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Kobanê: Das kurdische Volk hat die Entscheidung zum Widerstand getroffen


Die YPJ-Kommandantin Nesrîn Abdullah warnt vor einer türkischen Invasion in Kobanê und einem drohenden Massaker an zehntausenden Zivilist:innen. Die humanitäre Lage sei katastrophal, die internationale Gemeinschaft dürfe nicht länger schweigen.

YPJ-Kommandantin: Türkei bereitet Invasion in Kobanê vor
 
ANF / REDAKTION, 22. Jan. 2026.

Die Kommandantin der Frauenverteidigungseinheiten YPJ, Nesrîn Abdullah, hat vor einer dramatischen Eskalation in der nordsyrischen Stadt Kobanê gewarnt. Die Region befinde sich unter massivem militärischem Beschuss, die humanitäre Lage sei katastrophal. Abdullah zufolge bereitet die Türkei zusätzlich zu den Angriffen der sogenannten syrischen Armee und ihrer Proxytruppen eine Bodenoffensive vor – ein Eingreifen, das nach ihren Worten „zehntausende Zivilist:innen das Leben kosten könnte“.

„Die Bevölkerung von Kobanê hat sich entschieden, Widerstand zu leisten – gegen jede Form der Invasion“, erklärte Abdullah während einer Zoom-Pressekonferenz am Donnerstag, an der internationale Journalist:innen teilnahmen. Die kurdische Kommandantin schilderte detailliert die aktuelle Lage in Rojava, insbesondere in Kobanê und der Region Cizîre, und warf der Türkei und ihren verbündeten Milizen Kriegsverbrechen und ethnische Säuberungen vor:

Kobanê von allen Seiten umzingelt

„Ich spreche aus Kobanê. Jeder weiß: Wir erleben eine sehr schwierige Phase. Nicht nur die Bevölkerung von Kobanê, sondern ganz Rojava und das kurdische Volk befinden sich in einer äußerst belastenden Situation. Diese Angriffe richten sich nicht nur gegen uns, sondern gegen die Hoffnung der gesamten syrischen Bevölkerung auf Demokratie, Gerechtigkeit und Freiheit.

Was wir derzeit erleben, ist eine Eskalation. In Rojava, in der Region Cizîrê und in Kobanê spitzt sich die Lage dramatisch zu. Efrîn und Serêkaniyê stehen ohnehin unter türkischer Besatzung, dort ist die Situation noch schlimmer. In diesem Prozess stehen wir unter politischem, militärischem und moralischem Beschuss. Die Angriffe treffen den Grundgedanken eines gemeinsamen Lebens in Syrien ins Mark.

Als kurdisches Volk sind wir in dieser Phase politischen, militärischen und auch moralischen Angriffen ausgesetzt. Diese Angriffe haben die Hoffnung auf ein gemeinsames Leben in Syrien tief erschüttert. Unser Kampf seit 2011 hatte ein klares Ziel: ein Syrien, in dem alle Menschen leben können, in dem Demokratie herrscht und in dem alle Unterschiede – Identitäten, Glaubensrichtungen und historische Hintergründe – respektiert werden. Heute wird eine schmutzige Politik betrieben. Unsere Genoss:innen erteidigen unser Volk auf allen Ebenen.

Humanitäre Lage in Kobanê

Die Angriffe konzentrieren sich aktuell auf Kobanê – eine kleine, geografisch isolierte Region, die vom Rest Rojavas, insbesondere Cizîrê, abgetrennt ist. Diese Isolation nutzen die Angreifer strategisch aus. Die Stadt erhält kaum Unterstützung, und der Feind betrachtet das als Gelegenheit. Die Front verläuft derzeit bei Sirrîn. Die Kämpfe dort sind äußerst intensiv. Zwischen Sirrîn und Kobanê liegt ein Streifen von etwa 30 Kilometern mit zahlreichen Dörfern. Aus Angst vor Massakern haben viele Menschen ihre Häuser verlassen und suchen Schutz im Stadtzentrum. Das führt zu einer enormen Belastung und droht, eine humanitäre Katastrophe auszulösen.

Kriegerische Eskalation

Die Kämpfe sind heftig. Die Angreifer halten sich nicht an die Waffenruhe und handeln, als wollten sie ein Gebiet erobern – sie setzen schwere Waffen und türkische Militärtechnik ein. Tausende Söldner sind beteiligt. Diese Gruppen, die schon in der Anfangszeit des IS mit ihm kooperierten, tragen nun wieder IS-Flaggen und greifen uns frontal an. Sie behaupten, ‚Syrer‘ zu sein, aber sie bekämpfen das Volk Syriens und insbesondere die Kurd:innen. Sie handeln mit allen Mitteln eines schmutzigen Krieges. Ihr Ziel ist klar: Völkermord.

Es geht nicht nur um militärische Angriffe. Sie haben die Wasserversorgung abgestellt, den Strom gekappt, alle Zugangswege blockiert. Die Vorräte gehen zur Neige. Schnee ist angekündigt. Menschen aus den umliegenden Dörfern wissen nicht, wo sie unterkommen sollen oder wie sie überleben können. Unter diesen Angriffen muss die Weltöffentlichkeit die Wahrheit erfahren. Über Syrien und insbesondere über das kurdische Volk wird ein internationales Komplott umgesetzt. Syrien wird zerstört, die syrische Realität ausgelöscht. Sollte das kurdische Volk hier verlieren, sollten die Demokratischen Kräfte Syriens besiegt werden, dann wird Syrien nie wieder Syrien sein.

Wenn der Kampf des kurdischen Volkes erfolgreich ist, ist das ein Gewinn für ganz Syrien. Heute erkennen das auch viele Araber:innen, leider spät. Wenn die Massaker am kurdischen Volk weitergehen, werden diese Banden für Syrien die Tür zu einer großen Katastrophe öffnen. Es wird ein IS-Staat aufgebaut. Alle heutigen Angriffe sind IS-Angriffe. Es sind Angriffe gegen die Menschlichkeit. Die Methoden des IS wurden weiter systematisiert, nur der Name wurde in ‚Syrische Armee‘ geändert. Wo sind also die Menschenrechte, wo die menschliche Würde, wo das Gewissen? Offensichtlich soll ein moderner IS geschaffen werden.

Blick auf den Widerstand von 2014

Wir haben 2014 in Kobanê den Widerstand für die Freiheit Syriens und der Menschheit begonnen. Tausende Menschen haben hier Schutz gesucht. Trotz größter Not hat unsere Bevölkerung alles mit den hierher Geflüchteten geteilt. Wir haben alle Syrer:innen aufgenommen. Wir haben nicht nur den IS besiegt, wir haben ein neues Leben aufgebaut – ein Leben, das alle einschließt. Heute gibt es viele Menschen aus der arabischen Bevölkerung, die diese Barbarei ablehnen und sich ihr widersetzen. Doch einige arabische Stämme haben sich für diese Angriffe instrumentalisieren lassen und sich feindlich gegenüber unserer Verwaltung positioniert. Nicht nur Kurd:innen sind heute bedroht, sondern auch Armenier:innen, Tscherkess:innen, Araber:innen und Suryoye. Sie alle sind mit Massakern konfrontiert und stehen unter massivem Angriff.

Barbarische Gewalt gegen Kämpfer:innen

Als Menschen fällt es uns schwer, die Bilder dieser Angriffe zu begreifen. Unsere Kämpfer:innen werden enthauptet. Was ist das für eine Menschlichkeit? Einer Kämpferin die Zöpfe abzuschneiden und dies als Erfolg zu präsentieren – was soll das für ein Erfolg sein? Um Massaker an Zivilist:innen zu verhindern, haben wir uns aus vielen Gebieten zurückgezogen. Um zivile Opfer zu vermeiden, haben wir Positionen aufgegeben. Unsere Genoss:innen sind in Gefangenschaft geraten, um die Zivilbevölkerung zu schützen. Wir sind nicht wie sie. Wir hätten als fedaî kämpfen können, aber dann wären große Massaker geschehen. Unsere Stärke richtet sich nicht gegen Zivilist:innen, unsere Stärke ist ihr Schutz.

„Kobanê ist unsere rote Linie“

Heute jedoch ist Kobanê gemeinsam mit unserer Bevölkerung unsere rote Linie. Wir verteidigen diese Stadt und werden keinerlei Zugeständnisse machen. Einige Staaten verherrlichen diese Barbarei oder stacheln sie sogar an. Man muss fragen: Was genau verteidigen sie? Massaker? Barbarei?  Wenn eine Region nicht mit Menschlichkeit und Gewissen regiert wird, welchen Wert hat sie dann? Heute werden hier unmoralische Angriffe geführt. Unsere gefangenen Kämpferinnen werden in Videos zur Schau gestellt. Kann es eine größere Unmoral geben? Wir verteidigen hier die Menschlichkeit gegen diese Mentalität. Unsere Würde liegt nicht in unseren Haaren oder Zöpfen, sondern in unserem Verstand, unserem Gewissen und unserem Widerstand. Unser Widerstand ist ein Widerstand der Würde.

Ablehnung von Kapitulation

Heute wird über die Ehre und die natürlichen Rechte des kurdischen Volkes verhandelt. Wir sind an diesen Verhandlungen nicht beteiligt. Man fordert von uns Kapitulation. Aber wem sollen wir uns ergeben? Unseren eigenen Mördern? Ein Waffenstillstand wurde verkündet, aber diese Banden halten sich nicht daran. Kobanê steht weiterhin unter schwerem Beschuss. Wir kapitulieren nicht. Unser Volk kapituliert nicht. Es hat die Entscheidung zum Widerstand getroffen.

Unser Volk ist entschlossen, sich von sieben bis siebzig zu verteidigen. Wie sollen wir uns jenen ergeben, die uns massakrieren und unsere Menschlichkeit nicht anerkennen? Wie sollen wir uns jenen integrieren, die unsere Frauen auf Märkten verkauft haben? Welche Garantie gibt es, dass heute gegebene Zusagen morgen nicht gebrochen werden? Wir sind für den Frieden bereit zu jedem Dialog, aber nur auf Grundlage realer Garantien. Unser Volk jedoch werden wir bis zum letzten Moment verteidigen.

„Es wird ein IS-Staat vorbereitet“

In jedem Gebiet, in das die syrische Armee einrückt, werden IS-Fahnen gehisst und über Videos verbreitet. Tatsächlich wird eine moderne IS-Struktur vorbereitet. Das ist nicht nur für Syrien gefährlich, sondern für die gesamte Region und die Welt. Diese Enthauptungen und Massaker werden überall stattfinden. Jeder muss wissen, womit wir es zu tun haben. Staaten unterstützen das. Mein Appell richtet sich insbesondere an die Frauen weltweit und an die internationale Öffentlichkeit.“

Zu Fragen der Journalist:innen zur Rolle der Türkei erklärte Abdullah: „Die Türkei stellt den Banden technische Ausrüstung und schwere Waffen zur Verfügung. Unter den Kobanê umzingelnden Kräften befinden sich IS-nahe Gruppen. Dazu gehören Sultan-Murat-Brigade, Furqat al-Hamza und al-Amshat sowie bestimmte Stammesstrukturen. Ihre Waffen stammen vom türkischen Staat. Sie wollen Kobanê militärisch und humanitär zum Zusammenbruch bringen. Türkische Drohnen ermorden unsere Genoss:innen. Erst vor zwei Tagen sind sechs unserer Kämpfer:innen bei Drohnenangriffen gefallen.

Kobanê soll nicht nur militärisch, sondern auch als Lebensraum zerstört werden. Nach der Einnahme des Staudamms wurden Wasser und Strom abgestellt. Die Stadt steht unter vollständigem Embargo. Krankenhäuser werden ohne Strom bleiben. Durch Wassermangel steigt die Seuchengefahr, Treibstoff- und Lebensmittelvorräte sind nahezu erschöpft. Es schneit, doch die Zivilbevölkerung hat keine Möglichkeit, sich zu schützen oder zu heizen.“

Drohende türkische Invasion

Zum vermeintlichen Waffenstillstand äußerte Abdullah: „Die Angriffe dauern an. Es wird Kapitulation erzwungen. Aufrufe zu Dialog und Lösung bleiben unbeantwortet. Solange die Angriffe auf Rojava nicht beendet und die besetzten Gebiete nicht geräumt werden, besitzt kein Waffenstillstand Glaubwürdigkeit.

Die Angriffe auf die Demokratischen Kräfte Syriens sind nicht nur Angriffe auf das kurdische Volk. Sie richten sich gegen alle Bevölkerungsgruppen Syriens. Alawit:innen und Drus:innen sind Zielscheibe, nun auch Kurd:innen, Armenier:innen, Suryoye und Araber:innen. Eine Niederlage unserer Kräfte würde den Zusammenbruch Syriens bedeuten.

Entlang der Grenze bei Pirsûs [tr. Suruç] wurden gepanzerte Fahrzeuge und Soldaten stationiert. Es gibt dafür auch Bildmaterial. Das zeigt, dass der Belagerungsring um Kobanê erweitert werden soll und dass sich die Türkei auf einen direkten Kriegseintritt zu Land und aus der Luft vorbereitet. Ich rufe die internationale Öffentlichkeit auf: In einem solchen Fall würden zehntausende Menschen getötet. Die Folgen wären eine humanitäre Katastrophe.“

 

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