Thomas Schmidinger: Blutbad in Nordost-Syrien - der Zusammenbruch des Waffenstillstands
Wie gescheiterte Verhandlungen, Kriegsverbrechen und die Mobilisierung aller Kräfte Nord- und Ostsyrien in eine humanitäre Katastrophe treiben
Der am Sonntagabend verkündete Waffenstillstand zwischen der syrischen Armee und deren Verbündeten und den kurdisch geführten Syrischen Demokratischen Kräften (SDF) ist bereits am Montag kollabiert. Ein Treffen zwischen dem syrischen Übergangspräsidenten Ahmed al-Sharaa und dem Oberkommandierenden der SDF Mazlum Abdi wurde Montagabend ergebnislos abgebrochen. Der Nordosten Syriens steuert auf eine humanitäre Katastrophe hin.
Die Einigung auf einen Waffenstillstand am Sonntag war bereits weitgehend von Damaskus diktiert worden und kam einem politischen Ende der Demokratischen Autonomen Administration Nord- und Ostsyriens (DAANES) gleich. Sie enthielt die sofortige Übergabe der arabisch dominierten Provinzen Raqqa und Deir az-Zor, die Übergabe der IS-Gefangenen an das Regime in Damaskus, die Integration der SDF-Kämpfer in die syrische Armee und die Integration der verbleibenden Provinz Hasaka in den syrischen Staat, also das Ende der DAANES.
Bruch des Waffenstillstands und Kriegsverbrechen
Obwohl Mazlum Abdi diese Bedingungen akzeptiert hatte, kam es bereits am Montagvormittag zu weiteren Angriffen der mit Damaskus verbündeten lokalen arabischen Einheiten auf die SDF. Von beiden Seiten kamen Vorwürfe über Verletzungen des Waffenstillstands. Die Lage war unübersichtlich. Ein Teil des Problems dürfte dabei gewesen sein, dass Übergangspräsident al-Sharaa die arabischen Truppen nur sehr bedingt unter Kontrolle hatte und de facto viele der Kämpfer sich aus lokalen Stämmen rekrutierten, die teilweise zuvor mit dem "Islamischen Staat" (IS) kooperierten. Jedenfalls kam es bereits unmittelbar nach der Eroberung der ehemaligen IS-Hauptstadt Raqqa zu Exzessen gegen kurdische Kämpfer:innen und Zivilist:innen. Es gibt Berichte über schwere Gewaltverbrechen an Kurd:innen sowie über die Verbreitung von Bildern, die extreme Misshandlungen und Grausamkeiten dokumentieren.
Am späteren Montagvormittag erreichten die mit Damaskus verbündeten arabischen Kämpfer das größte Gefängnis mit ehemaligen IS-Kämpfern, Al-Shaddadah, südlich von Hasaka. Trotz Hilferufe der SDF an die unmittelbar in der Nähe stationierten US-Truppen, kamen diese nicht zu Hilfe, und nach einigen Stunden musste al-Shaddadah aufgegeben werden, was zur Befreiung hunderter IS-Kämpfer führte, die sich zumindest teilweise den arabischen Kämpfern angeschlossen zu haben scheinen.
Die Umstände der Freilassung der IS-Kämpfer sind umstritten. Regierungsnahe Quellen behaupten, die SDF habe diese vor ihrem Abzug freigelassen, was von den SDF bestritten wird. Die SDF behauptet, die arabischen Angreifer hätten die Gefangenen befreit. Klar ist, dass die SDF die Kontrolle über das Gefängnis nach Kämpfen mit den arabischen Angreifern verloren hat, die IS-Gefangenen nun nicht mehr in Haft sind und sich zumindest Teile dieser den Angreifern angeschlossen haben.
Gescheiterte Verhandlungen
In dieser Situation brachten die UST-Truppen am Nachmittag Mazlum Abdi nach Damaskus, wo dieser sich fünf Stunden lang mit Ahmed al-Sharaa, sowie dem syrischen Außen- und Verteidigungsminister zu Verhandlungen auf Basis des Abkommens vom Sonntag traf.
Über den Verlauf der Verhandlungen gibt es naturgemäß unterschiedliche Versionen. Aus beiden Versionen lässt sich jedoch ableiten, dass Ahmed al-Sharaa die Forderung von Mazlum Abdi, für einen fünftägigen Waffenstillstand um die Verhandlungsergebnisse innerhalb der eigenen Strukturen beraten zu können, abgelehnt hat und eine sofortige Unterschrift Mazlum Abdis verlangt hatte, die de facto einer Kapitulation gleich gekommen wäre.
Das Treffen wurde deshalb nach fünf Stunden ergebnislos abgebrochen. Mazlum Abdi kehrte nach Nordost-Syrien zurück und die SDF riefen in der Folge zur Generalmobilmachung auf.
Außer dem konkreten Verlauf der Verhandlungen ist auch unklar, was nun genau die Motive Ahmed al-Sharaas für sein Handeln sind. Mit Sicherheit hat die Türkei in der aktuellen Eskalation eine gewisse Rolle. Völlig unklar ist aber, ob Ahmed al-Sharaa selbst diese Eskalation wollte und hinter den unannehmbaren Forderungen steht oder ob etwa die lokalen arabischen Kräfte weitgehend autonom agieren und Ahmed al-Sharaa diese gar nicht wirklich kontrolliert. Die aktuelle Eskalation könnte auch auf relativ schwache Führungen – möglicherweise auf beiden Seiten – zurückzuführen sein: Ahmed al-Sharaa könnte wissen, dass er einen wirklichen Waffenstillstand bei den eigenen Leuten vielleicht gar nicht durchsetzen kann und Mazlum Abdi könnte wissen, dass er zu große Zugeständnisse ohne Konsultationen nicht in den eigenen Reihen durchsetzen könnte – weshalb er die Fünftagesfrist benötigt hätte. Möglicherweise ist die aktuelle Eskalation also auch eine Folge schwacher Führungen auf beiden Seiten, die Zugeständnisse gar nicht durchsetzen könnten.
Kampf um Hasaka
Damit wird der Krieg um Nordost-Syrien wohl zu Ende gekämpft werden, was für die über 1,5 Millionen Bewohner:innen der Provinz Hasaka wohl das Worst-Case-Szenario bedeutet.
Zunächst steht die Stadt Hasaka, als relativ weit im Süden liegende Provinzhauptstadt, im Mittelpunkt der Kämpfe. Heute Vormittag erreichten die Kämpfe bereits die Vororte der multiethnischen und multireligiösen Provinzhauptstadt.
Die Stadt wurde in den 1930er-Jahren während der französischen Mandatszeit von christlich-assyrischen Flüchtlingen gegründet, die als Überlebende des Genozids von 1915 aus Hakkari in den Irak geflohen waren und dort 1933 erneut Opfer genozidaler Verfolgung wurden. Im Kern ist Hasaka also eine christlich-assyrische Stadt, deren Gründer eine Form des Neuostaramäischen sprachen. Nach der Unabhängigkeit Syriens zogen jedoch auch immer mehr arabische und kurdische Muslime aus dem Süden und Norden in die Stadt. Insbesondere nachdem die Stadt in den 1950er-Jahren zum administrativen Zentrum einer Provinz und zum ökonomischen Zentrum einer aufblühenden Baumwollindustrie wurde, wurden die assyrischen Christen zunehmend eine Minderheit gegenüber einer arabischen Bevölkerungsmehrheit und einer substantiellen kurdischen Minderheit.
Trotzdem blieb Hasaka das urbane Zentrum für die rein assyrischen christlichen Dörfer entlang des Habur-Flusses und Sitz der Diözese der Assyrischen Kirche des Ostens für den gesamten Nordosten Syriens.
Während die assyrischen Dörfer entlang des Habur-Flusses bereits 2015 im Zuge der Angriffe des IS weitgehend verlassen wurden und die meisten dortigen Assyrer:innen auch nach der Befreiung der Region nicht zurückkehrten, blieben einige tausend Assyrer:innen in der Stadt Hasaka und harrten dort den gesamten syrischen Bürgerkrieg über aus. Insbesondere im Zuge der Angriffe durch den IS rückten dabei die christlich-assyrischen Parteien und Milizen mit den Kurd:innen zusammen und gelten seither als enge Verbündete der kurdischen Volks- und Frauenverteidigungseinheiten YPG und YPJ.
Anders als viele arabische Verbündete der YPG und YPJ innerhalb des 2015 geschaffenen Militärbündnisses der SDF, sind diese christlichen Einheiten, der Syriac Military Council, die Habur Garden, die Bethnahrain Women's Protection Forces und die Sutoro auch weiterhin feste Bestandteile der SDF und verteidigen derzeit gemeinsam mit YPG und YPJ die Stadt Hasaka. Unter den Christ:innen der Region lösen die Angriffe auf ihre Stadt eine ähnliche Panik aus, wie unter den Kurd:innen. Schließlich sind die hier verbliebenen Christ:innen nicht nur eine ethnische, sondern auch noch eine religiöse Minderheit, für die die jihadistische Beteiligung an den Kämpfen Erinnerungen an die Angriffe des IS 2015 wachrufen.
Generalmobilmachung
Aber auch für die kurdische Zivilbevölkerung ist die neue Entwicklung die denkbar größte Katastrophe. Noch in der Nacht rief das Generalkommando der SDF in Bezug auf den "historischen Widerstand" in Kobanê 2014 dazu auf, die "Städte von Derik über Hasake bis Kobanê zu einem Friedhof für die neuen Vertreter der IS-Mentalität" zu machen, "die vom türkischen Staat angeführt werden." Weiters wurde erklärt: "Auf dieser Grundlage rufen wir alle unsere Jugendlichen, Mädchen und Jungen aus Rojava, Bakur, Bashur und Rojhelat in Kurdistan sowie in Europa dazu auf, sich zu vereinen, die Grenzen der Besatzer zu durchbrechen und sich dem Widerstand anzuschließen."
Sowohl in der Provinz Hasaka, als auch in Kobanê, das am Montagnachmittag, nach der Eroberung von Ain Issa durch die Regierungstruppen von Hasaka abgeschnitten wurde, wird nun zur Generalmobilisierung aufgerufen. In Kobanê ist die Lage für die Zivilist:innen besonders verzweifelt, weil es hier keine Fluchtmöglichkeit gibt und auch die Option, in den Irak zu fliehen, nicht mehr gegeben ist. Viele Menschen in der Stadt fühlen sich an die verzweifelte Situation im Herbst 2014 im Kampf gegen den IS erinnert. Mit einem großen Unterschied: Während damals die Weltöffentlichkeit ihre Augen auf die Stadt gerichtet hatte, fühlt man sich jetzt im Stich gelassen. Europa und die USA unterstützen weiterhin das Übergangsregime Ahmed al-Sharaas in Damaskus. Hilfe von außen ist nicht zu erwarten.
Die Kurd:innen in Nord- und Ostsyrien werden sich damit bis zum bitteren Ende verteidigen. De facto ist damit auch der vor einem Jahr begonnene neue "Friedensprozess" zwischen der Türkei und der PKK beendet. Nicht nur dem Nordosten Syriens, sondern auch anderen Teilen Kurdistans droht damit eine neue Welle der Gewalt. (Thomas Schmidinger, 20.1.2026)
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