Syrien: Aufklärung von Menschenrechts-Verbrechen als Widerstand


In Syrien werden täglich neue Menschenrechtsverbrechen begangen, während die alten noch nicht aufgeklärt sind. STJ (Syrians for Truth & Justice) dokumentiert viele dieser Fälle sorgfältig, damit sie juristisch verfolgt werden können – trotz großer Herausforderungen und politischer Hindernisse. Wie gelingt es ihnen, Beweise zu sichern und Gerechtigkeit möglich zu machen?


Mit einem Plakat suchen Angehörige in Damaskus im Mai 2025 nach einem vermissten Studenten, der genau 13 Jahre zuvor im Sadnaya-Gefängnis verschwand. Sein Schicksal ist ungeklärt.

Das Ende des Assad-Regimes bedeutet nicht das Ende von Menschenrechtsverbrechen in Syrien. „Syrians for Truth & Justice“ dokumentiert die Verbrechen aller Akteure in Syrien seit Jahren – damit die Verantwortlichen nicht straflos bleiben. Im Interview erklärt unser Partner Bassam Alahmad, wie das gelingt und warum es so wichtig ist.


Adopt a Revolution (AaR): Ihr untersucht Menschenrechtsverbrechen und versucht, Verantwortlichkeiten aufzuklären. Im Zuge der Verbrechen in Suweida wurden in sozialen Medien viele Videos, Fotos und Dokumente geteilt. Wie überprüft ihr die Glaubwürdigkeit von Bildmaterial, Zeugenaussagen oder anderen Beweisen?

Bassam Alahmad: Wir prüfen Informationen auf mehreren Ebenen. Ein zentrales Instrument ist der Kreuzvergleich: Zu jedem Vorfall sammeln wir mehrere, voneinander unabhängige Zeugenaussagen und gleichen sie sorgfältig ab. Ergänzend suchen wir nach unterstützenden Beweisen – etwa Video- oder Fotoaufnahmen, Berichte anderer Organisationen oder journalistische Recherchen. Eine einzelne Aussage reicht nicht aus. Erst wenn sich viele unabhängige Stimmen und Belege zu einem stimmigen Bild fügen, können wir sicher sein, dass die Ereignisse verlässlich dokumentiert sind.

AaR: Nach welchen Kriterien wählt ihr Fälle aus, die von euch dokumentiert werden?

Alahmad: Wir konzentrieren uns auf klar definierte Menschenrechtsverletzungen: außergerichtliche Tötungen, Folter, Misshandlung, Zerstörung von Eigentum oder gezielte Erniedrigungen und Diskriminierung. Zunächst prüfen wir, ob ein gemeldeter Vorfall diese Kriterien erfüllt. Danach beginnen wir mit der Beweissammlung – vor allem mit Zeugenaussagen, ergänzt durch alle weiteren verfügbaren Quellen, die den Vorfall bestätigen können.

AaR: Wen bezieht ihr in den Dokumentationsprozess ein?

Alahmad: Wir arbeiten ausschließlich mit direkt Betroffenen. Alle unsere Informationen stammen von Zeug*innen, Aktivist*innen, Journalist*innen, Nachbar*innen, Angehörigen und Überlebenden – also von Personen, die das Geschehen selbst erlebt oder unmittelbar miterlebt haben. Sie bilden die Grundlage unserer Arbeit und sind für den gesamten Prozess unverzichtbar.
Wenn beispielsweise aus Suweida ein Vorfall gemeldet wird, beziehen wir keine Personen ein, die nicht vor Ort sind. Es kommt vor, dass sich jemand aus Idlib oder Damaskus äußern möchte – doch wir legen Wert darauf, ausschließlich die Perspektive derjenigen einzuholen, die die Ereignisse tatsächlich erlebt haben. Alles andere wäre unseriös.

AaR: Wie geht ihr mit Risiken für Mitarbeitende und Zeug*innen um?

Alahmad: Der Schutz ihrer Identität hat oberste Priorität. Wir anonymisieren konsequent, kommunizieren über sichere Kanäle und informieren alle Beteiligten transparent über Zweck und mögliche Verwendung ihrer Aussagen. So minimieren wir das Risiko von Racheakten. Ganz ausschließen kann man sie nie.

AaR: Was passiert mit euren gesammelten Daten?

Alahmad: Unsere Dokumentationen werden von vielen Akteur*innen genutzt – vor allem von den Vereinten Nationen (UN). Dazu gehören die Internationale Untersuchungskommission, der Internationale, Unparteiische und Unabhängige Mechanismus IIIM, Sonderberichterstatter*innen sowie das Büro des Hohen Kommissars für Menschenrechte.

Ohne verlässliche und gesicherte Informationen sind juristische Verfahren, Advocacy-Arbeit und politische Interventionen nicht möglich. Dokumentation ist daher die unverzichtbare Grundlage für Gerechtigkeit. Neben den UN-Gremien greifen auch NGOs und investigative Medien auf unsere Beweise zurück. So unterstützen wir nicht nur gerichtliche Verfahren, sondern auch politische Forderungen – etwa für Sanktionen oder Ermittlungen gegen Verantwortliche.

AaR: Hat eure Arbeit bereits zu juristischen oder politischen Konsequenzen geführt?

Alahmad: Ja. Im vergangenen Jahr haben wir gemeinsam mit dem Europäischen Zentrum für Verfassungs- und Menschenrechte eine Strafanzeige bei den UN-Einheiten für Kriegsverbrechen eingereicht. Parallel üben wir politischen Druck aus, damit Regierungen ihre Haltung gegenüber den Verantwortlichen überdenken.

AaR: Was sind derzeit die größten Herausforderungen?

Alahmad: Die größte Hürde ist die Politisierung unserer Arbeit. Manche Staaten oder Organisationen haben kein Interesse daran, aktuelle Verstöße publik zu machen – zum Beispiel, weil sie Geflüchtete zurückschicken wollen. Auch Teile der syrischen Zivilgesellschaft arbeiten parteiisch zugunsten der neuen Machthaber. Es fehlt an unabhängiger Dokumentation, an wirksamer Advocacy und an einer Gerechtigkeitsperspektive, die auch die Verbrechen des neuen Regimes einschließt. Gerechtigkeit darf nicht selektiv, sondern muss umfassend sein. Daran haben derzeit aber nicht alle ein Interesse.

AaR: Gibt es Belege für die Blockade humanitärer Hilfe in Suweida?

Alahmad: Ja. Die Behörden behindern den Zugang systematisch, oft unter dem Vorwand lokaler Kämpfe. Offenbar fühlte sich die Regierung durch internationale Unterstützung geschützt und ging unüberlegte Schritte, die nun zu einer tiefen Spaltung der syrischen Gesellschaft und zu zahlreichen Opfern in der drusischen Gemeinschaft geführt haben. Hauptverantwortlich sind die Übergangsbehörden und Ministerien wie Informations-, Innen- und Verteidigungsministerium.

AaR: Welche Schritte sind jetzt nötig, um eine weitere Gewalteskalation in Syrien zu verhindern, und wer trägt die Verantwortung?

Alahmad: Die Hauptverantwortung liegt bei den Übergangsbehörden, ihren Sicherheitskräften und verbündeten Milizen, die Gewalt und Verstöße gegen Menschenrechte begehen. Sie müssen die Eskalation stoppen, einen echten nationalen Dialog mit den Menschen führen, die Machtverteilung neu ordnen und eine funktionierende Gewaltenteilung einführen. Der Präsident wird derzeit von niemandem kontrolliert. Ohne politischen Willen zu demokratischem Wandel werden wir keine Deeskalation sehen. Die staatlichen Behörden sind das Problem – und zugleich die Lösung.

AaR: Wie kann man eure Arbeit unterstützen?

Alahmad: Die wichtigste Unterstützung ist finanzielle Sicherheit – nur so können wir unsere unabhängige Arbeit fortsetzen. Wir setzen uns für eine umfassende Gerechtigkeit ein, die nicht nur die Verbrechen des Assad-Regimes adressiert, sondern alle Menschenrechtsverletzungen der Vergangenheit und Gegenwart anerkennt, Wiedergutmachung ermöglicht und garantiert, dass sich solche Gräueltaten nicht wiederholen. Politische Solidarität und öffentliches Engagement sind ebenso entscheidend, doch ohne verlässliche Finanzierung syrischer Organisationen wie unserer, die unabhängig von allen autoritären Akteuren arbeiten, ist dieser Wandel nicht möglich.

Viele Organisationen behaupten, unabhängig zu sein, arbeiten aber faktisch mit den Strukturen eines sich neu formierenden Regimes zusammen. Wir hingegen stehen für eine echte Übergangsjustiz, die alle Opfer berücksichtigt und gegen selektive und diskriminierende Aufarbeitung kämpft. Wir wollen keinen neuen autoritären Machtapparat oder eine religiöse Diktatur, sondern einen demokratischen Staat. Um dieses Ziel weiter verfolgen zu können, sind wir dringend auf kontinuierliche, sichere finanzielle Unterstützung angewiesen.

 

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