Bagdader Gericht verhängt Todesstrafe gegen Anfal-Henker
Ein Gericht in Bagdad hat den ehemaligen Baath-Offizier Hajaj Ahmed al-Tikriti wegen Verbrechen gegen Kurd:innen während des Anfal-Genozids zum Tode verurteilt. Überlebende sehen darin einen späten Schritt der Aufarbeitung.
Eine Woche nach Beginn des vielbeachteten Prozesses gegen den ehemaligen Baath-Offizier Hajaj Ahmed al-Tikriti hat ein Gericht in Bagdad am Donnerstag die Todesstrafe gegen den als „Hajaj Nugra Salman“ bekannten Kriegsverbrecher verhängt. Das Urteil wurde nach mehreren Verhandlungstagen gefällt, in denen zahlreiche Überlebende und Angehörige kurdischer Opfer gegen den ehemaligen Funktionär des Saddam-Regimes ausgesagt hatten. Der Prozess war öffentlich geführt worden und hatte insbesondere in Südkurdistan große Aufmerksamkeit ausgelöst. Tikriti wurde nach Angaben des Gerichts unter anderem wegen sexualisierter Gewalt, systematischer Folter und Massenmordes an Kurd:innen während des Anfal-Genozids verurteilt.
Symbolfigur der Anfal-Verbrechen
Für viele Überlebende steht al-Tikriti exemplarisch für die Verbrechen des Baath-Regimes gegen die kurdische Bevölkerung. Der ehemalige Funktionär galt als einer der berüchtigtsten Verantwortlichen des Gefängnisses Nugra Salman in der südirakischen Provinz Muthanna. Das Wüstengefängnis ist unter Überlebenden bis heute Synonym für systematische Folter, Hunger, Isolation und außergerichtliche Hinrichtungen. Zahlreiche Kurd:innen, die während der sogenannten Anfal-Kampagne deportiert wurden, verschwanden dort oder wurden schwer misshandelt. Überlebende berichten von täglichen Schlägen, Erniedrigungen und psychischer Gewalt innerhalb des Gefängniskomplexes.
Jahrzehntelang verborgen
Tikriti hatte sich nach dem Sturz des Baath-Regimes über Jahre verborgen gehalten. Erst nach langwierigen Ermittlungen wurde er im vergangenen Jahr von irakischen Sicherheitskräften festgenommen. Bereits zum Prozessauftakt in der vergangenen Woche hatten Dutzende Zeug:innen und Angehörige vor Gericht ausgesagt. Viele von ihnen reisten aus verschiedenen Regionen Kurdistans nach Bagdad, um gegen den ehemaligen Offizier auszusagen. Der Prozess wurde von zahlreichen Medien sowie Menschenrechtsorganisationen verfolgt und gilt als eines der bedeutendsten Verfahren zur juristischen Aufarbeitung der Anfal-Verbrechen in den vergangenen Jahren.
Der Anfal-Genozid
Die „Anfal-Operation“ zählt zu den größten Menschheitsverbrechen nach dem Zweiten Weltkrieg. Unter diesem Namen führte das Regime von Saddam Hussein zwischen 1986 und 1989 in acht Phasen genozidale Maßnahmen gegen die kurdische Bevölkerung sowie gegen christliche Minderheiten in Südkurdistan durch. „Anfal“ bedeutet „Beute“ und verweist auf die achte Sure des Koran, die eine Kriegsführung gegen „Ungläubige“ thematisiert. 1988 erreichte die Operation ihren Höhepunkt. Innerhalb von nur sechs Monaten wurden unter dem Vorwand der „Aufstandsbekämpfung“ etwa 182.000 Menschen getötet. Mehrere Millionen wurden verletzt, vertrieben oder in Lager deportiert, wo viele an Hunger, Krankheiten und mangelnder Versorgung starben. Tausende Frauen und Mädchen wurden verschleppt. Über 4.000 Dörfer, 1.800 Schulen, 300 Krankenhäuser, 3.000 Moscheen und 27 Kirchen wurden zerstört. In mindestens 42 Fällen ist der Einsatz chemischer Waffen dokumentiert.
Internationale Aufmerksamkeit erlangte vor allem der Giftgasangriff auf Helebce am 16. März 1988, bei dem an einem einzigen Tag mehr als 5.000 Menschen getötet wurden. In diesem Zusammenhang wurde auch der Angriff auf Serdeşt in Ostkurdistan bekannt, wo am 28. Juni 1987 Senfgas über Wohngebieten abgeworfen wurde.
Hoffnung auf weitere Aufarbeitung
Für viele Überlebende und Angehörige markiert das Urteil gegen Tikriti einen seltenen Moment juristischer Aufarbeitung. Zahlreiche Verantwortliche der Anfal-Verbrechen konnten sich jahrzehntelang der Strafverfolgung entziehen. Entsprechend wird das Todesurteil nicht nur als Strafe gegen einen einzelnen Täter verstanden, sondern auch als Signal für die Anerkennung des Leids tausender kurdischer Familien. Viele Betroffene verbinden mit dem Verfahren die Hoffnung, dass weitere Beteiligte des Genozids identifiziert und vor Gericht gebracht werden.
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