Rojava wehrt sich gegen Einschränkung der kurdischen Sprache
Die Diskussion um Kurdisch entwickelt sich zur zentralen Konfliktfrage zwischen der Autonomieverwaltung und der Übergangsregierung. Während Damaskus auf ein Wahlfachmodell drängt, fordert Rojava verfassungsrechtliche Garantien für kurdische Bildung.
Der Konflikt um die Zukunft der kurdischen Sprache entwickelt sich in Syrien zunehmend zu einer Grundsatzfrage über Demokratie, Selbstverwaltung und die politische Zukunft Kurdistans. Während die neue Führung in Damaskus Kurdisch auf wenige Wochenstunden als Wahlfach begrenzen will, fordert die Autonomieverwaltung Nordostsyriens eine verfassungsrechtliche Anerkennung der Sprache als Bildungs- und Amtssprache.
Für viele Kurd:innen geht es dabei längst nicht mehr nur um Schulunterricht, sondern um die Frage, ob die politischen und kulturellen Errungenschaften der vergangenen Jahre bestehen bleiben oder schrittweise zurückgedrängt werden.
Von Baath bis HTS: Angriff auf Sprache und Identität
Die Auseinandersetzung steht in einer langen historischen Kontinuität. Über Jahrzehnte versuchten verschiedene Regime und Machtzentren, die kurdische Sprache und Identität aus dem öffentlichen Leben zu verdrängen. Bereits das Baath-Regime verfolgte über Jahrzehnte eine Politik der Arabisierung und Leugnung gegenüber Kurd:innen in Syrien. Nach der Besetzung Efrîns durch die Türkei und verbündete Milizen im Jahr 2018 wurden diese Praktiken vielerorts fortgesetzt.
Kurdische Ortsnamen verschwanden von Schulen, öffentlichen Gebäuden und Straßenschildern. Plätze und Einrichtungen wurden umbenannt, kurdische Lehrpläne abgeschafft und durch türkische beziehungsweise arabische Inhalte ersetzt. Schulen erhielten türkische Fahnen, während kurdische Bildungsstrukturen systematisch zerschlagen wurden.
Ähnliche Entwicklungen folgten nach den Angriffen auf Serêkaniyê und Girê Spî im Jahr 2019. Gleichzeitig wurden hunderttausende Kurd:innen aus den Regionen vertrieben und die demografische Struktur durch gezielte Ansiedlungspolitik verändert; eine Fortsetzung jener Arabisierungspolitik, die bereits das frühere syrische Regime unter dem sogenannten „Arabischen Gürtel“-Projekt verfolgt hatte.
HTS will Kurdisch zum Wahlfach machen
Mit der Machtübernahme von Hayat Tahrir al-Sham (HTS) in Damaskus Ende 2024 verschärfte sich der Konflikt um die Zukunft des kurdischen Bildungswesens erneut. Die neue syrische Führung versucht nach Angaben der Autonomieverwaltung, Kurdisch schrittweise aus dem regulären Bildungssystem zu verdrängen und stattdessen lediglich als Wahlfach zuzulassen. Grundlage dafür ist das sogenannte Dekret Nr. 13 des selbsternannten Übergangspräsidenten Ahmed al-Scharaa alias Abu Mohammed al-Jolani, das für Kurdisch lediglich zwei bis drei Wochenstunden als fakultativen Unterricht vorsieht.
Die Autonomieverwaltung betrachtet dies als direkten Angriff auf die in den vergangenen 14 Jahren aufgebauten Bildungsstrukturen in Nordostsyrien. Besonders umstritten ist dabei, dass die Pläne im Widerspruch zu einem Abkommen zwischen den Demokratischen Kräften Syriens (QSD) und HTSstehen. Darin war vereinbart worden, die Bildungsstrukturen der Selbstverwaltung anzuerkennen und die Besonderheiten des kurdischen Bildungswesens zu berücksichtigen. Seit April kommt es deshalb in zahlreichen Städten Nordostsyriens zu Protesten von Schüler:innen, Lehrer:innen und Familien gegen die geplanten Einschränkungen.
Mazlum Abdi: „Kurdisch als Bildungssprache ist grundlegend“
Der QSD-Oberkommandierende Mazlum Abdi erklärte kürzlich in einem Interview mit der Nachrichtenagentur ANHA, die Autonomieverwaltung lehne das Modell eines bloßen Wahlfachs ab. „Kurdisch als Bildungssprache ist für uns die grundlegendste Frage“, sagte Abdi. Das Dekret erfülle die Bedürfnisse der kurdischen Sprache nicht. Deshalb sei in den Gesprächen mit Damaskus ausdrücklich festgehalten worden, dass gemeinsam mit dem Bildungsministerium eine Lösung für Kurdisch als Unterrichtssprache gefunden werden müsse.
Nach Angaben Abdis wurden darüber bereits Gespräche geführt und teilweise Einigungen erzielt. Eine offizielle Unterzeichnung durch die syrische Präsidentschaft stehe jedoch weiterhin aus. „Systematisch lehnen sie es nicht ab, aber die Angelegenheit bleibt blockiert“, sagte er. Zugleich betonte Abdi, dass die Frage der kurdischen Sprache nicht verhandelbar sei. Neben diplomatischen Gesprächen werde es auch gesellschaftlichen Widerstand geben.
„Erlaubt“ bedeutet keine Garantie
Auch Jurist:innen kritisieren die Formulierungen des HTS-Dekrets scharf. Der Anwalt Xalid Omer erklärte, das Dokument erkenne Kurdisch nicht als offizielle Sprache an, sondern erlaube den Unterricht lediglich unter Vorbehalt. „Kurdî darf nicht nur erlaubt sein, die Sprache muss verfassungsrechtlich garantiert werden“, sagte Omer.
Das Dekret erfülle die Forderungen der kurdischen Bevölkerung nicht. Während die frühere syrische Verfassung ausschließlich Arabisch als offizielle Sprache definiert habe, brauche es nun ein neues Modell, das die Realität Syriens anerkenne.
Omer verwies dabei auf den Irak, wo sowohl Arabisch als auch die Soranî-Varietät des Kurdischen offiziellen Status besitzen. Ein ähnliches Modell fordern viele Kurd:innen auch für Rojava. „Kurdisch darf kein Wahlfach sein. Die Sprache muss Unterrichts- und Amtssprache werden“, erklärte er.
Sprache als Teil der politischen Selbstverwaltung
Für viele Menschen in Nordostsyrien ist Kurdisch längst mehr als eine Sprache. Nach Jahrzehnten von Verbot, Arabisierung und Krieg gilt ihre öffentliche Wiederbelebung als eine der sichtbarsten Errungenschaften der Revolution von Rojava. Mit Schulen, Universitäten, Kulturzentren und neuen Bildungsprogrammen entstand seit 2011 erstmals ein öffentliches kurdisches Bildungssystem in Syrien. Entsprechend groß ist die Sorge, dass diese Errungenschaften durch neue zentralistische Strukturen in Damaskus erneut unter Druck geraten könnten. Für viele Kurd:innen ist die Debatte über Kurdisch deshalb auch eine Debatte über politische Existenz, demokratische Selbstverwaltung und die Zukunft Rojavas selbst.
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