Rückkehr nach Afrin: Warum ein Abkommen allein noch keinen Frieden schafft

 


400 vertriebene Familien reisen zurück nach Afrin. Doch manche kommen dort vor besetzten Häusern an.


Die Bilder aus Nordsyrien wecken vorsichtige Hoffnung: Nach Jahren der Vertreibung und Flucht infolge der türkischen Militäroperation „Olivenzweig“ im Jahr 2018 kehren seit März 2026 die ersten vertriebenen kurdischen Familien in ihre Heimatregion Afrin zurück. Grundlage dafür ist das Abkommen zwischen Damaskus und den Syrian Democratic Forces (SDF) vom 29. Januar, das weitreichende Folgen für die Stabilität in der Region hat. Doch während die politische Ebene Erfolge feiert, zeigt die Realität vor Ort, wie zerbrechlich dieser Prozess ist.

Hier wird deutlich, warum die Zivilgesellschaft in Syrien heute wichtiger ist denn je. Es geht nicht nur um sichere Rückkehrwege, sondern um das Recht auf Identität und ein Zuhause.

Ein Hauch von Sicherheit auf der M4

Der erste Rückkehr-Konvoi am 9. März war ein logistischer Kraftakt. Begleitet von Sicherheitskräften beider Seiten, rollten die Busse von Hasaka bis nach Afrin über die lang umkämpfte Autobahn M4. Für viele Rückkehrer war dies der erste Moment seit Jahren, in dem sie sich nicht mehr wie Verfolgte fühlten. Unsere Partnerin vor Ort erklärt:

Das beruhte besonders auch darauf, dass die kurdischen Sicherheitskräfte Asayish die Konvois der ersten Rückkehrwelle begleiteten. Dadurch entstand ein gewisses Sicherheitsgefühl für die Rückkehrenden. Die Schutzmaßnahmen waren umfassend.

Doch dieses Gefühl der Sicherheit endete bei manchen schon an der Stadtgrenze von Afrin. Berichte über Provokationen, beleidigende Parolen und die Festnahme kurdischer Jugendlicher zeigen, dass die politische Einigung sich noch nicht gesellschaftlich durchgesetzt hat.

Der Kampf um Identität und Eigentum

Ein zentraler Punkt des Januar-Abkommens ist die Wiederherstellung der Staatsbürgerschaft. Doch Papier ist geduldig, der Alltag in Afrin ist es nicht. Besonders die kurdische Identität bleibt ein Reizthema. Am Vorabend von Newroz kam es zu Übergriffen auf Feiernde und zur Beschlagnahmung kurdischer Flaggen.

Wenn Symbole der Identität kriminalisiert werden, steht der gesellschaftliche Frieden auf dem Spiel. Die Zivilgesellschaft Syrien muss hier als Monitor fungieren, damit Minderheitenrechte nicht nur in Verträgen, sondern auch auf der Straße existieren.

Noch massiver wiegt jedoch das Problem der Eigentumsrechte. Viele Familien kehren zurück und finden Fremde in ihren Häusern vor. Unsere Partnerin berichtet:

Viele Häuser bleiben weiterhin besetzt, und die Besetzer weigern sich, sie ohne finanzielle Gegenleistung zu verlassen. Selbst wenn sie die Häuser räumen, nehmen sie oft alles mit – bis hin zu Türen, Fenstern und Stromkabeln.

Rückkehrer finden oft nur unbewohnbare Ruinen vor. Ohne finanzielle Mittel zur Instandsetzung bleibt die Rückkehr für viele eine Fortsetzung der Vertreibung unter anderem Namen.

Die Kluft überwinden: Die Rolle der Zivilgesellschaft

Eines der schwierigsten Erben des Konflikts und der Jahre der Besatzung ist die soziale Spaltung. Es gibt ein tiefes Misstrauen zwischen denen, die während der türkischen Präsenz in Afrin blieben, und denen, die flohen. Den einen wird Kollaboration unterstellt, den anderen eine zu große Nähe zu politischen Fraktionen wie den SDF.

Hier zeigt sich die wichtige Rolle der Zivilgesellschaft in Afrin, den gesellschaftlichen Zusammenhalt zu stärken und die Integration der Rückkehrenden zu unterstützen. Denn es besteht eine Kluft zwischen denjenigen, die geblieben sind, und jenen, die vertrieben wurden.

Aktivist*innen arbeiten hier an der Basis: Sie moderieren Gespräche, leisten Aufklärung und versuchen, den Dialog dort wiederaufzunehmen, wo Waffen ihn zum Verstummen gebracht haben.

Unterstützung bedeutet mehr als Nothilfe

Die Rückkehrwellen – die zweite ist bereits angekommen, eine dritte steht kurz bevor – sind ein Zeichen der Resilienz. Doch damit aus der Rückkehr eine dauerhafte Stabilität wird, reicht humanitäre Hilfe nicht aus.

Entscheidend ist, gesellschaftliche Spaltung durch Aufklärung und Dialog aktiv zu bearbeiten.

Hier setzt das Anbar Zentrum Afrin an. Es leistet neben Nothilfe für die Rückkehrer*innen zentrale psychosoziale Unterstützung und begleitet Menschen dabei, in eine veränderte und oft fragile Nachbarschaft zurückzufinden. Eine Mitarbeiterin beschreibt den Ansatz so:


Als im Januar kurdische Familien aus den Stadtteilen Sheikh Maqsoud und Ashrafiyeh in Aleppo vertrieben wurden, haben wir mehrere humanitäre Initiativen umgesetzt, Nothilfe und psychosoziale Unterstützung geleistet. Mit der Rückkehr der Familien aus dem Nordosten nach Afrin setzen wir unsere Arbeit fort: Wir empfangen sie und versuchen, ihnen ihre Wiedereingliederung in die Gesellschaft zu erleichtern. All diese Initiativen basieren auf unserer Überzeugung, wie wichtig es ist, Gemeinschaft zu stärken.

Gleichzeitig stärkt das Anbar Zentrum seit mehreren Jahren lokale Netzwerke und schafft Räume für Austausch – eine Voraussetzung dafür, Vertrauen wieder aufzubauen.

Wiederaufbau darf nicht auf Infrastruktur und politische Abkommen reduziert werden. Ohne Investitionen in sozialen Zusammenhalt bleibt jede Stabilisierung brüchig. Ein Leben ohne Angst und in Würde darf für die Menschen in Afrin keine ferne Perspektive bleiben. Partner wie das Anbar Zentrum arbeiten bereits daran, diese Realität Schritt für Schritt möglich zu machen.

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