Protest gegen SPIEGEL-Berichterstattung in Hamburg
In Hamburg haben Aktivist:innen gegen die Berichterstattung des Nachrichtenmagazins DER SPIEGEL über die Situation in Syrien und die gezielte Erniedrigung von Frauen protestiert.
Der Frauenrat Rojbîn und zahlreiche weitere Aktivist:innen haben vor dem Sitz des Nachrichtenmagazins DER SPIEGEL in Hamburg gegen die Berichterstattung über die Situation in Syrien protestiert. Bereits am Samstag hatte die Kurdische Frauenbewegung in Europa (TJK-E) scharfe Kritik geübt und dem Magazin vorgeworfen, mit seiner Darstellung der Lage in Rojava die Gewaltideologie des sogenannten Islamischen Staats (IS) und weiterer Terrorgruppierungen zu relativieren und gleichzeitig frauenfeindliche Narrative zu bedienen. Konkreter Anlass war der Artikel „Wie ein wohl falscher Zopf die Welt bewegt“, verfasst von Christoph Reuter und Mohannad Alkhalil Alnajjar.
Heike Sudmann: Selbstverwaltung aller Bevölkerungsgruppen in Rojava
Die Bürgerschaftsabgeordnete Heike Sudmann, Ko-Vorsitzende der Hamburger Linksfraktion, erklärte sich solidarisch mit den kurdischen Aktivist:innen und forderte in einer Rede vor dem SPIEGEL-Haus eine differenzierte und wahrheitsgetreue Berichterstattung. „Es ist wichtig, dass die deutschen Medien genauer hinschauen, was dort wirklich passiert. Wenn es auf einmal heißt, es ist nur eine kurdische Selbstverwaltung und die Araber:innen werden unterdrückt, dann ist das nicht wahr. Wir können nur immer wieder sagen, es ist eine Selbstverwaltung der dort vertretenen Ethnien, eine Selbstverwaltung der Menschen, die dort leben, und das bedeutet eben auch, das Leben selbst in die Hand nehmen und zu bestimmen, wie es dort gestaltet wird. Es bedeutet, sich nicht abhängig zu machen von einem al-Scharaa, der auf einmal meint, er sei ein großer Diplomat und der selbsternannte Staatspräsident“, sagte die Bürgerschaftsabgeordnete und wies auf den Kampf der Kurd:innen gegen den IS und andere islamistische Strukturen seit 2014 hin.
„Propagandakampagne für al-Scharaa“
Sprecherinnen des Frauenrats Rojbîn verurteilten die SPIEGEL-Berichterstattung in Redebeiträgen auf Deutsch und Kurdisch und sagten, in dem Artikel gehe es den Autoren nicht nur um den Zopf, den das ehemalige IS-Mitglied Rami al-Dahesh lächelnd in die Kamera hält. Vielmehr gehe es ihnen offenkundig darum, die Verbrechen des Heers von al-Shaara in Frage zu stellen, sie reinzuwaschen und gar als eine Propagandakampagne der Demokratischen Kräfte Syriens (QSD) abzutun. Die von den Soldaten al-Scharaas begangenen Kriegsverbrechen seien umfassend und sorgfältig dokumentiert worden, Menschenrechtsorganisationen wie SOHR, das Jineolojê-Zentrum, Journalist:innen vor Ort sowie die QSD und die Selbstverwaltung hätten in den vergangenen Wochen sowohl einzelne Fälle als auch systematische Zusammenstellungen veröffentlicht – jeweils detailliert aufbereitet, überprüft und mit belastbarem Beweismaterial untermauert.
„Gezielte Erniedrigung von Frauen“
„Der Zopf in den Händen eines in die Kamera grinsenden Rami al-Dahesh steht symbolisch für eine Botschaft, die gezielt jene Frauen erniedrigen soll, die sich im Kampf gegen das islamistische Heer al-Scharaas an die vorderste Front stellen. Dieses Video reiht sich ein in eine Reihe weiterer Aufnahmen, die von al-Scharaas Männern aufgezeichnet wurden und nur einem Zweck dienen: der Erniedrigung der Frauen, die nicht bereit sind, die Herrschaft dieser islamistischen Ideologie zu akzeptieren. Es sind Bilder von festgenommenen Kämpferinnen, die als Kriegsbeute präsentiert werden, untermalt von hässlichem Männergelächter; Bilder von Leichnamen von Kämpferinnen, die geschändet und von Häusern geworfen werden. Das sind übrigens Frauen aus denselben Einheiten, die sich 2014 in Şengal und in Kobanê gegen den IS gestellt haben. Dieselben Frauen, die später die vermeintliche Hauptstadt des IS, Raqqa, befreit haben. Damals wurden sie weltweit, mitunter auch in der deutschen Presse gefeiert. Doch nun ist der Gegner nicht mehr der IS, sondern mit al-Scharaa ein Partner des Westens. Und das dürfte vermutlich auch der Grund sein, warum sich deutscher Journalismus nicht darum bemüht, diese Verbrechen offenzulegen, sondern stattdessen die Täter schützt“, so die Sprecherinnen.
Weitere „Jin Jiyan Azadî“-Proteste angekündigt
Bei der Protestaktion wurde wiederholt „Jin Jiyan Azadî“ gerufen. Die Aktivist:innen kündigten an, weiter für die Anerkennung der Selbstverwaltung in Rojava auf die Straße zu gehen und eine diffamierende Berichterstattung über die tatsächlichen Verhältnisse vor Ort nicht widerspruchslos hinzunehmen.
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