Seit Wochen vermisst: Sorge um zwei Journalist:innen in Rojava
Von den zuletzt aus Raqqa berichtenden Journalist:innen Eva Maria Michelmann und Ahmed Polad fehlt seit dem 18. Januar jede Spur. Medienorganisationen machen Damaskus für ihr Verschwinden verantwortlich und fordern umgehende Aufklärung.
Seit dem 18. Januar werden die Journalist:innen Eva Maria Michelmann und Ahmed Polad vermisst. Wie der Verband freier Medien in Rojava (YRA) am Sonntag mitteilte, riss der Kontakt zu den beiden am Morgen jenes Tages ab, während sie in Raqqa über die militärischen Entwicklungen in der Stadt berichteten. Seither gibt es keine gesicherten Informationen über ihren Aufenthaltsort.
Eva Maria Michelmann, Jahrgang 1989, arbeitete seit 2022 in Rojava sowie in Nordostsyrien. Sie berichtete unter anderem für die in der westtürkischen Metropole Istanbul ansässige linke Nachrichtenagentur ETHA sowie für Özgür TV über Angriffe auf Städte und Dörfer sowie über gesellschaftliche Entwicklungen im Kontext der Revolution von Rojava. Ahmed Polad ist Autor bei Kurdistana Azad und Moderator bei Özgür TV.
Zuletzt in belagertem Gebäude in Raqqa
Nach Angaben von YRA befanden sich Michelmann und Polad zuletzt gemeinsam mit rund 40 Zivilist:innen in einem Gebäude, das während der Angriffe syrischer Truppen und verschiedener Islamistenmilizen auf die Demokratischen Kräfte Syriens (QSD) belagert wurde. Polad hatte aus dem Inneren des Hauses Videoaufnahmen an ETHA und Özgür TV übermittelt. Darin berichtete er von massiven Gefechten, von aktivierten Schläferzellen der Terrororganisation „Islamischer Staat“ (IS) und von anhaltendem Beschuss.

Als sich die Kämpfe verschärften, versuchten die Eingeschlossenen, das Gebäude gegen die Angreifer zu verteidigen. Am Abend des 17. Januar sei das Haus von schwer bewaffneten Söldnern vollständig umstellt worden. Es kam zu Gefechten im Inneren. Angaben von ETHA zufolge drangen die Angreifer in das Erdgeschoss ein und setzten ihre Attacken fort. Der Kontakt zu den Journalist:innen brach schließlich aufgrund von Strom- und Internetausfällen ab.
Von Konvoi getrennt
Nach Vermittlungsbemühungen und Verhandlungen soll eine Evakuierung in Gruppen erfolgt sein. Ein Teil der Zivilist:innen erreichte unter Begleitung von QSD-Einheiten das Gefängnis al-Aqtan nahe Raqqa. Später stellte sich jedoch heraus, dass Polad und Michelmann nicht unter den dort Angekommenen waren. Personen aus einem Konvoi, die später Kobanê erreichten, gaben an, Milizionäre hätten die beiden Journalist:innen nach dem Verlassen des Gebäudes in ein Fahrzeug gesetzt. Seither seien sie nicht mehr gesehen worden.
Ob Michelmann und Polad von syrischen Regierungstruppen gefangen genommen, an den türkischen Geheimdienst übergeben oder getötet wurden, ist bislang ungeklärt. Der kurdische Journalistenverein Dicle Firat (DFG) mit Sitz in Amed (tr. Diyarbakır) betonte jedoch in einer eigenen Erklärung, dass es Hinweise gebe, wonach Soldaten oder Söldner der Damaszener Übergangsregierung die beiden Journalist:innen festgesetzt haben könnten.
Verbände fordern umgehende Freilassung
Sowohl der DFG als auch der YRA, dessen Mitglied Ahmed Polad ist, fordern die sofortige Offenlegung des Aufenthaltsorts beider Medienschaffender und ihre bedingungslose Freilassung. Nach internationalem Recht genießen Journalist:innen auch in bewaffneten Konflikten besonderen Schutz. Das gewaltsame Verschwindenlassen oder die Verschleppung von Pressevertreter:innen stelle einen schweren Verstoß gegen humanitäres Völkerrecht dar.
Hunderte Menschen vermisst
In Raqqa und weiteren Regionen, aus denen sich die QSD infolge der kriegerischen Aggression gegen die Selbstverwaltung im Januar zurückziehen mussten, darunter Deir ez-Zor, Tabqa und Dair Hafir, gelten weiterhin hunderte Zivilist:innen und Kämpfer:innen als vermisst. Zudem wird berichtet, dass bewaffnete Gruppen mit engen Kontakten zum türkischen Staat Gefangene an den Geheimdienst MIT übergeben haben sollen. Die QSD führten im Zuge des Waffenstillstands- und Integrationsabkommens vom 29. Januar mehrere Gespräche mit Damaskus über Gefangene und die Übergabe von Leichnamen. Auch die Namen der beiden Journalist:innen seien laut ETHA in diesen Kontakten thematisiert worden. Konkrete Ergebnisse gibt es bislang nicht.
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