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Rückkehr nach Efrîn unter schwierigen Bedingungen

 


Nach mehrfacher Vertreibung beginnen Efrîn-Familien mit der Rückkehr. Doch türkische Militärpräsenz, islamistische Milizen und ungelöste Sicherheitsfragen erschweren die Rückkehr erheblich.

Besatzungsstrukturen bleiben bestehen
 
GURBET SARYA / QAMIŞLO, 28. März 2026.

Acht Jahre nach der Besetzung durch die Türkei und mit ihr verbündete islamistische Milizen kehren erste vertriebene Kurd:innen in ihre Heimatregion Efrîn zurück. Für viele ist es ein zutiefst emotionaler Moment: Einige küssen den Boden ihrer Dörfer, andere umarmen die verbliebenen Olivenbäume oder sitzen schweigend in den Höfen ihrer Häuser. Doch so bedeutend diese Rückkehr für die Betroffenen ist, so sehr wird sie von den Bedingungen vor Ort überschattet.

Vierfache Vertreibung seit 2018

Mit der Invasion der Türkei und ihrer Proxy-Truppen der sogenannten „Syrischen Nationalarmee“ (SNA) im Jahr 2018 wurden mehr als 300.000 Menschen aus Efrîn vertrieben. Ein Großteil floh in die benachbarte Wüstenregion Şehba, wo sich über Jahre hinweg eine neue, prekäre Lebensrealität entwickelte. Diese Phase hielt bis Ende 2024 an.

Dann begann eine neue Angriffswelle auf Şehba, diesmal durch die Dschihadistenallianz Hayat Tahrir al-Sham (HTS) sowie die nach dem Sturz des Assad-Regimes gebildete syrische Übergangsregierung. Rund 200.000 Menschen wurden erneut vertrieben und auf verschiedene Gebiete Nord- und Ostsyriens verteilt, darunter Tabqa, Raqqa, Kobanê, die Cizîr-Region und Aleppo. Viele Familien fanden Aufnahme in provisorischen Unterkünften oder bei anderen Familien.

Auch Anfang 2026 kam es im Zuge der jüngsten Offensive gegen die nordostsyrische Selbstverwaltung zu weiteren Angriffen, insbesondere auf die Aleppiner Stadtteile Şêxmeqsûd und Eşrefiyê, in denen sich viele Geflüchtete aus Efrîn befanden. Erneut mussten zehntausende Menschen fliehen. Damit wurden zahlreiche Familien aus Efrîn innerhalb von acht Jahren mindestens viermal vertrieben.

Rückkehr nach Vereinbarung mit Damaskus

Die Rückkehrbewegung begann erst nach dem Abkommen zwischen den Demokratischen Kräften Syriens (QSD) und der Übergangsregierung in Damaskus am 29. Januar. In der Vereinbarung ist festgehalten, dass Vertriebene in ihre Herkunftsorte zurückkehren können und lokale Verwaltungsstrukturen wieder aufgebaut werden sollen. Anfang März machte sich ein erster Konvoi mit rund 400 Familien – etwa 3.000 Menschen – auf den Weg zurück nach Efrîn. Sie kehrten unter anderem in die Bezirke Mabeta, Şiyê und Cindirês zurück. Nach aktuellen Angaben bereiten sich rund 10.000 weitere Familien auf ihre Rückkehr vor.

Abfahrt des Konvois Richtung Efrîn am 9. März © ANHA

Kein Rückkehrkorridor – langsamer Prozess

Ein zentrales Problem bleibt die Organisation der Rückkehr. Die Selbstverwaltung hatte vorgeschlagen, einen Korridor von Qamişlo nach Efrîn einzurichten, um die Rückkehr zügig zu ermöglichen. Die Übergangsregierung in Damaskus lehnte diesen Vorschlag jedoch ab. Stattdessen erfolgt die Rückkehr nun schrittweise: Familien können nur dann zurückkehren, wenn ihre Häuser tatsächlich frei sind. Dadurch verzögert sich der Prozess erheblich.

Milizenfamilien bleiben in kurdischen Häusern

Eines der größten Hindernisse ist die Situation der Wohnhäuser. Nach der Besetzung wurden zahlreiche Familien aus anderen Teilen Syriens, insbesondere aus Homs, Hama, Damaskus und Deir ez-Zor, in Häusern vertriebener Kurd:innen angesiedelt. Dabei handelt es sich vielfach um Angehörige islamistischer Milizen, die unter türkischer Kontrolle stehen. Zwar sieht die Vereinbarung zwischen den QSD und Damaskus vor, dass diese Häuser geräumt werden müssen. In der Praxis zeigt sich jedoch, dass viele dieser Gruppen sich weigern zu gehen. Aus verschiedenen Dörfern wird berichtet, dass Rückkehrende unter Druck gesetzt oder an der Rückkehr gehindert werden.

Türkische Militärstützpunkte verhindern Rückkehr

Hinzu kommt die fortdauernde militärische Präsenz der Türkei. In mehreren Dörfern, darunter Şêxûrzê, Dêwrîş sowie Basilê und Kîmarê, bestehen weiterhin türkische Militärstützpunkte. Dort stationierte Islamistenmilizen blockieren teilweise die Rückkehr oder verweigern die Räumung von Häusern vollständig. Beobachtungen vor Ort zeigen, dass diese Gruppen nicht primär den Anweisungen aus Damaskus folgen, sondern weiterhin unter direktem Einfluss Ankaras stehen.

Forderung nach lokaler Sicherheitsstruktur

Vor diesem Hintergrund gewinnt die Sicherheitsfrage zentrale Bedeutung. Viele Bewohner:innen fordern die Einrichtung einer lokalen Einheit, die ausschließlich aus Menschen aus Efrîn bestehen soll. Dieser Vorschlag wird innerhalb der Selbstverwaltung diskutiert. Eine endgültige Entscheidung steht jedoch noch aus.

Eine Vertriebene und ihre Katze. Beide sind inzwischen nach Efrîn zurückgekehrt © ANHA

Newroz-Angriffe zeigen anhaltende Spannungen

Wie angespannt die Lage weiterhin ist, zeigte sich auch bei den diesjährigen Newroz-Feiern am 21. März. Dabei kam es zu Angriffen durch Mitglieder von Dschihadistenmilizen und deren Anhänger gegen kurdische Familien, die ihr Neujahrsfest feierten. Teilweise wurden offen rassistische und antikurdische Parolen geäußert, und kurdische Symbole wurden angegriffen. Lokale Vertreter:innen sehen darin gezielte Provokationen. Der Ko-Vorsitzende des Sozialrats von Efrîn etwa erklärte, Ziel sei es gewesen, Spannungen zu erzeugen und die Botschaft zu senden, dass Efrîn nicht zu Rojava gehöre.

Zerstörte Lebensgrundlagen

Neben der Sicherheitslage stellt auch die wirtschaftliche Situation eine massive Herausforderung dar. Vor dem Angriffskrieg von 2018 lebte die Bevölkerung Efrîns überwiegend vom Olivenanbau und dem Handel mit Olivenöl. Während der Besatzung wurden jedoch große Teile der Olivenhaine zerstört oder abgeholzt. Schätzungen zufolge wurden rund eine Million Bäume gefällt, Wälder verbrannt und landwirtschaftliche Flächen militärisch genutzt. Viele Rückkehrende finden ihre Existenzgrundlage daher zerstört vor.

Serêkaniyê: Rückkehr weiterhin unmöglich

Während in Efrîn erste Rückkehrbewegungen stattfinden, ist die Lage in Serêkaniyê (Ras al-Ain) noch deutlich schwieriger. Die Stadt wurde im Oktober 2019 von der Türkei und verbündeten Milizen besetzt. Rund 75.000 Menschen wurden vertrieben. Auch dort wurden Häuser enteignet und an Islamistenfamilien übergeben. Zudem sind große Teile der Infrastruktur zerstört, etwa 45 Dörfer wurden zu großen Teilen vernichtet. Vertreter:innen der Vertriebenen betonen, dass eine Rückkehr derzeit nicht möglich sei.

Forderungen der Vertriebenen

„Es gibt keine sichere Umgebung für eine Rückkehr“, erklärte der Anwalt Ciwan Îso. Häuser würden nicht geräumt, Eigentum geplündert und gezielt zerstört. Trotz der massiven Hindernisse halten viele Menschen an ihrer Rückkehr fest. Für sie ist die Rückkehr nach Efrîn und Serêkaniyê nicht nur eine praktische Notwendigkeit, sondern Ausdruck eines politischen Anspruchs auf Heimat, Selbstbestimmung und Rückkehr. Die Bevölkerung formuliert klare Bedingungen: den Abzug der türkischen Truppen, die Räumung besetzter Häuser, Sicherheitsgarantien und den Wiederaufbau lokaler Selbstverwaltung.

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