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Abdi: Nûreddîn Sofî war Architekt der Baghdadi-Operation

 


QSD-Generalkommandant Mazlum Abdi erinnert an den Revolutionär Nûreddîn Sofî. In einer Gedenkrede würdigt er ihn als „eine der zentralen Figuren der kurdischen Bewegung“, die an der Operation zur Tötung von IS-Führer Abu Bakr al-Baghdadi mitgewirkt habe.

QSD-Kommandant erinnert an einen Weggefährten
 
ANF / QAMIŞLO, 15. Aug. 2025.

Als am 6. April 2021 türkische Kampfflugzeuge ein abgelegenes Gebiet in Gare bombardierten, war es einer von vielen Luftschlägen, wie sie in den vergangenen Jahren zur bitteren Routine in Südkurdistan geworden sind. Was zunächst wie ein weiterer Vorfall in einem langen, asymmetrischen Krieg erschien, entpuppte sich bald als strategischer Schlag: Bei dem Angriff kam Nûreddîn Sofî ums Leben – Guerillakommandant der PKK, Intellektueller und eine der einflussreichsten Figuren der Rojava-Revolution.

In einer Gedenkrede würdigte der Oberkommandierende der Demokratischen Kräfte Syriens (QSD), Mazlum Abdi, den Revolutionär als „eine der zentralen Figuren der kurdischen Bewegung, sowohl politisch als auch militärisch“. Und: Sofî sei maßgeblich an der Operation zur Tötung des IS-Anführers Abu Bakr al-Baghdadi im Jahr 2019 beteiligt gewesen – eine Tatsache, die bislang unter Verschluss geblieben war.

„Heval ê Nûreddîn war derjenige, der die Hinweise auf Baghdadis Aufenthaltsort ernst nahm, während andere noch zweifelten“, sagte Abdi. „Er verfolgte die Spuren, überprüfte sie und trieb die Operation mit Nachdruck voran.“


Kein Mensch der Bühne

Nûreddîn Sofî war kein Mensch der Bühne. Und doch gehörte er zu den Architekten der Rojava-Revolution, wie sie von Kurd:innen in Nord- und Ostsyrien seit 2012 vorangetrieben wurde – einer politischen und gesellschaftlichen Neugestaltung der Region, die trotz aller Rückschläge bis heute Bestand hat.

Geboren in einem kurdischen Dorf nahe Hesekê, wuchs Sofî in einer religiösen, zugleich politisch bewussten Familie auf. Sein Vater war ein respektierter religiöser Gelehrter, der in der mehrheitlich arabischen Umgebung hohes Ansehen genoss. Die familiäre Verwurzelung in traditionellen, zugleich weltoffenen Werten prägte den jungen Nûreddîn nachhaltig.

Bereits in seiner Schulzeit begann er, sich politisch zu engagieren. Während seines Studiums der Physik und Mathematik an der Universität Aleppo – Abdi studierte damals ebenfalls dort – wurde er zu einer führenden Figur innerhalb der kurdischen Studierendenschaft. Neben politischen Aktionen engagierte er sich in kulturellen Initiativen, organisierte Veranstaltungen, las viel und schrieb Artikel für die arabischsprachige Zeitschrift „Dengê Kurdistan“.

Abdi beschreibt Sofî als jemanden, dem Bildung und Aufklärung ebenso wichtig war wie der Widerstand. Er engagierte sich auch in den kurdischen Stadtviertel Aleppos, in Şêxmeqsûd und Eşrefiyê, später auch in Efrîn. Zu Beginn der 1990er Jahre schloss er sich endgültig der PKK an. Er verließ das zivile Leben, um sich vollständig dem Kampf zu widmen – eine Entscheidung, die ihn in den folgenden Jahrzehnten in verschiedene Regionen Kurdistans führte.

Rückkehr nach Rojava – Aufbau unter Beschuss

Als 2013 in Syrien die Selbstverwaltung in Rojava Gestalt annahm, wurde Nûreddîn Sofî zurückgerufen. Die neu entstehenden zivilen und militärischen Strukturen brauchten erfahrene Kader – Menschen, die organisieren konnten, Netzwerke kannten, Praxis im Kampf hatten, aber auch die Gesellschaft verstanden. Sofî erfüllte all diese Anforderungen.

Er arbeitete am Aufbau der Autonomieverwaltung mit, half bei der Gründung lokaler Räte, unterstützte die Ausbildung der Sicherheitskräfte (Asayîş), organisierte Schulungen und kümmerte sich um soziale Konflikte zwischen Bevölkerungsgruppen. Besonders in den Jahren 2013 bis 2015, als die Selbstverwaltung noch in den Kinderschuhen steckte, war sein Einfluss spürbar.

„Er war jemand, dem man vertraute“, sagt Mazlum Abdi. „Sowohl innerhalb der Bewegung als auch in der Bevölkerung.“

Dieses Vertrauen war von zentraler Bedeutung – insbesondere in einem Gebiet, das nicht nur ethnisch und religiös vielfältig ist, sondern auch durch Jahrzehnte der Marginalisierung, Repression und Gewalt tief gespalten war. Sofî sprach fließend Arabisch, kannte die kulturellen Feinheiten und vermittelte zwischen Kurd:innen, Araber:innen, Assyrer:innen und anderen Gruppen.

An der Front gegen den IS

Mit dem Erstarken der Terrormiliz „Islamischer Staat“ (IS) ab 2014 rückte der militärische Kampf in den Vordergrund. Spätestens ab 2016 übernahm Sofî operative Verantwortung an der Front. Er war beteiligt an der Befreiung von Raqqa – der einstigen IS-Hauptstadt in Syrien – und spielte als anführender Kommandant eine Schlüsselrolle in Deir ez-Zor sowie in der finalen Offensive in Baghuz, wo sich der harte Kern der verbliebenen IS-Söldner verschanzte.

„Raqqa war der schwierigste Kampf“, erinnert sich QSD-Generalkommandant Abdi. „Die Stadt war vermint, verschlossen, strategisch verteidigt. Der IS wollte Raqqa um keinen Preis aufgeben. Doch Hevalê Nûreddîn war immer dort, wo es am schwierigsten war. Wenn sich die Lage festgefahren hatte, suchte er nach Lösungen – immer mit kühlem Kopf.“

Auch in Efrîn, Serêkaniyê und Girê Spî war Nûreddîn Sofî präsent. Als die Türkei 2018 und 2019 in diese Städte einmarschierte, um die kurdischen Selbstverwaltungsstrukturen zu zerschlagen und Teile Rojavas zu besetzen, organisierte er den Widerstand – oftmals unter extrem schwierigen Bedingungen.

Die geheime Operation gegen Baghdadi

Besonders brisant ist jedoch Abdis Schilderung von Sofîs Rolle in der Operation gegen Abu Bakr al-Baghdadi. Der selbsternannte Kalif des IS war über Jahre Ziel internationaler Fahndung. Mehrfach gab es Hinweise auf seinen Aufenthaltsort, doch viele stellten sich als falsch heraus.

Laut Abdi gehörte Nûreddîn Sofî zu jenen, die eine entscheidende Spur ernst nahmen, sie nachverfolgten, überprüften und schließlich für glaubwürdig hielten. Seine Arbeit trug dazu bei, dass die US-Spezialeinheiten im Oktober 2019 in Idlib zuschlugen – und Baghdadi sich in einem unterirdischen Tunnel selbst in die Luft sprengte.

„Ohne Hevalê Sofîs Ausdauer wäre diese Operation vielleicht nie zustande gekommen“, sagt Abdi. Er habe überzeugt, organisiert, die nötigen Gespräche vorbereitet. „Er war derjenige, der sagte: Diese Chance ist real.“

Ein schmerzlicher Verlust

Am 6. April 2021 hielt sich Nûreddîn Sofî in den Gare-Bergen in Südkurdistan auf – als Gast. Bei einem gezielten Luftangriff der türkischen Armee im Dorf Yekvanê wurde er getötet. Über seinen Tod wurde zunächst nicht gesprochen. Erst jetzt, vier Jahre später, gaben die Volksverteidigungskräfte (HPG) seine Identität offiziell bekannt.

„Wir mussten aus verschiedenen Gründen warten“, so Abdi. „Aber jetzt ist die Zeit gekommen, sein Andenken öffentlich zu ehren.“

In Nordostsyrien wird Nûreddîn Sofî als Held verehrt – nicht im Sinne eines martialischen Kriegshelden, sondern als jemand, der Brücken baute, Systeme aufbaute, Krisen löste, und immer dort war, wo es am schwierigsten war.

Mazlum Abdi sagt zum Abschluss: „Sein Verlust trifft uns tief, aber sein Lebenswerk wird uns weiterhin leiten. Wir sind entschlossen, seinen Kampf für Freiheit, Gerechtigkeit und ein demokratisches Zusammenleben aller Völker Syriens fortzuführen. Hevalê Sofîs Spuren sind überall. Und es ist unsere Pflicht, sie zu bewahren.“

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