Türkei: „Es gibt einen Männlichkeitspakt, der Gewalt belohnt und Täter schützt“
Hunderte Frauen werden jedes Jahr in der Türkei getötet oder sterben unter ungeklärten Umständen. Für Dicle Ayşegül Sayyiğit sind Feminizide keine Einzelfälle, sondern Ausdruck struktureller Gewalt, staatlicher Straflosigkeit und patriarchaler Herrschaft.
Die Zahl der Feminizide und verdächtigen Todesfälle von Frauen in der Türkei steigt seit Jahren. Nach Angaben der Plattform „Wir werden Frauenmorde stoppen“ wurden allein im Jahr 2025 rund 300 Frauen getötet. Mindestens genauso viele kamen unter ungeklärten oder verdächtigen Umständen ums Leben. Während Frauenorganisationen seit Jahren Alarm schlagen, fehlt bis heute eine umfassende und transparente staatliche Datenerfassung. Viele Fälle werden erst durch die Dokumentation von Frauenrechtsgruppen öffentlich bekannt. Aktivistinnen kritisieren, dass unzureichende Ermittlungen, fehlende Transparenz und eine Politik der Straflosigkeit dazu beitragen, Gewalt gegen Frauen zu normalisieren.
Für Dicle Ayşegül Sayyiğit vom Vorstand des in der kurdischen Metropole Amed (tr. Diyarbakır) ansässigen Vereins Rosa ist die anhaltende Gewalt deshalb weit mehr als eine Aneinanderreihung einzelner Verbrechen. Nach Auffassung der Aktivistin ist es vor allem der jahrzehntelangen Arbeit der Frauenbewegung zu verdanken, dass Feminizide überhaupt gesellschaftlich wahrgenommen werden.
Hinter jeder Zahl steht ein ausgelöschtes Leben
„Wenn Frauen diesen Kampf nicht führen würden, würden Frauenmorde lediglich als statistische Zahlen erscheinen“, sagt sie. Die Reduzierung von Gewalt auf Zahlenkolonnen verschleiere die tatsächliche Dimension des Problems. Hinter jeder Zahl stehe ein zerstörtes Leben, eine ausgelöschte Zukunft und eine gesellschaftliche Wunde, die weit über die betroffenen Familien hinausreiche.
Die Ursachen der Gewalt seien vielschichtig. Sie reichten von der Ausbeutung weiblicher Arbeit über strukturelle Benachteiligung auf dem Arbeitsmarkt bis hin zu Kinderehen und patriarchalen Besitzvorstellungen gegenüber Frauen. Für Sayyiğit greift es deshalb zu kurz, Feminizide allein mit Traditionen oder kulturellen Mustern zu erklären. Die Gewalt sei vielmehr Ausdruck gesellschaftlicher und politischer Machtverhältnisse, die Frauen systematisch benachteiligten.
Straflosigkeit stärkt die Täter
Besonders scharf kritisiert die Frauenrechtlerin den Umgang der Justiz mit Gewalt gegen Frauen. Nach ihrer Einschätzung entsteht in vielen Verfahren der Eindruck, dass nicht die Täter, sondern die betroffenen Frauen im Mittelpunkt der Bewertung stehen. Immer wieder würden männliche Täter von Strafmilderungen profitieren, während das Verhalten der Opfer hinterfragt werde. „Es gibt einen Männlichkeitspakt, der Gewalt belohnt und Täter schützt“, sagt Sayyiğit. In Gerichtsverfahren werde häufig diskutiert, warum eine Frau zu einer bestimmten Uhrzeit unterwegs gewesen sei, welche Kleidung sie getragen habe oder wie sie sich innerhalb einer Beziehung verhalten habe. Statt die Gewalt selbst in den Mittelpunkt zu stellen, würden die Lebensentscheidungen der Frauen bewertet. Diese Praxis sende nach Ansicht von Frauenorganisationen ein gefährliches Signal aus. Wenn Täter mit milden Strafen rechnen könnten, werde Gewalt nicht verhindert, sondern begünstigt.
Frauen verlieren das Vertrauen in die Institutionen
Die Folgen dieser Entwicklung reichen weit über einzelne Gerichtsverfahren hinaus. Sayyiğit beobachtet, dass viele Frauen das Vertrauen in staatliche Schutzmechanismen verloren haben. Zahlreiche Betroffene meldeten Gewalt nicht mehr, weil sie nicht davon ausgingen, wirksame Unterstützung zu erhalten. Wer sich an Polizei, Staatsanwaltschaften oder andere Institutionen wende, werde häufig mit Vorurteilen oder Gleichgültigkeit konfrontiert. Besonders dann, wenn die Täter Ehemänner, Väter oder andere Familienangehörige sind, würden Gewalttaten oftmals relativiert oder verharmlost. „Viele Frauen kämpfen jahrelang und erhalten trotzdem keine Ergebnisse. Irgendwann verlieren sie die Hoffnung auf das System“, sagt Sayyiğit. Dies führe dazu, dass Gewalt unsichtbarer werde und sich weiter ausbreiten könne.
Organisierte Gewalt gegen Frauen
Die Aktivistin warnt zudem davor, Gewalt gegen Frauen ausschließlich als Folge individueller Taten zu betrachten. Nach ihrer Einschätzung sehen sich Frauen zunehmend auch organisierteren und systematischeren Formen von Gewalt ausgesetzt. Sie verweist dabei auf Netzwerke aus Erpressung, Ausbeutung, Zwangsprostitution und Drogenkriminalität, die gezielt Frauen treffen. Zugleich kritisiert sie, dass zahlreiche Fälle ungeklärter Todesfälle von Frauen nicht konsequent aufgearbeitet würden. Als Beispiele nennt sie die Fälle von Gülistan Doku und Rojin Kabaiş, deren Schicksale bis heute viele Fragen offenlassen und in der Frauenbewegung als Symbol für unzureichende Ermittlungen gelten. Für Sayyiğit entsteht dadurch der Eindruck, dass zahlreiche Todesfälle nicht mit der notwendigen Konsequenz untersucht werden und Verantwortliche straflos bleiben.
Rückschritte bei Frauenrechten
Mit Sorge blickt die Frauenrechtlerin auch auf die politische Entwicklung der vergangenen Jahre. Besonders der Austritt der Türkei aus der Istanbul-Konvention gilt für viele Frauenorganisationen als Wendepunkt. Das Abkommen war eines der wichtigsten internationalen Instrumente zur Bekämpfung von Gewalt gegen Frauen – die Türkei war Erstunterzeichner. Für Sayyiğit steht der Austritt beispielhaft für einen breiteren Angriff auf Errungenschaften, die Frauen über Jahrzehnte hinweg erkämpft haben. Gleichzeitig betont sie, dass Frauenbewegungen weiterhin eine zentrale gesellschaftliche Kraft darstellen. Frauen würden nicht nur Wissen und Erfahrungen weitergeben, sondern gesellschaftliche Räume verändern, organisieren und demokratisieren.
„Frauenmorde sind keine Einzelfälle“
Laut Sayyiğit lässt sich die anhaltende Gewalt gegen Frauen weder als Serie isolierter Verbrechen noch als zufällige Entwicklung erklären. „Frauenmorde sind weder Einzelfälle noch bleiben ihre Täter unbekannt. Sie sind das Ergebnis einer systematischen Politik“, sagt sie. Die Aktivistin sieht deshalb den Ausbau organisierter Frauenstrukturen als entscheidenden Weg, um Gewalt, Straflosigkeit und gesellschaftlicher Gleichgültigkeit entgegenzutreten. Solange staatliche Institutionen ihrer Schutzverantwortung nicht gerecht würden, bleibe die kollektive Organisierung von Frauen eine der wichtigsten Antworten auf Feminizide und geschlechtsspezifische Gewalt. Denn hinter jeder Zahl stehe nicht nur ein verlorenes Leben, sondern auch die Frage, welche Art von Gesellschaft entstehen soll.
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