„Was ist mit ihnen passiert?“ Demonstration gegen Frauenmorde in Istanbul
In Istanbul demonstrierten Frauen gegen ungeklärte Todesfälle und Feminizide. Sie werfen staatlichen Stellen vor, Gewalt zu decken und Täter zu schützen und fordern umfassende Aufklärung.
Mit einem Demonstrationszug durch Istanbul haben Frauenorganisationen Aufklärung über ungeklärte Todesfälle und Feminizide gefordert. Unter dem Motto „Was ist mit ihnen passiert?“ zogen zahlreiche Teilnehmerinnen vom Tünel in Şişhane bis zum Eminönü-Anleger.
Organisiert wurde die Aktion von der Initiative „Frauen sind gemeinsam stark“. Während des Marsches wurden Parolen wie „Frauenmorde sind politisch“, „Keine Einzelfälle, sondern männliche Gewalt“ und „Schluss mit staatlicher Gewalt gegen Frauen“ gerufen. Auf einem großen Banner hieß es: „Diejenigen, die Gewalt verhindern sollten, töten Frauen und vertuschen es.“
An der Demonstration beteiligten sich auch Politikerinnen und Aktivistinnen der DEM-Partei, des Demokratischen Kongresses der Völker (HDK) und der kurdischen Frauenbewegung TJA, darunter Sebahat Tuncel und Meral Danış Beştaş.

Fokus auf ungeklärte Fälle
Im Zentrum der Proteste standen zahlreiche Fälle von Frauen, deren Tod bis heute nicht aufgeklärt ist oder als „verdächtig“ eingestuft wurde. Demonstrierende trugen Schilder mit den Namen von Gülistan Doku, Rojin Kabaiş, Yeldana Kaharman und Ilayda Zorlu und stellten immer wieder die gleiche Frage: „Was ist mit ihnen passiert?“ Die Aktivistinnen machten deutlich, dass es sich dabei nicht um Einzelfälle handelt, sondern um ein wiederkehrendes Muster.
„Nicht Einzelfall, sondern System“
In der Abschlusskundgebung betonte die Sprecherin Evrim Gürenin, dass der Kampf um Aufklärung fortgesetzt werde: „Wir werden weiter für alle ermordeten und verschwundenen Frauen kämpfen und ihre Fälle öffentlich machen.“ Mit Blick auf den Fall Gülistan Doku, dessen Ermittlungen erst nach Jahren wieder aufgenommen wurden, kritisierte sie politische Aussagen, die Gewalt relativierten. Solche Äußerungen legitimierten männliche Gewalt und entwerteten das Leben von Frauen.

Vorwürfe gegen Staat und Justiz
Gürenin erhob schwere Vorwürfe gegen staatliche Institutionen. Nach ihrer Einschätzung seien Behörden und Justiz nicht nur untätig, sondern teilweise selbst Teil des Problems: „Unser Verständnis von Gerechtigkeit bedeutet nicht, dass einzelne Täter benannt werden, während die Strukturen bestehen bleiben, die sie schützen.“ Sie verwies auf Fälle wie den von Ipek Er, bei dem der Täter zunächst verurteilt und später freigelassen wurde, als Beispiel für eine Praxis der Straflosigkeit. Die junge Kurdin war Opfer einer mehrfachen Vergewaltigung durch einen türkischen Unteroffizier geworden und hatte daraufhin Selbstmord begangen.
„Wie viele Frauen noch?“
In ihrer Rede nannte Gürenin eine Reihe weiterer Namen, darunter Rojwelat Kızmaz, Nadira Kadirova, Feleknaz Keskin, Rabia Naz Vatan und Hande Kader und stellte die Frage: „Wie viele Frauen werden noch verschwinden oder getötet, bevor diese Fälle aufgeklärt werden? Wie viele werden als ‚verdächtiger Tod‘ zu den Akten gelegt?“ Die Aktivistin sieht darin ein systematisches Vorgehen: Beweise würden verschwinden, Täter geschützt und diejenigen isoliert, die Aufklärung fordern.

„Staatliche Stellen werden zu Tätern“
Besonders scharf fiel die Kritik an staatlichen Strukturen aus. Nach Darstellung der Rednerin seien ausgerechnet jene Institutionen, an die sich Betroffene wenden sollten, Teil der Gewalt: „Diejenigen, die Frauen schützen sollen – Polizei, Staatsanwaltschaften, Behörden – werden selbst zu Akteuren der Gewalt.“ Als Beispiele nannte Gürenin den Umgang mit Ermittlungen, das schnelle Schließen von Akten sowie den Umgang mit Angehörigen.
Ankündigung weiteren Protests
Die Demonstrierenden kündigten an, ihren Protest fortzusetzen, bis alle Fälle aufgeklärt sind und Verantwortliche zur Rechenschaft gezogen werden. „Wir werden nicht aufhören zu fragen, bis die Wahrheit ans Licht kommt und bis diese Ordnung der Straflosigkeit beendet ist“, hieß es zum Abschluss.
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