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Mazlum Abdi: Rojava ist unsere rote Linie – hier wird niemand siegen

 


Ein Angriff auf kurdische Gebiete werde in keinem Szenario zu einem militärischen Sieg führen – weder für Damaskus noch für andere Akteure, sagt QSD-Kommandant Mazlum Abdi. „Diese Regionen sind unsere rote Linie. Hier wird niemand gewinnen.“

QSD-Generalkommandant zu Verhandlungen mit Damaskus
 
ANF / REDAKTION, 26. Jan. 2026, 01:35

Der Oberkommandierende der Demokratischen Kräfte Syriens (QSD), Mazlum Abdi, hat im kurdischen Fernsehsender Ronahî TV die aktuelle Lage in Rojava, die laufenden Angriffe in der Region sowie die Verhandlungen mit der syrischen Übergangsregierung eingeordnet. Abdi betonte dabei unmissverständlich: Ein Angriff auf kurdische Gebiete werde in keinem Szenario zu einem militärischen Sieg führen – weder für Damaskus noch für andere Akteure. „Diese Regionen sind unsere rote Linie. Hier wird niemand gewinnen“, sagte der QSD-Kommandant.

Drei zentrale Punkte in den Gesprächen mit Damaskus

Abdi erklärte, dass man innerhalb des derzeit geltenden Waffenstillstands versuche, konkrete Schritte zur Umsetzung einer Vereinbarung zu unternehmen. Dabei gebe es drei grundlegende Punkte. Der erste Punkt betreffe die kurdischen Gebiete. Ziel sei es, die bisherigen Errungenschaften zu schützen und zu verhindern, dass dort Krieg geführt werde. Dies betreffe sowohl die Selbstverwaltung als auch den Erhalt von Kultur und Sprache. „In diesen Fragen gibt es bereits eine grundsätzliche Verständigung, auch wenn noch nicht alle Probleme gelöst sind.“

Der zweite Punkt betreffe den Status von Hesekê innerhalb Syriens. Bislang ist die Region von der Autonomieverwaltung verwaltet worden. Diese verfügt über eigene Institutionen, die erhalten bleiben müssten. Diskutiert werde, wie diese Strukturen in den staatlichen Rahmen integriert werden könnten. „Einige Fragen sind bereits geklärt“, sagte Abdi. „Dazu gehört, dass die inneren Sicherheitskräfte an Ort und Stelle bleiben und ihre Aufgaben künftig in Abstimmung mit dem Staat ausüben.“ Auch über die Integration der QSD werde weiterhin gesprochen. Insgesamt wolle man diese Vereinbarung umsetzen und hoffe, in den kommenden Tagen weitere Klarheit zu erreichen.

Waffenstillstand und fortgesetzter Dialog

Innerhalb des derzeit bestehenden Waffenstillstands sollen Gefangene der Terrororganisation „Islamischer Staat“ (IS), die sich in Gebieten der Selbstverwaltung befinden, verlegt werden. Gleichzeitig liege der Fokus darauf, die mit Damaskus getroffene Vereinbarung praktisch umzusetzen. „Ziel ist es, das Abkommen zu einem Abschluss zu bringen. Dieses sieht vor, dass die syrische Armee nicht in kurdische Dörfer und Städte einrückt“, sagte Abdi. Er betonte, dass in den vergangenen Tagen und Wochen zahlreiche Treffen dazu stattgefunden haben. Alle diese Gespräche hätten denselben Zweck gehabt: den Waffenstillstand zu sichern und den Dialog zur Umsetzung der Vereinbarung aufrechtzuerhalten.

Internationale Akteure eingebunden

„Die Kommunikationskanäle sind offen“, sagte Abdi. Man stehe in täglichem Austausch. Die Vereinigten Staaten seien in diesen Prozess eingebunden, ebenso Frankreich. Auch der französische Präsident Emmanuel Macron sei stark involviert. „Der Prozess ist transparent. Alle Beteiligten wissen, was verhandelt wird“, betonte der QSD-Generalkommandant. „Als QSD haben wir zudem Namen für mögliche Posten vorgeschlagen, etwa für die Provinzverwaltung von Hesekê oder für eine stellvertretende Position im Verteidigungsministerium.“

Gespräche ohne endgültige Einigung

Abdi erklärte weiter, man wolle gegenüber der eigenen Bevölkerung offen sein. In Teilen habe man sich mit Damaskus verständigt, doch noch seien zentrale Fragen offen. Es gebe auch Themen, die vom syrischen Regime bislang nicht akzeptiert würden. „Wir wollen diese Vereinbarung umsetzen“, so Abdi. „Aber wir akzeptieren keine Bedingungen, die unsere Selbstverwaltung oder die Sicherheit unseres Volkes gefährden.“ Wie mit den Forderungen der QSD umgegangen werde, liege nun bei der Führung in der syrischen Hauptstadt.

Kurdische Einheit gestärkt

Mit Blick auf die innerkurdische Situation erklärte Abdi, man befinde sich in einer positiven Phase. Die politische Einigkeit zwischen den verschiedenen kurdischen Kräften sei so stark wie lange nicht mehr. Er sprach von einem „neuen Geist des Widerstands“ – vergleichbar mit jenem in Kobanê 2014, als kurdische Kämpfer:innen dem IS eine empfindliche Niederlage zufügten. „Alle kurdischen Parteien stehen hinter Rojava.“ Er selbst habe mit zahlreichen kurdischen Führungsfiguren gesprochen – alle hätten Unterstützung zugesichert.

Abdi dankte an dieser Stelle allen Kurd:innen sowie Unterstützer:innen, die Rojava in dieser Phase beistehen. Die gezeigte Haltung habe sowohl auf internationale Akteure als auch auf die Regierung in Damaskus Wirkung gezeigt. „Die Reaktionen, der Widerstand und die Solidarität aus Kurdistan, aus Europa und aus anderen Teilen der Welt haben dem Prozess moralische Stärke verliehen.“ Diese Haltung müsse fortgesetzt und weiter gestärkt werden, bis die kurdische Sache in Rojava abgesichert sei.

Kobanê als Symbol

Mit Blick auf die Lage in Kobanê zeigte Abdi sich überzeugt, dass die Region wie bereits vor elf Jahren auch diesmal Widerstand leisten werde. Die Stadt werde erneut eine führende Rolle einnehmen. Man habe die Regierung in Damaskus aufgefordert, nicht nach Kobanê und in die umliegenden Dörfer einzurücken. Dies sei akzeptiert worden. Um eine größere Eskalation zu vermeiden, müsse Damaskus an diese Zusage gebunden bleiben.

Abkommen muss Efrîn und Serêkaniyê einschließen

Doch es sei klar: Ein Abkommen, das nur Kobanê oder Qamişlo schützt, greift zu kurz. „Für uns gibt es keinen Unterschied zwischen Kobanê, Efrîn, Serêkaniyê oder Qamişlo. Wenn ein Abkommen ernst gemeint ist, muss es auch die Rückkehr der Vertriebenen ermöglichen und die Besatzung beenden.“ Damit bezog Abdi sich auf jene Gebiete, die unter Besatzung der Türkei und deren dschihadistischen Milizen befinden.

Deutliche Worte gegen chauvinistische Hetze

Abdi sprach auch über die zunehmende antikurdische Rhetorik aus Teilen der syrischen Gesellschaft, teils auch von staatlicher Seite. Die Kurd:innen hätten systematische Erniedrigung, Beleidigungen und offene Diskriminierung erlebt. „Diese Angriffe werden Konsequenzen haben. Doch wir dürfen nicht auf Provokationen reagieren, die einen ethnischen Konflikt provozieren wollen.“ Die QSD seien eine multiethnische Kraft, betonte er. Tausende arabische Kämpfer:innen hätten an der Seite der Kurd:innen gegen den IS gekämpft und seien gefallen. Ihre Familien gehörten zur Bewegung. „Unsere Feinde wollen Hass zwischen den Völkern säen. Wir dürfen ihnen diesen Gefallen nicht tun.“

Gründe für den Rückzug aus anderen Regionen

Auf den Rückzug der QSD aus den mehrheitlich arabischen Regionen Raqqa, Tabqa und Deir ez-Zor angesprochen, erklärte Abdi, man sei auf Wunsch der Bevölkerung dort gewesen, um den IS zu vertreiben. Als sich jedoch das politische Klima wandelte und gezielt gegen die QSD mobilisiert wurde, habe man entschieden, sich zurückzuziehen. „Wir wollten keinen Krieg führen, der uns aufgezwungen wurde und keine Perspektive hatte.“

Rojava ist unsere rote Linie

Heute sei die Lage eine andere, sagte Abdi. Nun gehe es um die direkte Verteidigung der kurdischen Bevölkerung und ihrer Gebiete. „Diese Regionen sind unsere rote Linie. Bis zu den letzten Kämpfer:innen werden wir sie verteidigen. Hier wird niemand gewinnen. Dieser Krieg endet nicht in unseren Gebieten. Das muss allen klar sein“, betonte der Kommandant – und ergänzte: „Über das Schicksal dieses Kampfes entscheiden nicht allein militärische Kräfte. Niemand soll der Illusion erliegen, gegen die kurdischen Gebiete Krieg führen zu können. Ich gehe davon aus, dass die Regierung in Damaskus nicht so weit gehen will. Für uns steht eine politische Lösung im Vordergrund. Aber wenn nötig, werden wir kämpfen.“

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