Alles wird teurer: Brot, Lebensmittel, Strom und Benzin. Steigende Preise sind nicht mehr zu verkraften.
Steigende Preise sind nicht mehr zu verkraften
Alles wird teurer: Brot, Lebensmittel, Strom und Benzin. Die Schere zwischen Lebenshaltungskosten und Einkommen wird immer größer. Selbst diejenigen, die Arbeit haben, können die Preissteigerungen nicht mehr verkraften.
„Das Durchschnittseinkommen reicht nicht aus, um den Nahrungsbedarf einer Familie zu decken. Deshalb reduzieren viele Familien ihre Mahlzeiten oder verzichten auf Fleisch, Milchprodukte und Obst“, schreibt eine Projektpartnerin.
Die Mehrheit der Syrer*innen kann grundlegende Bedürfnisse nicht decken: Die Zahlen sind erschreckend: 90% der Bevölkerung leben unterhalb der Armutsgrenze. Über 70 % davon, rund 16 Millionen Menschen, benötigen humanitäre Hilfe. Nach Angaben des Welternährungsprogramms der Vereinten Nationen (WFP) sind fast drei Millionen Menschen in Syrien akut von Ernährungsunsicherheit bedroht. Das bedeutet, dass sie nicht immer genug zu essen haben.
Ein Großteil der Syrerinnen und Syrer ist nach wie vor auf Überweisungen von Familienmitgliedern aus dem Ausland angewiesen. Es ist ein beträchtliche Summe, die Auslandsyrer*innen an Verwandte in Syrien überweisen: vier Milliarden Dollar jährlich.
Am stärksten von Armut betroffen sind ältere Menschen, Arbeitslose und Familien, die keine Verwandten im Ausland haben.
Wie versuchen die Menschen, trotz allem über die Runden zu kommen? „Sie leben extrem sparsam: sie reduzieren Mahlzeiten und ernähren sich hauptsächlich von Brot, Hülsenfrüchten und saisonalem Gemüse. Sie teilen sich Wohnraum oder leben in ungeeigneten Unterkünften. Ein großer Teil der Menschen lebt immer noch in den Lagern für Binnenvertriebene“, sagt eine Projektpartnerin.
„Die Menschen spüren einen großen psychischen Druck, ein Gefühl der Ohnmacht und da ist täglich der Gedanke: „Was essen wir heute?“ Ein anderer Projektpartner ergänzt: „Es herrschen Frustration und Erschöpfung, vor allem weil grundlegende Bedürfnisse wie Nahrung nicht gesichert sind.“
Steigende Lebenshaltungskosten
Warum das Geld einfach nicht reichen kann, zeigen diese Zahlen: Das durchschnittliche Haushaltseinkommen liegt bei umgerechnet 195 Euro im Monat. Fast die Hälfte davon werden für Lebensmittel benötigt. Der zweite große Posten ist die Miete. Eine Wohnung in Damaskus zu mieten kostet in einer einfachen Wohngegend zwischen 80 und 200 Euro im Monat, in einer Wohngegend der Mittelschicht sind es zwischen 300 und 380 Euro (Stand März 2025). Schon Lebensmittel und Miete erschöpfen also das Budget einer Familie.
Hinzu kommen die massiv gestiegenen Stromkosten, nachdem die Übergangsregierung die Subventionen gestrichen hat. Die monatliche Stromrechnung stieg seitdem von rund 3,50 Euro auf – je nach Verbrauch – 43 bis 144 Euro. Für viele ist das schlicht unbezahlbar.
Unter dem Slogan „Recht auf Elektrizität“ (#Electrification_Haq) rief eine Gruppe syrischer Bürger*innen zu Sit-ins in Damaskus und Homs auf. Es gab Aufrufe, die Rechnungen nicht zu bezahlen. Manche haben die Zahlung eingestellt, weil sie einfach nicht wissen, woher sie das Geld nehmen sollen.
Eine Projektpartnerin beschreibt den wachsenden Unmut: „Der Zorn der Menschen ist wie ein Schneeball, der mit der Zeit wächst, und es ist möglich, dass die Menschen auf die Plätze gehen und ihre Stimme erheben.“
Mitte April demonstrierten Bürger*innen in Damaskus gegen Preiserhöhungen und gegen den wirtschaftlichen Kurs der Übergangsregierung.
Es ist zu erwarten, dass die öffentlichen Proteste und Forderungen nach besseren Lebensbedingungen zunehmen – ein Trend, der sich in den letzten Wochen bereits abzeichnet,
so ein Projektpartner. Eine andere befürchtet wachsende soziale Spannungen, schlechtere Gesundheit wegen Mangelernährung und zunehmende Auswanderung.
Längst gibt es Forderungen nach Gehaltserhöhungen: „Es wird ständig über Gehaltserhöhungen gesprochen. Es gibt Versprechen und zum Teil Lohnerhöhungen in einigen Bereichen. Aber das Problem ist, dass die Inflation jede Erhöhung ‚auffrisst‘. Das heißt: Der Lohn steigt ein bisschen, aber die Preise steigen noch stärker.“ Aufgrund des Irankriegs ist Benzin zwischen 17 und 30 Prozent teurer geworden.
Ein Projektpartner wünscht sich, dass die Übergangsregierung die Energiepreise für Diesel und Strom wieder senkt, da dies die Preise allgemein und die Produktionskosten von Unternehmen senken würde.
Sogar Unternehmensberater Yusuf Tayara von Oxford Levant Advisory, der ausländische Firmen bei Investitionen in Syrien betreut, merkt kritisch an, die Übergangsregierung habe bisher mehr unternommen, um Investoren anzulocken, als für das “Wohl der Menschen” zu sorgen. Die Streichung der Subventionen für Strom habe dazu geführt, „dass die Syrer mit astronomischen Strompreisen zu kämpfen haben.”
Und Joseph Daher, Wissenschaftler am Bonn International Centre for Conflict Studies kritisiert, dass die Übergangsregierung ein Wirtschaftssystem aufbaue, das vor allem der neuen Elite und ausländischen Investoren zugutekomme. Die Regierung werbe mit niedrigen Lohnkosten um ausländisches Kapital, während lokale Industrien – etwa in den Bereichen Textil und Lebensmittel – kaum vor Konkurrenz aus der Türkei oder China geschützt seien. Zudem seien die hohen Strompreise auch eine starke Belastung für Unternehmen.
Er argumentiert, dass die Kürzung von Subventionen nur dann sinnvoll ist, wenn sie in eine allgemeine Wirtschaftsreform eingebettet wird. Denn die derzeitige Wirtschaftspolitik der Übergangsregierung scheint die sozialen Ungleichheiten und Verarmungsprozesse zu reproduzieren, die zu den Protesten 2011 beigetragen haben.

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