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Mazlum Abdi II: Syrien braucht eine neue Verfassung – dezentral und inklusiv

 


QSD-Kommandant Mazlum Abdi spricht über die Zukunft Syriens: Warum ein zentralistisches Regime keine Lösung mehr ist, wie Paris zum neuen Verhandlungsort wurde – und welche realen Chancen aktuell für eine politische Neuordnung bestehen.

Dezentralisierung statt alter Baath-Strukturen
 
ANF / ISTANBUL, 5. Aug. 2025.

Im zweiten Teil des Interviews mit der Zeitung „Yeni Yaşam“ analysiert Mazlum Abdi, Oberkommandierender der Demokratischen Kräfte Syriens (QSD), die zentralen Herausforderungen auf dem Weg zu einer politischen Lösung in Syrien. Er spricht über den Stand der kurdischen Einheitsbemühungen, die Dynamik aktueller Verhandlungen mit Damaskus und die wachsende Bedeutung international moderierter Formate wie der geplanten Gespräche in Paris. Deutlich wird: Für Abdi ist ein demokratisches, föderales Syrien ohne strukturellen Wandel nicht denkbar.

Nach der Einheitskonferenz vom 26. April 2025: Wie hat sich der kurdische Einigungsprozess entwickelt?

Die „Konferenz für Einheit und gemeinsame Haltung in Rojava“ war ein historischer Schritt – sowohl für die Kurd:innen in Syrien als auch für den gesamtkurdischen Kontext. Erstmals seit dem Aufkommen der kurdischen Bewegung in Syrien kamen nahezu alle kurdischen Parteien und Persönlichkeiten zusammen, um sich auf ein gemeinsames politisches Programm zu verständigen. Aus dieser Konferenz ging ein zehnköpfiges Verhandlungskomitee hervor, das im Namen der Kurd:innen Gespräche mit Damaskus aufnehmen soll.

Dieses Komitee ist bislang noch nicht aktiv geworden, nicht etwa weil Damaskus sich verweigert hätte, sondern weil derzeit bereits eine andere Gesprächsebene existiert: eine Delegation, der neben Kurd:innen auch arabische und syrisch-aramäische Vertreter:innen angehören, führt derzeit Gespräche mit der Regierung, etwa zur Umsetzung der Vereinbarung vom 10. März. Diese Gespräche betreffen militärische, sicherheitspolitische und administrative Fragen und sind noch nicht systematisch institutionalisiert – befinden sich also weiterhin im Stadium der vorbereitenden Sondierungen.

Wenn dieser Prozess weiter gereift ist, werden wir auf politisch-diplomatischer Ebene das Verhandlungskomitee entsenden. Insbesondere Artikel 2 des 10.-März-Abkommens, der sich auf die Rechte der kurdischen Bevölkerung bezieht, wird dann zur Sprache kommen. Aktuell laufen die organisatorischen Vorbereitungen für diese Mission. Ich bin überzeugt: Diese Delegation kann künftig auch auf internationaler Ebene als legitime Vertretung der Kurd:innen agieren.

Am 9. Juli trafen sich Vertreter:innen der Autonomieverwaltung, HTS, der US-Regierung und Frankreichs in Damaskus. Sie selbst nahmen am 19. Juli an Gesprächen in Amman teil. Welche Zielsetzung hatten diese Formate – und was ist Ihre Perspektive auf das von US-Sondergesandtem Thomas Barrack angedeutete föderale Modell?

Die Erklärung von Botschafter Barrack wurde bereits vor dem Amman-Treffen publik und war im Vorfeld in Damaskus kein offizielles Gesprächsthema. Die Begegnung in Damaskus zielte zunächst auf sogenannte „vertrauensbildende Maßnahmen“ – also praktische, überschaubare Schritte, um überhaupt eine Gesprächsbasis zu schaffen. Trotz einiger Einigungspunkte blieben Fragen offen, die aufgrund mangelnder Vorbereitung vertagt wurden.

Im Anschluss traf ich mich in Amman persönlich mit Herrn Barrack. Unser Gespräch verlief positiv. Es wurde deutlich, dass er die Komplexität der Lage zunehmend realistisch einschätzt – etwa die Tatsache, dass Syrien künftig nicht mehr zentralistisch regiert werden kann. Die Erfahrungen aus dem Bürgerkrieg, insbesondere mit Blick auf die kurdische, drusische und alawitische Frage, zeigen: Es bedarf eines dezentralisierten, pluralistischen Staatsmodells.

Sie sprechen von einem politischen Strukturwandel. Wie müsste ein zukunftsfähiges Syrien aus Ihrer Sicht aussehen?

Nach 14 Jahren Krieg ist klar: Ein Zurück in die zentralistisch-autoritären Strukturen der Baath-Zeit ist weder realistisch noch tragbar. Der Konflikt hatte seine Wurzeln nicht primär in individuellen Fehlschlägen, sondern im autoritären, ausschließenden System selbst. Ein demokratisches, stabiles Syrien wird nur möglich sein, wenn alle ethnischen, religiösen und kulturellen Gruppen – Araber:innen, Kurd:innen, Drus:innen, Alawit:innen, Aramäer:innen, Armenier:innen, Turkmen:innen – gleichberechtigt am politischen Leben teilhaben können.

Das bedeutet konkret: Ein dezentralisiertes System, mit starken lokalen Selbstverwaltungen und einem neuen, inklusiven Gesellschaftsvertrag. Auch die offizielle Staatsbezeichnung „Arabische Republik Syrien“ spiegelt die Realität nicht wider. Syrien gehört nicht nur den Araber:innen. Die Umbenennung wäre ein symbolisch wie politisch wichtiger Schritt.

Ein für den 25. Juli geplantes multilaterales Treffen in Paris – unter anderem mit französischen, US-amerikanischen, britischen sowie syrischen Regierungsvertretern und der Autonomieverwaltung – wurde kurzfristig abgesagt. Was war der Hintergrund?

Die Vorbereitungen waren abgeschlossen. Fünf Akteure sollten teilnehmen: Frankreich, die USA, Großbritannien, die syrische Regierung und unsere Seite. Die Absage erfolgte in letzter Minute – offiziell mit Verweis auf die Entwicklungen in Suweida. Auch wenn wir vorbereitet waren, akzeptierten wir die Verschiebung im Sinne eines konstruktiven Dialogklimas.

Sowohl der französische Außenminister Barrot als auch Botschafter Barrack kontaktierten mich persönlich, bedankten sich für unsere Kooperationsbereitschaft und betonten, dass das Treffen bald nachgeholt werden soll. Ich gehe davon aus, dass die syrische Regierung schlicht nicht ausreichend vorbereitet war. Innenminister al-Schaibani war zwar in Paris, aber offenbar nicht bereit, sich diesem multilateralen Format zu stellen.

Warum Paris? Und warum sollten neue Formate wie dieses erfolgreicher sein als Genf oder Astana?

Paris war unser Vorschlag. Wir sind überzeugt, dass internationale Moderation durch Akteure wie Frankreich und die USA Vertrauen schafft – im Gegensatz zu früheren Treffen ohne neutrale Dritte. Die bisherigen Formate – Genf, Astana – sind gescheitert, weil entscheidende Kräfte nie am Tisch saßen.

Weder die Demokratischen Kräfte Syriens (QSD) noch HTS wurden eingebunden, obwohl sie zentrale Akteure im Land sind. Gleichzeitig missbrauchte das Regime die Verhandlungen zur Zeitgewinnung und ignorierte Resolution 2254 des UN-Sicherheitsrats. Russland, Iran und die Türkei verfolgten in Astana vor allem ihre eigenen geopolitischen Interessen – statt eine gesamtgesellschaftliche Lösung für Syrien zu fördern.

Was unterscheidet die aktuelle Situation von früheren Versuchen?

Heute stehen sich auf dem Boden zwei real existierende Kräfte gegenüber: die Regierung in Damaskus und die QSD. Beide sind bereit, Gespräche zu führen. Parallel dazu übt die internationale Gemeinschaft – insbesondere die USA und die EU – über Sanktionen erheblichen Druck aus. Auch HTS ist als Kraft nicht mehr auszublenden. Wenn es gelingt, ein echtes politisches Einvernehmen zwischen diesen Kräften herzustellen, ist ein nachhaltiger Prozess denkbar.

Doch alles hängt vom politischen Willen ab. Sollte das Regime erneut auf Zeit spielen wie einst unter Baschar al-Assad, wird auch dieser Anlauf scheitern. Aber: Die Voraussetzungen für Fortschritte sind heute besser denn je – sowohl innen- als auch außenpolitisch. Es ist eine historische Chance.

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