Workshop in Amed: Kommunen diskutieren Aufbau einer Frauenökonomie
In Amed haben kurdische Kommunen Strategien für eine demokratische, ökologische und frauenbefreiende Wirtschaftsweise beraten. Im Zentrum standen Kooperativen, kommunale Strukturen und Wege aus Armut und Abhängigkeit.
Zahlreiche Vertreterinnen kurdischer Kommunen haben in der Metropole Amed (tr. Diyarbakır) über Perspektiven einer demokratischen, ökologischen und frauenbefreienden Ökonomie beraten. Der am Donnerstag veranstaltete Workshop zielt darauf ab, wirtschaftspolitische Ansätze lokaler Verwaltungen gemeinsam zu diskutieren und entlang eines kommunalen, auf Selbstorganisation beruhenden Modells neu auszurichten.
Organisiert wurde die Veranstaltung von der Union der Kommunalverwaltungen in Südostanatolien (GABB) sowie der Stadtverwaltung von Amed in Kooperation mehrerer Bezirkskommunen. Neben Bürgermeisterinnen nahmen Vertreterinnen aus Frauenpolitik-Abteilungen sowie Frauen, die in wirtschaftlichen Bereichen der Kommunen arbeiten, teil. Auch die abgesetzte Oberbürgermeisterin der unter staatliche Zwangsverwaltung gestellten Großstadt Wan, Neslihan Şedal, war vertreten.
Frauenarbeit im Zentrum – und zugleich systematisch entwertet
Şedal, die gleichzeitig Ko-Vorsitzende der GABB ist, erklärte in ihrer Eröffnungsrede, dass Ökonomie für Frauen und Gesellschaften ein zentrales Feld der Selbstverteidigung darstelle. Das kapitalistische System habe über Jahrhunderte hinweg gezielt die gesellschaftliche Rolle von Frauen angegriffen und sie aus ökonomischen Prozessen verdrängt. „Dabei hatten Frauen historisch die tragende Rolle in wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Prozessen inne“, betonte Şedal. Gleichzeitig seien gerade diese Errungenschaften immer wieder Ziel von Angriffen gewesen. Das bestehende System habe seine Strukturen aufgebaut, indem es die Arbeit und den Körper von Frauen ausgebeutet habe.

„Als Folge sindFrauen in eine tiefgreifende Armut gedrängt worden.“ Eine grundlegende gesellschaftliche Transformation sei nur möglich, wenn Frauen wieder zu aktiven Subjekten der Ökonomie würden, so Şedal. Damit verbunden sei auch die Perspektive eines „ethisch-politischen“ Gesellschaftsmodells sowie die Schaffung nachhaltiger Friedensstrukturen auf ökonomischer Grundlage. Im Workshop wurde daher insbesondere die Entwicklung einer sogenannten „Öko-Ökonomie“ diskutiert – also einer Wirtschaftsweise, die soziale Bedürfnisse, ökologische Nachhaltigkeit und kollektive Organisation miteinander verbindet.
Kooperativen und Kommunen als Räume der Selbstorganisation
In den folgenden Sitzungen standen Modelle einer demokratischen, ökologischen und frauenbefreienden kommunalen Ökonomie sowie praktische Erfahrungen mit Kooperativen im Mittelpunkt. Dabei wurden Kooperativen nicht nur als wirtschaftliche Instrumente betrachtet, sondern als zentrale Räume gesellschaftlicher Organisierung und Transformation. Ein Schwerpunkt lag auf der Sichtbarmachung von Care-Arbeit, die überwiegend von Frauen geleistet wird, aber im bestehenden System weitgehend unsichtbar bleibt. Zudem wurde über Wege diskutiert, lokale Produktionsstrukturen zu stärken und die Abhängigkeit von marktzentrierten Wirtschaftsformen zu reduzieren. Ziel ist der Aufbau eines Modells, das sich an den konkreten Bedürfnissen der Gesellschaft orientiert, lokale Ressourcen nutzt und im Einklang mit ökologischen Prinzipien steht.
Erfahrungen, Herausforderungen und Perspektiven
Im Rahmen des Workshops wurden sowohl frühere kommunale Erfahrungen, insbesondere aus der Zeit vor der Einsetzung staatlicher Zwangsverwaltungen, als auch aktuelle Projekte ausgewertet. Darüber hinaus flossen Erkenntnisse aus Besuchen verschiedener Kooperativen durch eine gemeinsame Wirtschaftskommission der beteiligten Kommunen in die Diskussion ein. Dabei wurden unterschiedliche Kooperativenmodelle, ihre Funktionsweise sowie bestehende Probleme analysiert. Diskutiert wurden unter anderem Fragen der Planung und langfristigen Entwicklung, der wirtschaftlichen Nachhaltigkeit, der Analyse lokaler Bedürfnisse sowie der Zusammenarbeit zwischen Kommunen und Kooperativen.
Abschlusserklärung angekündigt
Weitere Themen waren soziale Beschaffung, der Aufbau von Vermarktungsnetzwerken sowie geschlechtergerechte Haushaltsführung. Dabei wurde betont, dass kurzfristige und ungeplante Kooperativgründungen keine nachhaltige Perspektive bieten. Stattdessen brauche es langfristige, lokal verankerte und strategisch entwickelte Modelle. Der Workshop soll mit einer Abschlusserklärung enden, in der konkrete Schritte zur Stärkung der Frauenökonomie und zum Ausbau kommunaler, kollektiver Wirtschaftsstrukturen formuliert werden.
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