Von Wien nach Rojava
In einem persönlichen Reisebericht schildert Heidi Sequenz, Landtagsabgeordnete der Grünen in Wien, welche Folgen sie von den Angriffen auf Rojava befürchtet. Bereits 2025 hat sie die Selbstverwaltung und Frauenstrukturen in der Region kennengelernt.
Vor meiner ersten Reise nach Rojava im April 2025 hatte ich nur eine vage Vorstellung davon, wofür Rojava steht. Heute schlägt mein Herz für diese Region – vor allem für die Menschen, denen ich dort begegnet bin. Neben der einzigartigen Gastfreundschaft des Nahen Ostens beeindruckte mich vor allem die Erkenntnis, dass auch hier ein basisdemokratisches, feministisches und vor allem säkulares Gesellschaftsmodell möglich ist.
Während dieser Reise im April 2025 traf ich gemeinsam mit meinen drei Reisebegleiterinnen Judith Götz, Steffi Sargnagel und Muzayen Al-Youseff Vertreterinnen von zwölf Frauenorganisationen und lernte ihre wichtige Arbeit aus erster Hand kennen. Unvergesslich blieben die Gespräche mit den Gründerinnen von Mala Jin sowie mit Kämpferinnen der YPJ, die Camp Roj und Camp Hol bewachten. Erschütternd war die Erkenntnis, mit welch enormen Herausforderungen die Selbstverwaltung konfrontiert ist: Zehntausende hochradikalisierte Menschen, die von ihren Herkunftsländern nicht zurückgenommen werden, müssen bewacht und versorgt werden.
Uns war sofort klar, dass es dafür dringend Öffentlichkeit in Österreich braucht. Unsere erste Veranstaltung zählte 750 Besucher:innen und war innerhalb von zwei Tagen ausverkauft – wie auch alle neun weiteren Veranstaltungen die folgten. Sämtliche Einnahmen und Spenden gingen an Frauenorganisationen in Rojava.
Der Drang, etwas zu tun
Die Angriffe auf Aleppo und später auf Rojava lösten bei mir ein starkes Bedürfnis aus, mehr zu tun, als an täglichen Demonstrationen teilzunehmen. Ich wandte mich an FEYKOM [Rat der kurdischen Gesellschaft Österreichs] mit der Bitte um Unterstützung bei der Organisation einer weiteren Reise nach Rojava – konkret um eine Genehmigung für den Grenzübertritt an der syrisch-irakischen Grenze bei Sêmalka. Zufällig überquerte eine Schweizer Delegation eine Woche später die Grenze, ich könne mich denen anschließen, hieß es. Ich buchte kurzfristig einen Flug und zog los, ohne Genehmigung.
Als wenige Tage vor der Abreise ein Waffenstillstand zwischen der Übergangsregierung in Damaskus und der DAANES [Demokratische Selbstverwaltung von Nord- und Ostsyrien] beschlossen wurde, fiel mir ein großer Stein vom Herzen. Eine Unsicherheit blieb jedoch buchstäblich bis zum Grenzbalken bestehen: Ob ich überhaupt einreisen dürfe. Ich reiste von Wien ab, ohne zu wissen, ob ich die Genehmigung erhalten würde. Selbst bei meiner Ankunft an der Grenze fehlte noch die erlösende E-Mail. Dann sah ich plötzlich mein Ansuchen im Stapel der Dokumente am Grenzschalter liegen. Am liebsten hätte ich einen Luftsprung gemacht. Die offizielle Bestätigung mit dem Vermerk „approved“ kam erst, als wir die Grenze bereits überquert hatten – ein unnötiger Stress.
Eine veränderte Situation
Mein erster Eindruck: Deutlich weniger Menschen überquerten die Grenze als im April 2025. Damals war die Grenzstation überfüllt, auch mit vielen Syrer:innen aus Deutschland, die eine Reihe von Feiertagen für Hochzeiten und Familienbesuche nutzten. Vieles war dennoch vertraut: Wir wohnten wieder im Hotel Al Burj, in dem die Baustelle im achten und neunten Stock unverändert vor sich hin ruhte.
Auf der Fahrt nach Qamişlo fiel mir auf, das auffällig viele Geschäfte geschlossen waren. Mir wurde erklärt, dass sich viele Menschen den sogenannten „Verteidigungseinheiten“ angeschlossen haben, die nachts ihre Nachbarschaften bewachen. Dadurch können sie ihre Geschäfte tagsüber nicht durchgehend offen halten. Diese Form von Bürgerwehren wurde notwendig, nachdem Angriffe in Raqqa nicht nur von außen – durch Regierungstruppen und Milizen – erfolgten, sondern auch von innen, durch IS-Schläferzellen.
Geburtstag bei Ausgangssperre
Noch in der ersten Nacht hatte ich Gelegenheit, an mehreren Checkpoints mit Mitgliedern dieser Verteidigungseinheiten zu sprechen. Ihre Hingabe und Ausdauer, bei Kälte und Regen Nacht für Nacht Wache zu halten, um ihre Viertel zu schützen, beeindruckte mich tief. Um sich zu wärmen, stehen sie um Tonnen in denen Benzin verbrannt wird, das waren ziemlich gespenstische ungewohnte Bilder für mich.
Am zweiten Tag in Qamişlo, meinem Geburtstag, war Ausgangssperre, kein Internetzugang, es herrschte fast dystopische Stimmung, trotzdem hätte ich nirgendwo anders sein wollen. Die Schweizer Delegation war abgereist, ich saß allein im Restaurant, der Kellner bracht eine faszinierende Kreation: ein Stapel an pancakes mit Schokolade und Schlagobers gefühlt. Sie hatten bei der Registrierung gesehen, es war mein Geburtstag, mir war zum Weinen vor Rührung.
Notunterkünfte statt Unterricht
In den nächsten Tag konnte ich mit Vertreter:innen von Kongra Star und dem Exekutivrat sowohl über die Grundprinzipien der Selbstverwaltung als auch über die aktuelle Lage sprechen. Alle 120 Schulen in Qamişlo sowie sämtliche Schulen in Amûdê sind seit Ende Dezember geschlossen. In den Gängen stapeln sich Schulbänke, in den Klassenräumen sind teils bis zu 17 Menschen untergebracht. Diese Menschen müssen versorgt werden – mit Lebensmitteln, Kleidung und Medikamenten. Viele flohen Mitte Januar aus Raqqa, als es besonders kalt war. Sie hatten nichts bei sich außer der Kleidung, die sie trugen.
Schon vor den Angriffen auf Aleppo und Rojava war die Infrastruktur von Qamişlo überlastet. Zwischen 2018 und 2019 waren zahlreiche Menschen aus den von der Türkei besetzten Gebieten in die Stadt geflüchtet. Vor der ersten großen Fluchtbewegung hatte Qamişlo mehr als eine halbe Million Einwohner:innen, inzwischen kamen weitere etwa 150.000 Menschen aus Aleppo, Raqqa und Hesekê hinzu. Aus der Kurdistan-Region des Irak (KRI) treffen täglich 25 bis 30 LKWs mit Hilfsgütern ein – darunter Medikamente und Babynahrung.
Katastrophale Bedingungen
Am bewegendsten war die Gespräche mit den Vertriebenen, manchen flüchteten das fünfte oder sechste Mal. „Wir wollen ein Leben in Würde und Frieden und in unsere Häuser und Wohnungen zurückkehren“, war ein Satz, den ich immer wieder hörte, und es wurde immer betont: Dort auch sicher zu sein. Die Zustände sind trotz der Bemühung der Hilfsorganisationen und der Bevölkerung katastrophal.
Auf den Gängen der Schulen türmen sich die Schulbänke, Wäscheleinen schwer mit Kleidung sind durch die Räume gespannt, dazwischen rauchende Männer und Kinder, so viele Kinder. Viele wurden nie unterrichtet, das belastet die Eltern besonders. Manche waren schwer krank, ein Kind hatte eine Krebserkrankung im Auge, die verzweifelte Mutter hielt uns das Kind entgegen, noch nie fühlt ich mich so machtlos.
Der Erfolg Rojava bedroht das Patriarchat
Neben dieser humanitären Katastrophe spielt sich gleichzeitig eine politische ab: Das erklärte Ziel der islamistischen Übergangsregierung in Damaskus ist die Zerstörung der autonomen Selbstverwaltung. Ein demokratisches, säkulares und feministisches Gesellschaftsmodell ist der direkte Gegenentwurf zu autoritären Regimen und islamistischen Ideologien. Ohne die Unterstützung der Türkei – sie ist allgegenwärtig in der syrischen Armee, Regierung und im Geheimdienst – wären die Attacken von Hayat Tahrir al-Sham (HTS) und anderen islamistischen Milizen auf das Gebiet der Selbstverwaltung nicht so erfolgreich gewesen. Die Türkei schreckt vor keinem Mittel zurück, nebeneinanderliegende Gebiete kurdischer Selbstverwaltung zu verhindern. Der Erfolg eines Modells wie Rojava ist für autoritäre, patriarchale und religiös legitimierte Machtstrukturen eine Bedrohung.
Die Angst vor einem Angriff bestand bereits bei unserem Besuch 2025, doch damals waren die Kräfteverhältnisse andere. Die Demokratischen Kräfte Syriens (QSD) hatten realistische Chancen gegen HTS. Als die USA die Kurd:innen im Rahmen eines zynischen Deals fallen ließen, war klar, dass eine militärische Eskalation in einem Blutbad enden würde – zumal ein Eingreifen der Türkei sehr wahrscheinlich gewesen wäre.
Freiheit und Gleichberechtigung für alle Frauen, nicht nur für privilegierte
Zerbricht Rojava wären vor allem die Frauen die Verliererinnen. Die Sätze: „Wir haben so viel für uns Frauen erkämpft, wir werden das nicht aufgeben. Wir haben die Welt vor dem IS geschützt, wir haben diesen Kampf auch für euch geführt – und jetzt macht Europa gemeinsame Sache mit Islamisten“ waren allgegenwärtig. Diese Wahrheit schmerzt, auch deshalb, weil von den rund 150.000 Dschihadisten, die ab Ende 2011 aus aller Welt nach Syrien kamen, etwa 40.000 aus Europa stammten. Nach Kriegsende wurde Rojava mit den gefangenen IS-Angehörigen allein gelassen. Die europäischen Staaten weigern sich bis heute, ihre Staatsbürger:innen zurückzunehmen. Allein in Camp Hol lebten zeitweise bis zu 70.000 hochradikalisierte Menschen – auch deren Versorgung lastete ausschließlich auf Rojava.
Wenn das Modell Rojava stirbt, stirbt auch die Hoffnung, dass sich die tief patriarchalen Strukturen der Region in absehbarer Zeit verändern. Rojava bot Frauen Freiheit und Gleichberechtigung nicht nur auf dem Papier, sondern im gelebten Alltag – für alle Frauen, nicht nur für privilegierte.
Kenntnis verpflichtet
Solche Delegationsreisen nach Rojava müssen zwangsläufig in intensive politische und gesellschaftlicher Arbeit in Europa münden, sonst verlieren sie ihren Sinn. Bereits während meines Aufenthalts im Februar 2026 organisierte ich gemeinsam mit einer kurdischstämmigen Kollegin und kurdischen Künstler:innen eine Benefizveranstaltung in Wien. Am 12. April folgt eine weitere Veranstaltung mit Düzen Tekkal, zu der rund 900 Besucherinnen erwartet werden. Zwischen Mai 2025 und Januar 2026 hielten Judith Götz, Steffi Sargnagel, Muzayen Al-Youseff und ich neun Vorträge in Wien, Berlin, Leipzig und Innsbruck – alle ausverkauft.
Ich selbst berichte regelmäßig über Rojava, ermutige Journalist:innen zur Berichterstattung und informiere politische Entscheidungsträgerinnen bis auf EU-Ebene. Besonders wichtig ist es, auf die gezielte Desinformation aufmerksam zu machen, die von der Türkei und Katar mit Millionenbeträgen finanziert wird. In Europa herrscht leider noch immer ein naiver Umgang mit dschihadistischen Strukturen und islamistischer Ideologie. Aus Angst, als islamophob oder rassistisch zu gelten, schweigen viele – selbst dann, wenn die Gefahr offensichtlich ist.
Dieser Artikel ist auf Türkisch in der Zeitung „Yeni Özgür Politika“ erschienen.
Titelbild © Heidi Sequenz
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