Kurdisch-Dozent Ciwan Omer: Die Muttersprache ist ein universelles Recht
Vor dem Hintergrund der Debatten um den Status des Kurdischen in Syrien ruft der Dozent der Universität Rojava, Ciwan Omer, zur Verteidigung der Muttersprache auf. Die Errungenschaften der vergangenen 14 Jahre dürften nicht infrage gestellt werden.
Vierzehn Jahre nach der Revolution in Rojava gehört der Unterricht auf Kurdisch zu den bedeutendsten Errungenschaften im Bildungsbereich. Doch während die Debatten über den Friedens- und Integrationsprozess in Syrien anhalten, steht auch die Zukunft dieser Errungenschaften erneut im Fokus. Obwohl das Abkommen vom 29. Januar einen Rahmen für die Regelung offener Fragen zwischen Damaskus und der Demokratischen Selbstverwaltung von Nord- und Ostsyrien geschaffen hat, erkennt die syrische Übergangsregierung den Unterricht auf Kurdisch bislang nicht als reguläre Unterrichtssprache an. Stattdessen soll Kurdisch auf Wahlfächer beschränkt bleiben.
Vor diesem Hintergrund gewinnt die Diskussion über die sprachlichen Rechte der Kurd:innen neue Bedeutung. Für den Dozenten an der Fakultät für Naturwissenschaften und Technologie der Universität Rojava, Mamoste Ciwan Omer, geht es dabei nicht allein um Bildungspolitik, sondern um die Verteidigung eines grundlegenden gesellschaftlichen und kulturellen Rechts.
„Mit der Revolution begann auch eine Sprachrevolution“
Ciwan Omer erinnert daran, dass die Einführung des Unterrichts auf Kurdisch nicht das Ergebnis staatlicher Reformen gewesen sei, sondern aus jahrelangen Anstrengungen der Bevölkerung hervorging. „Mit dem Beginn der Revolution in Rojava im Jahr 2012 begann gleichzeitig auch eine Sprachrevolution“, sagt er. Vor der Revolution sei das Erlernen der kurdischen Sprache mit zahlreichen Hindernissen verbunden gewesen. Kurdischunterricht habe oftmals im Verborgenen stattgefunden. Viele Menschen hätten die Sprache heimlich gelernt und das erworbene Wissen anschließend unter schwierigen Bedingungen weitergegeben.
Nachdem sich die politischen Verhältnisse verändert hatten, begannen
Lehrkräfte, Studierende und Aktivist:innen damit, Unterrichtsstrukturen
für die Muttersprache aufzubauen. Zunächst fehlten Lehrmaterialien,
Lehrpläne und ausgebildete Fachkräfte. Dennoch sei es gelungen, Kurdisch
Schritt für Schritt an Schulen zu etablieren. „Wir setzten unseren
Kampf fort und forderten, dass Kurdisch als eigenständiges
Unterrichtsfach anerkannt wird“, berichtet Omer.
Von der Schule bis zur Universität
Nach Angaben des Dozenten wurden bis 2014 genügend Lehrkräfte ausgebildet, um ein eigenständiges Bildungssystem aufzubauen. Mit dem Rückzug der staatlichen Institutionen aus vielen Gebieten Nord- und Ostsyriens entstand ein neues Modell, in dem die verschiedenen Bevölkerungsgruppen Unterricht in ihrer jeweiligen Muttersprache erhalten konnten. Kurdische Schüler:innen wurden auf Kurdisch unterrichtet, arabische Schüler:innen auf Arabisch. Gleichzeitig erhielten beide Gruppen Unterricht in der jeweils anderen Sprache.
Aus den ersten Schulprojekten entwickelte sich in den folgenden Jahren ein umfassendes Bildungssystem mit weiterführenden Schulen und Universitäten. Die Universität Rojava in Qamişlo sowie später gegründete Hochschulen in Kobanê und Efrîn wurden zu wichtigen Zentren der akademischen Ausbildung.
Heute studieren an der Fakultät für Naturwissenschaften und Technologie der Universität Rojava rund 360 Studierende. Unterrichtet werden unter anderem Physik, Chemie und Mathematik. Omer betont, dass die Hochschule längst nicht nur von Studierenden aus Nord- und Ostsyrien besucht werde. Auch junge Menschen aus Städten wie Homs, Hama und Latakia kämen zum Studium nach Rojava. „Die Qualität der Ausbildung hat sich deutlich verbessert. Wir können die Entwicklung und die Ergebnisse unserer Studierenden selbst beobachten“, sagt er.
Debatte um den Status des Kurdischen
Für Omer zeigt die Entwicklung der vergangenen Jahre, dass Unterricht auf Kurdisch nicht nur möglich, sondern gesellschaftlich verankert ist. Gerade deshalb beobachtet er die aktuellen Diskussionen über den Status der Sprache mit Sorge. Kurd:innen lebten nicht nur in Rojava, sondern in allen Teilen Syriens, betont er. Sprachliche Rechte dürften deshalb nicht auf einzelne Regionen beschränkt werden. „Die Muttersprache ist ein universelles Recht. Jeder Mensch hat das Recht, seine eigene Sprache zu sprechen und Bildung in seiner Muttersprache zu erhalten“, sagt Omer. Mehrsprachige Bildungssysteme seien in zahlreichen Ländern Realität. Auch in Syrien müsse die sprachliche Vielfalt anerkannt und geschützt werden.
„Fordert eure Rechte ein“
Der Dozent sieht die Verantwortung jedoch nicht allein bei politischen Institutionen. Der Schutz der Sprache beginne im Alltag, in den Familien, in den Schulen und im gesellschaftlichen Leben. Die kurdische Sprache könne nur bewahrt werden, wenn sie aktiv genutzt, weitergegeben und gefördert werde. Eltern, Bildungseinrichtungen und Medien hätten dabei eine besondere Verantwortung. „Wir müssen unsere Sprache selbst schützen“, sagt Omer. Kurd:innen sollten Kurdisch im Alltag sprechen, ihre Kinder zum Erlernen der Sprache ermutigen und die zahlreichen kurdischsprachigen Medien nutzen. Mit Blick auf die aktuellen Debatten um sprachliche Rechte richtet er einen direkten Appell an die Bevölkerung: „Sprecht überall Kurdisch, lest auf Kurdisch und fordert eure Rechte ein.“
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