Direkt zum Hauptbereich

Wie die Revolution in Rojava auch zur Sprachrevolution wurde


Mit der Rojava-Revolution begann 2012 zugleich eine tiefgreifende Sprachrevolution. Trotz Krieg, Angriffen und jahrzehntelanger Verbote entstand in Nord- und Ostsyrien ein vollständiges Bildungssystem auf Kurdisch – von Grundschulen bis zu Universitäten.

In Rojava wuchs eine Generation mit kurdischer Bildung auf
 
GURBET SARYA / REDAKTION, 16. Mai 2026.

Als 2012 in Rojava die Grundlagen der Revolution gelegt wurden, begann zugleich eine Entwicklung, die viele Kurd:innen jahrzehntelang für unmöglich gehalten hatten: der Aufbau eines Bildungssystems in kurdischer Sprache.

Während Syrien im Bürgerkrieg versank, die Terrororganisation „Islamischer Staat“ (IS) große Teile des Landes überrannte und das Baath-Regime seine Kontrolle aufrechterhalten wollte, organisierten sich Kurd:innen in Nord- und Ostsyrien, um ihre Sprache aus der Illegalität in den gesellschaftlichen Alltag zu holen.

Was zunächst mit kleinen Sprachkursen und improvisierten Akademien begann, entwickelte sich innerhalb von etwas mehr als einem Jahrzehnt zu einem mehrsprachigen Bildungssystem mit tausenden Lehrer:innen, Universitäten und hunderttausenden Schüler:innen.

Die Sprachrevolution begann mitten im Krieg

Die ersten Schritte wurden 2012 unternommen. Die Organisation Saziya Zimanê Kurdî (SZK) eröffnete trotz der Repressionen des Baath-Regimes Sprachakademien in Städten wie Kobanê, Efrîn und Dêrik. Im selben Jahr fand in Amûdê eine große kurdische Sprachkonferenz statt. Dort wurde beschlossen, Lehrer:innen auszubilden und Schulen mit kurdischer Unterrichtssprache aufzubauen.

Semira Hec Elî, Ko-Vorsitzende des Bildungskomitees der Selbstverwaltung, erinnert sich an die schwierigen Bedingungen jener Zeit: „Der IS hatte die Region eingekesselt und das System war noch immer in den Händen des Baath-Regimes. Trotzdem bestanden wir darauf, Schüler:innen auf Kurdisch zu unterrichten.“

Das Regime habe Schulen geschlossen, Türen aufgebrochen und Lehrer:innen abgezogen, erzählt sie. Dennoch hätten Familien, Lehrkräfte und Schüler:innen an der Einführung des Kurdischen festgehalten. „Wir gaben Kurdisch trotz aller Angriffe nicht auf“, sagt Semira Hec Elî.

Von geheimen Kursen zu tausenden Schulen

Trotz fehlender Mittel, Lehrkräfte und Infrastruktur begann der Aufbau neuer Bildungsstrukturen. 2013 wurden in Efrîn, Qamişlo und Kobanê erste Sprach- und Literaturakademien gegründet. Dort entstanden Lehrpläne, Unterrichtsmaterialien und neue Ausbildungsprogramme für Lehrer:innen. Mit der Ausrufung der Kantone Cizîr, Kobanê und Efrîn Anfang 2014 begann die schrittweise Einführung des Kurdischen an öffentlichen Schulen.

Die Lehrpläne orientierten sich laut Semira Hec Elî an dem von Abdullah Öcalan formulierten Konzept der „Demokratischen Nation“. Das Modell sieht vor, dass nicht nur Kurd:innen, sondern auch arabische und syrisch-aramäische Kinder Unterricht in ihrer Muttersprache erhalten sollten.

Seit 2016 wird an Schulen in Nord- und Ostsyrien offiziell auf Kurdisch, Arabisch und Syrisch-Aramäisch unterrichtet. Heute lernen allein in der Cizîr-Region mehr als 60.000 Schüler:innen an fast 1.800 Schulen in ihrer Muttersprache. Im Euphrat-Gebiet besuchen weitere zehntausende Kinder Schulen mit muttersprachlichem Unterricht.

Universitäten auf Kurdisch

Mit der Einführung des Kurdischen an Schulen entstand zugleich die Frage nach höherer Bildung. 2016 wurde deshalb die Rojava-Universität gegründet – die erste Universität der Region, an der zahlreiche Studiengänge vollständig auf Kurdisch angeboten werden. Heute studieren dort mehr als 3.000 Menschen in zwölf Fakultäten, mehreren Fachschulen und Instituten.

Die Ko-Vorsitzende der Universität, Zêna Elî, beschreibt den Aufbau als Arbeit „von Null an“. „Wir haben alles selbst aufgebaut – unsere Forschung, unsere Materialien und unser Bildungssystem“, sagt sie. Es habe weder ausreichend Gebäude noch akademisches Personal oder finanzielle Mittel gegeben. Dennoch sei die Universität trotz Krieg, Embargo und Angriffen stetig gewachsen.

Auch die 2017 gegründete Kobanê-Universität entstand unter schwierigen Bedingungen. Die Stadt lag nach den Angriffen des sogenannten IS weitgehend in Trümmern. Trotz zerstörter Infrastruktur und fehlender technischer Möglichkeiten wurde ein Universitätsbetrieb aufgebaut. Heute studieren dort tausende junge Menschen, unter anderem in naturwissenschaftlichen und medizinischen Fächern.

Sprache wurde Teil des gesellschaftlichen Lebens

Die Sprachrevolution blieb nicht auf Schulen und Universitäten beschränkt. Mit der Revolution begann zugleich eine umfassende kulturelle Wiederaneignung des Kurdischen. Kultureinrichtungen, Plätze, Schulen und Institutionen erhielten kurdische Namen. Musik-, Film- und Kulturkollektive entstanden und produzierten Werke auf Kurdî. Die Kulturbewegung Hunergeha Welat dokumentiert seit Jahren traditionelle kurdische Musik und nahm hunderte Lieder auf. Gleichzeitig produziert die 2015 gegründete Filmkommune Rojava Filme und Dokumentationen auf Kurdisch. Sprache wurde dadurch nicht nur Unterrichtsfach, sondern Teil des gesamten gesellschaftlichen Lebens.

„Organisiert es selbst“

Bereits 2013 hatte Abdullah Öcalan bei Gesprächen mit der Imrali-Delegation erklärt: „Statt vom Staat etwas zu verlangen, müsst ihr selbst handeln und euch organisieren.“ Er sprach damals davon, Sprachakademien, Kindergärten und Unterrichtsmaterialien eigenständig aufzubauen, anstatt auf staatliche Genehmigungen zu warten. Viele Kurd:innen in Rojava sehen darin heute eine Grundlage des entstandenen Bildungssystems.

Eine neue Generation wächst mit Kurdisch auf

Für Semira Hec Elî zeigt sich die eigentliche Bedeutung der Sprachrevolution heute im Alltag der Kinder. „Früher hieß es immer, Kurdisch sei keine Sprache für Wissenschaft oder Bildung“, sagt sie. Die Erfahrungen in Rojava hätten das Gegenteil bewiesen. Kinder, die heute auf Kurdisch unterrichtet werden, lernten gleichzeitig weitere Sprachen und erzielten gute schulische Leistungen. Besonders symbolisch sei für sie jedoch etwas anderes: „Heute bringen die Kinder, die wir an unseren Schulen ausgebildet haben, ihren Eltern kurdische Grammatik bei.“ In Rojava ist damit erstmals eine Generation herangewachsen, die Kurdisch nicht nur zu Hause spricht, sondern in ihrer Muttersprache lernt, studiert, schreibt und arbeitet.

 

Kommentare

Beliebte Posts aus diesem Blog

Salih Muslim: Für die Türkei sieht es nicht gut aus

Evakuierungen aus Şehba gehen weiter

Tödliche Anschläge auf Zivilpersonen in Südkurdistan