Öcalan: Komînal soll Theorie und Praxis miteinander verbinden
In einer Botschaft an die neue Zeitung Komînal bezeichnet Abdullah Öcalan den Übergang zur demokratischen Gesellschaft als neue historische Phase. Die Publikation solle Theorie und praktische Organisierung verbinden und den kommunalen Aufbau fördern.
Der kurdische Repräsentant Abdullah Öcalan hat der neuen Zeitung Komînal eine ausführliche Botschaft übermittelt, die in der Juli-Ausgabe veröffentlicht wurde. Darin beschreibt er die Aufgaben der neuen Publikation vor dem Hintergrund des Prozesses für Frieden und eine demokratische Gesellschaft, zieht eine Bilanz der historischen Rolle der PKK und skizziert den Übergang zu einem auf demokratischer Gesellschaft und Kommunalität beruhenden Paradigma:
Nicht nur Theorie hervorbringen, sondern zugleich der Praxis den Weg eröffnen
„Ich habe eure neue Zeitung mit Hoffnung und Freude gesehen. Wie ich sehe, habt ihr ihr den Namen Komînal gegeben. Eigentlich hätte sie auch Komünar heißen können. Aber auch dieser Name gefällt mir. Dass sie in der neuen Periode die Rolle von Serxwebûn übernimmt, ist eine bedeutungsvolle und historische Entwicklung. Zunächst wünsche ich euch viel Erfolg.
Wie es scheint, bemüht ihr euch darum, einen starken theoretischen Rahmen zu schaffen. Die neue Periode braucht jedoch nicht allein theoretische Diskussionen. Sie braucht zugleich eine publizistische Linie, die im Leben selbst ihre Entsprechung findet, die die Gesellschaft organisiert und praktische Wege und Methoden entwickelt. Deshalb bin ich der Auffassung, dass ihr insbesondere den Fragen der praktischen Organisierung größeres Gewicht beimessen solltet. Denn die neue Periode wird aus unserer Sicht die Periode des Aufbruchs der Kommunalität sein.
Wie bekannt ist, bilden die Kurd:innen eine sehr alte Existenzwirklichkeit. Vielleicht reichen ihre Ursprünge bis an den Beginn der Entstehung des modernen Menschen zurück. Dass sie zu den prägenden Kräften der frühen Geschichte gehörten, hat es ihnen ermöglicht, ihre Eigenarten bis in die Gegenwart zu bewahren und sich als ein einzigartiges Volk zu erhalten. Zugleich brachte diese Besonderheit jedoch mit sich, dass sie im Verlauf ihrer Geschichte immer wieder zum Zentrum von Unterdrückung, Verfolgung und Angriffen wurden; die Geographie Kurdistans wurde zu einem Raum, auf dem Leugnung, Vernichtung und Genozid systematisch praktiziert wurden. Die gesamte Geschichte der kurdischen Anthropologie und Ontologie, ja selbst ihre kulturelle Entwicklung, wurde dadurch verraten. Aus diesem Widerspruch heraus hörte das Kurdischsein auf, Kurdischsein zu sein; es wurde ein verwundeter und zerschundener Kadaver.
Zweifellos waren die Kurd:innen nicht das einzige Volk, das einem Genozid ausgesetzt war. Sie sind jedoch weder wie jene Völker verschwunden, die infolge eines Genozids ausgelöscht wurden, noch haben sie ihre Existenz in der modernen Form eines auf der Nation gegründeten Staates verwirklicht. Vielmehr ist es ihnen gelungen, gegen die Angriffe der Zerstörung in jeder Epoche eigene, ihren alten Traditionen entsprechende Formen des Widerstands hervorzubringen. Darin liegt ihre Einzigartigkeit. Gleichwohl sah sich dieses Volk, dessen Geschichte so alt ist wie die Menschheit selbst und das seinen uralten Werten verbunden blieb, im zwanzigsten Jahrhundert unter dem Würgegriff der mörderischen Nationalstaaten mit seiner Vernichtung konfrontiert.
Wir traten als Hoffnung eines Volkes auf
Wir traten in einer solch harten Atmosphäre der Leugnung als Hoffnung eines Volkes auf, dem verwehrt worden war, es selbst zu sein, dessen nicht nur sein Körper, sondern selbst seine Träume begraben worden waren und das sich mit der Frage seiner Existenz konfrontiert sah. Als im Herbst 1978 die erste Ausgabe von Serxwebûn erschien, erklärten wir, „dass wir Scham über den Zustand empfinden, in den die Kurd:innen gebracht worden sind, und dass eben diese Scham die eigentliche Kraftquelle für die Erfüllung unserer Aufgaben sein wird“. Auf dieser Grundlage bemühten wir uns, mit einer aus zwei Wörtern bestehenden, von Mund zu Mund weitergegebenen Losung Geschichte zu schreiben und Wirklichkeit zu schaffen. Unter den Bedingungen von Leugnung, Vernichtung und Assimilation kehrten wir mit einem zweiundfünfzigjährigen großen Kampf die unter den Kurd:innen entstandene Praxis der Flucht vor der eigenen Existenz um und eröffneten einen neuen historischen Prozess. Der entwickelten freiwilligen Knechtschaft und der freiwilligen Selbstverleugnung versetzten wir schwere Schläge.
So erfüllte die PKK ihre historische Aufgabe: Sie bewies die Wirklichkeit dessen, was wir die „kurdische Existenz“ nennen, und setzte zugleich die Anerkennung dieser Wirklichkeit durch. Die Wirklichkeit, die wir nationale Existenz oder kurdische Existenz nennen, trat auf diese Weise zutage. An dem Punkt, an dem wir heute stehen, ist das kurdische Volk zu einer historischen Tatsache geworden, die nicht mehr geleugnet werden kann. Es hat die Phase der Existenz errungen und ist in die Phase der Verwirklichung der Freiheit eingetreten. Das ist der Sieg der PKK. Es ist ihr anthropologischer Gewinn. Es ist ihr ontologischer Gewinn.
Serxwebûn wurde zum Namen, zur Sprache und zum Geist einer Epoche
Die PKK verdankt diesen Erfolg vor allem der geistigen Erhellung und dem Erwachen, das sie in den Köpfen hervorrief. An die Stelle der Scham über die eigene Existenz setzte sie eine Wirklichkeit, die auf ihre Existenz stolz ist, danach strebt, sie selbst zu sein, und sich ihre Werte zu eigen macht. Serxwebûn, das zu den Wegbereitern dieses Erwachens der Kurd:innen gehörte, wurde vom ersten Schritt der PKK an zu ihrer Stimme. Es trug den in den Bergen, in den Gefängnissen und auf den Straßen wachsenden Ruf des Aufstands und der Freiheit zu allen Teilen der Gesellschaft – zu Jung und Alt, zu Frauen und Kindern – und wurde so zu einem der wichtigsten Weggefährten dieses schwierigen Weges. Die Reise, die 1978 mit einer Schreibmaschine begann, die von Ort zu Ort verborgen werden musste, trotzte allen Schwierigkeiten des Kampfes und wurde zu einem wichtigen Meilenstein in der Entwicklung dessen, was wir heute ohne Zögern den kurdischen Geist nennen. In diesem Sinne stellte Serxwebûn in seiner Zeit den Aufbruch der Partei in den Mittelpunkt und spielte dabei eine historische Rolle. Es erfüllte die Funktion eines bedeutenden Publikationsorgans, das die Linie des Bewusstseins, der Organisierung und des Kampfes einer ganzen Epoche prägte. Es brachte alle Bedeutungen, die sich in der PKK konkretisierten, selbst zum Ausdruck. Deshalb wurde Serxwebûn mehr als nur eine Publikation; es wurde zum Namen, zur Sprache und zum Geist einer Epoche.
Die Wirklichkeit des kurdischen Volkes, die heute von allen anerkannt wird, ist errungen. Doch der Nachweis der Existenz bedeutet noch nicht, dass das freie Leben bereits in seinem vollen Sinne verwirklicht ist. Ja, die Kurd:innen existieren. Aber wie werden sie leben? Welche Gestalt wird ihre Existenz im Leben annehmen? Wie werden sie sich selbst organisieren? Diese Fragen und Probleme bestehen weiterhin. Mit der PKK wurde die Existenz errungen, die Freiheit hingegen wartet noch darauf, verwirklicht zu werden. Das staatszentrierte sozialistische Paradigma, auf dem die PKK beruhte, reicht jedoch nicht aus, um auf diese Fragen eine Antwort zu geben. Dass die Grundlage der PKK, nämlich der nationalstaatliche Sozialismus, kein richtiges sozialistisches Prinzip war, hat sich in seinem Zusammenbruch gezeigt. Die PKK, die von diesem Ansatz ausging, hat mit ihrem großen Widerstand das Problem sichtbar gemacht, es bestimmt und Wege zu seiner Überwindung aufgezeigt. Innerhalb des auf dem Realsozialismus beruhenden Paradigmas konnte sie jedoch nicht darüber hinausgelangen; es bedurfte eines Wandels. Nachdem dieses Paradigma seine historische Rolle erfüllt hatte, war seine Zeit vollendet. Für die vor uns liegenden gesellschaftlichen Errungenschaften machte es einer kommunalen Organisationsweise Platz, die auf dem Paradigma der demokratischen Gesellschaft beruht. Dies ist sowohl eine Folge der Erfahrungen des Realsozialismus als auch eine Notwendigkeit, um Leugnung und Vernichtung in Kurdistan zu überwinden.
Aus dieser Erkenntnis heraus veränderten wir das auf Herrschaft und Staat gegründete Paradigma und entwickelten das Paradigma der demokratischen, ökologischen und frauenbefreienden Gesellschaft. Damit eröffneten wir den Weg für einen grundlegenden Wandel innerhalb der PKK. Mit dem am 27. Februar 2025 veröffentlichten „Aufruf für Frieden und eine demokratische Gesellschaft“ hielten wir es zugleich für richtig, die Partei mit ihrem realsozialistischen Programm sowie der von ihr zugrunde gelegten Strategie des nationalen Befreiungskrieges zu beenden. Auch der vom 5. bis 7. Mai abgehaltene 12. Kongress der PKK beendete mit der Auflösung ihrer organisatorischen Struktur die Epoche der PKK. Dies bedeutet den Übergang in eine neue Phase der Geschichte, einen gänzlich neuen Anfang. Die nationalstaatliche Theorie und das Programm des Realsozialismus sowie die Strategie des nationalen Befreiungskrieges werden überwunden; an ihre Stelle werden die Theorie der demokratischen Moderne, das Programm der demokratischen Gesellschaft und die Strategie der demokratischen Politik treten.
Komînal als Orientierung für den gesellschaftlichen Aufbau
So stellt sich der theoretische, programmatische und strategische Charakter der neuen Periode dar. Das veränderte Paradigma und die Auflösung der PKK bedeuten kein Ende, sondern einen neuen Anfang. In diesem Sinne bedarf es einer neuen Stimme, die diesen neuen Anfang bestimmt und ihn in die Gesellschaft trägt. Daraus ergab sich zugleich die Notwendigkeit, dass Serxwebûn, das die Stimme der PKK gewesen ist, seinen ehrenvollen Platz in der Geschichte einnimmt und die Stimme eines solchen neuen Anfangs geschaffen wird. Komînal ist als Ergebnis dieses Bedürfnisses entstanden und hat seine publizistische Tätigkeit mit dem Anspruch aufgenommen, bei den vor uns liegenden Aufgaben des gesellschaftlichen Aufbaus eine Orientierung gebende Quelle zu sein. Dies ist zweifellos von großer Bedeutung und eine historische Entwicklung.
Kommunalität, deren Wurzel in den Begriffen kom und kombûn liegt, ist die grundlegende Eigenschaft von Gesellschaftlichkeit. Da Gesellschaftlichkeit und Menschwerdung sich miteinander entwickeln, beruht im Grunde auch das Menschsein selbst auf dem Prinzip des Kommunalen, das heißt darauf, das Leben gemeinsam mit der Gesellschaft, der man angehört, zu organisieren. Den Menschen als Einzelnen gibt es nicht. Selbst in physischer Einsamkeit kann der Mensch seine Würde nur bewahren, indem er an den Bedeutungen und Erinnerungen festhält, die Gesellschaftlichkeit hervorgebracht hat. Paradigmen der Befreiung, die auf Klasse und Staat gründen, haben jedoch dazu geführt, dass dieser grundlegende Ausgangspunkt nicht hinreichend erkannt wurde. Die meisten Denker:innen, Wissenschaftler:innen und Philosoph:innen, die nach einem Ausweg aus der vom System hervorgebrachten Sackgasse suchten, haben diese Wahrheit entweder erst am Ende ihres Lebens erkannt oder sich darauf beschränkt, sie in zurückhaltender Form zum Ausdruck zu bringen. Die geschichtliche Praxis hat jedoch immer wieder gezeigt, dass sich die Wahrheit nicht umgehen lässt und dass Gesellschaftlichkeit ihrem Wesen nach auf einer richtigen Organisierung beruht.
Von dem großen Philosophen Bacon wird berichtet, dass er auf seinem Krankenlager sagte: „Wenn ich diese Krankheit überwinde, werde ich mich von nun an auf die Kommunalität stützen.“ Dieser Ausspruch bringt zum Ausdruck, wie Individualismus und vereinzeltes Leben den Menschen in eine Sackgasse führen und wie er erst in Solidarität und Gesellschaftlichkeit zu Sinn gelangt. In ähnlicher Weise ist bekannt, dass auch Lenin sich in den letzten Jahren seines Lebens intensiv darum bemühte, den Etatismus zu überwinden, und über demokratischere und partizipativere Formen gesellschaftlicher Organisierung nachdachte. All dies sind Beispiele für die Suche der Menschheit, sich im Verlauf ihrer Geschichte immer wieder der Gesellschaftlichkeit, dem gemeinsamen Leben und den kommunalen Werten zuzuwenden.
Das Festhalten an der demokratischen Kommunalität
Genau darin besteht die Aufgabe, die heute vor uns liegt: die demokratische Gesellschaft aufzubauen, das gesellschaftliche Leben auf der Grundlage kommunaler Werte neu aufzubauen und die Selbstorganisierung des Volkes zu stärken. Gegen die furchtbare zerstörerische Kraft des Kapitalismus, der eine Ordnung von Raub und Plünderung ist, die Gesellschaft durch Kommunalität zu verteidigen, ist eine existentielle Notwendigkeit der neuen Periode. In diesem Sinne bedeutet das Festhalten an der demokratischen Kommunalität, mehr denn je am Menschsein festzuhalten.
An einem solchen historischen Wendepunkt hat Komînal mit der Aufnahme seiner publizistischen Tätigkeit erklärt, diese Aufgaben zu übernehmen, und mit seinem Namen zugleich den Anspruch zum Ausdruck gebracht, ihnen gerecht zu werden. Deshalb darf diese neue Publikation nicht allein als publizistische Tätigkeit verstanden werden. Zugleich muss sie die Stimme und richtungweisende Kraft des ideologischen, politischen und gesellschaftlichen Aufbaus der neuen Periode sein.
Gewiss ist das Bemühen um einen starken theoretischen Rahmen von großer Bedeutung. Die neue Periode macht es jedoch erforderlich, den Fragen der praktischen Organisierung größeres Gewicht beizumessen und den gesellschaftlichen Aufbau voranzubringen. Denn die neue Periode wird die Periode des Aufbruchs der Kommunalität sein. Daraus ergibt sich zugleich die Notwendigkeit, sich an den Aufbauarbeiten zu beteiligen, die sich auf der Grundlage eines kommunalen Verständnisses entwickeln werden. Nur so wird sich auch die Teilnahme an diesen Arbeiten im gleichen Geist entfalten. In diesem Sinne wird eine publizistische Linie, die die Selbstorganisierung des Volkes, die Kommunen, die Räte, die Genossenschaften, die Organisierung von Frauen und Jugendlichen sowie den kulturellen und moralischen Neuaufbau in den Mittelpunkt stellt, den Geist der neuen Periode zum Ausdruck bringen. Denn die demokratische Gesellschaft wächst und festigt sich nur durch organisierte Beziehungen, die im täglichen Leben entstehen. Deshalb muss die Publikation bei aller Wahrung ihrer theoretischen Tiefe zugleich die Erfahrungen, Methoden und Wege der praktischen Organisierung in ihrer ganzen Bedeutung behandeln.
Historische Aufgaben für Komînal
Vor Komînal, das an einer historischen Schwelle seine publizistische Tätigkeit aufgenommen hat, liegen historische Aufgaben und Verantwortungen. Wenn es gelingt, dieser Verantwortung gerecht zu werden, wird damit nicht nur eine Publikation geschaffen worden sein; zugleich wird der Weg der demokratischen Gesellschaft und der Kommunalität der neuen Periode um ein starkes Fundament des Bewusstseins und des Kampfes bereichert worden sein.
Ich bin überzeugt, dass ihr euren Weg im Bewusstsein dieser Verantwortung begonnen habt, und wünsche allen Mitarbeiter:innen von Komînal noch einmal viel Erfolg.
Möge Komînal, das mit den Worten „Auf dem Sozialismus zu bestehen heißt, auf dem Menschsein zu bestehen; auf der Kommunalität zu bestehen“ wie ein Stern aufgegangen ist, angesichts aller Angriffe des Systems, das durch Spaltung, Zersetzung und Individualisierung Gesellschaft und Mensch zugrunde zu richten versucht, allen Völkern und Frauen, allen Jugendlichen und allen demokratischen Sozialist:innen von Nutzen sein.“
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