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Öcalan: „Es liegt in unserer Hand, dieses Jahr zu einem Jahr der Freiheit zu machen“

 


Zum Newroz hat Abdullah Öcalan eine Botschaft veröffentlicht, in der er zu Frieden, demokratischer Integration und Einheit im Nahen Osten aufruft. Es liege in der Hand der Völker, dieses Jahr zu einem Jahr der Freiheit zu machen.

Botschaft zu Newroz
 
ANF / AMED, 21. März 2026.

Bei den Newroz-Feierlichkeiten in Amed (tr. Diyarbakır) ist die mit Spannung erwartete Botschaft von Abdullah Öcalan verlesen worden. Darin erklärte der kurdische Repräsentant: „Es liegt in unserer Hand, dieses Jahr für alle Völker des Nahen Ostens zu einem wirklichen Jahr der Freiheit zu machen.“ Zugleich rief er dazu auf, nicht zuzulassen, dass der Nahe Osten von hegemonialen Mächten in ein Kriegsgebiet verwandelt wird.

Die Botschaft wurde auf Kurdisch von Veysi Aktaş, der über viele Jahre gemeinsam mit Öcalan auf der türkischen Gefängnisinsel Imrali inhaftiert war, und auf Türkisch von Medya Aslan von der Bewegung Freier Frauen (TJA) verlesen. Begleitet von Sprechchören wurde die Botschaft von der Versammlungsmenge aufgenommen.


Das Klima von Krieg und Chaos in einen Frühling der Völker verwandeln

„Das Newroz-Epos wird seit Jahrtausenden als Fest der Erneuerung, des Widerstands und des Frühlings von den Völkern des Nahen Ostens begangen. Newroz hat den Geist des Widerstands und der Wiedergeburt unserer Völker immer wieder neu belebt.

Die in Newroz verkörperten Symbole und Figuren spiegeln den Geist dieser Region wider. Dehaq steht als Sinnbild für das System der staatlichen Zivilisation; die Schlangen auf seinen Schultern, die täglich die Gehirne zweier junger Menschen verzehren, symbolisieren die Grausamkeit des assyrischen Staates, während Kawa der Schmied die Verkörperung des Widerstands gegen Unterdrückung darstellt.

Die seit Jahrhunderten im Nahen Osten geführten Religions-, Konfessions- und Kulturkriege stellen den schwersten Schlag gegen die Kultur des Zusammenlebens der Völker dar. Solange jede Identität und jeder Glaube versucht, sich durch Rückzug in sich selbst und durch die Feindbildkonstruktion des Anderen zu behaupten, vertieft sich die Kluft zwischen unseren Völkern weiter. Unsere gemeinsamen Werte und unsere gemeinsame Kultur werden negiert, während unsere Unterschiede zu Ursachen von Konflikten und Kriegen gemacht werden.

Das Festhalten an überholten politischen Strategien in der Gegenwart hat in der Region verheerende Folgen nach sich gezogen. Die im Nahen Osten praktizierten Politiken der Unterdrückung, Negation und Feindmarkierung haben Spaltungen hervorgebracht, die heute leider auch als Vorwand für imperiale Interventionen dienen.

Während die über drei Jahrhunderte andauernden Religions- und Konfessionskriege Europas 1648 mit dem Westfälischen Frieden überwunden wurden, hat das Fortbestehen solcher Konflikte im Nahen Osten bis in die Gegenwart unseren Völkern tiefe Tragödien zugefügt. Heute jedoch verfügen wir über die Möglichkeit, ein erneutes Zusammenleben von Kulturen und Glaubensgemeinschaften zu verwirklichen. Es liegt in unserer Hand, das im Nahen Osten geschaffene Klima von Krieg und Chaos in einen Frühling der Völker zu verwandeln. Wir können die uns auferlegten Tragödien umkehren und in einen Raum der Freiheit für die Völker transformieren.

Der Weg zu einem gemeinsamen Zusammenleben ist eröffnet

Gegenwärtig werden die verborgenen Seiten der Geschichte sichtbar, und die Möglichkeiten für Frieden zwischen den Völkern sowie für eine demokratische Nationsbildung nehmen zu. In dem Maße, in dem die staatlich geprägten Traditionen des Sunnitentums und Schiitentums sowie nationalistische Denkmuster überwunden werden, rückt auch ein freies Zusammenleben der Völker in den Bereich des Möglichen.

Heute ist eine neue Seite aufgeschlagen worden. Der Weg für ein freies Zusammenleben der Völker in dieser Region ist eröffnet. Der am 27. Februar 2025 eingeleitete Prozess zielt darauf ab, die Grundlagen einer dem Geist von Newroz entsprechenden Gemeinschaftlichkeit neu zu beleben.

Dafür ist es notwendig, daran zu glauben, dass Kulturen und Glaubensgemeinschaften zusammenleben können, dass wir enge nationalistische Vorstellungen überwinden und uns auf der Grundlage einer demokratischen Integration vereinen sowie gemeinsam existieren können. Wie in unserer Geschichte liegt es auch heute in unserer Hand, uns bewusst zu machen, dass wir jegliche Formen von Kriegspolitik, Armut und Barbarei zurückdrängen können.

Newroz steht für ein kommunales Leben

Das Newroz des Jahres 2026 stellt eine Aktualisierung dieser Geschichte in ihrer ganzen historischen Größe und Bedeutung dar. Geschichte wird gegenwärtig, und auf der Grundlage einer authentischen kulturellen Vielfalt eröffnet sich eine große Möglichkeit, ein neues Bewusstsein zu entwickeln. Die Bedeutung und Kraft von Newroz treten als ein „Jetzt“ auf die Bühne der Geschichte. Darin liegt die historische Bedeutung der Newroz-Feste dieses Jahres wie auch der kommenden Jahre.

Das Newroz 2026 erfährt eine Wiederbelebung aus seinen eigenen Wurzeln heraus und wird im Zuge eines kraftvollen Vorstoßes in Richtung Demokratisierung und demokratischer Integration vergegenwärtigt – es wird selbst zu Newroz. Wie bereits in der Geschichte entfaltet Newroz erneut seine zentrale Bedeutung im Nahen Osten, tritt gewissermaßen in eine neue Phase der Wiederbelebung ein und übernimmt als Ausdruck demokratischer Integration erneut eine prägende Rolle in der gesamten Region. Eine derart umfassende Vergegenwärtigung findet statt und wird sich weiter fortsetzen.

Bislang wurde Newroz vor allem mit symbolischen Bedeutungen begangen. Heute jedoch steht Newroz nicht mehr für eine bloße Vorstellung oder Utopie, sondern für ein sich realisierendes und entwickelndes kommunales Leben. Newroz ist der Tag, an dem wir uns sowohl in sinnhafter als auch in materieller Hinsicht verwirklichen können.

Wenden wir uns einer neuen Ethik der Freiheit zu

Lasst uns anlässlich von Newroz jene unzureichenden Beziehungsweisen und Bedeutungsformen, die uns hartnäckig begleiten, hinter uns lassen und uns mit einer qualifizierten Form des Miteinanders sowie einer vertieften Sinnperspektive einer neuen Ethik der Freiheit und einem neuen ästhetischen Verständnis des Lebens zuwenden.

Verwirklichen wir die Philosophie von „Jin, Jiyan, Azadî“ – Frau, Leben, Freiheit – in all unseren Beziehungen und gelangen wir so zu einem freien Leben. Machen wir uns bewusst, dass Newroz nicht länger eine Hoffnung, ein Traum oder eine Theorie ist, sondern ein Moment der praktischen Verwirklichung. Begegnen wir diesem Moment mit einem reflektierten Bewusstsein und einer entsprechenden tiefen Sinnorientierung.

Es liegt in unserer Hand, dieses Jahr anlässlich von Newroz für alle Völker des Nahen Ostens zu einem wirklichen Jahr der Freiheit zu machen und die Tradition von Freundschaft und Solidarität zwischen den Völkern zur Geltung zu bringen. Dies kann erreicht werden, indem wir die ethnisch sowie religiös-konfessionell begründete Zersplitterung und den Bruderkrieg überwinden und die Einheit aller Kulturen sowie religiösen und konfessionellen Gemeinschaften auf der Grundlage von Freiheit und Geschwisterlichkeit verwirklichen.

Gegenüber dem von der kapitalistischen Moderne hervorgebrachten tiefgreifenden gesellschaftlichen und ökologischen Zusammenbruch haben wir im Einklang mit dem Freiheitsgeist von Newroz die demokratische Politik sowie eine ökologische und frauenbefreiende Lösungsperspektive der demokratischen Moderne entwickelt.

Geben wir hegemonialen Mächten keine Gelegenheit

Lassen wir nicht zu, dass der Nahostraum, eine Region, die Kulturen hervorgebracht hat, in den Händen hegemonialer Mächte zu einem Schauplatz von Kriegen gemacht wird. Wie in der Geschichte können wir auch heute die Hindernisse gemeinsam überwinden, die der freien Entfaltung und Vereinigung dieser großen Kultur auf der Grundlage ihrer tatsächlichen Identitäten im Wege stehen. Wenn wir den Nationalismus und den Konfessionalismus als gesellschaftliche Krankheit hinter uns lassen und uns auf die jahrtausendealte Kultur der Solidarität unserer Völker besinnen, gibt es kein Hindernis, das wir nicht überwinden könnten.

In einem solchen Geist der Gemeinsamkeit ist es auch möglich, eine demokratische Politik hervorzubringen. Wenn wir den jahrtausendelangen Kampf der Unterdrückten krönen wollen, so liegt dessen Ort weder im Osten noch im Westen innerhalb der kapitalistischen Kulturordnung, sondern im wirklichen Raum der Freiheit des Nahen Ostens. Indem wir die demokratische Integration auf diesen Grundlagen als eine tatsächliche Begegnung und im Sinne einer neuen Menschlichkeit, von Geschwisterlichkeit, Solidarität und Freundschaft verwirklichen, können wir sie weiterentwickeln und aktualisieren.

Ich gratuliere unseren Völkern zum Ramadanfest und wünsche, dass dieses Fest dem Frieden und der Geschwisterlichkeit dienlich sein möge.

Das Newroz 2026 wird erstmals im Geist einer sich verwirklichenden demokratischen Integration, des Friedens und der Geschwisterlichkeit unserer Völker begangen. Ich schließe mich diesem Geist und diesem Willen mit ganzer Kraft an und wünsche, dass Newroz, das in diesem Jahr im wahrsten Sinne des Wortes zu einem „Neuen Tag“ geworden ist, den Auftakt für einen glanzvollen Weg der kommenden Jahre bildet.

Ich grüße euch alle mit herzlicher Verbundenheit und wünsche all unseren Völkern Frieden.“

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