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Türkei, Alevitische Verbände: Wir sind konstitutive Kraft für Frieden und Wandel

 


Vor dem UN-Büro in Genf haben alevitische Verbände zur aktiven Beteiligung an einem demokratischen Lösungsprozess in der Türkei aufgerufen. Sie sehen sich als konstitutive Kraft eines gerechten Friedens und fordern gesellschaftliche Mitsprache.

Aktion vor dem UN-Büro in Gen
 
ANF / GENF, 2. Aug. 2025.

Die Föderation der Demokratischen Alevit:innen in Europa (FEDA) und der Verband demokratisch-alevitischer Frauen (DAKB) haben am Sitz der Vereinten Nationen (UN) in Genf eine Erklärung zur aktuellen politischen Lage in der Türkei abgegeben. Parallel dazu fanden auch in Paris und Hamburg öffentliche Stellungnahmen statt.

Im Zentrum der Erklärung stand die Forderung nach gleichberechtigter Beteiligung der Alevit:innen an den vom kurdischen Vordenker Abdullah Öcalan angestoßenen Prozess für Frieden und eine demokratische Gesellschaft. In Anlehnung an den Aufruf des PKK-Begründers vom 27. Februar betonten die Organisationen, dass Frieden nicht nur das Schweigen der Waffen bedeute, sondern auch die Anerkennung von Geschichte, Identität und kollektiven Rechten.

„Frieden ist ein Cem – ein Einvernehmen der Herzen und Völker“, sagte FEDA-Sprecherin Songül Aslan vor dem UN-Gebäude. „Wenn Alevit:innen nicht einbezogen werden, bleibt jeder Friedensprozess unvollständig.“


Neun-Punkte-Forderungskatalog vorgestellt

In ihrer gemeinsamen Stellungnahme erinnerten die Organisationen an die lange Geschichte von Diskriminierung, Gewalt und Assimilierung gegenüber Alevit:innen. Sie machten deutlich, dass sie sich nicht mit einer Beobachterrolle zufriedengeben werden. Sie formulierten neun zentrale Forderungen an die Politik im Kontext einer möglichen verfassungsrechtlichen Neuausrichtung der Türkei:

▪ Recht auf Gleichheit: Verankerung kollektiver Rechte und gleichberechtigter Staatsbürgerschaft in der Verfassung.

▪ Anerkennung von Cemhäusern: Aufhebung des Tekke- und Zawiya-Gesetzes*; Anerkennung von alevitischen Gebetshäusern als religiöse Stätten.

▪ Religiöse Pluralität: Auflösung der Religionsbehörde Diyanet zugunsten eines pluralistischen Glaubensrates.

▪ Bildung: Abschaffung des verpflichtenden Religionsunterrichts; Einführung eines laizistischen und muttersprachlich fundierten Bildungssystems.

▪ Kulturelle Rechte: Schutz der Sprache und religiösen Praktiken kurdischer Alevit:innen im öffentlichen Leben.

▪ Historische Aufarbeitung: Öffnung der Archive zu den Massakern in Dersim, Qoçgirî und Gurgum (Maraş); juristische Aufarbeitung und offizielle Entschuldigung.

▪ Umweltschutz: Ende der ökologischen Zerstörung und Schutz heiliger Orte.

▪ Demokratie: Sicherung demokratischer Repräsentation, unter anderem durch gesetzliche Verankerung des Modells der genderparitätischen Doppelspitze in öffentlichen Ämtern und Abschaffung der Zwangsverwaltung.

▪ Religionsfreiheit in Haft: Verfassungsrechtlich garantierter Zugang zu religiösen Bezugspersonen für inhaftierte Alevit:innen.

„Wir sind nicht Bittsteller, sondern Mitgestalter:innen“

Die alevitischen Organisationen betonten, dass sie sich als Teil eines demokratischen Gesellschaftsprojekts verstehen – nicht als Bittsteller, sondern als Mitgestaltende. Der Vorschlag einer neuen Verfassung dürfe nicht als rein technischer Akt begriffen werden, sondern müsse auf der Zustimmung der Völker basieren.

„Wir sind keine Zuschauer:innen“, so die zentrale Botschaft. „Frieden und Wandel werden nicht ohne uns geschrieben. Wir kämpfen nicht nur für unsere Rechte, sondern für eine pluralistische, gerechte und demokratische Gesellschaft.“

Die Kampagne von FEDA und DAKB wird in den kommenden Tagen mit weiteren Aktionen in Dortmund, Frankfurt und Wien fortgesetzt.


*Das 1925 in der Türkei erlassene „Gesetz zur Schließung der Tekken, Zawiyas und Mausoleen und zur Abschaffung bestimmter Titel wie Scheich, Dede, Derwisch und Seyyid“ verbietet den Betrieb und die Nutzung von religiösen Versammlungsorten abseits staatlich kontrollierter Moscheen, die Führung religiöser Titel sowie religiöse Zeremonien und Rituale, die mit diesen Einrichtungen verbunden sind. Das Gesetz ist bis heute in Kraft und bildet die rechtliche Grundlage dafür, dass zum Beispiel alevitische Cemhäuser oder Räume von Sufi-Orden nicht als offizielle Gebetsstätten anerkannt werden. Stattdessen gelten diese als „Kulturzentren“ oder „Vereinsräume“ – mit eingeschränkten Rechten, insbesondere in Bezug auf Finanzierung, Steuerfreiheit oder Baurecht. Viele Alevit:innen und Angehörige anderer Gruppen, die in der Türkei nicht als eigenständige Religionsgemeinschaft anerkannt sind, sehen das Gesetz als Ausdruck staatlicher Religionskontrolle und Diskriminierung nicht-muslimischer und/oder nicht-sunnitischer Glaubensrichtungen.

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