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Sebahat Tuncel: „Nicht der Staat, sondern die organisierte Gesellschaft wird den Prozess bestimmen“

 


Die kurdische Politikerin Sebahat Tuncel sieht den Erfolg des Friedensprozesses vor allem von der Selbstorganisierung der Kurd:innen abhängig. Frauen würden dabei eine Schlüsselrolle übernehmen, während auch die Diaspora Teil des politischen Wandels bleib

Sebahat Tuncel
 
HIKMET ERDEN / REDAKTION, 30. Juni 2026.

Die kurdische Politikerin und Aktivistin Sebahat Tuncel sieht den Erfolg des derzeit diskutierten Friedensprozesses nicht in erster Linie von staatlichen Entscheidungen abhängig. Entscheidend sei vielmehr, ob es der kurdischen Gesellschaft gelinge, ihre eigene Organisierung und demokratische Selbstverwaltung weiter auszubauen. Im Gespräch mit ANF äußerte sie sich zur Debatte um ein mögliches Gesetz zum Friedensprozess, zur politischen Perspektive Abdullah Öcalans und zur Rolle der kurdischen Frauenbewegung.

„Der Prozess wird von der organisierten Stärke der Kurd:innen bestimmt“

Für Tuncel markiert Abdullah Öcalans Aufruf für Frieden und eine demokratische Gesellschaft keinen Rückzug von den Zielen der kurdischen Freiheitsbewegung, sondern eine strategische Neuorientierung. Das neue politische Manifest richte sich nicht an den Staat, sondern an die Gesellschaft. Öcalan habe damit einen Weg aufgezeigt, wie Kurd:innen ihre Zukunft durch demokratische Organisierung selbst gestalten könnten. Die Aufgabe bestehe nicht darin, auf Zugeständnisse des türkischen Staates zu warten, sondern eigene gesellschaftliche Strukturen weiterzuentwickeln.

„Wie sich dieser Prozess entwickelt, hängt weniger vom Staat als von den Kurd:innen selbst ab. Wenn sie ihre Selbstorganisierung stärken und ihre demokratische Politik weiterentwickeln, kann dieser Aufbauprozess erfolgreich sein.“ Tuncel betonte, die kurdische Freiheitsbewegung habe ihre Forderungen nach Freiheit, gleichen Rechten und demokratischer Teilhabe nicht aufgegeben. Der Unterschied bestehe darin, dass diese Ziele heute verstärkt über gesellschaftliche Organisierung verfolgt würden.


Nach ihrer Einschätzung bleibe die Kurdistanfrage zugleich das zentrale demokratische Problem der Türkei. Ohne ihre Lösung werde eine Demokratisierung des Landes ebenso wenig gelingen wie umgekehrt eine nachhaltige Lösung der kurdischen Frage ohne demokratische Veränderungen in der Türkei. Dabei verwies Tuncel auf eine Aussage Abdullah Öcalans, wonach lediglich ein kleiner Teil des Prozesses den Staat betreffe, während der weitaus größere Teil in der Verantwortung der Gesellschaft liege.

Frauen als treibende Kraft des gesellschaftlichen Wandels

Eine Schlüsselrolle misst Tuncel den kurdischen Frauen bei. Sie hätten die Freiheitsbewegung über Jahrzehnte entscheidend geprägt und würden auch beim Aufbau einer demokratischen Gesellschaft eine führende Rolle übernehmen. Nach ihrer Auffassung steht die von Öcalan entwickelte Perspektive einer demokratischen, ökologischen und an der Frauenbefreiung orientierten Gesellschaft im Zentrum des aktuellen politischen Prozesses.

„Der Kern dieses neuen Manifests ist eine gesellschaftliche und kommunale Ordnung, die die Freiheit der Frauen ins Zentrum stellt. Deshalb werden Frauen die treibende Kraft dieses Prozesses sein.“ Die kurdische Frauenbewegung habe nicht nur patriarchale Strukturen herausgefordert, sondern mit der Philosophie „Jin, Jiyan, Azadî“ (Frau, Leben, Freiheit) eine internationale Freiheitsbewegung inspiriert. Auf diesen Erfahrungen könne nun der weitere gesellschaftliche Aufbau aufbauen.

Auch die Diaspora bleibt Teil des Prozesses

Mit Blick auf die Millionen Kurd:innen außerhalb Kurdistans betonte Tuncel, dass räumliche Distanz nichts an ihrer politischen Verbundenheit ändere. Trotz eigener sozialer und wirtschaftlicher Herausforderungen in Europa richte sich der Blick vieler Menschen weiterhin auf die Entwicklungen in Kurdistan. Sollten sich durch gesetzliche Regelungen neue Möglichkeiten eröffnen, könne auch eine Rückkehr vieler im Ausland lebender Kurd:innen eine wichtige Rolle für den gesellschaftlichen Wiederaufbau spielen. „Wenn sich ein Weg öffnet und die gesetzlichen Voraussetzungen geschaffen werden, ist die Rückkehr ins Land von großer Bedeutung. Den Blick auf die Heimat zu richten, ist immer richtig.“

Demokratischer Wandel beginnt in der Gesellschaft

Abschließend unterstrich Tuncel, dass der politische Prozess nicht allein durch institutionelle Veränderungen entschieden werde. Entscheidend sei vielmehr, ob es gelinge, die Prinzipien einer demokratischen, ökologischen und frauenbefreienden Gesellschaft im Alltag zu verankern. Der Aufbau einer solidarischen und kommunalen Gesellschaft sei eine gemeinsame Aufgabe der Bevölkerung. Nicht der Ort, an dem Menschen lebten, sei dabei ausschlaggebend, sondern ihre Bereitschaft, demokratische und gemeinschaftliche Werte zur Grundlage ihres politischen Handelns zu machen.

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