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YPJ-Kommandantin Haci zur Integration der Fraueneinheiten in die syrische Armeee

 


Die QSD-Kommandantin Sozdar Hacî sieht im 10.-März-Abkommen eine Chance für eine gerechte Partnerschaft in Syrien. Eine Rückkehr zur alten, ausgrenzenden Staatslogik müsse verhindert werden.

QSD/YPJ-Kommandantin Sozdar Hacî
 
RUKEN EFRÎN / QAMIŞLO, 14. Dez. 2025.

Inmitten anhaltender Spannungen und ungelöster Machtfragen in Syrien fordert die kurdische Kommandantin Sozdar Hacî einen politischen Neuanfang, der auf demokratischer Partnerschaft und gegenseitigem Respekt basiert. „Integration bedeutet nicht, dass die Identität der Völker ausgelöscht wird“, sagt Hacî, Mitglied des Generalkommandos der Demokratischen Kräfte Syriens (QSD) und der Frauenverteidigungseinheiten (YPJ). „Es geht um einen gleichberechtigten, demokratischen Rahmen für ein gemeinsames Syrien.“

In einem ausführlichen Gespräch mit ANF betonte Hacî die Verantwortung der QSD, die gesamte Bevölkerung Syriens zu schützen – unabhängig von Ethnie oder Religion. Das am 10. März ausgehandelte Abkommen mit Damaskus biete die historische Chance, einen neuen Gesellschaftsvertrag zu begründen. Gleichzeitig warnte sie davor, die Fehler der Vergangenheit zu wiederholen: „Wir dürfen nicht zulassen, dass die ausgrenzende Mentalität, die Syrien jahrzehntelang beherrscht hat, erneut zum Tragen kommt.“

Jahrzehnte der Ausgrenzung

Die Geschichte Syriens sei geprägt von systematischer Unterdrückung, sagte Hacî – eine Erfahrung, die insbesondere die kurdische Bevölkerung tief geprägt habe. „Unsere Identität wurde geleugnet, unsere Sprache verboten, und viele von uns waren in ihrem eigenen Land staatenlos. Wir waren Menschen ohne Rechte, ohne offizielle Existenz.“ Diese Entmündigung habe weit über juristische Diskriminierung hinausgereicht. Sie sei Teil einer staatlich gelenkten Strategie gewesen, kulturelle Vielfalt zu unterdrücken. „Das war ein direkter Angriff auf das Konzept von Bürgerwürde und auf das Menschsein selbst.“


Der Zerfall des Baath-Regimes als Wendepunkt

Für Hacî markierte der Zusammenbruch des Baath-Regimes nicht nur das Ende einer repressiven Ära, sondern auch einen Moment tiefgreifender gesellschaftlicher Umwälzung. „Die eigentliche Auflösung des Systems begann 2011 mit dem Aufstand der syrischen Nation“, sagte sie. In Nord- und Ostsyrien habe sich in der Folge ein alternatives Modell etabliert: eine pluralistische Selbstverwaltung, getragen von Kurd:innen, Araber:innen, Assyrer:innen, Armenier:innen und anderen Volksgruppen. Der Aufbau dieser Strukturen sei begleitet gewesen von militärischer Selbstverteidigung. „Die Bevölkerung hat dem Baath-Regime unmissverständlich gezeigt: Ihr System hat hier keinen Platz mehr.“ Die daraus resultierende Autonomie sei nicht durch äußere Mächte oktroyiert worden, sondern „aus der Kraft der Bevölkerung selbst“ entstanden.

Demokratische Selbstverwaltung statt autoritärem Zentralismus

Die Errungenschaften der Selbstverwaltung sieht Hacî im Aufbau basisdemokratischer Institutionen, der Anerkennung kultureller Vielfalt und der Stärkung der Rolle von Frauen. „Wir haben gezeigt, dass eine andere Form des Zusammenlebens – jenseits von ethnischem Chauvinismus und patriarchalen Machtstrukturen – in Syrien möglich ist.“ Gleichzeitig erinnerte sie daran, dass sich auch in anderen Landesteilen Widerstand gegen autoritäre Herrschaft formiert habe. Von Suweida im Süden Syriens bis nach Aleppo und Homs hätten Menschen den Mut aufgebracht, sich gegen Unterdrückung zu stellen. Doch vielerorts seien sie mit massiver Gewalt konfrontiert worden; durch die selbsternannte Übergangsregierung und verbündete bewaffnete Gruppen.

Widerstand gegen neue Formen der Repression

Hacî warnte in diesem Zusammenhang vor einer gefährlichen Entwicklung: Während das Baath-Regime gestürzt wurde, seien neue, nicht minder repressive Akteure aufgetreten – darunter auch dschihadistische Milizen und Gruppierungen, die von der Türkei unterstützt werden. „Unsere Regionen wurden wiederholt angegriffen – von der sogenannten syrischen Übergangsregierung, von türkischen Einheiten und deren Verbündeten.“ Die Bevölkerung habe sich jedoch gewehrt. „Dieser Widerstand war Ausdruck eines klaren Willens: Wir wollen nicht vom Regen in die Traufe geraten. Eine andere autoritäre Ordnung wird für uns keine Alternative sein.“

QSD als multiethnische Verteidigungskraft

In Reaktion auf den anhaltenden Konflikt haben die QSD eine zentrale Rolle übernommen, betont Hacî. „Nicht nur als militärische Struktur, sondern als Schutzmacht der Zivilbevölkerung.“ Rund 15.000 Kämpfer:innen seien im Widerstand gegen die Terrormiliz „Islamischer Staat“ (IS) und gegen andere Aggressoren gefallen. Gleichzeitig weist sie Vorwürfe zurück, die QSD seien eine rein kurdische Organisation. „Unsere Kräfte bestehen aus rund 70.000 Personen – aus allen Bevölkerungsgruppen dieser Region. Unsere Verteidigungsphilosophie lässt es gar nicht zu, dass wir eine einzelne Identität bevorzugen. Wir stehen für den Schutz aller.“

10.-März-Abkommen als politischer Kompass

Besonderes Augenmerk legt Hacî auf das zwischen Damaskus und der Selbstverwaltung unterzeichnete „10.-März-Abkommen“, das die Grundlage für eine mögliche neue Verfassung Syriens bilden könnte. Auch wenn die Umsetzung vieler Punkte stocke, hielten die QSD am Geist der Vereinbarung fest. „Es gibt keine Klausel, die sich gegen die syrische Regierung richtet, aber es geht um Gleichberechtigung und Beteiligung“, so Hacî. Jede Bevölkerungsgruppe müsse das Recht haben, sich kulturell und politisch zu repräsentieren. „Wir sind Kurd:innen – und wir sind Syrer:innen. Das eine schließt das andere nicht aus.“ Ein zukünftiger syrischer Staat müsse daher säkular, inklusiv und föderal organisiert sein. Religionszugehörigkeit oder ethnische Herkunft dürften keine Bedingung für Staatsbürgerschaft sein. „Syrisch zu sein heißt nicht, arabisch oder sunnitisch sein zu müssen. Es gibt auch christliche, alawitische, drusische und assyrische Syrer:innen.“

Integration nur auf demokratischer Grundlage

Am Ende ihrer Ausführungen warnt Hacî eindringlich vor einem Rückfall in autoritäre Muster. Integration könne nur funktionieren, wenn sie auf Freiwilligkeit und Gleichberechtigung beruhe. „Wenn ein System – egal ob im Namen von Laizismus, Religion oder Sozialismus – nicht demokratisch ist, wird es Unterdrückung hervorbringen. Und es sind immer die einfachen Menschen, die den Preis dafür zahlen.“ Die QSD stünden bereit, ihre Erfahrung und ihre Strukturen in ein neues syrisches Gesamtsystem einzubringen – vorausgesetzt, dieses basiere auf echten demokratischen Prinzipien. „Wir haben in 13 Jahren gelernt, wie man Gemeinschaft nicht nur militärisch, sondern zivilgesellschaftlich verteidigt. Dieses Wissen stellen wir allen zur Verfügung, die ein freies Syrien wollen.“

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