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IS nutzt Machtvakuum im neuen Syrien

 


Nach dem Sturz des Assad-Regimes gewinnt der sogenannte IS in Syrien wieder an Boden. Internationale Berichte warnen vor wachsender Gefahr durch militante Zellen, unkontrollierte Lager und einer schwachen, religiös geprägten Übergangsregierung.

Terrororganisation wieder auf dem Vormarsch
 
SERKAN DEMIREL / ANF, 16. Nov. 2025.

Knapp ein Jahr nach dem Sturz des Assad-Regimes wächst in Syrien die Sorge vor einem Wiedererstarken der Terrororganisation „Islamischer Staat“ (IS). Internationale Sicherheitsberichte warnen vor einem strategischen Umbau der Extremistengruppe und dem Ausnutzen institutioneller Schwächen im neuen, islamistisch geprägten Machtgefüge des Landes.

Der Zerfall der Baath-Herrschaft am 8. Dezember 2024 markierte zwar einen historischen Wendepunkt, doch der Machtantritt der radikalislamischen Miliz „Hayat Tahrir al-Sham“ (HTS) unter Ahmed al-Scharaa alias Abu Muhammad al-Dschaulani hat neue Unsicherheiten geschaffen. Deren Übergangsregierung steht ideologisch in Nähe zum IS – und zeigt bislang keine klare Haltung gegen die Gruppe. Sicherheitsanalyst:innen sprechen von einem gefährlichen politischen Vakuum, das die Dschihadisten gezielt nutzen.

IS baut Präsenz in Syrien wieder aus

Berichte der Vereinten Nationen (UN) und anderer internationaler Organisationen belegen eine steigende Aktivität des IS. Zwar wurde dessen Territorialherrschaft 2019 durch die Demokratischen Kräfte Syriens (QSD) und die internationale Anti-IS-Koalition gebrochen, doch in den letzten Monaten wurden zahlreiche Schläferzellen reaktiviert.

Laut dem UN-Sicherheitsrat verfügt der IS in Syrien und dem Irak weiterhin über 1.500 bis 3.000 aktive Söldner. Besonders die Wüstenregion Badia dient als Rückzugsraum, mit rund 300 Zellen allein in diesem Gebiet. Doch auch in anderen Landesteilen – wie rund um Damaskus, Aleppo, Homs und im Süden – ist die Terrormiliz wieder präsent.

Ein Bericht der EU-Agentur für Asylfragen (EUAA) zeigt, dass sich der IS zunehmend auf schwer zugängliche Gegenden wie Höhlen in der Wüste bei Homs zurückzieht. Trotz wiederholter Operationen der QSD in Deir ez-Zor und Hesekê sei es bisher nicht gelungen, die dschihadistischen Strukturen vollständig zu zerschlagen.

Beobachter:innen stellen fest, dass der IS heute weniger auf territoriale Kontrolle setzt, sondern auf eine flexible, zellenbasierte Struktur, die lokal verankert, mobil und schwer greifbar ist. Diese Strategie erhöht trotz militärischen Drucks die Beweglichkeit und Widerstandskraft der Organisation.

Waffen, Zellen, Lager: Sicherheitslücken bleiben groß

Laut UN-Berichten nutzt der IS noch immer Waffen aus ehemaligen Arsenalen des Assad-Regimes, darunter auch schwere Waffen. Diese Bestände geben der Gruppe strategische Kapazitäten zurück.

Zugleich wächst die Besorgnis über die Rolle von Gefängnissen und Lagern in Nord- und Ostsyrien. Unter Kontrolle der Selbstverwaltung gehaltene Einrichtungen gelten als potenzielle Brutstätten für neue Radikalisierung. Laut UN-Angaben befinden sich derzeit rund 8.500 IS-Mitglieder in diesen Haftanstalten – etwa zwei Drittel davon Syrer:innen, der Rest Iraker:innen und Menschen aus über 50 weiteren Staaten.

Besonders prekär ist die Lage in den Camps al-Hol und Roj, in denen sich etwa 28.400 Angehörige von IS-Söldnern befinden – darunter viele Frauen und Kinder. Humanitäre Organisationen und der UN-Sicherheitsrat sehen hier ein hohes Radikalisierungsrisiko: Jugendliche wachsen oft ohne Zugang zu Bildung, unter extremistischen Einflüssen und ohne psychosoziale Betreuung auf.

Internationale Untätigkeit schafft neue Risiken

Sowohl die nordostsyrische Selbstverwaltung als auch die UN fordern seit Jahren eine internationale Lösung – bisher ohne Erfolg. Viele Staaten weigern sich, ihre Bürger:innen zurückzunehmen oder sich an Reintegrationsprogrammen zu beteiligen.

Laut dem Internationalen Zentrum für Terrorismusbekämpfung (ICCT) und den UN könnte diese Passivität dazu führen, dass Lagerbewohner:innen künftig wieder für den IS rekrutiert werden – mit direkten Folgen für die globale Sicherheit. Vor allem die Gefahr, dass sich Söldner von dort aus in Nachbarländer oder nach Europa absetzen, wird zunehmend betont.

Trotz punktueller Operationen der QSD in den Lagern bleibt deren Wirkung begrenzt. Ohne nachhaltige politische, sicherheitspolitische und humanitäre Strategien bleibe die Gefahr bestehen, so mehrere Berichte übereinstimmend.

HTS-Regierung als politisches Einfallstor

Ein weiterer Risikofaktor ist die Rolle der neuen HTS-geführten Übergangsregierung. Deren Führung unter Ahmed al-Scharaa bemüht sich um diplomatische Öffnungen gegenüber dem Westen – und hat sich zuletzt sogar der internationalen Anti-IS-Koalition angeschlossen. Doch gleichzeitig toleriert sie weiterhin dschihadistische Netzwerke innerhalb der neuen syrischen Streitkräfte.

Diese doppelte Strategie – außenpolitische Annäherung bei gleichzeitiger ideologischer Kontinuität – schafft laut Expert:innen eine widersprüchliche Lage: Während HTS nach außen gemäßigt auftreten will, bleibt die Miliz im Inneren offen für radikale Akteure. Diese Ambivalenz wird von Gruppen wie dem IS als strategische Gelegenheit genutzt.

Alarmstufe bleibt hoch

Internationale Sicherheitsberichte kommen übereinstimmend zu dem Schluss, dass der IS in Syrien zwar keine territorial kontrollierte Organisation mehr ist, aber durch seine Anpassungsfähigkeit, veränderte Struktur und geopolitische Gelegenheitsfenster weiterhin eine ernstzunehmende Bedrohung darstellt. Das Zusammenspiel aus politischer Schwäche der neuen Regierung, mangelnder internationaler Unterstützung in den Autonomiegebieten und anhaltender Radikalisierung in Lagern könnte dem IS in naher Zukunft wieder Auftrieb geben – mit potenziellen Konsequenzen weit über Syrien hinaus.


Quellen:

ICCT – The Islamic State in 2025: an Evolving Threat Facing a Waning Global Response

United Nations Security Council Secretariat – Counter‑Terrorism: Briefing on the Secretary‑General’s Strategic‑Level Report on ISIL/Da’esh

OHCHR (Office of the United Nations High Commissioner for Human Rights) – UN experts urge end to ISIL‑related arbitrary detention in North‑East Syria and accountability for international crimes

European Union Agency for Asylum (EUAA) – Syria: Country Focus

UK House of Commons Library – Countering Islamic State/Da’esh in Africa, Syria and Iraq 2025

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