Kobanê im Belagerungszustand: Hunderttausende Menschen in akuter Not
Seit über drei Wochen wird Kobanê von Milizen belagert. Die humanitäre Lage verschärft sich dramatisch: Kein Strom, kaum Wasser, Medikamente fehlen, Bäckereien droht der Stillstand. Hunderttausende Menschen sind betroffen.
Seit über drei Wochen ist die westkurdische Stadt Kobanê vollständig belagert. Milizen der sogenannten syrischen Übergangsregierung und der Türkei haben die Stadt am 18. Januar eingeschlossen – parallel zur Angriffswelle auf die Gemeinde Dair Hafir. Trotz eines erklärten Rückzugs der Demokratischen Kräfte Syriens (QSD) weitete sich die Offensive rasch auf mehrere Regionen aus. Die Folgen in Kobanê: massive Zuströme, ein systematischer Infrastrukturkollaps und eine sich dramatisch zuspitzende humanitäre Notlage.
Hunderttausende Menschen ohne Schutz und Versorgung
Kobanê, eine mehrheitlich kurdische Region mit gegenwärtig rund 600.000 Einwohner:innen, besteht aus 360 Dörfern, fünf Gemeinden und zwei Großbezirken. Seit Beginn der Angriffe sind zehntausende Menschen aus den ländlichen Gebieten ins Stadtzentrum geflohen, ebenso wie Vertriebene aus den überfüllten Camps von Raqqa, Tabqa und Girê Spî. Der begrenzte urbane Raum ist dieser Belastung nicht gewachsen: Viele Familien hausen in leerstehenden Schulen, ungenutzten Geschäften oder notdürftig in Fahrzeugen. Es fehlt an Unterkünften, Heizmaterial und Lebensmitteln.
Wasserversorgung zusammengebrochen – Strom gezielt abgeschaltet
Die zivile Infrastruktur ist praktisch zum Erliegen gekommen. Die Stromversorgung wurde am 18. Januar gezielt unterbrochen: Die Leitung über Sirîn, die den Tişrîn-Staudamm mit Kobanê verbindet, wurde von Truppen der Übergangsregierung gekappt. Mit dem Strom fiel auch die Wasserversorgung aus, sagt der Ko-Vorsitzende des Energiekomitees Welîd Cuma. Von 15 Pumpstationen ist nur noch eine funktionstüchtig. Die Menschen versuchen, sich über Brunnen zu versorgen, doch auch diese benötigen Generatoren, für die zunehmend der Diesel fehlt.
Krankenhäuser überfüllt – Medikamente und Treibstoff fast aufgebraucht
Die sechs Krankenhäuser der Stadt – vier öffentliche, zwei private – arbeiten im 24-Stunden-Betrieb. Doch sie sind überfüllt, die medizinische Versorgung steht vor dem Zusammenbruch. Laut dem Ko-Vorsitzenden des Gesundheitskomitees, Ehmed Mehmûd, reichen die Dieselvorräte für Generatoren und Krankenwagen nur noch für etwa zehn Tage. Der Zustrom Geflüchteter bringt das System an seine Grenze. Hunderte Patient:innen suchen täglich Hilfe, doch viele müssen abgewiesen werden. Medikamente gegen Atemwegserkrankungen, Anästhetika, Mittel für Diabetes- und Bluthochdruckpatient:innen sowie Sauerstoff sind vollständig aufgebraucht.
Bäckereien am Limit – Brotversorgung gefährdet
Auch die Nahrungsmittelversorgung ist bedroht. Die fünf Bäckereien der Region benötigen monatlich rund 150.000 Liter Diesel. Noch reichen die Vorräte für wenige Tage, dann droht der Stillstand. Rund eine halbe Million Menschen wäre betroffen. Die Versorgung mit Mehl ist ebenfalls unsicher.
Schulen als Notunterkünfte – Bildungsbetrieb eingestellt
17 Schulen sowie die Universität Kobanê mit etwa 1.500 Studierenden haben den Betrieb eingestellt. Die Gebäude dienen mittlerweile als Notunterkünfte für Geflüchtete. Der Unterricht für rund 72.000 Kinder und Jugendliche ist auf unbestimmte Zeit ausgesetzt.
Säuglinge in Gefahr – Nahrung knapp, Versorgung unzureichend
Besonders kritisch ist die Lage für Kleinkinder: Milchpulver und Babynahrung sind fast vollständig aufgebraucht. Notdürftig eingeschleuste Hilfsgüter über inoffizielle Routen erreichen nur einen Bruchteil der Bevölkerung. Auch sauberes Trinkwasser bleibt für viele unerreichbar, mit gravierenden Folgen für die Gesundheit der Schwächsten.
Internationale Hilfe bleibt aus
Trotz der sich zuspitzenden Lage und Warnungen lokaler Gesundheitsorganisationen bleibt eine internationale Reaktion bislang aus. Hilfskorridore sind blockiert, der Zugang für humanitäre Organisationen unmöglich. Sollte die Belagerung anhalten, droht ein vollständiger Zusammenbruch der zivilen Versorgung in Kobanê – mit absehbar tödlichen Folgen.
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