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Alawitin aus Homs: „Wir erleben einen systematischen Völkermord“

 


Ein Jahr nach der Machtübernahme der islamistischen HTS in Syrien berichten Überlebende von systematischen Angriffen auf religiöse Minderheiten. Bushra aus Homs schildert Gewalt, Angst und den Verlust jeder Sicherheit.

Gewalt und Vertreibung in Syrien unter HTS
 
RUKEN EFRÎN / QAMIŞLO, 16. Dez. 2025.

Ein Jahr nach dem Machtwechsel in Syrien, bei dem die islamistische Miliz „Hayat Tahrir al-Sham“ (HTS) die Kontrolle in Damaskus übernahm, hat sich das Leben für religiöse Minderheiten wie Alawit:innen und Drus:innen dramatisch verändert. Von den versprochenen demokratischen Reformen ist keine Rede mehr. Stattdessen berichten Betroffene von systematischer Gewalt, Vertreibung und Straflosigkeit.

Eine von ihnen ist Bushra, eine alawitische Frau aus der zentralsyrischen Stadt Homs. Nach ihrer Flucht lebt sie heute in einem von der Autonomieverwaltung kontrollierten Gebiet im Nordosten Syriens. Ihre Schilderungen zeichnen ein erschütterndes Bild der Lage in den von HTS kontrollierten Regionen.


„Wir erleben einen systematischen Völkermord“, sagt sie. Die Islamisten hätten die Macht mit dem Versprechen von Freiheit übernommen, doch das Gegenteil sei eingetreten: „Was sie ‚Befreiung‘ nennen, ist für uns ein Besatzungsregime – geprägt von sektiererischer Gewalt, Zwangsvertreibung und völliger Rechtlosigkeit.“

Die Erfahrung zweier Systeme

Bushra lebte 36 Jahre in Homs. Sie kennt sowohl die Zeit unter dem autoritären Baath-Regime von Ex-Diktator Baschar al-Assad als auch den Zerfall des Staates im Bürgerkrieg. „Das alte System war voller Fehler, voller Schuld. Es hat das Land in den Abgrund geführt“, sagt sie.

Dennoch habe es zumindest eine gewisse Grundsicherheit gegeben. „Die Beziehungen zwischen den Konfessionen standen unter Spannung, aber es herrschte ein kontrollierter, autoritärer Ausgleich. Ein Sunnit war Sunnit, ein Druse war Druse, ein Alawit war Alawit, aber niemand wurde wegen seiner Herkunft verfolgt“, erklärt sie.

Gleichzeitig macht sie deutlich, dass das keine Verteidigung des alten Systems sei. „Dass wir heute kollektiv für die Verbrechen dieses Regimes bestraft werden – für eine Führung, die wir nie gewählt haben – ist absurd. Wir waren nicht das Regime. Wir waren seine Untertanen.“

Rückkehr in die Falle

Nachdem HTS in Homs die Kontrolle übernommen hatte, verließen viele Bewohner:innen die Stadt aus Angst. Später riefen die neuen Machthaber zur Rückkehr auf. „Sie versprachen Sicherheit, garantierten Schutz und ein normales Leben“, erinnert sich Bushra. Doch schon kurz nach der Rückkehr begann die Repression: systematische Einschüchterung, Überwachung, Gewalt. „Menschen wurden auf der Straße nach ihrer Konfession gefragt. Wer als Alawit identifiziert wurde, verschwand oder wurde getötet.“

Kein Recht, keine Gerechtigkeit

Die Situation eskalierte im März. In den Küstenregionen wurden bei gezielten Angriffen tausende Alawit:innen ermordet. Im Juli folgten ähnliche Übergriffe auf die drusische Bevölkerung in Suweida, bei denen rund 2.000 Menschen ums Leben kamen. „Das alles war kein Zufall. Es war eine organisierte Kampagne, um uns auszulöschen“, sagt sie. Besonders bitter sei, dass diese Verbrechen als Einzelfälle abgetan würden. „Wenn wir diese Angriffe verharmlosen, dann machen wir sie wiederholbar“, sagt sie. Straffreiheit sei der Dünger für das nächste Massaker.

Persönliche Verluste

Auch sogenannte Sicherheitsoperationen von Truppen der Übergangsregierung unter dem Deckmantel der Entwaffnung seien gezielt gegen Alawit:innen gerichtet gewesen. „Das hatte nichts mit Sicherheit zu tun. Es ging ums Plündern, Töten und Einschüchtern.“ In ihrem Viertel seien junge Männer vor den Augen ihrer Familien verschleppt worden. „Wenn es wirklich um Waffen ging, warum wurden nur wir durchsucht? Warum blieben andere Gruppen unangetastet?“

Bushra hat nicht nur ihr Zuhause, sondern auch Angehörige verloren. Ihr Cousin wurde ermordet, sein Auto konfisziert. Der Ehemann ihrer Schwester wurde ebenfalls getötet. „Ich will Gerechtigkeit. Aber wer wird diese Täter je vor Gericht bringen?“ fragt sie.

Entführte Frauen und die Täterpropaganda

Besonders perfide sei die Propaganda rund um entführte alawitische Frauen. In sozialen Medien werde behauptet, diese seien „freiwillig“ gegangen. „Das ist eine Lüge. Sie verschleiern Gewalt als Entscheidung. Und sie diskreditieren uns damit doppelt: als Opfer und als Menschen.“

Bushra betont, dass alawitische Frauen traditionell frei und selbstbewusst aufgewachsen seien. Die Erzählung von „Ehre“ werde nun benutzt, um Gewalt zu rechtfertigen und die Schuld umzudrehen. „Sie versuchen, uns nicht nur zu vertreiben, sondern auch zu erniedrigen.“

Kein Platz zum Gedenken

Der erste Jahrestag der Machtübernahme wurde offiziell gefeiert, auch in Schulen. Bushra nennt ihn einen „Tag der Lüge“. „Unsere Kinder werden gezwungen, an den Feierlichkeiten teilzunehmen. Doch was sollen wir feiern? Dass wir vertrieben wurden? Dass unsere Angehörigen ermordet wurden?“

Am Ende des Gesprächs richtet Bushra einen Appell an alle Gemeinschaften Syriens – ob Kurd:innen, Araber:innen, Drus:innen oder Christ:innen. „Diese Gewalt richtet sich gegen uns alle. Wenn wir jetzt nicht zusammenstehen, wird niemand sicher sein.“

Dankbar zeigt sie sich gegenüber der Autonomieverwaltung in Nord- und Ostsyrien, die ihr Schutz und Zuflucht gewährt habe. „Hier können unsere Kinder leben, Frauen sich frei bewegen. Hier gibt es wenigstens etwas, das man wieder Zukunft nennen kann.“

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