Kommandant Hemo: QSD-Integration nur mit Anerkennung aller Gruppen
Die Demokratischen Kräfte Syriens zeigen sich offen für eine Eingliederung in die syrische Armee. Doch Kommandant Sîpan Hemo stellt Bedingungen: Der Prozess müsse auf gegenseitigem Respekt beruhen und alle Volksgruppen gleichberechtigt einbinden.
Die Demokratischen Kräfte Syriens (QSD) haben ihre grundsätzliche Bereitschaft erklärt, sich in eine künftig neu strukturierte syrische Armee zu integrieren. Dies könne jedoch nur unter bestimmten Voraussetzungen geschehen, sagte Sîpan Hemo, Mitglied des QSD-Kommandorats und der militärischen Verhandlungsdelegation mit der Übergangsregierung in Damaskus, in einem ausführlichen Interview mit dem Medienzentrum der QSD.
Voraussetzung sei, dass der Vereinigungsprozess die politische, gesellschaftliche und militärische Identität der QSD respektiere und die Rechte aller ethnischen und religiösen Gemeinschaften in Syrien gewährleiste. Die nächsten Schritte der Übergangsregierung in Damaskus würden darüber entscheiden, ob sich der Prozess beschleunige, stagniere oder ganz zum Stillstand komme.
Verhandlungen seit März 2025 – bisher nur vage Zusagen
Bereits im März 2025 hatten die QSD und die syrische Übergangsregierung ein erstes Grundsatzpapier unterzeichnet, das die Möglichkeit einer Eingliederung des Bündnisses in eine neu aufzubauende nationale Armee vorsah. Seither laufen Gespräche, an denen auch internationale Vermittler, unter anderem aus den USA, beteiligt sind.
Beim jüngsten Treffen in Damaskus sei zwar eine positive Atmosphäre
spürbar gewesen, konkrete Ergebnisse seien jedoch ausgeblieben, so Hemo.
„Es gab lediglich mündliche Zusicherungen, aber keine greifbaren
Schritte oder schriftlichen Vereinbarungen“, sagte er. Vielmehr herrsche
nach wie vor tiefes Misstrauen gegenüber dem politischen Kurs der
Regierung.
„Integration darf nicht Auslöschung bedeuten“
Die QSD sähen sich nicht nur als militärische Kraft, sondern als Ergebnis eines politischen und sozialen Projekts, das auf der Verteidigung demokratischer und partizipativer Werte beruhe. „Unsere Gründung war eine Reaktion auf jahrzehntelange Ausgrenzung, autoritäre Herrschaft und die Bedrohung durch Extremismus. Unsere Existenz gründet auf dem Schutz aller Völker Syriens – Kurd:innen, Araber:innen, Christ:innen, Drus:innen, Alawit:innen und Sunnit:innen“, betonte Hemo.
Der Kommandant kritisierte, dass einige Kräfte innerhalb des syrischen Machtapparats versuchten, die QSD aufzulösen oder ihrer Identität zu berauben – etwa durch die Forderung nach bedingungsloser Unterordnung. „Wer unsere Integration mit unserer Auslöschung verwechselt, betreibt keine nationale Einigung, sondern führt alte Machtlogiken fort“, sagte Hemo. Das sei für die QSD nicht akzeptabel.
Angriffe in Şêxmeqsûd und Eşrefiyê erschüttern Vertrauen
Besondere Besorgnis äußerte Hemo über den Angriff regierungsnaher Kräfte auf die mehrheitlich kurdischen Stadtteile Şêxmeqsûd und Eşrefiyê in Aleppo, die sich trotz des QSD-Rückzugs im Frühjahr weiterhin unter Belagerung befindet. Der Angriff widerspreche den Vereinbarungen vom März und untergrabe jede Vertrauensbildung. „Wenn auf der einen Seite über Einigung gesprochen wird, während auf der anderen Seite unsere Bevölkerung angegriffen wird, sendet das ein fatales Signal“, so Hemo.
Gravierende Entwicklungen habe es in der drusischen Provinz Suweida im Süden des Landes und an der alawitisch geprägten Westküste gegeben – dort waren religiöse Minderheiten Ziel von Massakern geworden. All das zeige, dass die Sicherheitslage weiterhin fragil sei – ein Punkt, der die Notwendigkeit der QSD unterstreiche.
Beispiel Efrîn als Lackmustest
Hemo nannte die Rückführung der Vertriebenen aus Efrîn (Afrin) als konkretes Beispiel dafür, wie die Übergangsregierung zeigen könne, ob sie zu einem neuen politischen Konsens bereit sei. Efrîn war 2018 von der Türkei verbündeten Dschihadistenmilizen besetzt worden, hunderttausende Kurd:innen und Angehörige anderer Minderheiten wurden aus der Region vertrieben. „Wenn die Regierung ernsthaftes Interesse an nationalem Wiederaufbau hat, muss sie mit der Gerechtigkeit für Efrîn beginnen – Rückkehr, Entschädigung, Strafverfolgung“, forderte Hemo.
Die Haltung der Regierung zu Efrîn sei „der Prüfstein für ihre Glaubwürdigkeit“. Gerechtigkeit dort würde Signale an alle anderen Teile des Landes senden – von Deir ez-Zor über Qamişlo bis Homs.
Mangelnde Beteiligung an politischen Prozessen
Ein weiteres Hindernis sieht Hemo in der anhaltenden politischen Marginalisierung der Demokratischen Selbstverwaltung von Nord- und Ostsyrien (DAANES). Diese und auch die QSD und andere Strukturen im Nordosten seien von zentralen Gesprächen über die Zukunft Syriens systematisch ausgeschlossen worden – etwa bei der Erarbeitung einer neuen Verfassung oder bei der Regierungsbildung. „Solange ein großer Teil der Bevölkerung von Entscheidungsprozessen ausgeschlossen bleibt, kann von nationaler Einheit keine Rede sein“, so Hemo. „Ein Staat, der auf Exklusion statt Beteiligung baut, wird niemals stabil sein.“
QSD als nationale Schutzmacht
Hemo betonte mehrfach, dass die QSD sich als Teil einer neuen, pluralistischen syrischen Staatsstruktur verstünden. Sie seien derzeit die einzige Kraft im Land, die in der Lage sei, mit allen gesellschaftlichen Gruppen in Kontakt zu treten und gemeinsame Sicherheitskonzepte zu entwickeln. „Wir sind bereit, den Grundstein für eine neue nationale Armee zu legen – aber auf Augenhöhe, nicht in Unterordnung.“ Er verwies darauf, dass die von den QSD geschützten Gebiete vergleichsweise stabil und sicher seien – im Gegensatz zu vielen anderen Teilen Syriens, in denen weiterhin Gewalt herrsche.
Vertrauen der Bevölkerung als Verpflichtung
Zum Abschluss richtete Hemo einen Appell an die Bevölkerung in Nord- und Ostsyrien, insbesondere in Deir ez-Zor und Raqqa. „Die QSD werden ihr Mandat zum Schutz der Bevölkerung weiterführen – unabhängig von politischen Rückschlägen oder militärischem Druck. Wir haben mit euch gemeinsam den IS besiegt, und wir werden euch auch weiterhin vertreten – auch in Damaskus, wenn nötig“, sagte Hemo. Er warnte vor Versuchen, die Bevölkerung zu spalten oder Misstrauen gegenüber den Errungenschaften der Selbstverwaltung zu säen. „Unsere Einigkeit ist unser stärkster Schutz.“
Kommentare
Kommentar veröffentlichen