Bogotá: Frauenkonferenz diskutiert Kolonialismus und Widerstand
400 Frauen aus indigenen, feministischen und antikolonialen Bewegungen diskutieren in Bogotá Strategien gegen Patriarchat, Kapitalismus und koloniale Ausbeutung und bauen transnationale Allianzen der Hoffnung auf.
Im kolumbianischen Bogotá findet seit Mittwoch eine von Women Weaving the Future und verschiedenen indigenen Frauenorganisationen ausgerichtete Frauenkonferenz statt. Der gestrige Tag war der Analyse der Ausbeutung des Landes als Konsequenz von Kapitalismus, Kolonialismus und Patriarchat sowie dem Widerstand dagegen gewidmet.
Der Tag wurde mit einer musikalischen Performance eröffnet, in der die Kulturen Kurdistans und Abya Yalas miteinander in Verbindung gebracht wurden. Die Performance verband verschiedene kulturelle Ausdrucksformen – etwa kurdisches Dengbêj – mit indigenen Sprachen, in denen in Gedichtform ein Versprechen vorgetragen wurde, dass „wir erblühen werden“. Am Ende der Darbietung wurde ein eigens für die Konferenz geschriebenes Lied präsentiert, das die Samen, den Boden und den Himmel begrüßte – jene Elemente, die Abya Yala und Kurdistan vereinen.
Kolonialpolitik und Verteidigung des Landes
In der von einer Vertreterin von MAT – Movimiento por el Agua y los Territorios (Bewegung für Wasser und Land) moderierten ersten Podiumsdiskussion mit dem Titel „Kolonialpolitik und Angriffe in Abya Yala – Kampf um die Verteidigung des Landes“ wurden die Auswirkungen von Kolonialismus und Kapitalismus thematisiert. In mehreren Regionen des Kontinents erleben die Völker die Ausbeutung des Landes, was ein würdiges Leben unmöglich macht. Das berichteten mehrere Vertreterinnen indigener Gemeinschaften.
Nadia Umaña vom Congreso de los Pueblos in der Region Cauca
bezog sich darauf und sagte mit Blick auf diese Realität: „Es mag sein,
dass meine Worte radikal klingen. Aber es geht uns darum, dass es unsere
Erde, unser Land ist, in dem wir unsere Kinder aufwachsen lassen
wollen. Es werden Entscheidungen über uns und unser Land getroffen,
genauso wie über unsere Körper als Frauen, die nicht wir selbst
treffen.“ Wenn Frauen sich organisierten, könne sich das verändern.
Daher sei diese Konferenz von großer Notwendigkeit, so Umaña.
Kontamination und Krieg versus Solidarität
Atahualpa Sophia von El Salto de la Vida lebt in Jalisco, Mexiko – einer Region, in der zahlreiche Unternehmen wie Honda, Amazon und andere große Konzerne Produktionsstätten errichtet haben, die die Natur massiv verschmutzen, insbesondere den Fluss der Region. Die Bevölkerung leidet unter Krankheiten, viele Menschen sind bereits an den Folgen von Kontamination gestorben.
„Ich möchte all unseren Freund:innen danken, die es uns ermöglichen, weiterhin auf unseren eigenen Beinen zu stehen. Danke, dass ihr uns glaubt, was in unserer Region passiert. Es ist wichtig, dass wir schnell darüber sprechen, denn die Zeit drängt. Unser Fluss war unser Leben, unser Wasser, die Quelle unseres Daseins. Heute ist dieser Fluss vergewaltigt worden. Er ist kaum noch am Leben. All das für den Profit einiger Unternehmen wie Honda, Amazon und anderer.“
Eine Vertreterin der Unión Comunera aus Venezuela machte deutlich, dass revolutionäre Organisationen dort seit 26 Jahren versuchen, einen Bruch mit dem internationalen liberalen System herbeizuführen. Diese Versuche, eine revolutionäre Perspektive für die Völker Venezuelas zu entwickeln, würden ständig angegriffen – bis hin zu militärischen Interventionen durch die USA. Sie betonte, dass das Selbstbestimmungsrecht der Völker im Zentrum stehen müsse.
Gemeinsamkeiten in und Verbindung von Kämpfen
In einem zweiten Abschnitt des Podiums unter dem Titel „Der Widerstand gegen diese Angriffe und die Verbindungen zwischen ihnen – Formen, Methoden und Gemeinsamkeiten dieser Kämpfe“ berichtete Carmen Alvarez, dass es in Honduras eine Vielzahl indigener Völker gebe, die sich organisiert hätten, um der Ausbeutung durch kapitalistische Unternehmen etwas entgegenzusetzen. Viele führende Persönlichkeiten dieser Organisationen mussten aufgrund politischer Repression und drohender Inhaftierung aus dem Land fliehen. Doch, so Alvarez: „Wir haben immer gesagt, dass wir den Widerstand nicht beenden werden. Denn es geht um das Land, das wir historisch bewohnen – wo wir ein Recht haben, frei zu leben.“
Avelina Rochel aus Ecuador, die im Namen von CONAIE sprach, erklärte zur Frauenkonferenz: „Solche Zusammenkünfte können nicht ausschließlich aus gesprochenen Worten bestehen. Unsere Großmütter haben uns gesagt, dass wir Herz und Verstand miteinander verbinden müssen. Daher brauchen wir auch hier verschiedene Methoden, die wir anwenden. Unser Kampf muss verschiedene Farben ermöglichen und Schritt für Schritt vorangehen.“
Sie bezog sich auf verändertes gesellschaftliches Verhalten, das den Zusammenhalt in der Gesellschaft beeinflusse, etwa, wenn Mütter beim Sprechen mit ihren Kindern auf ihre Handys blicken: „Wir lehnen das kapitalistische System ab, aber wir übernehmen Teile davon.“ Für den Widerstand sei es entscheidend, sich bewusst zu machen, welche Angriffe durch das hegemoniale System erfolgen – und wie man ihnen entkommen könne. Während ihres Beitrags verbrannte sie rituelle Kräuter und erinnerte abschließend an die Bedeutung von Langsamkeit im Kampf und der Schwesternschaft kämpfender Frauen.
Alternativen zum staatlichen System
Ein drittes Podium mit dem Titel „Wie kann man ein alternatives System schaffen, ohne in die Fallen des Staates zu tappen?“ wurde von Dengir Güneş von der kurdischen Frauenbewegung und Roseli Finscue von CRIC (Kolumbien) gestaltet. Dengir Güneş leitete ihren Beitrag mit dem Hinweis ein, dass man – will man über die in Kurdistan geschaffenen Alternativen sprechen – zunächst in die Geschichte zurückblicken müsse. Andernfalls könne man weder die Realität Kurdistans noch die gesellschaftlichen Alternativen, die dort entstanden seien, angemessen verstehen. Die Freiheitsbewegung habe sich von Anfang an auf die Stärke des eigenen Volkes gestützt: „Wir waren gezwungen, einen Kampf zu entwickeln, der sich gegen koloniale Interessen richtet.“
Entscheidend für die Entwicklung der gesellschaftlichen Bewegung seien Bildung sowie Kritik und Selbstkritik als Methode gewesen. Dadurch, dass diese Prinzipien in allen Bereichen – in den Gefängnissen, in der Guerilla, in gesellschaftlichen Räten – angewendet worden seien, habe sich die Bewegung revolutionär weiterentwickeln können. Ein zentrales Element in der Analyse der Situation des kurdischen Volkes sei dabei die Realität der Frau und ihre Rolle in der Gesellschaft gewesen. Aus diesem Grund sei die Autonomie der Frau zu einem fundamentalen Prinzip geworden, das wiederum auch ein besseres Verständnis über die gesellschaftliche Rolle des Mannes ermöglicht habe.
„Mit diesem Ansatz haben wir erreicht, als Freiheitsbewegung vom Volk
akzeptiert zu werden. Diesen Kampf führen wir allerdings nicht nur für
uns, sondern für alle Frauen weltweit.“ Die Beiträge von Frauen wie
Andrea Wolf und Alina Sanchez seien dafür von großer Bedeutung gewesen.
„Wir hoffen, dass wir mit dem Slogan ‚Jin, Jiyan, Azadî‘ und der
Bedeutung, die er in sich trägt, dazu beitragen können, dass unser
gemeinsamer Kampf weiter wächst“, schloss Güneş.
Land, Wasser und Frau
Roseli Finscue vom Volk der Nasa berichtete, dass CRIC, die Organisation, die sie vertritt, eine der ältesten Organisationen indigener Völker in Kolumbien sei. Für indigene Gemeinschaften sei es bereits ein Akt des Widerstands, sich selbst zu benennen: „Nasa zu sein heißt: Wir existieren.“
Sie betonte, dass der Kampf um die Existenz mit sozialistischen Werten verbunden sein müsse, um zu verhindern, dass sich patriarchale Ansätze durchsetzten. Aktuell gebe es Versuche, das Wissen der Nasa zu entfremden und für fremde Interessen zu vereinnahmen. Dieses Wissen aber gehöre den Völkern selbst.
Besonders Frauen hätten oft weniger Sicherheit darin, ihr eigenes Können und Wissen selbstbewusst zu vertreten und zu verteidigen. Der Kampf um Existenz und die Freiheit der Frau seien daher eng miteinander verbunden: „Dafür ist es wichtig, dass wir uns unserem Land, unserem Wasser, unseren Vorfahren zuwenden. Denn wir müssen sie befreien. Dafür sind von Frauen entwickelte Zugänge notwendig. Die Zugänge der Männer sind zu trist, um eine Veränderung zu schaffen.“
Der Widerstand ist für alle
In einem anschließenden Austausch zwischen den Panelistinnen sagte eine Vertreterin der Unión Comunera Venezuela, dass der Widerstand der Frauen auch für die Realität in Venezuela von großer Bedeutung sei. Viele Frauen würden sich organisieren, doch nicht alle verstünden sich dabei als Feministinnen oder empfänden diesen Begriff als für sich passend. „Es geht darum, mit all den verschiedenen Ansätzen gemeinsam Perspektiven zu schaffen.“
Auch Avelina Rochel aus Ecuador ging darauf ein. Sie betonte, dass einige Menschen annähmen, der Kampf sei nur für indigene Bevölkerungen bestimmt und nur bestimmte Formen von Feminismus seien mit indigenen Kulturen vereinbar. Sie stellte dem entgegen: „Der Kampf um die Befreiung des Landes ist für alle da, die dort leben – unabhängig von Herkunft oder Geschlecht.“
Dengir Güneş ergänzte, dass zur Überwindung von Extraktivismus und der Ausbeutung der Ressourcen der Erde vor allem der Kampf der Frauen eine Antwort bieten könne. Sie verwies auf ähnliche zerstörerische Großprojekte in Kurdistan, etwa den Bau von über 100 Staudämmen unter dem Vorwand „grüner Energie“.
Nadia Umaña griff den Aufruf einer Vorrednerin auf, „von Herzen zu sprechen“, und berichtete emotional von einer erfolgreichen Landbesetzung, die am Vortag stattgefunden hatte: „Das Land, das wir uns heute zurücknehmen, wird morgen die Grundlage für unseren Kampf und unsere Autonomie sein. Nähren wir also weiterhin die Samen unseres Widerstandes.“
Zehn Jahre Hoffnung
Der Nachmittag begann mit weiteren Beiträgen vom Podium. Das von Adriana Guzmán moderierte Panel behandelte das Thema „Der Körper als Territorium der Frauen“. Vertreterinnen der Organisationen Feministas del Abya Yala, COPINH und KJAR legten darin ihre Sichtweisen und Erfahrungen im Kampf um die Selbstbestimmung der Frauen über ihre Körper dar.
Bertita Zúniga Cáceres von COPINH (Honduras), Tochter der ermordeten Aktivistin Berta Cáceres, ordnete ein, dass der Mord an ihrer Mutter bald zehn Jahre zurückliegt – ein konkreter staatlicher Angriff auf die Selbstbestimmung von Frauen, so Cáceres. Sie betonte: „Meine Mutter lebt in unserem Kampf weiter. Wir haben für den 10. Jahrestag das Motto ‚Zehn Jahre Hoffnung‘ gewählt, denn Berta hat Hoffnung verbreitet. Und es ist wichtig, dass wir auch nach ihrem Tod diese Hoffnung nicht aufgeben, sondern noch entschlossener vertreten.“
Cáceres ergänzte: „Manchmal sind wir müde angesichts all der Gewalt, aber wir hören nicht auf zu kämpfen. Wir ehren das Erbe unserer Vorfahren und stehen für Gerechtigkeit ein.“ Sie berichtete auch von einer Begegnung mit Alina Sanchez (Lêgerîn Çiya), die ihr von der kurdischen Frauenbefreiungsbewegung erzählte – etwas, das sie tief beeindruckt habe. Sowohl ihre Mutter als auch Alina Sanchez wären, so Cáceres, glücklich gewesen, diese Konferenz zu erleben, da sie beide für solche Räume gekämpft hätten.
Der Angriff beginnt auf dem Körper der Frauen
Maryam Fathi von der Gemeinschaft Freier Frauen in Ostkurdistan (KJAR) sprach anschließend über politische Feminizide, die in Kurdistan und im Mittleren Osten geschehen, und bezog sich dabei unter anderem auf die Ermordung der Kurdin Jina Mahsa Amini 2022 in Iran, weil sie ihr Haar nicht vorschriftsmäßig bedeckt habe.
Kurdistan und der Mittlere Osten seien ein gesellschaftliches Mosaik, in dem Kulturen von Türk:innen, Kurd:innen, Araber:innen und vielen weiteren zusammenleben. Doch in Bezug auf den Kampf um Selbstbestimmung über den eigenen Körper seien Frauen vielfältigen Einschränkungen und Angriffen ausgesetzt: Zwangsverheiratung im Kindesalter, Polygamie, Kleidungsvorschriften – all das schränke insbesondere in Iran das Leben von Frauen massiv ein. „Wir sagen also, wie auch die Frauen in Abya Yala: Unsere Unterdrückung beginnt auf unserem Körper“, so Fatihi.
Gleichzeitig handle es sich bei diesem Krieg gegen Frauen nicht um isolierte Übergriffe, sondern um ein systemisches Projekt des kapitalistischen Staates. Auch der iranische Staat sei Teil dieses globalen Angriffs auf Frauenkörper und -leben. Abschließend wurde sich im Panel darauf verständigt: „Staaten sind Maschinen des Todes und der Unterdrückung. Dagegen müssen wir uns organisieren – das hoffnungsvolle Leben gegenüber dem zerstörerischen Staat aufbauen“, so Adriana Guzmán.
Von Gewalt an Frauen zu Solidarität
Teilnehmerinnen aus verschiedenen Ländern ergänzten die Diskussion mit persönlichen Erfahrungsberichten, unter anderem aus Brasilien. Eine Gewerkschafterin schilderte die extrem hohe Zahl von Feminiziden und die allgegenwärtige patriarchale Gewalt, der Frauen in Brasilien ausgesetzt sind. Es sei unerlässlich, sich gegenseitig Solidarität zu zeigen, um gemeinsam Widerstand leisten zu können.
Eine Frau aus Mexiko erzählte von ermordeten Frauen und Mädchen, deren Leichname teilweise nicht einmal beerdigt werden könnten, weil sie nicht gefunden werden. Auch ihre eigene Tochter sei ermordet worden und ihr Körper bis heute verschwunden. Diese schmerzhafte Erfahrung wurde vom Publikum mit großer Anteilnahme aufgenommen und beantwortet mit kraftvollen, internationalen Slogans wie: „Ni una más“ („Keine weitere mehr“), „Vivas nos queremos“ („Wir wollen uns lebend“) und „Zeichen der Solidarität sind weltweit sichtbar“, sagte eine Vertreterin der Feministas del Abya Yala.
Zum Abschluss des Panels zeigte sie Fotos von Kämpferinnen der YPJ und YJA-Star, die Plakate und Banner in den Händen hielten, mit denen sie ihre Solidarität mit den feministischen Kämpfen in Argentinien ausdrückten.
Die Farbe der Frauen im Widerstand
Wie sich „die Farbe der Frauen in den Widerstand bringen“ lässt, wurde anschließend in einem vom Netzwerk Women Weaving the Future und der Organisation Mujeres y la Sexta moderierten Runden Tisch diskutiert. Zum Thema „Die Allianz zwischen Patriarchat, Staat, Kolonialismus und Kapitalismus“ sprach zunächst Vanesa Mendoça von Luta Popular (Brasilien) über die Auswirkungen der kapitalistischen Wirtschaftsweise auf das Leben der Menschen. Sie betonte, dass es sich um ein klassistisches System handle, das insbesondere arme Menschen durch Repression bedrohe. Zugleich beinhalte dieses System rassistische Dimensionen, die in Brasilien deutlich sichtbar seien.
Vidalina Morales von ADES (El Salvador) sprach über die „makabren Modelle“, mit denen Staaten ihre Politik umsetzen. El Salvador sei ein kleines Land, das dennoch seit vielen Jahren gegen die Umsetzung industrieller Großprojekte kämpfe. Viele Frauen hätten dabei eine zentrale Rolle in den Widerstandsprozessen gespielt. „Wir leben in einer Welt, in der jede Handlung an einem Ort Auswirkungen an einem anderen Ort hat“, sagte Morales. Deshalb müsse auch der Kampf grenzüberschreitend geführt werden.
Vanesa Jeudi von UNIR (Haiti) stellte sich in ihrer Muttersprache Haiti-Kreol vor – einer Sprache, wie sie sagte, „die es uns ermöglicht hat, uns zu organisieren. Sie hat uns die Kraft gegeben, uns gegen die Sklaverei zu erheben.“ Sie erklärte, dass sie sehr bewusst Spanisch lerne – im Wissen darum, dass es eine koloniale Sprache sei. In ihrer Rede auf Spanisch sprach sie über die Besatzung und Gewalterfahrungen durch UN-Blauhelme, die als sogenannte Stabilisierungskräfte nach Haiti geschickt wurden.
„Kapitalismus und Kolonialismus müssen Menschen kontrollieren, um das Land kontrollieren zu können. Auch humanitäre Missionen der UN und von NGOs haben dazu beigetragen.“ Zum Abschluss teilte sie eine Redewendung aus dem haitianischen Befreiungskampf: „Ein Volk, das lebt, kämpft.“
Selbstverteidigung gegen Krieg
Die Realität Rojavas und die Erfahrungen der Gesellschaft vor Ort wurden von Bêrîvan Xalid im Namen von Kongra Star eingebracht. „Ich möchte euch die Realität Rojavas und unsere Organisierung als Frauen bei Kongra Star näherbringen. Wir sind aus einer Kriegsrealität heraus hierher angereist“, leitete sie ihren Beitrag ein. Sie betonte die wichtige Rolle von Bildung und Selbstverteidigung in der Organisierung Rojavas – von Beginn an bis heute. Dass in Rojava Frauengesetze verabschiedet wurden und Frauen in allen Bereichen des Lebens und auf allen Ebenen der Organisierung vertreten seien, bezeichnete sie als einen großen Erfolg des dortigen Kampfes.
Gerade deshalb seien Frauen und ihre Errungenschaften massiven Angriffen durch den syrischen und türkischen Staat ausgesetzt: „Diese Kräfte wissen genau, welche Kraft in den Frauen liegt.“ Xalid äußerte den Wunsch, dass Frauen auf der ganzen Welt die Errungenschaften Rojavas sehen und anerkennen: „Wir hoffen, dass die gesamte Welt – dass Frauen überall – erkennen: Die Erfolge, die wir in Rojava erreicht haben, sind die Erfolge aller Frauen. Wir Frauen müssen uns verteidigen, wir müssen unser eigenes Selbstverteidigungssystem aufbauen. Unsere Botschaft an die Welt ist: Wir werden unseren Kampf fortführen!“
Wissen und Tradition der Frauen
Unter dem Titel „Wie kann das Wissen und die Tradition der Frauen zu einer starken Stütze für den Widerstand werden?“ eröffnete Machi Betiana von Lafken Winkul Mapu, Heilerin und Medizinfrau ihres Volkes, der Mapuche, das Panel. Die Mapuche seien eines der indigenen Völker Abya Yalas, die seit vielen Jahren einen kontinuierlichen Kampf gegen Kolonialismus führen. Sie schilderte, wie staatliche Repressionen gezielt darauf abzielten, traditionelles Wissen zu unterdrücken, das innerhalb der Gesellschaft weitergegeben werde – bis hin zur Inhaftierung und Ermordung von Wissensträger:innen. „Freiheit für alle Gefangenen unserer Gemeinschaften!“, forderte sie.
Lolita Chávez von Feministas del Abya Yala sprach über die Herausforderungen, in ihrer Gemeinschaft als Feministin zu leben. Für sie gehöre es zum Kampf, das eigene Frausein zu bejahen, Gefühle zu leben, Freude zu empfinden und all das ins Zentrum des Widerstandes zu stellen. Der Internationalismus, den sie auch durch die kurdische Frauenbewegung kennengelernt habe, habe ihr gezeigt, wie kraftvoll kollektiver Widerstand sein könne – trotz aller „frontalen Angriffe“ durch die USA und andere Kräfte. „Trotz Genozid, Feminizid, Infantizid und Transfeminizid ist unser Widerstand lebendig.“
Wir sind das Land
Sleydo und Jennifer Witcamp vom Volk der Wet’suwet’en aus einem Gebiet, das heute als Kanada bezeichnet wird, berichteten über die Organisierung ihres Volkes und den Widerstand gegen Großprojekte. Beide Frauen gehören der Organisation Gidimt’en Checkpoint an und schilderten die Struktur ihrer Clans sowie die Art ihres organisierten Widerstands, insbesondere gegen den Bau von Pipelines. Sie erklärten, dass die Aussage „Wir sind das Land und das Land ist wir“ für sie keine Metapher, sondern gelebte Realität sei.
Das Wet’suwet’en-Volk zentriere das Land, nicht den Staat. Der Staat werde als Besatzungsmacht wahrgenommen. Die traditionelle Organisierung ihres Volkes sei antikolonial, antipatriarchal und jenseits staatlicher Logik. Sie sei deshalb zugleich die Grundlage für das gesellschaftliche Leben wie für den Widerstand. „Frauen sind diejenigen, die Leben erschaffen – diejenigen, die das Wasser des Lebens in sich tragen“, erklärten sie. Daraus ergebe sich ihre besondere Rolle im gesellschaftlichen Gefüge und im Widerstand.
Dîrok von der Jineolojî-Akademie Rojava ergänzte, dass Wissen für Frauen ein zentraler Baustein ihrer Organisierung sei. Viele der Aspekte, die die Vorrednerinnen angesprochen hätten, fänden sich auch in den Prinzipien der Frauenbefreiungsideologie wieder, etwa im Prinzip der Verteidigung des Landes. Frauen in Rojava und ganz Kurdistan versammeln sich um die Jineolojî als systematischen Ansatz, um das Wissen der Frauen und der Gesellschaft zu kollektivieren.
Die Verteidigung von Mutter Erde durch autonome Organisierung der Frauen
Im letzten inhaltlichen Teil des Tages wurde das Thema „Autonome Organisation als Grundprinzip“ in den Mittelpunkt gestellt. Lourdes von Fenmucarinap (Peru) erklärte: „Wir sind heute hier, um Mutter Erde zu verteidigen.“ Autonome Organisierung als Frauen sei wichtig, um das leisten zu können. Viele Menschen in ihrer Gesellschaft fragten, warum sie sich als Frau autonom organisiere. Ihre Antwort: „Um das Territorium unserer Körper zu verteidigen.“ Nur so sei es auch möglich, Mutter Erde zu verteidigen.
Julia Rodríguez von Komuneras Entre Cordilleras (Kolumbien) sprach über den noch jungen Organisierungsprozess ihres Kollektivs und darüber, was es bedeutet zu lernen, was Selbstorganisierung, Selbstverteidigung und kollektive Selbstermächtigung bewirken können – individuell und gemeinschaftlich.
Die Organisation Mujeres y la Sexta (Mexiko), so Claudia Torres, sei ein Netzwerk, das von den Ideen der Zapatistas inspiriert sei und eine Brücke zur Verteidigung zapatistischer Gemeinschaften bilde. Die hohen Feminizidraten in Mexiko hätten zur Bildung zahlreicher Kollektive geführt, die gemeinsam nach Antworten suchen: „Wir erschaffen eine andere Welt. Es mag seine Zeit brauchen, aber wir tun es.“
Frauen tragen zum kommunalen Leben bei
Für die kurdische Frauenorganisation TJA sprach Jiyan Doğan und betonte die großen Opfer, wie etwa lange Haftstrafen, die für den politischen Kampf in Nordkurdistan und der Türkei aufgebracht würden. Die TJA als Frauenorganisation trage unter anderem durch Bildung, Gleichstellungskampf und Organisierung von Frauen zum kommunalen Leben bei. „Aus diesen Erfahrungen heraus ist es eine große Ehre, an dieser Konferenz teilzunehmen und unsere Perspektiven einzubringen.“
Claudia von Mujeres MODEP (Kolumbien) sagte zum Abschluss: „Widerstand bedeutet zu kämpfen. Wir müssen rebellisch bleiben – der Hoffnung helfen zu erblühen.“ Jeden Tag zeige sich, dass durch die geführten Kämpfe dem Kapitalismus, dem Kolonialismus und dem Patriarchat Raum genommen werde. Gleichzeitig, so Claudia, sei das System weiterhin auch in uns selbst verankert: „Der Kampf gegen das Patriarchat ist auch ein mentaler Kampf. Wir müssen uns erinnern – und das Erbe unserer Ahn:innen weitertragen.“
Der Konferenztag endete mit einem Bazar, auf dem von den Organisationen hergestellte Produkte angeboten wurden, sowie einem musikalischen Beitrag einer Frauenmusikgruppe.
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