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KJK: Zum 25. November für ein freies und würdiges Leben

 


Anlässlich des Internationalen Tag gegen Gewalt an Frauen erklärt die KJK: „Lasst uns mit ‚Jin, Jiyan, Azadî‘ den Kriegspolitiken und Angriffen Einhalt gebieten!“ Sie benennt Organisierung als die entscheidende Waffe der Selbstverteidigung.

Gemeinsame Maßstäbe und kommunale Organisierung
 
ANF / BEHDÎNAN, 20. Nov. 2025.

Die Gemeinschaft der Frauen Kurdistans (KJK) analysiert in ihrer Erklärung zum Internationalen Tag gegen Gewalt an Frauen am 25. November nicht nur historische und Gegenwärtige Formen der Gewalt und ihrer ökonomischen Zusammenhänge, sondern bringt mit dem Ansatz kommunaler Frauenorganisierung und der Beteiligung an dem von Abdullah Öcalan vorgeschlagenen „Prozess für Frieden und eine demokratische Gesellschaft“ auch nachhaltige Lösungsvorschläge in die Debatte ein.

Die Politik müsse sich außerdem dringlichst mit der Frage befassen, „wie physischer und emotionaler Gewalt vorgebeugt werden kann und welche Maßstäbe für Beziehungen zu entwickeln sind“, heißt es in der Erklärung mit Verweis darauf, dass Täter meist aus dem engsten Umfeld der Gewaltbetroffenen stammten.

ANF dokumentiert die Erklärung in voller Länge:

„Organisiert euch und bildet Kommunen, um gegen Krieg, Gewalt, Genozide und Vergewaltigungen zu kämpfen!

Am 25. November gedenken wir mit Respekt, Liebe und Dankbarkeit der Mirabal-Schwestern, die mit ihrem Widerstand den Internationalen Tag gegen Gewalt an Frauen ins Leben gerufen haben. Wir gedenken auch Rosa Luxemburg, Sakine Cansız, Nagihan, Gulistan Tara, Hêro Bahadîn, Asya, Seve, Pakize, Fatma, Deniz Poyraz, Evîn Goyî, Hevrîn Xelef, Zelal Haseke, Pelin, Saliha, Nesrin Amed, Narin Güran, Rojin Kabaiş und vielen anderen, die durch männliche Gewalt ums Leben gekommen sind.

Gewaltvolle Realität zunehmend normalisiert

Wir versprechen, ihre Lebensfreude, ihren Kampf und ihren Widerstand mit einer Welt zu krönen, in der auf Grundlage von Demokratie, Ökologie und der Freiheit der Frauen Frieden herrscht. Gewalt ist eine von männlicher Vorherrschaft organisierte Realität, die Frauen in vielen Bereichen des Lebens zu unterschiedlichen Zeiten große physische sowie psychische Verletzungen zufügt.

Vor allem Frauen sind den grausamsten Formen der Gewalt konstant ausgesetzt. Insbesondere die psychische und seelische Gewalt, die in jeden Aspekt des täglichen Lebens eingebettet ist, hat sich zunehmend normalisiert und ist kaum noch wahrnehmbar.

Frauen als Opfer

Frauen sind nach wie vor Opfer dieser Gewalt – unabhängig von Alter, Beruf, Nationalität, Hautfarbe oder sozialer Stellung. Zu ihnen gehören Babys wie Sıla, Kinder wie Narin, junge Menschen wie Rojin, Mütter wie Taybet İnan, Frauen wie Saliha Akkaş, die im Parlament arbeitete, eine 89-jährige Peruanerin wie Arevalo Lomas, die ihre Wälder schützen will, eine drusische Frau wie Fevziye El Şerani, die in Syrien gegen die HTŞ-Banden kämpft, um ihr Dorf zu schützen, sowie viele weitere Frauen mit unterschiedlichem Status an verschiedenen Orten. Doch keine dieser Identitäten schützt uns vor organisierter Gewalt, Belästigung und Vergewaltigung durch das herrschende Patriarchat.

2025 – Ein Jahr, so gewaltvoll wie nie

Während die Gewalt in unserer Region täglich weiter eskaliert, war das Jahr 2025 tatsächlich ein Jahr, in dem weltweit Kriege wüteten und Gewalt ein neues Level erreichte. Die Massaker an Drusen und Alawiten in Syrien sowie der andauernde Krieg in Gaza haben die ohnehin bereits eskalierende Spirale der Gewalt weiter verschärft. Noch bevor das Jahr zu Ende war, übertraf die Bilanz der Gewalt und Massaker dieses Jahres die der vergangenen Jahre um ein Vielfaches.

Weltweit wurden schätzungsweise 86.000 Frauen und Mädchen ermordet, davon etwa 52.000 durch Familienangehörige oder durch ihnen nahestehende Personen. Angesichts dieser Zahlen gelten das Zuhause und die als ‚heilig‘ erklärte Familie weltweit als die gefährlichsten Orte für Frauen.

Manifestierte Ungleichheit

Um zu verstehen, wie systematisch Gewalt gegen Frauen ausgeübt wird, hilft ein Blick auf die Frauenpolitik der verschiedenen Länder. So wollte man im Irak Anfang des Jahres mit dem ‚Gesetz über den persönlichen Status‘ die Errungenschaften der Frauen rückgängig machen. Lettland folgte der Türkei und erklärte seinen Rückzug aus der Istanbul-Konvention. In Afghanistan wurden Häuser so gebaut, dass Frauen nicht einmal nach draußen sehen können. In der Türkei wurden in Moscheen Predigten gehalten, in denen es hieß: ‚Frauen, die ihre Arme und Brüste zeigen, sind ungläubig. Frauen müssen sich mit der Hälfte des Erbanteils eines Mannes zufriedengeben.‘ Im Iran wiederum wurden mehr als 800 Frauen hingerichtet.

Staatlich verursachte Gewalt

Ein Staat, der kontrollieren will, was Frauen tragen, ob und wie sie lachen, was sie essen, wie und mit wem sie leben und wie viele Kinder sie bekommen, tötet Frauen, die diese Grenzen überschreiten. Frauen stürzen nicht von Balkonen oder aus Fenstern, ertrinken nicht, zünden sich nicht an und begehen keinen Selbstmord. Wir wissen, dass hinter all dem maskierte männliche Gewalt steckt.

Die Tatsache, dass viele Länder noch immer keine klare Definition der Begriffe ‚Vergewaltigung‘ und ‚Gewalt‘ haben, ermutigt zusätzlich zu patriarchaler Gewalt. Auch wenn der Täter ein Mann ist, muss man hinter dem Profil einen staatlichen Willen und eine staatliche Politik erkennen. Wir wissen, dass Gewalt gegen Frauen durch den männlich dominierten Staatswillen geschieht. Der Kern des 25. November besteht darin, sich gegen diese staatlich verursachte Gewalt zu wehren.

Lasst uns mit ‚Jin, Jiyan, Azadî‘ den Kriegspolitiken und Angriffen Einhalt gebieten!

Um eine Lösung zu finden, muss man die Realität hinter dem kriegerischen Profil erkennen. Denn hinter den Krisen in allen Lebensbereichen – sei es in der Ökologie, der Wirtschaft, der Gesundheit oder der Bildung – verbirgt sich auch Gewalt gegen Frauen. Der kurdische Volksvertreter Abdullah Öcalan erklärt in seinem Manifest für ‚Frieden und eine demokratische Gesellschaft‘, dass das erste gesellschaftliche Problem mit der Versklavung der Frau durch den kastischen Mörder begann. Er zeigt auf, wo wir mit der Lösung der heutigen gesellschaftlichen Probleme ansetzen müssen.

Der kastische Mörder zeigte sich in der Frühzeit durch den Raub von Obsidian, im Mittelalter durch die Anwendung von Schwertern und in der heutigen Zeit durch die Ausübung von Profitgier im Zuge der Industrialisierung. Dies impliziert, dass sich der Mörder in jeder Epoche eine neue Maske aufsetzt, wobei es sich im Grunde um denselben Täter handelt.

Frauengemeinschaft als effektive Selbstverteidigung

In einigen Darstellungen ist er mit Bart und Schwert in der Hand zu sehen, in anderen trägt er Anzug und Krawatte. Mal ist er der Anführer einer kriminellen Vereinigung, mal das Staatsoberhaupt. Daher wird die von Frauen entwickelte Gemeinschaft die effektivste Form der Selbstverteidigung darstellen. Die Erwartung, dass der Staat als Hauptakteur der Gewalt eine Lösung herbeiführen wird, erweist sich als nicht zutreffend.

Die Analyse der Faktoren, die für die Aufrechterhaltung und Verteidigung des Lebens von Frauen von entscheidender Bedeutung sind, ergibt, dass die organisierte Kraft der Frauen sowie das Leben in der Gemeinschaft eine wesentliche Rolle spielen. In diesem Sinne ist es erforderlich, sich gegen ein System zu organisieren, das Gewalt gegen Frauen auf ein Kriegsniveau gebracht hat. In diesen Bereichen ist es notwendig, auf den Straßen gegen Massaker und Sklaverei zu protestieren.

Dieser Krieg ist nicht unser Krieg!

Kriege stellen die extremste Form der Gewalt dar und erfahren eine tägliche Verschärfung durch die Vertreter des kapitalistischen Systems und der Nationalstaaten. In der Türkei ist es eine Tatsache, dass jedes vierte Kind hungrig zur Schule geht und Mütter dazu gezwungen sind, Müll zu sammeln, um ihren Kindern eine angemessene Ernährung zu ermöglichen.

Die von der Regierung der AKP für militärische Zwecke bereitgestellten finanziellen Mittel übersteigen bei Weitem die für die Bereiche Frauen, Kinder, Bildung und Gesundheit zur Verfügung stehenden Mittel. Die Bemühungen von dem kurdischen Volksvertreter, der sich nachdrücklich für einen ehrenhaften Frieden einsetzt, sind in diesem Zusammenhang zu betrachten.

Weltweite Gewalt

Im andauernden Krieg in Gaza verlieren Tausende Frauen und Kinder ihr Leben und sind gleichzeitig sexueller, psychischer und physischer Gewalt durch Mitarbeiter von staatlich unterstützten Hilfsorganisationen ausgesetzt. Auch in Kenia sind Frauen, die selbst ihre grundlegendsten Bedürfnisse wie das Trinken und Ernährung befriedigen müssen, sexuellen Übergriffen ausgesetzt. In Abya Yala sind Frauen, auch wenn es nicht als Krieg bezeichnet wird, Angriffen ausgesetzt, die denen eines Krieges entsprechen.

Dies impliziert, dass die Existenz, die Arbeit und das Brot der Frauen weltweit zum Ziel und Opfer des Machtkampfs geworden sind, den die Männerherrschaft in ihrem eigenen Interesse führt. Die Erfahrungen von Katastrophen, welche Arbeiter, Unterdrückte, Frauen und Kinder gemacht haben und weiterhin machen, sind das Resultat eines männlich dominierten Systems.

Der Begriff ‚Widerstand gegen Kriege‘ umfasst demnach sämtliche Aspekte menschlichen Lebens und Arbeitens, einschließlich der Existenz, der Kinder, der Natur, der Luft, des Wassers und der Zukunft. Die Verteidigung und der Schutz dieser Aspekte sind von fundamentaler Bedeutung. Wie das sudanesische Volk, von dem bereits Zehntausende Menschen vertrieben und Tausende ermordet worden sind, feststellte: ‚Egal, welche Seite gewinnt, wir haben verloren. Dieser Krieg ist nicht unser Krieg.‘

Ein Weg zum Frieden

Auf dieser Grundlage wird die Teilnahme am von Abdullah Öcalan initiierten Prozess ‚Frieden und demokratische Gesellschaft‘ gestärkt und organisiert. Dies stellt eine Lösung für viele Krisen im Nahen Osten und in der Welt, insbesondere in Kurdistan und der Türkei, dar.

Der Kurdische Volksvertreter A. Öcalan wird auch die Lebensgrundlage von Kriegsprofiteuren, Banden und Mafia-Strukturen beseitigen, die von Krieg und Gewalt profitieren. Die Lösung dieser Krisen liegt in der Schaffung eines demokratischen, ökologischen und frauenbefreienden Paradigmas.

Im Namen der Liebe müssen wir das Massaker an der Seele und dem Körper der Frau verhindern

Daten und Bilanzen zeigen, dass Frauen am häufigsten von Männern, die behaupten, sie zu lieben, betrogen, ausgebeutet, erniedrigt, geschlagen und ermordet werden. Es muss von Frauen als Herausforderung angenommen werden, die Realität, die in der männlichen Liebe innewohnende Lüge und die damit einhergehende Gewalt, die von Männern im Namen der Liebe ausgeht, ernsthaft anzugehen und zu bekämpfen. Es ist von großer Bedeutung, dass die Politik sich mit der Frage befasst, wie physischer und emotionaler Gewalt vorgebeugt werden kann und welche Maßstäbe für Beziehungen zu entwickeln sind.

In diesem Sinne sollten wir Frauen anlässlich des 25. Novembers unsere Rechte in einem größeren Rahmen verteidigen, unsere Maßstäbe weiterentwickeln und uns bewusst machen, dass Männer, die uns unterdrücken wollen, nicht einmal ein ‚Hallo‘ von uns verdienen. Diese Maßstäbe sollten wir in jedem Moment und an jedem Ort unseres Lebens gegenüber dem männlich dominierten System durchsetzen.

Die Tatsache, dass ein Mann, der nicht weiß, wie man mit einer Frau spricht, kein Sozialist sein kann, unterstreicht, dass die Messlatte für das Menschsein auch die Art und Weise umfasst, wie man Frauen begegnet. Wir müssen also anhand der Fragen, welchem Mann wir als Freund oder Genosse begegnen, welchen wir grüßen und von welchem wir uns fernhalten, Maßstäbe entwickeln. Wir müssen die Männer dazu bringen, diese Maßstäbe zu respektieren und zu akzeptieren. Insbesondere müssen wir im Namen der Liebe dem Massaker an der Seele und dem Körper der Frau Einhalt gebieten.

Gegen die Gewalt des patriarchalen Herrschaftssystems: ‚Kommune (Gemeinschaft) erhält Leben‘ – lasst uns unter diesem Motto organisieren und auf die Straße gehen!

Die Organisation und Kommunisierung sind die grundlegendste Form der Selbstverteidigung und werden vom männlichen Herrschaftssystem am stärksten angegriffen. Deshalb sollte keine Frau unorganisiert und allein bleiben. Auf dem Campus, am Arbeitsplatz, auf den Feldern, in den Stadtvierteln und Dörfern sollte sich keine Frau allein fühlen. Sie sollte Teil einer Gemeinschaft sein, in der sie sich ausdrücken und schützen kann.

Die Gemeinschaft ist die Existenzform der Gesellschaft. Sie ist die Keimzelle und beinhaltet Freiheit und Gleichheit. Sie hat einen demokratischen Charakter. Auf dieser Grundlage sollten Frauen in den Bereichen Lesen und Schreiben, Kommunikation, Sport, Kunst, Wirtschaft, Kultur, Ökologie, Verteidigung und vielen anderen Bereichen entsprechend ihrer Bedürfnisse zusammenkommen. So kann jedes Haus zu einer Gemeinschaft werden.

In diesen Gemeinschaften können Frauen darüber diskutieren, wie sie sich einen Mann, Vater, Bruder oder Freund wünschen und die Maßstäbe festlegen, nach denen sich ein Mann ihnen nähern darf. Um die starken historischen Bindungen zwischen Frauen zu zerstören, isoliert das von Männern dominierte System Frauen mit der Lüge, dass zwei Frauen nicht zusammenkommen können. Es greift die isolierten Frauen in allen Bereichen an und tötet sie. Nur durch die Organisation von Kommunen können wir dies überwinden und alternative Lebensweisen entwickeln.

In diesem Sinne wollen wir am 25. November Bewusstseins- und Aufklärungsarbeit auf Mobilisierungsniveau leisten!

Wir wollen die Straßen und Plätze mit unserem Kampf gegen Gewalt füllen! Dabei wollen wir insbesondere Frauen und Jugendliche erreichen, die Gewalt nur in ihrer physischen Dimension wahrnehmen, die aber die wirtschaftliche, psychologische und ökologische Gewalt, die sie erleben, nicht greifen und benennen können.

Wir wollen die Stadtviertel, Schulen, Universitäten, Arbeitsplätze und Dörfer erreichen! Wir müssen vor allem Frauen, aber auch junge Menschen und alle Mitglieder der Gesellschaft für dieses Thema sensibilisieren, Bewusstsein schaffen und uns organisieren!

Diskutieren und Maßstäbe setzen

Wir müssen insbesondere Männern erklären, dass das Problem der Gewalt im Grunde genommen ein Problem männlicher Dominanz ist. Wir müssen mehr darüber diskutieren und entsprechend auch Männer aufklären, verändern und transformieren. In Seminaren, Podiumsdiskussionen und ähnlichen Veranstaltungen können Themen wie sozialistische Frauen, sozialistische Männer, sozialistische Familien und freie Partnerschaften diskutiert werden. Auf solchen Diskussionsplattformen können Maßstäbe für ein freies Leben entwickelt werden.

Es gibt keine unüberwindbaren Hindernisse, wenn Frauen Schulter an Schulter stehen

Auf dieser Grundlage rufen wir als KJK alle Frauen weltweit, insbesondere die Frauen aus Kurdistan und dem Nahen Osten, dazu auf, im Rahmen der Kampagne zum 25. November die Gewalt des patriarchalen Staates aufzudecken und mit mobilisierendem Geist ihre Organisations-, Bildungs- und Bewusstseinsarbeit zu verstärken.

So, wie es die afghanischen Frauen sagen: ‚Diese dunkle Zeit lässt auch das Licht der Frauen heller strahlen. Der Widerstand der Frauen hat sowohl in Rojava als auch in Afghanistan gezeigt, dass der Feind besiegt werden kann. Einmal mehr zeigt sich, dass es keine unüberwindbaren Hindernisse gibt, wenn Frauen Schulter an Schulter stehen.

Lasst uns also Schulter an Schulter stehen und ein freies und würdiges Leben aufbauen!

Lasst uns uns überall gegen Gewalt organisieren, denn ‚die Kommune (Gemeinschaft) lebt!‘

Mit revolutionären Grüßen und Respekt

KJK Koordination

20. November 2025“

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