Alawitinnen in Syrien: Von historischer Marginalisierung zu religiöser Verfolgung
Nach Jahrzehnten der Marginalisierung innerhalb einer patriarchalen Struktur stehen Alawitinnen nun vor vielschichtigen Herausforderungen. Sie sehen sich nicht nur den Auswirkungen des Kriegs gegenüber, sondern werden aufgrund ihres Glaubens ausgegrenzt.
Im vom Krieg zerrissenen Syrien befinden sich alawitische Frauen nach Jahrzehnten der Ausgrenzung im Zentrum eines Strudels aus sektiererischer Gewalt und struktureller Marginalisierung und sind damit doppelt zur Zielscheibe geworden.
Die Geschichte der Alawitinnen in Syrien ist geprägt von religiöser Gewalt, politischen Umbrüchen und dem sozialen Zusammenbruch, der das Land seit Beginn der Krise im März 2011 erschüttert. Diese Gruppe von Frauen, die seit langem am Rande des öffentlichen Lebens unter einer patriarchalen Sozialstruktur lebt, befindet sich nun im Auge des Sturms und zahlt einen hohen Preis für ihre konfessionelle Zugehörigkeit und eine lange Geschichte der Marginalisierung. Die Frauennachrichtenagentur JINHA hat sich diesem Thema ausführlich gewidmet.
Historische Wurzeln
Die Alawit:innen sind eine Glaubensgemeinschaft, die im 9. Jahrhundert entstand und sowohl geografisch als auch sozial Zuflucht in den Küstengebirgen Syriens fand. In diesem isolierenden Kontext konzentrierte sich die traditionelle Rolle der alawitischen Frau hauptsächlich auf die Landwirtschaft und die Versorgung der Familie, während sie sich aus öffentlichen Angelegenheiten, insbesondere aus dem politischen und militärischen Bereich, fernhielt.
Zu Beginn des 20. Jahrhunderts zeigten sich erste Anzeichen für einen Wandel, insbesondere während der französischen Mandatszeit, als sich einige Frauen in der Bildung und im politischen Aktivismus engagierten. In Literatur, Kunst und Medizin traten weibliche Persönlichkeiten in Erscheinung, obwohl diese Beispiele Ausnahmen blieben und keinen umfassenden strukturellen Wandel widerspiegelten.
Begrenzte Offenheit und stiller Widerstand
Trotz der scheinbaren relativen Offenheit stoßen Alawitinnen weiterhin auf die festen Mauern tief verwurzelter patriarchaler Traditionen, insbesondere in Kernfragen wie der Erbschaft, wo ihnen in einigen Gemeinschaften unter dem Vorwand der Erhaltung des „Familienvermögens“ ihre Rechte vorenthalten werden. Ihre Existenz ist oft auf das Zuhause beschränkt, und ihr Wert wird an ihrer Gehorsamkeit und ihrer Fähigkeit, Kinder zu gebären, gemessen, während Gesetze, die sie vor Gewalt schützen und ihre wirtschaftliche und soziale Unabhängigkeit gewährleisten, nach wie vor fehlen.
Diese Vorstellungen sind jedoch nicht mehr unumstößlich. Es gibt eine wachsende Bewegung, die stereotype Rollenbilder aufbrechen und Gleichberechtigung herstellen will. Die Realität spiegelt diesen Wandel wider: Der Anteil der Haushalte, die von alawitischen Frauen geführt werden, stieg von etwa 4 Prozent vor 2011 auf 22 Prozent im Jahr 2023 – ein Zeichen für die zunehmende wirtschaftliche Belastung der Frauen bei fehlender rechtlicher und sozialer Absicherung sowie Ausdruck der Willenskraft der Frauen, sich gegen Einschränkungen zu wehren und ihre Rolle und Würde neu zu definieren.
Der Moment der Explosion
Mit dem Ausbruch der Proteste während des „Frühlings der Völker“ (auch „Arabischer Frühling“) 2011 geriet Syrien in eine Spirale der Gewalt, die niemanden verschonte. Frauen gehörten zu den am stärksten betroffenen Gruppen; die Verstöße richteten sich gegen ihre Grundrechte – von Wohnraum bis Bildung – und erstreckten sich auf ihren Körper, ihre Seele und ihre Würde. Alawitische Frauen beobachteten das Geschehen wie immer von der Seitenlinie aus, aber der Krieg verteilte das Leid nicht gleichmäßig. Sie zahlten einen hohen Preis für ihre konfessionelle Zugehörigkeit und ihre Geschichte der Marginalisierung, verloren ihre Häuser und Rechte und wurden von jeglicher Rolle beim Wiederaufbau der Gesellschaft ausgeschlossen.
Mit dem Sturz des syrischen Regimes am 8. Dezember 2024 trat das Land in eine neue Phase des Chaos ein. Dschihadisten von „Hayat Tahrir al-Sham“ (HTS) ergriffen die Macht, und es kam zu einer neuen Welle von Verbrechen und konfessioneller Gewalt als Vergeltungsmaßnahme. Alawitinnen wurden besonders von dschihadistischen Gruppierungen – allen voran HTS – ins Visier genommen, die ihre Verbrechen damit rechtfertigten, dass sie sie als „Überbleibsel des Regimes“ bezeichneten.
Fortführung der Massaker
In den Küstengebieten mit alawitischer Mehrheit kam es zu Massakern, bei denen Tausende Menschen, darunter Frauen und Kinder, ums Leben kamen. Entführungen wurden zu einem systematischen Mittel, um den Willen der alawitischen Frauen zu brechen. Lokale und internationale Menschenrechtsorganisationen – darunter Amnesty International – dokumentierten seit Anfang 2025 Dutzende solcher Fälle an der syrischen Küste. Die Opfer reichten von kleinen Kindern bis zu Frauen in den Vierzigern. Die Organisation berichtete, dass sie Berichte von Aktivist:innen und auf Frauen fokussierten Menschenrechtsgruppen erhalten habe, wonach Hunderte von Frauen entführt worden seien und ihr Schicksal und ihr Verbleib weiterhin unbekannt seien.
In den letzten Tagen kam es auch in Homs zu gefährlichen Spannungen, wobei es in überwiegend alawitischen Vierteln zu Zusammenstößen und Gewalttaten kam. Das Syrian Network for Human Rights dokumentierte seit Anfang Dezember 2024 die Tötung von mehr als 221 Zivilist:innen in Homs – darunter Frauen und Kinder – sowie 89 Entführungsfälle.
Zwischen Lösegeld und Demütigung
Die Motive für diese Verbrechen sind vielfältig: Lösegeld, Zwangsheirat, Menschenhandel und religiöse Demütigung. Was die Tragödie noch verschlimmert, ist das stillschweigende Einverständnis der Behörden. Trotz der Versprechen der Übergangsregierung, „ein Syrien für alle Syrer“ aufzubauen, sieht die Realität anders aus.
Der von Ahmad al-Scharaa gebildete Untersuchungsausschuss bestritt, Berichte über entführte Frauen erhalten zu haben, und bezeichnete solche Vorfälle als „freiwillige Flucht“ oder „moralische Probleme“ – eine offensichtliche Verleugnung der Realität. Dies wirft die grundlegende Frage auf: Wie kann der Täter selbst Teil eines Untersuchungsausschusses sein?
Marwa und Abeer
Die Berichte über Entführungen an der syrischen Küste variieren. Einige Frauen kehrten nach Zahlung von Lösegeld zurück, andere verschwanden spurlos. Die Geschichte der 29-jährigen Marwa, die auf dem Weg nach Tartus verschwand, dokumentiert explizite Morddrohungen und eine in vier Raten gezahlte Lösegeldsumme ohne Ergebnis.
Der Kontakt zu ihr wurde unterbrochen, und ihre Familie suchte verzweifelt nach ihr, bis sie eine Nachricht auf WhatsApp von ihrer Nummer erhielt. Eine unbekannte Person schrieb: „Vergesst das Mädchen und lasst niemanden eingreifen, sonst schicken wir sie euch in Stücken zurück.“
Abeer wurde in Safita entführt. Später kontaktierte sie ihre Familie von einer irakischen Telefonnummer aus, um ihnen mitzuteilen, dass sie nicht in Syrien sei, bevor der Kontakt nach Zahlung des Lösegeldes erneut unterbrochen wurde.
Fehlende Ermittlungen und institutionelle Komplizenschaft
Marwa und Abeer sind keine Einzelfälle. Hunderte von Mädchen aus der alawitischen Gemeinschaft sind in den Provinzen Tartus, Latakia und Hama verschwunden. Die Hälfte kehrte zurück, während die anderen aus Angst vor Vergeltungsmaßnahmen oder sozialer Stigmatisierung schwiegen.
In den meisten Fällen wurden die Meldungen der Familien von den zuständigen Behörden verspottet oder ignoriert, die einige Fälle als „romantische Probleme“ bezeichneten. Es wurden keine offiziellen Akten angelegt und keine ernsthaften Ermittlungen eingeleitet.
Nach syrischem Recht ist Entführung eine Straftat, die mit Freiheitsstrafe geahndet wird. Aber das Fehlen einer Justizbehörde und die Zersplitterung der staatlichen Institutionen machten eine Strafverfolgung nahezu unmöglich. Es gibt keine klaren Mechanismen für Übergangsjustiz und keine unabhängigen Untersuchungsausschüsse, was der Straflosigkeit Tür und Tor öffnet.
Vielfältige Gewalt
Gewalt gegen syrische Frauen beschränkt sich nicht auf Alawitinnen. Auch sunnitische, christliche und drusische Frauen haben unter schweren Übergriffen durch HTS-Dschihadisten gelitten, darunter Vergewaltigungen und Zwangsumsiedlungen. Es handelt sich um ein strukturelles Phänomen, das durch Krieg, Bräuche und das Fehlen von Gesetzen begünstigt wird.
Zeitgleich mit dem Internationalen Tag gegen Gewalt an Frauen zeichnet sich ein düsteres Bild ab: vertriebene, entführte, misshandelte Frauen und Gemeinschaften, die im Namen der Ehre, des Glaubens oder aus Angst Schweigen rechtfertigen.
Um dieser Realität zu begegnen, muss anerkannt werden, dass Veränderungen nicht nur durch Gesetze, sondern auch durch den Willen der Frauen selbst und durch die Solidarität der Gemeinschaften über Konfessionsgrenzen hinweg herbeigeführt werden können. Die Stimme der alawitischen Frau – wie die Stimme jeder syrischen Frau – muss nicht nur als Opfer, sondern auch als aktive Akteurin, Zeugin und Verfechterin der Gerechtigkeit gehört werden.
Kommentare
Kommentar veröffentlichen