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Efrîn: Zwischen anhaltender Vertreibung und ersten Rückkehrbewegungen

 


Acht Jahre nach der türkischen Besetzung Efrîns sind Vertreibung, Gewalt und demografische Veränderungen weiterhin Realität. Gleichzeitig haben erste Rückkehrbewegungen begonnen,

Achter Jahrestag der Besatzung
 
ANF / REDAKTION, 18. März 2026.

Acht Jahre nach der Besetzung der Region Efrîn durch die Türkei ist die Lage weiterhin von den Folgen der Invasion geprägt. Zugleich zeichnen sich erstmals vorsichtige Veränderungen ab: Im Rahmen des Abkommens zwischen den Demokratischen Kräften Syriens (QSD) und der syrischen Übergangsregierung vom 29. Januar wurde auch die Rückkehr Vertriebener in ihre Herkunftsgebiete vereinbart. Vor gut einer Woche ist eine erste Gruppe von rund 400 Familien nach Efrîn zurückgekehrt. Weitere Rückkehrwellen sind geplant. Für viele der ursprünglich Vertriebenen stellt dies die erste konkrete Perspektive auf eine Rückkehr seit acht Jahren dar.

„Operation Olivenzweig“

Der Angriffskrieg auf Efrîn begann am 20. Januar 2018 unter dem zynischen Namen „Operation Olivenzweig“. Die Bevölkerung leistete 58 Tage Widerstand, bis die Volks- und Frauenverteidigungseinheiten (YPG und YPJ) einen Beschluss zur Evakuierung fassten, um einen Völkermord zu verhindern. Nach Schätzungen der Autonomieverwaltung wurden mindestens 1.500 Menschen in der Zeit zwischen Kriegsbeginn und der endgültigen Okkupation Efrîns am 18. März 2018 getötet. Die kurdisch geprägte Region war zuvor Teil der Selbstverwaltung in Rojava und galt über Jahre hinweg als vergleichsweise stabiler Zufluchtsort innerhalb des syrischen Bürgerkriegs. Mit der türkischen Invasion wurde diese Struktur zerschlagen.

Efrîn gehört zu den altbesiedelten Bergländern, die seit der Antike durchgehend besiedelt sind. Dies unterscheidet die Region von Kobanê oder der Cizîrê, die erst zwischen den beiden Weltkriegen wieder systematisch unter den Pflug kamen. Sie ist von zwei türkischen Provinzen umschlossen – im Norden von Kilis und im Westen von Hatay, umfasst die Region Çiyayê Kurmenc (oder Kurd Dagh/Dschabal al-Akrad: „Berg der Kurden“) und enthält die Städte Efrîn im Zentrum und darüber hinaus Şêrawa, Cindirês, Mabeta, Raco, Bilbilê, Şiyê und Şera. Der Name Efrîn bedeutet auf Kurdisch „gesegnete Schöpfung“.

Hunderttausende Menschen vertrieben

Bei ihrem Angriffskrieg bediente sich die Türkei der Unterstützung dschihadistischer Milizen, die durch den türkischen Staat ausgebildet, ausgerüstet und finanziert wurden, und setzte unter anderem auch deutsche Waffen – wie etwa Leopard 2-Panzer ein. Offiziell, um sich selbst zu verteidigen, schaffte Ankara zusammen mit ihren islamistischen Verbündeten relativ schnell Fakten in Efrîn. Im Zuge der Invasion wurden rund eine halbe Million Menschen vertrieben, darunter auch zahlreiche Binnenvertriebene, die zuvor aus anderen Teilen Syriens nach Efrîn geflüchtet waren. Ein Großteil dieser Bevölkerung lebt bis heute unter schwierigen Bedingungen, etwa in Zeltstädten, in verschiedenen Regionen Nordostsyriens.

Langfristige Folgen der Vertreibungspolitik

Neben der massenhaften Vertreibung berichten NGOs seit Jahren von systematischen Menschenrechtsverletzungen. Etwa 10.000 Zivilist:innen sollen seit 2018 entführt worden sein, rund 2.000 von ihnen gelten bis heute als verschwunden. Auch Folter, willkürliche Inhaftierungen und Tötungen wurden immer wieder dokumentiert. Parallel dazu hat sich die Bevölkerungsstruktur der Region deutlich verändert. Ein großer Teil der Häuser und landwirtschaftlichen Flächen der ursprünglichen Bevölkerung wurde beschlagnahmt. An ihrer Stelle wurden Familien angesiedelt, die aus verschiedenen arabischen Ländern und anderen syrischen Regionen stammen – häufig aus Gebieten, die zuvor unter Kontrolle islamistischer Gruppierungen standen.

Auch kulturelle und gesellschaftliche Strukturen sind tiefgreifend verändert worden. In Bildungseinrichtungen wurde die kurdische Sprache verdrängt, während Türkisch und Arabisch dominieren. Religiöse und kulturelle Stätten verschiedener Gemeinschaften wurden umgewidmet oder zerstört. Und auch die Umwelt Efrîns ist massiv von der Invasion betroffen. Seit der Besatzung wurden hunderttausende Bäume gefällt oder durch Brände vernichtet, darunter große Bestände an Olivenbäumen, die eine zentrale wirtschaftliche Grundlage der Region darstellen.

Ungewisse Zukunft für Rückkehrende

Die Entwicklungen in Efrîn stehen im Zusammenhang mit einer breiteren militärischen Strategie der Türkei in Rojava. Nach 2018 folgten weitere Invasionen, unter anderem 2019 mit der Besetzung der Städte Serêkaniyê (Ras al-Ain) und Girê Spî (Tall Abyad). Internationale Reaktionen auf die Besetzung Efrîns und die seither dokumentierten Entwicklungen blieben begrenzt. Die Selbstverwaltung sieht darin ein Versagen internationaler Akteure, auf Verstöße gegen das Völkerrecht und anhaltende Menschenrechtsverletzungen angemessen zu reagieren. Mit dem Abkommen vom 29. Januar und den ersten Rückkehrbewegungen könnte sich die Situation nun teilweise verändern. Ob und in welchem Umfang eine sichere und dauerhafte Rückkehr der ursprünglichen Bevölkerung möglich sein wird, bleibt jedoch offen.

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