Licê (Südost-Türkei): Breiter Protest gegen Drogen, Prostitution und Spezialkriegspolitik
Gemeinsam kämpfen, gemeinsam gewinnen: In Licê wurde gegen staatliche Zersetzungspolitik protestiert. Gefordert wird eine demokratische Antwort auf den Angriff gegen Bewusstsein, Würde und kollektive Zukunft.
Unter dem Motto „Gemeinsam gegen Drogen, Prostitution und den Spezialkrieg“ fand am Sonntag in Licê in der nordkurdischen Provinz Amed (tr. Diyarbakır) ein breiter Protestmarsch statt. Aufgerufen hatte die kurdische Frauenbewegung TJA, unterstützt von zivilgesellschaftlichen Organisationen, Frauengruppen, Jugendinitiativen und der Partei der demokratischen Regionen (DBP).
Ausgangspunkt der Demonstration war das Gelände der ehemaligen Halis-Toprak-Fabrik. Von dort zog die Menge in Richtung Stadtzentrum, begleitet von Transparenten mit Aufschriften wie „Nein zu Drogen und Prostitution“, „Schützen wir unsere Gesellschaft“ und „Nicht das Gift, sondern die Hoffnung umarmen“. Immer wieder wurden Parolen gerufen, unter anderem „Jin, Jiyan, Azadî“, „Sei wachsam gegen Drogen und Prostitution“ und „Wir verteidigen unsere Zukunft“.
Murat Kan: Kampf gegen eine politische Waffe
Den Abschluss bildete eine Kundgebung auf dem Platz der Demokratie, bei der mehrere Redner:innen auf die gesellschaftspolitische Dimension von Drogenverbreitung und organisierter sexueller Ausbeutung im Kontext von Krieg und staatlicher Einflussnahme hinwiesen. Murat Kan, Ko-Sprecher der Antidrogenplattform Şiyar Be!, sprach von einer gezielten Zersetzungspolitik gegen die kurdische Gesellschaft. Die Auswirkungen von Drogen und Zwangsprostitution seien nicht zufällig, sondern Teil eines Plans, das kollektive Bewusstsein zu schwächen.

„Nach dem sogenannten Zersetzungsplan von 2015 hat sich dieser stille Krieg intensiviert. Als sie die kurdische Gesellschaft mit Waffen nicht zerstören konnten, wechselten sie die Strategie. Heute sollen junge Menschen durch Drogen, Frauen durch Ausbeutung gebrochen werden – mit Hilfe von lokalen Akteuren, mitten unter uns.“ Dieser Entwicklung könne nur durch organisierte, kollektive Gegenwehr begegnet werden, betonte Kan. Besonders Frauen und Jugendliche müssten an vorderster Front stehen. „Wir sagen Nein zu Drogen, Prostitution und Glücksspiel. Wir bauen eine demokratische Gesellschaft auf der Grundlage unserer eigenen Werte.“
Mütter aus Licê: „Nur gemeinsam können wir das aufhalten“
Auch mehrere Mütter aus Licê ergriffen das Wort und appellierten an die Bevölkerung, sich gegen diese Entwicklung zu stellen. In Erinnerung an die Worte des Dichters Cegerxwîn riefen sie: „Eger hûn nebin yek, hûn ê herin yek bi yek – Wenn ihr nicht eins werdet, werdet ihr einer nach dem anderen fallen.“ Nur gemeinsam ließe sich die Zerstörung der Gesellschaft aufhalten.
Çiğdem Kılıçgün Uçar: Ein bewusster Angriff auf Kurdistan
Çiğdem Kılıçgün Uçar, Ko-Vorsitzende der DBP, sprach in ihrer Rede von einer systematisch gesteuerten Angriffsstrategie gegen das gesellschaftliche Gefüge in Kurdistan. Ziel sei es, die kurdische Realität zu entstellen: „Sie wollen, dass Kurdistan nicht mehr mit Widerstand, mit Frauen, mit Jugend, mit Gleichheit assoziiert wird, sondern mit Prostitution und Drogen. Doch das ist nicht unsere Realität. Unsere Realität ist 40 Jahre Widerstand, ist Demokratie, ist der Kampf um Freiheit.“

Uçar verwies auf Daten der Rechtsanwaltskammer Amed,
die das Ausmaß der Drogenproblematik eindrücklich dokumentieren. Im
Jahr 2023 gab es demnach rund 2.700 Verfahren im Zusammenhang mit
Drogendelikten, darunter viele wegen Herstellung, Handel oder
Erleichterung des Konsums von Betäubungsmitteln. Besonders alarmierend
sei der Anteil minderjähriger Beschuldigter: acht Kinder unter zwölf
Jahren sowie 80 weitere im Alter zwischen zwölf und 18 Jahren mussten
sich wegen Drogendelikten vor Gericht verantworten. Allein in der
Altersgruppe der 18- bis 25-Jährigen waren fast 500 Personen betroffen.
Zudem sei das Durchschnittsalter für Konsumeinstieg in einigen Regionen bereits auf neun Jahre gesunken. „Das sind keine Einzelfälle mehr, das ist ein strukturelles Problem und die Jüngsten sind am verletzlichsten“, sagte Uçar. Die Zahlen seien kein Zufall, sondern Ausdruck einer gezielten Politik. „Diese Jugendlichen verlieren nicht aus Versehen ihre Perspektive – sie werden systematisch von ihr abgeschnitten. Wir sprechen hier auch nicht von Krankheit, sondern von einer stillen Kriegsführung gegen die Hoffnung. Es geht darum, junge Menschen zu entwurzeln, Frauen zu entrechten und die Gesellschaft zu entleeren.“
Selbstverteidigung und soziale Organisierung als Antwort
Uçar erinnerte an einen Fall aus vergangenem September, bei dem ein türkischer Gendarmerie-Kommandant in Licê wegen der Duldung von Drogenhandel angezeigt worden war. „Jene, die wegschauen, profitieren oft selbst davon“, so die Politikerin. Sie betonte die Notwendigkeit von Selbstverteidigung im gesellschaftlichen Sinne: durch Aufklärung, Prävention, Sichtbarmachung und gemeinsames Handeln. Drogenhändler und Menschenhändler müssten öffentlich gemacht werden. Es gehe darum, in jedem Stadtviertel solidarische Komitees aufzubauen, die sich gegenseitig stärken und schützen.
Gemeinsam kämpfen, gemeinsam gewinnen
Die DBP-Vorsitzende verwies auch auf den Aufruf des kurdischen Repräsentanten Abdullah Öcalan vom 27. Februar für Frieden und eine demokratische Gesellschaft. Uçar erklärte: „Wenn wir Frieden und Demokratie wollen, fangen wir in Licê an. Wir werden all das ablehnen, was nicht zu uns gehört – Drogen, Ausbeutung, individuelle Entfremdung. Was wir brauchen, ist ein starkes, freies, organisiertes Kollektiv. Und wir Frauen werden dabei die Vorreiterinnen sein.“ Sie beendete ihre Rede mit den Worten: „Wir werden gemeinsam kämpfen und gemeinsam gewinnen.“
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