Frauenkonferenz in Bogota: Autonomie der Frauen in allen Bereichen
Auf der Frauenkonferenz in Bogotá stellten 400 Teilnehmerinnen die Ergebnisse von acht Workshops vor. Im Fokus standen feministische Alternativen zu Staat, Kapitalismus und Kolonialismus sowie gemeinsame Strategien von Abya Yala bis Kurdistan.
Seit dem 11. Februar tagt in Bogotá die internationale Frauenkonferenz „Von Abya Yala bis Kurdistan – Wir werden erblühen, denn der Krieg kann unsere Wurzeln nicht zerstören“. Am gestrigen Konferenztag präsentierten die rund 400 Teilnehmerinnen die Ergebnisse von acht thematischen Workshops, die in den Tagen zuvor erarbeitet worden waren. In den Panels und Arbeitsgruppen ging es um Unterdrückungserfahrungen, antikoloniale Analyse und feministische Alternativen, aber auch um praktische Wege für autonome Organisierung.
Organisiert wird die Konferenz vom Netzwerk Women Weaving the Future sowie indigenen und feministischen Bewegungen aus der gesamten Region. Frauen aus Mexiko, Honduras, Guatemala, Haiti, Nicaragua, Costa Rica, Panama, Venezuela, Kolumbien, Ecuador, Brasilien, Bolivien, Peru, Chile, Argentinien, Uruguay sowie aus Kurdistan, Europa, der Türkei, Kanada und Australien nehmen teil.
Ergebnisse der Workshops – ein Tag der kollektiven Verdichtung
Der vierte Konferenztag begann mit Solidaritätsbekundungen für Frauen in Palästina. Anschließend wurde eine Videobotschaft von Evîndar Ararat gezeigt, Koordinationsmitglied der Partei der freien Frauen Kurdistans (PAJK). Sie betonte die globale Verbundenheit feministischer Kämpfe: „Als kurdische Frauen haben wir einen schwierigen Kampf geführt. Dennoch ist unser Kampf einer für alle Frauen. Unsere Schmerzen sind die gleichen wie die der Frauen weltweit.“
Sie erinnerte an die Kraft, die aus den Kämpfen gefallener Frauen wie
Berta Cáceres, Marielle Franco, Sakine Cansız und Deniz Çiya erwachse.
Die Moderatorin hob hervor, dass alle acht Workshops Perspektiven
jenseits staatlicher Strukturen und Denkweisen entwickelten –
Alternativentwürfe, die aus den Erfahrungen der Basisbewegungen
schöpfen.
Kunst und Kultur: Ausdruck gesellschaftlicher Ethik
Für Bêrîvan von der Jineolojî-Akademie ist Kultur kein modisches Produkt oder Instrument hegemonialer Systeme. Vielmehr sei Kultur ein organisierter Teil der gesellschaftlichen und revolutionären Bewegung: „Kunst und Kultur sind Ausdruck der Ethik einer Gesellschaft. Wir wollen sie wieder in die Hände des Volkes legen – als Kunst, die dem Widerstand dient, ihn ausdrückt und Teil des Lebens ist.“
Bildung: Lernen als Vorbereitung für das Leben
Teilnehmerinnen berichteten, wie sich Rassismus, Klassismus und Kolonialismus im staatlichen Bildungssystem niederschlagen. Nach einer Analyse staatlicher Modelle diskutierten sie selbstorganisierte, gemeinschaftsbasierte Formen von Bildung. Eine Teilnehmerin fasste zusammen: „Bildung ist Vorbereitung auf das Leben und findet in allen Bereichen statt. Wir brauchen eine Bildung, die dem Krieg entgegensteht, unsere Kämpfe stärkt und unsere Kosmovisionen einbezieht.“ Vorgeschlagen wurden eine internationale Frauenakademie, Bildungsangebote in allen Lebensbereichen und gemeinschaftsorientierte Lernmethoden.
Frauenökonomie: Eine Ökonomie, in der allen alles gehört
Im Workshop zur Frauenökonomie zeigte sich, wie zentral der Aufbau eigener ökonomischer Strukturen ist. Viele Frauen verfügen nicht über ausreichende Mittel, um ihr Leben zu bestreiten. Ziel sei: „Eine Ökonomie, in der niemand zu wenig hat, niemand bitten muss – in der alles allen gehört.“ Geplant ist die Gründung einer Konföderation der Frauenkooperativen von Abya Yala bis Kurdistan. Monatliche Online-Bildungsformate und ein Vorbereitungscamp sollen den Prozess voranbringen.
Gesundheit: Ganzheitliche Perspektiven jenseits kolonialer Begriffe
Die Sprecherinnen des Workshops erklärten, dass „Gesundheit“ je nach Gemeinschaft ganz unterschiedlich verstanden werde. Die Diskussionen waren daher von gegenseitigem Lernen geprägt, um gemeinsame, nicht-koloniale Perspektiven zu entwickeln. Eine Aktivistin aus Brasilien berichtete, wie ihre Organisation Menschen ermutigen konnte, wieder auf traditionelle Heilmethoden zurückzugreifen. Die Vernetzung soll fortgesetzt und das Wissen in die jeweiligen Organisationen getragen werden.
Medien: Werkzeuge der Freiheit
Im Workshop zu Frauenmedien unterstrichen die Teilnehmerinnen die Notwendigkeit dezentraler, autonomer Medienstrukturen. Medien sollten nicht nur informieren, sondern auch Hoffnung, Motivation und gesellschaftliche Realitäten vermitteln: „Medien müssen Werkzeuge der Freiheit sein. Frauenmedien sollen unser Herz widerspiegeln.“ Gefordert wurden technische Weiterbildung, eigene Produktionskapazitäten und Finanzierungswege. Zudem wollen die Frauen neue Kommunikationskanäle zwischen ihren Bewegungen schaffen und in zwei Monaten ein Folgetreffen organisieren.
Selbstverteidigung: Verteidigung des Lebens
Da der Begriff „Selbstverteidigung“ in Kolumbien häufig mit bewaffneten Gruppen assoziiert wird, diskutierten die Frauen alternative Konzepte. Ergebnis: „Wir können uns als Verteidigerinnen des Lebens verstehen.“ Der Workshop umfasste auch praktische Selbstbehauptungsübungen. Diskutiert wurde der Aufbau dezentraler Räte und Netzwerke sowie Austauschformate zu Methoden der gesellschaftlichen Selbstverteidigung gegen Imperialismus, Kolonialismus und andere Formen der Gewalt.
Vom Netz der Solidarität zum Weltfrauenkonföderalismus
Im Workshop zum globalen Weltfrauenkonföderalismus ging es darum, die unterschiedlichen Entstehungsgeschichten und Dynamiken feministischer Bewegungen weltweit zu berücksichtigen. Ziel ist ein gemeinsam gewebtes Netz der Solidarität, ohne Hierarchisierung einzelner Kämpfe. Vorgeschlagen wurden eine dauerhafte Akademie der Frauen in Abya Yala und eine Kartografie der Frauenorganisationen der Region. „Wir haben Keimlinge des Vertrauens gelegt, die uns helfen werden, den Demokratischen Weltfrauenkonföderalismus aufzubauen.“
Jineolojî: Eine Wissenschaft des Lebens und der Verbundenheit
Der Workshop zur Jineolojî widmete sich der Frage, was „Wissen“ bedeutet, und analysierte dessen Verbindung zu Erde, Geschichte, Gesellschaft und politischer Bewegung. Ziel ist es, lokal angepasste Ansätze zu finden: „Wir wollen eine Wissenschaft entwickeln, die das Wissen unserer Mütter und unserer Gesellschaften anerkennt und Hoffnung in unsere Gemeinschaften trägt.“ Geplant ist die Gründung regionaler Jineolojî-Gruppen und eine große Konferenz zur Systematisierung von Wissen.
Zeit für Alternativen
Eine Moderatorin fasste zusammen, dass alle Workshop-Themen miteinander verflochten seien. Es sei nicht mehr die Zeit, nur gegen etwas zu sein: „Es ist Zeit, Alternativen zu schaffen. Wir haben die Kraft, wenn wir uns zuhören, unsere Widersprüche aushandeln und unsere Vorhaben in die Praxis umsetzen.“ Zum Abschluss wurde betont, dass Begriffe und Methoden sich regional unterscheiden dürfen – entscheidend sei, dass der gemeinsame Kern gewahrt bleibt: der Aufbau feministischer Alternativen gegen Patriarchat, Kapitalismus und Kolonialismus. Die Teilnehmerinnen verständigten sich darauf, weitere gemeinsame Projekte im Rahmen von Women Weaving the Future zu entwickeln.
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