Mam Bircûn gelingt die Flucht. Was aus einem seiner engsten Mitgefangenen geworden ist, weiß er bis heute nicht.

Über Umwege erreicht er schließlich ein Dorf zwischen Mossul und Tel Afar, in dem ein Bekannter lebt. Nachdem er ihm von seiner Flucht berichtet hat, hilft dieser ihm weiter. Wenig später gelingt Mam Bircûn die Flucht nach Şengal. Dort erlebt er eine Szene, die ihm bis heute in Erinnerung geblieben ist: Zahlreiche schiitische Familien aus Tel Afar hatten sich vor dem Vormarsch des IS nach Şengal gerettet. Die ezidische Bevölkerung nahm sie auf und teilte mit ihnen das Wenige, was sie besaß – nur wenige Wochen bevor sie selbst Opfer des Genozids werden sollte.

„Man sagte uns, der IS werde uns nichts antun“

Als Mam Bircûn Şengal erreicht, scheint die Front noch weit entfernt. Doch innerhalb weniger Wochen gerät die gesamte Region unter den Druck der Terrormiliz. Nach und nach fallen die umliegenden Städte und Dörfer in die Hände der Dschihadisten, bis auch Şengal vollständig eingekesselt ist. „Wir fragten ständig, was geschehen würde“, erinnert sich Mam Bircûn. „Die Antwort lautete immer wieder: ‚Der IS sagt, dass er nicht gegen die Eziden kämpfen wird. Mit euch haben sie nichts vor.‘“

Viele Menschen klammern sich an diese Hoffnung. Gleichzeitig sind in Şengal rund 3.000 Peschmerga der Demokratischen Partei Kurdistans (PDK) stationiert. Sie versichern der Bevölkerung, die Region verteidigen zu können. Wenige Tage vor Beginn des Genozids verlangen Angehörige der PDK-Einheiten jedoch, die Bevölkerung solle ihre Waffen abgeben.

„Sie wollten unsere Gewehre einsammeln“, erzählt Mam Bircûn. „Doch die Menschen antworteten: ‚Wir sind vollständig umzingelt. Nicht einmal Gott würde zulassen, dass wir euch jetzt unsere Waffen überlassen.‘“ Nach seinen Erinnerungen versuchten die Sicherheitskräfte mehrmals, die wenigen Waffen der Bevölkerung einzuziehen. In den meisten Familien habe es lediglich ein einziges Gewehr gegeben – ausschließlich zur Selbstverteidigung. „Wir haben unsere Waffen nicht abgegeben“, sagt Mam Bircûn.

Am Morgen des 3. August 2014 bricht die Gewissheit endgültig zusammen. Aus Tel Benat, Tel Qasab und zahlreichen weiteren Dörfern rund um Şengal fliehen die Menschen in Richtung Gebirge. Auch Mam Bircûn macht sich mit seiner Familie auf den Weg zum Şengal-Berg. Bei Gir Zerk kommt es zu heftigen Gefechten. Bewaffnete Ezid:innen versuchen, den Vormarsch des IS aufzuhalten. Doch sie sind den Angreifern zahlenmäßig und militärisch weit unterlegen. Viele verlieren bereits dort ihr Leben.

Was sich gleichzeitig an anderer Stelle ereignet, hat sich tief in das kollektive Gedächtnis der Überlebenden eingebrannt. „Die Peschmerga ließen ihre Waffen zurück, stiegen in ihre Fahrzeuge und fuhren davon“, sagt Mam Bircûn. „Dabei hatten sie uns versprochen: ‚Wir werden euch beschützen.‘“ Mit dem Rückzug der PDK-Truppen bricht die Verteidigung Şengals innerhalb weniger Stunden zusammen. Tausende Familien fliehen überstürzt in Richtung Gebirge, während der IS Dörfer besetzt, Menschen verschleppt und mit den systematischen Massakern an der ezidischen Bevölkerung beginnt. Für Mam Bircûn markiert dieser Tag den Beginn einer Katastrophe, die das Leben der Ezid:innen für immer verändern sollte.

Der Weg auf den Şengal-Berg

Auch Dayê Bircûn erinnert sich an die ersten Tage des Genozids. Wie Tausende andere ezidische Familien flieht sie gemeinsam mit ihren Angehörigen über das Acî-Tal auf den Şengal-Berg. „Am fünften Tag erreichten wir Usivan“, erzählt sie. „Der IS hatte uns von den Wasserquellen abgeschnitten. Es gab kein Wasser mehr.“ Der Durst wird zu einer der größten Bedrohungen für die Eingeschlossenen. Schließlich erfahren die Geflüchteten von einer kleinen Quelle bei Kêrox. Doch das Wasser fließt nur tropfenweise.

„Tausende Frauen und Kinder warteten dort. Für einen kleinen Behälter Wasser musste man fünf oder sechs Stunden in der Schlange stehen.“ Die Menschen versuchen mit dem Wenigen zu überleben, was sie bei ihrer Flucht retten konnten. Viele sind erschöpft, zahlreiche Kinder und ältere Menschen brechen unter der Hitze zusammen. Gleichzeitig rückt der IS immer näher an das Gebirge heran.

Zwei Guerillakämpferinnen übernehmen die DSchK

Auf dem Berg gibt es kaum Möglichkeiten, sich zu verteidigen. „Außer einigen älteren Männern, die früher in der Armee gedient hatten, konnte niemand von uns mit Waffen umgehen“, erinnert sich Dayê Bircûn. Den Geflüchteten steht lediglich ein schweres DSchK-Maschinengewehr zur Verfügung. Hunderte Menschen versammeln sich darum, doch niemand weiß, wie die Waffe zu bedienen ist.

In dieser Situation treffen Kämpfer:innen der PKK ein. „Zwei Guerillakämpferinnen kamen zu uns und fragten: ,Was macht ihr hier?‘“, erzählt Dayê Bircûn. „Wir antworteten: ,Wir haben eine Waffe und Munition, aber niemand kann sie bedienen.‘“ Die beiden Frauen zögern nicht. „Geht zur Seite“, sagen sie. „Wir übernehmen das.“ Anschließend bringen sie das schwere Maschinengewehr in Stellung und eröffnen das Feuer auf die vorrückenden IS-Einheiten.

„Sie hielten den IS davon ab, den Gipfel des Berges zu erreichen“, sagt Dayê Bircûn. „Dadurch konnten die Menschen in sicherere Bereiche des Gebirges gelangen.“ Für viele Überlebende gehören diese Stunden zu den entscheidenden Momenten des Genozids. Während Tausende Zivilist:innen auf dem Berg eingeschlossen sind, gelingt es den eintreffenden Guerillaeinheiten, den Vormarsch des IS zu verlangsamen und Zeit für die Evakuierung der Bevölkerung zu gewinnen.

Kampf um jeden Hügel

Auch Mam Bircûn greift in diesen Tagen selbst zu den Waffen. Bereits am zweiten Tag des Genozids schließt er sich gemeinsam mit weiteren Ezid:innen dem Widerstand gegen den IS an. Bei Solax liefern sie sich Gefechte mit den Dschihadisten. Doch ihre Möglichkeiten sind begrenzt. „Nach einigen Tagen reichte unsere Kraft nicht mehr aus“, erinnert er sich. „Wir mussten uns zurückziehen.“

Erst nachdem ein humanitärer Korridor geöffnet wird, gelingt Mam Bircûn gemeinsam mit vielen anderen die Flucht über Rojava. Von dort führt sein Weg weiter nach Silêmanî in Südkurdistan. Lange bleibt er jedoch nicht fern. Schon kurze Zeit später kehrt er nach Şengal zurück – in der Hoffnung, sein Heimatdorf Qinê wiederzusehen. Dort erwartet ihn eine Wirklichkeit, die ihn bis heute nicht loslässt.

„Sie hatten die Schuhe der Ermordeten auf das Massengrab gelegt“

Wenige Wochen nach seiner Flucht kehrt Mam Bircûn in sein Heimatdorf Qinê zurück. Das Dorf ist menschenleer. Nachbar:innen erzählen ihm von einem Massengrab außerhalb des Ortes. „Ich ging dorthin“, erinnert er sich. „Alle waren ermordet worden. Sie hatten ihre Schuhe auf das Massengrab gelegt. Damit wollten sie sagen: ,Das ist es, was Eziden verdienen.'“

Der IS hatte in Qinê 82 Ezid:innen – überwiegend Bewohner:innen der Dörfer Mehrika und Tel Qasab – zusammengetrieben, erschossen und in einem Massengrab verscharrt. Qinê war für viele Familien während ihrer Flucht zum letzten Zufluchtsort geworden. Zwei Menschen überlebten das Massaker schwer verletzt: Xelefê Daho und sein Sohn.

Nachdem sie unter den Leichen verschüttet worden waren, hörten sie die Stimmen der IS-Leute. „Die Emire gaben den Befehl, alle zu töten“, erzählt Mam Bircûn. „Nachdem sie geschossen hatten, sagten sie: ,Bringt Wasser, damit wir unsere Hände waschen können. Das Blut der Ungläubigen klebt an ihnen.'“ Diese Worte haben sich den Überlebenden bis heute eingeprägt.

Der Regen legte die Verbrechen wieder frei

Kurz nach dem Massaker gehen über Şengal heftige Regenfälle nieder. Das Wasser reißt Erde aus dem Massengrab und trägt menschliche Überreste über das Gelände. „Ich habe es mit eigenen Augen gesehen“, sagt Mam Bircûn. „Über lange Zeit lagen dort Knochen und Kleidung verstreut.“ Nach seiner Erinnerung hatten die Opfer ihre Schuhe vor ihrer Ermordung ausziehen müssen. Anschließend legten die Täter sie demonstrativ auf das Massengrab. „Das sollte eine letzte Erniedrigung sein“, sagt er. Später exhumieren irakische Behörden die sterblichen Überreste und bringen sie nach Bagdad. Doch bis heute warten viele Angehörige auf Gewissheit über das Schicksal ihrer Familienmitglieder.

„Hier haben wir 82 Eziden getötet“

Nach Angaben Mam Bircûns hatten die IS-Terroristen das Massengrab sogar mit einer Inschrift versehen. „Sie schrieben: ,An diesem Ort haben wir 82 Eziden getötet.'“ Nicht alle Opfer wurden dort verscharrt. Etwas abseits des Massengrabs ermordeten die Dschihadisten drei weitere ältere Männer, darunter Mam Uto und Mam Bedel. Zuvor hatten sie verlangt, die beiden sollten zum Islam übertreten.

„Sie weigerten sich“, erzählt Mam Bircûn. „Daraufhin wurden sie getötet und ihre Leichen geschändet.“ Auch Cirdo, Xidir und Cindî, allesamt ältere Dorfbewohner, wurden auf ihrer Flucht aufgegriffen und ermordet. Nach den Erinnerungen Mam Bircûns kamen in Qinê und seiner unmittelbaren Umgebung mindestens 87 Ezid:innen ums Leben. Die Frauen und Mädchen des Dorfes wurden vom IS verschleppt.

„Unsere Nachbarn erklärten uns zu Ungläubigen“

Besonders schmerzlich sei für viele Überlebende gewesen, dass sich zahlreiche Täter:innen aus der unmittelbaren Umgebung rekrutierten. „Es waren Menschen aus Tel Afar, Ba'aj und den umliegenden Dörfern“, sagt Mam Bircûn. „Sie nannten uns Ungläubige. Sie sagten: ,Diese Eziden haben keine Religion. Sie dürfen nicht weiterleben.'“ Viele dieser Menschen seien den Ezid:innen seit Jahren persönlich bekannt gewesen. „Sie behaupteten, wir würden nicht an Gott glauben und müssten vernichtet werden.“

Bis heute seien nicht alle Opfer geborgen worden. „Wenn man dort den Boden ein wenig aufgräbt, findet man noch immer menschliche Knochen“, sagt Mam Bircûn. „Einige konnten wir auf unserem Friedhof bestatten. Die übrigen Gebeine wurden nach Bagdad gebracht. Seitdem haben wir nichts mehr von ihnen gehört. Für viele Familien gibt es bis heute keine Antworten.“

„Ohne die Guerilla hätten noch Tausende ihr Leben verloren“

Nach seiner Rückkehr nach Şengal schließt sich Mam Bircûn den Verteidigungseinheiten an. In Qinê begegnet er erstmals Kämpfer:innen der PKK, mit denen er später gemeinsam arbeitet. Zeitweise übernimmt er die Führung eines Bataillons. Wenn er heute über den Genozid spricht, kommt er immer wieder auf die Tage auf dem Şengal-Berg zurück. „Jeder ehrenhafte Ezide sollte den Tag des Ferman niemals vergessen und sich als Schüler Abdullah Öcalans verstehen“, sagt Mam Bircûn. „Wir definieren uns nicht anders als über unser Ezidentum und Abdullah Öcalan.“

Für ihn ist dies untrennbar mit den Erfahrungen des Genozids verbunden. „Außer den Guerillakräften kam niemand, um uns zu helfen“, sagt er. „Ich habe mit eigenen Augen gesehen, wie sie in diesen Tälern Hunderte ältere Frauen und Männer auf ihren Schultern nach Çilmêra trugen. Von dort wurden sie weiter nach Rojava und nach Südkurdistan gebracht.“ Noch heute sei er überzeugt, dass ohne diesen Einsatz weitaus mehr Menschen gestorben wären. „Wenn die Guerilla den Hilferufen der Eziden nicht gefolgt wäre, hätten in diesen Tälern Tausende weitere alte Menschen ihr Leben verloren.“

Lehren aus dem Ferman

Für Mam Bircûn endet die Erinnerung an den Genozid nicht mit dem Blick zurück. Aus den Ereignissen von 2014 zieht er auch Konsequenzen für die Zukunft der ezidischen Gemeinschaft. „Die Eziden müssen sich organisieren und dürfen nie wieder zulassen, dass sich ein solcher Ferman wiederholt“, sagt er. „Sie dürfen sich nicht auf fremde Mächte verlassen. Sie müssen sich ihres eigenen Willens und ihrer eigenen Kraft bewusst werden.“

Der Genozid von Şengal sei der 74. Ferman, den die Ezid:innen nach ihrer historischen Überlieferung erlitten hätten. „Dieses Mal haben selbst unsere zehn- und fünfzehnjährigen Kinder einen Ferman erlebt“, sagt Mam Bircûn. „Ich kenne kein anderes Volk, das eine solche Geschichte durchleben musste.“

„Wir wollten nie Krieg“

Mit Bitterkeit spricht Mam Bircûn über die jahrzehntelange Diskriminierung der Ezid:innen im Irak. „Wir haben niemandem den Krieg erklärt“, sagt er. „Wir sind Bürger dieses Staates. Tausende Eziden haben im Iran-Irak-Krieg ihr Leben verloren. Trotzdem wurden wir immer wieder als Ungläubige bezeichnet.“ Er widerspricht entschieden den Behauptungen, Ezid:innen hätten keinen Glauben. „Jeder Mensch hat seinen Glauben. Wir glauben an Gott und an Tawûsê Melek. Seit Jahrhunderten leben wir nach den Regeln unserer Religion. Deshalb haben wir auch unsere heiligen Stätten. Warum mussten sie zerstört werden? Warum wollten sie unsere Kultur auslöschen?“

Nach seiner Erinnerung glaubten viele der Angreifer, die Ezid:innen würden niemals nach Şengal zurückkehren. „Sie hatten unser Land und unseren Besitz bereits unter sich aufgeteilt“, sagt er. „Doch dann kam die Guerilla, die Menschen kehrten zurück und diejenigen, die uns vertreiben wollten, mussten fliehen.“

„Solange wir auf unsere eigene Kraft vertrauen“

Trotz allem blickt Mam Bircûn nicht resigniert auf die Zukunft. Seine Hoffnung gründet sich auf den Überlebenswillen der ezidischen Gemeinschaft. „Seit Tausenden von Jahren versuchen sie, uns auszulöschen“, sagt er. „Doch unser Glaube hat nie aufgehört zu existieren.“ Dann richtet er den Blick auf den Şengal-Berg, der für die Ezid:innen bis heute zum Symbol des Überlebens geworden ist. „Selbst wenn nur noch zehn Menschen auf dem Şengal-Berg blieben – solange sie auf ihre eigene Kraft vertrauen, wird niemand sie besiegen können.“

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