Serêkaniyê: Vertriebene warten weiter auf Rückkehr
Über sechs Jahre nach der Besatzung von Serêkaniyê ist eine Rückkehr der Vertriebenen weiter nicht in Sicht. Berichte über Enteignung, Gewalt und unsichere Bedingungen halten an, gleichzeitig wächst der Druck auf politische Lösungen.
Die mehrheitlich kurdische Stadt Serêkaniyê (Ras al-Ain) in Rojava, einst geprägt von ihrer multikulturellen Struktur, trägt auch Jahre nach der Besatzung weiterhin die tiefen Spuren von Krieg und Vertreibung. Trotz neuer Initiativen bleibt eine Rückkehr der Vertriebenen bislang aus.
Das am 29. Januar zwischen den Demokratischen Kräften Syriens (QSD) und der syrischen Übergangsregierung unterzeichnete Abkommen hatte Hoffnungen auf eine Lösung geweckt. Besonders die darin enthaltenen Regelungen zu den besetzten kurdischen Städten rückten in den Fokus: Sie sehen ein Ende der Besatzung in Serêkaniyê, Efrîn (Afrin) und Girê Spî (Tall Abyad) sowie die sichere Rückkehr der vertriebenen Bevölkerung vor.
Doch auch Monate nach der Vereinbarung ist dieser zentrale Punkt nicht umgesetzt. Für viele ehemalige Bewohner:innen bleibt die Rückkehr in ihre Heimat ein unerfülltes Versprechen. Die Erwartung, wieder in die eigene Stadt zurückkehren zu können, prägt weiterhin den Alltag Tausender Vertriebener.
Vertreibung und demografischer Wandel
Serêkaniyê liegt im Kanton Cizîrê an der Grenze zu Nordkurdistan und gegenüber der Stadt Serê Kaniyê (tr. Ceylanpınar). Aufgrund ihrer Wasserressourcen, fruchtbaren Böden und Lage an wichtigen Handelsrouten galt die Stadt über Jahrhunderte als strategisch bedeutendes Zentrum. Ihre Bevölkerung setzte sich aus Kurd:innen, Araber:innen, Armenier:innen, Suryoye, Tscherkess:innen und Tschetschen:innen zusammen und machte Serêkaniyê zu einem der vielfältigsten Orte der Region.
Die Stadt wurde bereits in den Jahren zuvor zu einem Symbol des Widerstands gegen dschihadistische Gruppen wie die Al-Nusra-Front und die Terrororganisation „Islamischer Staat“ (IS). Mit der Besatzung durch den türkischen Staat und verbündete Islamistenmilizen am 9. Oktober 2019 begann jedoch eine neue Phase tiefgreifender Zerstörung. Infolge des Angriffs auf Serêkaniyê und Girê Spî sowie deren ländliche Umgebung brachen zentrale Infrastrukturen weitgehend zusammen. Wasser- und Stromversorgung sowie medizinische Dienste fielen nahezu vollständig aus. Besonders in kurdisch geprägten Dörfern wurden zahlreiche Häuser zerstört oder unbewohnbar gemacht.
Zehntausende Menschen wurden zur Flucht gezwungen. Viele fanden Zuflucht
in den Lagern Waşokanî und Serêkaniyê bei Hesekê, andere verteilten
sich auf Orte wie Kobanê und Til Temir. Ein Teil der Vertriebenen floh
weiter in die Kurdistan-Region des Irak (KRI), wo sie teils unter
prekären Bedingungen in Schulen untergebracht wurden.
Gleichzeitig berichten zahlreiche Dokumentationen davon, dass in den verlassenen Gebieten neue Bevölkerungsgruppen angesiedelt wurden. Neben den Familien der Besatzungsmilizen wurden auch arabische Familien aus Regionen wie Ost-Ghouta, Homs, Deir ez-Zor und Daraa in Serêkaniyê untergebracht. Innerhalb weniger Jahre veränderte sich damit die Bevölkerungsstruktur der Stadt grundlegend. Während vor der Besatzung schätzungsweise 70.000 bis 80.000 Kurd:innen in Serêkaniyê lebten, sollen heute nur noch wenige Dutzend kurdische Familien vor Ort geblieben sein.
Anhaltende Gewalt und Rückkehrhindernisse
Berichte der Selbstverwaltung und internationaler Menschenrechtsorganisationen zeichnen ein anhaltend angespanntes Bild der Lage in Serêkaniyê. Demnach dauern Zwangsvertreibungen, willkürliche Festnahmen, Entführungen sowie die systematische Aneignung von Eigentum weiterhin an. Für viele Vertriebene bleibt die Rückkehr in ihre Häuser mit erheblichen Risiken verbunden. Zahlreiche Betroffene berichten, dass ihnen die Einreise unter Verweis auf Sicherheitsbedenken verweigert wird oder sie mit finanziellen Forderungen konfrontiert sind. Zeug:innenaussagen zufolge verlangen Milizen von Rückkehrwilligen Geldbeträge – verbunden mit Drohungen, ihre Häuser andernfalls vollständig zu zerstören.
Gleichzeitig bleibt die militärische Lage unübersichtlich. Zwar sollen sich einzelne mit der Türkei verbündete Gruppen wie „Ahrar al-Sharqiya“ oder „Jaysh al-Islam“ teilweise aus Serêkaniyê zurückgezogen haben. Unverändert bestehen jedoch militärische Stellungen und Stützpunkte des türkischen Staates in der Region fort. Zudem gibt es Hinweise darauf, dass einige Dschihadisten ihre Zugehörigkeit lediglich formal verändert haben und nun innerhalb der Islamistenkoalition „Hayat Tahrir al-Sham“ (HTS) agieren, aus der die syrische Übergangsregierung hervorgegangen ist.
Politische Initiativen und begrenzte Fortschritte
Parallel dazu sind in den vergangenen Monaten diplomatische und infrastrukturelle Schritte zu beobachten, die eine Rückkehr perspektivisch vorbereiten könnten. So wurde die internationale Fernstraße M4, die Hesekê mit Aleppo verbindet und nahe Serêkaniyê verläuft, im März in Abstimmung zwischen der Autonomieverwaltung und der Führung in Damaskus wieder für den Verkehr geöffnet. Begleitend wurden gemeinsame Sicherheitsmaßnahmen eingerichtet. Beobachter:innen werten dies als wichtigen Schritt zur Schaffung grundlegender Voraussetzungen für eine mögliche Rückkehr der Vertriebenen.
Auch auf politischer Ebene intensivierten sich die Kontakte. Die Übergangsregierung setzte eine Kommission ein, um die Rückkehr der Geflüchteten zu organisieren. Bei einem Treffen am 21. April in Hesekê, an dem auch der Gouverneur von Hesekê, Nûreddîn Îsa Ehmed teilnahm, wurden zentrale Fragen wie Sicherheit, Gesundheitsversorgung, Bildung und wirtschaftliche Perspektiven thematisiert.
Nach Angaben der Kommission für die Vertriebenen aus Serêkaniyê beschränken sich die laufenden Gespräche nicht allein auf eine physische Rückkehr in die Stadt. Vielmehr gehe es auch um den Wiederaufbau grundlegender Lebensbedingungen. Fragen von Bildung, Gesundheitsversorgung, Wohnraum und Beschäftigung gelten demnach als zentrale Voraussetzungen dafür, dass eine Rückkehr langfristig tragfähig sein kann.
Ungeklärte Kontrolle und fortgesetzte Enteignungen
Gleichzeitig bleibt die Lage vor Ort von Unsicherheit geprägt. Berichten zufolge haben sich einige vom türkischen Staat unterstützte Milizen aus einzelnen Gebäuden im Stadtzentrum zurückgezogen. Dennoch bestehen weiterhin Kontrollpunkte in Serêkaniyê. Auch wenn es vereinzelt Initiativen von Einheiten der syrischen „Allgemeinen Sicherheit“ gibt, gilt die Kontrolle über die Stadt weiterhin als ungeklärt; ein vollständiger Übergang an die Übergangsregierung in Damaskus hat bislang nicht stattgefunden.
Für ehemalige Bewohner:innen bedeutet dies anhaltende Einschränkungen. Personen, die versuchen, ihre Häuser oder landwirtschaftlichen Flächen zu besuchen, werden häufig daran gehindert oder zeitweise festgenommen. In einzelnen Fällen konnten Festgenommene erst nach Intervention der Autonomieverwaltung wieder freikommen.
Parallel dazu verdichten sich Berichte über fortgesetzte Enteignungen. Demnach werden beschlagnahmte Häuser und Grundstücke an andere Gruppen weiterverkauft. Eigentümer:innen, die eine Rückkehr anstreben, sehen sich laut Aussagen von Zeug:innen mit massiven Drohungen konfrontiert. So werde von ihnen verlangt, mehrere tausend US-Dollar zu zahlen, andernfalls drohe die vollständige Zerstörung ihrer Häuser.
Forderungen der Vertriebenen: Sicherheit und Rückkehr
Die Kommission für die Vertriebenen aus Serêkaniyê macht deutlich, dass eine Rückkehr nicht allein eine Frage logistischer Organisation ist, sondern grundlegende politische und sicherheitstechnische Voraussetzungen erfordert. Besonders eindringlich schildert dies die Kommissionsvertreterin Zehra Şemo. Sie erinnert daran, dass große Teile des Umlands der Stadt nach den Angriffen vermint wurden – von den Randgebieten bis hin zur Achse Zirgan-Til Temir. Ohne eine umfassende Räumung der Minen sei eine sichere Rückkehr nicht möglich. Bei den jüngsten Gesprächen sei deshalb gefordert worden, die Verkehrsverbindungen zwischen Dirbesiyê und Serêkaniyê sowie zwischen Til Temir und Serêkaniyê wieder zu öffnen.
Zugleich fordert die Kommission den Abzug jener Bevölkerungsgruppen, die nach der Besatzung in der Stadt angesiedelt wurden. Die eigentliche Bevölkerung müsse in ihre Häuser und auf ihr Land zurückkehren können, betont Şemo und verweist auf entsprechende politische Beschlüsse zur Rückführung von Vertriebenen. Die laufenden Gespräche mit Vertretern aus Damaskus hätten zuletzt an Intensität gewonnen. Dabei würden Fragen von Sicherheit, Gesundheitsversorgung und Bildung umfassend behandelt. Es gehe nicht nur um die Rückkehr selbst, sondern um den Wiederaufbau eines funktionierenden Alltags.
Prekäre Bedingungen in den Lagern
Besonders dramatisch bleibt die Lage in den Camps. In den Lagern Waşokanî und Serêkaniyê sind die Lebensbedingungen weiterhin prekär. Vor allem im Winter und bei starken Regenfällen werden große Teile der Zelte überflutet oder zerstört. Viele Unterkünfte sind alt und bieten keinen ausreichenden Schutz, Krankheiten nehmen zu.
Zugleich verweist die Kommission auf das Ausmaß der Zerstörung in der Herkunftsregion. Große Teile der Stadt und der umliegenden Dörfer sind zerstört, zahlreiche Ortschaften vollständig unbewohnbar. Für eine Rückkehr sind daher umfangreiche Infrastrukturmaßnahmen erforderlich.
Die Forderung der Vertriebenen ist eindeutig: eine kollektive und sichere Rückkehr. Viele Bewohner:innen der Camps lehnen individuelle Rückkehrversuche ab und bestehen auf gemeinsamen Lösungen. „Wir wollen ohne Angst zurückkehren, nicht einzeln, sondern gemeinsam“, sagt der seit Jahren im Waşokanî-Camp lebende Kurdistan Xetip Silêman.
14.000 Familien warten auf Rückkehr
Nach Angaben der Kommission haben sich bislang rund 14.000 Familien für eine Rückkehr registriert. Wann und unter welchen Bedingungen diese tatsächlich erfolgen kann, bleibt jedoch offen. Vor allem Fragen der Sicherheit, der wirtschaftlichen Existenzgrundlagen sowie der Zugang zu Bildung und medizinischer Versorgung sind weiterhin ungeklärt und entscheiden darüber, ob eine Rückkehr nicht nur möglich, sondern auch dauerhaft tragfähig sein wird.
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