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YPJ-Kommandantin zu Gesprächen mit Damaskus: „Integration heißt nicht Unterwerfung“

 


Die Frauenverteidigungseinheiten YPJ zeigen sich offen für Verhandlungen mit Damaskus – jedoch nur unter klaren Bedingungen. Kommandantin Rohilat Efrîn betont: Autonomie, Frauenrechte und Demokratie sind nicht verhandelbar.

Interview mit Rohilat Efrîn
 
ANF / REDAKTION, 19. Okt. 2029.

Vor dem Hintergrund der jüngsten Ankündigung des Oberkommandierenden Mazlum Abdi, eine Integration der Demokratischen Kräfte Syriens (QSD) in die syrische Armee sei grundsätzlich vereinbart, melden sich nun auch die Frauenverteidigungseinheiten (YPJ) zu Wort. In einem ausführlichen Interview mit dem Journalisten Diyar Ciwan von Nûmedya äußert sich die YPJ-Kommandantin Rohilat Efrîn zur Rolle der Frauenverteidigungseinheiten in einem möglichen neuen Syrien – und zieht dabei klare rote Linien. Die säkular-feministische Struktur der YPJ sei nicht verhandelbar, ein echter Wandel in Damaskus Voraussetzung für jeden politischen Schulterschluss.

Die Frauen, die die YPJ gegründet haben und seit rund zwölf Jahren gegen das reaktionäre patriarchale Regime des IS kämpfen, nehmen nun am Verhandlungstisch in Damaskus Platz. Was bedeutet das für Sie?

Die YPJ haben sich in den vergangenen zwölf Jahren ihre Stärke und Identität erarbeitet. Heute kann man mit Sicherheit sagen, dass wir mit unserem säkularen, demokratischen und freiheitlichen Profil auf der internationalen Bühne Anerkennung gefunden haben. Seit unserer Gründung ist es erklärtes Ziel der YPJ, die Rechte der Frauen – und im weiteren Sinne der gesamten Menschheit – zu verteidigen. Dieser Grundsatz prägt unseren Kampf bis heute.

Nach zwölf Jahren Krieg ist diese Identität der YPJ inzwischen auch über unsere Strukturen hinaus in vielen Teilen der Gesellschaft anerkannt. Die YPJ sind nicht nur eine militärische Verteidigungseinheit, sondern vor allem eine ideologisch-philosophische Kraft, die Frauen organisiert und mobilisiert. Aus dieser Rolle ergibt sich für uns auch eine Verantwortung beim Aufbau eines neuen Lebensmodells. Trotz der militärischen Komponente waren die YPJ immer auch eine Quelle der Inspiration für Frauen weltweit. Das liegt vor allem daran, dass wir das Recht auf Selbstverteidigung zu unserem zentralen Prinzip erklärt haben. Unser Kampf der letzten zwölf Jahre war immer ein Kampf für ein neues Leben – ein Leben in Freiheit und Gleichheit. Und ja, wir haben dafür einen hohen Preis gezahlt und zahlen ihn weiterhin.

All diese Entwicklungen machen den strategischen Auftrag der YPJ deutlich: Heute kämpfen tausende Frauen unterschiedlicher Herkunft und Nationalität in unseren Reihen. Wenn wir heute vom Sieg über den IS sprechen, dann war das nur möglich durch die kollektive Kraft und das gemeinsame Denken der Frauen. Dieser historische Sieg hat enge Grenzen gesprengt und die selbstbestimmte Frau mit einer eigenen Identität sichtbar gemacht.

Heute hat niemand mehr das Recht, über das Leben einer Frau zu bestimmen oder für sie Entscheidungen zu treffen. Die YPJ haben mit dem Blut und Einsatz tausender gefallener Kämpferinnen die Grundlage für die freie Identität der Frau geschaffen – das zu betonen, ist für mich eine moralische Pflicht.

YPJ-Kämpferinnen hissen an Newroz 2019 ihre Fahne in der letzten IS-Hochburg Baghuz © Nazım Daştan

Unsere Identität ist Ergebnis des Kampfes

Auch wenn unsere militärische Stärke weltweit bekannt ist, muss man wissen: Die eigentliche Kraft der YPJ speist sich aus den Ideen der Freiheit. Es ist unsere geistige Stärke, die es uns erlaubt, zur Waffe zu greifen – und das nur im Dienste eines höheren Ziels. Wenn ein bewaffneter Kampf nicht der Befreiung der Frau und der Gesellschaft dient, dann hat er für uns keinen Sinn. Ohne den freien Willen und die Entscheidungsmacht der Frauen wäre der Kampf gegen den IS nicht erfolgreich gewesen. Die Beispiele von Kobanê, Efrîn, Serêkaniyê, Aleppo und zuletzt der Tişrîn-Talsperre zeigen eindrücklich, wie wirkungsvoll die Kraft der Frauen sein kann. Mit diesem Selbstbewusstsein haben die Frauen unter der Führung der YPJ eine über Jahrhunderte aufgezwungene, gewaltvolle und patriarchale Denkweise erschüttert. Und wenn wir heute in Damaskus mit am Tisch sitzen, dann verdanken wir das genau diesem Kampf.

Es muss klar sein: Ohne Frauen am Verhandlungstisch wird es keine Lösung geben. Unsere Teilnahme bedeutet nicht nur die Präsenz der YPJ – gemeint ist, dass der kollektive Wille der Frauen dort vertreten sein muss. Man darf nicht vergessen: In den letzten 13 Jahren waren es die Frauen, die die Errungenschaften der Bevölkerung in Rojava und Nordostsyrien verteidigt haben. Deshalb sind sie heute in allen Verteidigungs- und Gesellschaftsstrukturen führend aktiv. Seit Beginn des Dialogprozesses sind Frauen in allen Komitees als zentrale Kraft vertreten.

Natürlich dürfen wir bei all diesen Bemühungen unsere grundlegenden Prinzipien nicht aus dem Blick verlieren. Die Identität der YPJ beruht auf einer säkularen und demokratischen Linie – das gilt sowohl für unsere militärischen Strukturen als auch für unsere organisatorische Arbeit. Solange das Wohl der Bevölkerung im Mittelpunkt steht, ist jede und jeder willkommen in unserem demokratischen System. Unsere roten Linien sind klar: Freiheit, Gleichheit und Demokratie. Mit diesen Prinzipien sitzen wir am Verhandlungstisch.

Die YPJ sind eine Frauenverteidigungseinheit mit säkularer Struktur. Wie kann sich eine solche Kraft mit einem Regime arrangieren, das – wie unter Ahmed al-Scharaa – auf religiösen Referenzen basiert?

Es muss allen klar sein, dass die YPJ in der gesamten Region und darüber hinaus als eigenständige Frauenverteidigungskraft anerkannt sind. Für uns gibt es keinerlei Voraussetzung, um in die syrische Armee aufgenommen zu werden – unsere oberste Richtschnur ist und bleibt der Schutz der Frauenrechte, überall und unter allen Umständen. Ob innerhalb der syrischen Armee oder unabhängig davon: Die YPJ werden weiterhin an ihren grundlegenden Zielen festhalten – mit Entschlossenheit und Beharrlichkeit.

Auch wenn wir derzeit als autonome Kraft in Nord- und Ostsyrien agieren, werden die YPJ künftig eine bedeutende Rolle im System spielen und dabei zum Schutz des öffentlichen Interesses beitragen. Gleichzeitig stellen wir klar: Wir werden keine Denkweise akzeptieren, die uns zur Aufgabe oder Unterordnung zwingen will. Die YPJ werden mit ihrer Stärke ein zentraler Faktor beim Schutz der syrischen Nation und aller Gebiete des Landes sein – gerade im Angesicht von Bedrohungen und Angriffen. Aber ich wiederhole: Das bedeutet keinesfalls, dass wir unsere Autonomie aufgeben oder uns unterwerfen werden.

In diesem Zusammenhang stellt sich erneut die Frage der Integration. Integration bedeutet letztlich auch Verschmelzung. Ist es nicht schwierig für eine säkulare Frauenkraft wie die YPJ, möglicherweise Seite an Seite mit radikalen Islamisten oder dschihadistischen Söldnern in anderen Teilen Syriens zu agieren?

Ein Punkt, den unsere Bevölkerung klar verstehen muss, ist: Die YPJ sind kein Teil der sogenannten Integrationspläne. Natürlich ist die Beteiligung an gemeinsamen militärischen Anstrengungen ein gesondertes Thema – aber unsere strukturelle Autonomie werden wir unter allen Umständen bewahren.

Spezialkräfte der YPJ im Januar 2025 im Widerstand um die Tişrîn-Talsperre © ANF

Unsere Haltung richtet sich nicht allein gegenüber der syrischen Regierung oder Armee, sondern gilt auch innerhalb der Demokratischen Kräfte Syriens (QSD), unter deren Dach wir als eigenständige Kraft bis heute bestehen. In gemeinsamen Verteidigungsfragen agieren wir koordiniert, doch innerhalb des Bündnisses behalten wir unsere eigene Identität und Entscheidungsgewalt.

Frauen müssen mit am Tisch sitzen

Niemand sollte erwarten, dass die YPJ sich anderen Kräften angleichen. Im Gegenteil: Dank unserer Autonomie und Expertise haben wir überall das Recht und die Pflicht, Frauenrechte zu verteidigen. Wir verstehen uns als Schutzmacht für die Frauen und die Bevölkerung Syriens – und gleichzeitig als autonome Kraft, die die Errungenschaften der Rojava-Revolution verteidigt. Daraus ergibt sich: Wo auch immer es erforderlich ist, werden die YPJ für die Frauen Syriens und ihre Gemeinschaften eintreten. Das ist für uns nicht verhandelbar.

Sollte die Regierung in Damaskus wirklich zu einem Wandel bereit sein, muss sie als erstes das Recht auf Freiheit für Frauen und alle gesellschaftlichen Gruppen gleichermaßen anerkennen.

Und nochmals: Wenn die neue syrische Armee an der alten Geisteshaltung festhält, ist eine Zusammenarbeit mit uns ausgeschlossen. Nicht etwa, weil wir von ihnen abgelehnt würden – sondern weil wir selbst uns entschieden gegen eine Beteiligung an solchen Strukturen stellen. Sollte der Wille der Frauen nicht anerkannt, sondern wie eine bloße Beute behandelt werden, werden die YPJ sich unter keinen Umständen an ihrer Seite positionieren. Und niemand wird das Recht haben, uns zu einer solchen Beteiligung zu zwingen.

In Nord- und Ostsyrien existiert ein säkulares Gesellschaftsmodell unter weiblicher Führung. Die Regierung in Damaskus hingegen orientiert sich weiterhin an Scharia-basierten Strukturen. Bedeutet eine Integration der YPJ in die syrische Armee nicht zwangsläufig Zugeständnisse bei der Frauenrevolution? Oder sehen Sie darin vielmehr eine neue Etappe Ihrer Bewegung?

Es gibt die Hoffnung, dass sich die bestehende Denkweise verändern lässt. Gleichzeitig zeigt die derzeitige Haltung der Übergangsregierung in Damaskus, dass sie weder der Gesellschaft dient noch irgendeine Garantie für den Schutz von Frauenrechten bietet. Sollte sich diese Regierung jedoch kritisch mit ihrer Vergangenheit auseinandersetzen und sich ernsthaft nach den Normen von Wandel und Transformation neu ausrichten, dann könnten die Rechte der Frauen und der Völker Syriens geschützt werden. Nur unter diesen Bedingungen wäre eine Zusammenarbeit beim Aufbau eines demokratischen Systems für uns denkbar.

Keine Unterordnung unter religiöse Strukturen

Als YPJ und als Frauenbewegung glauben wir daran, ein gleichberechtigtes und demokratisches System schaffen zu können. Auf dieser Grundlage kann das Konzept der Integration eine neue Bedeutung bekommen. Für uns heißt Integration keineswegs, dass wir so werden wie sie – im Gegenteil: Unser Verständnis von Integration bedeutet, dass sie sich verändern. Unser Ziel ist es, sie in Richtung einer freien und demokratischen Haltung weiterzuentwickeln. Das ist in unseren Augen wahre Integration.

Rohilat Efrîn (r.) auf der vierten Konferenz der YPJ im Juli 2024 © ANF

Wir stellen fest, dass die derzeitige Führung zunehmend erkennt, dass die Gesellschaft Syriens sie in ihrer bisherigen Form nicht mehr akzeptiert – und dass Veränderung notwendig ist. Das ist ein positives Zeichen. Sollte sich jedoch an der bisherigen Geisteshaltung nichts ändern, ist ein gemeinsamer Weg mit ihnen ausgeschlossen.

Es ist absehbar, dass die Übergangsregierung unter Ahmed al-Scharaa der Autonomie der YPJ nicht ohne Weiteres zustimmen wird. Welche Haltung würden Sie in einem solchen Fall einnehmen? Wäre das gleichbedeutend mit dem Ende der YPJ?

Betrachtet man die globale Entwicklung, so ist klar erkennbar, dass vielerorts der Wille zum Wandel besteht. Auch bei uns in Syrien liegt es auf der Hand, dass Demokratie und ein dezentraler Staatsaufbau nur mit der Kraft der Frauen möglich sein werden. Die Verantwortung dafür liegt eindeutig bei den YPJ.

Ich betone noch einmal deutlich: Die YPJ sind kein Bestandteil eines klassischen Integrationsprozesses. Sie sind eine autonome Kraft mit eigenem Kommando. Innerhalb des gesamtgesellschaftlichen Mechanismus werden sie jedoch aktiv an der Wahrung öffentlicher Interessen mitwirken.

Alle Werte, die in den letzten zwölf Jahren entstanden sind, sind das Ergebnis eines langen Kampfes. Niemand hat uns Frauen diese Rechte geschenkt – und deshalb hat auch niemand das Recht, sie uns wieder zu nehmen. Es gibt keine Macht, die die Rechte der Frauen leichtfertig einschränken kann. In dieser Hinsicht sind wir zuversichtlich und haben volles Vertrauen in unsere eigene Stärke.

Integration nur unter demokratischen Bedingungen

Es muss unmissverständlich klar sein: Integration bedeutet für uns nicht, Zugeständnisse zu machen. Wir verstehen Integration als Ausdruck von Solidarität, Partnerschaft und demokratischer Einheit. Wir hoffen, dass auch die Gegenseite diese Haltung teilt. Sollte es jedoch zwischen uns und der Regierung in Damaskus keine Übereinkunft geben, wird es auch keine Lösung geben.

Die Phase nach dem Zusammenbruch des alten Regimes steckt noch in den Anfängen. Was jetzt zählt, ist, dass alle Seiten eine freie Sichtweise entwickeln und die Identität der Frau respektieren. Wenn der Wille der Frauen nicht auch verfassungsrechtlich anerkannt wird, zeigt das nur, dass es keinen ernsthaften Willen zum Wandel gibt.

Die derzeitige Regierung in Damaskus ist nicht nur weit davon entfernt, Frauenrechte anzuerkennen – sie ist auch in einem zentralistischen Machtverständnis verhaftet. Die Anerkennung des Willens der YPJ wäre weit mehr als eine Zustimmung zur Regierung: Es wäre eine Anerkennung der YPJ als legitime Kraft auf der internationalen Bühne. Und wenn die Regierung wirklich an einer Lösung interessiert ist, muss sie die freie Entscheidungsmacht der Frauen anerkennen – das ist für uns eine Grundvoraussetzung.

Die YPJ sind heute die zentrale Garantin für den Schutz der Frauenrechte in Syrien. Ihre Auflösung steht nicht zur Debatte. Je nach Entwicklung mag es organisatorische Anpassungen geben – aber in jeder denkbaren Konstellation werden die YPJ als Schutzkraft der Frauen weiter bestehen.

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