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„Die internationale Gemeinschaft muss Verantwortung für Hol übernehmen“

 


Der QSD-Kommandant Serdar Cûdî warnt vor der Gefahr, die von Camp Hol in Nordsyrien ausgeht. Dort wächst eine Generation von Menschen heran, die vollkommen von der IS-Ideologie durchdrungen ist.

Seit nunmehr einer Woche dauert die Sicherheitsoperation gegen Strukturen der Terrororganisation „Islamischer Staat“ (IS) im Auffang- und Internierungslager Hol an. Das Camp nahe Hesekê im Nordosten Syriens gilt als einer der gefährlichsten Orte der Welt und als heimliche Hauptstadt des IS. Serdar Cûdî ist einer der Kommandanten der Demokratischen Kräfte Syriens (QSD), die den Einsatz gemeinsam mit den Frauenverteidigungseinheiten (YPJ) und der Asayîş, der Sicherheitsbehörde der Demokratischen Selbstverwaltung, durchführen. „Hol ist zu einer Akademie des IS geworden“, sagt Cûdi. Mit ANF hat er über die Fortschritte der Operation und die türkische Unterstützung für das Wiedererstarken des IS gesprochen.

Sie bekämpfen seit Jahren den IS. Gleichzeitig dauern die türkischen Angriffe auf Nord- und Ostsyrien an. Welche Auswirkungen haben diese Angriffe auf den Anti-IS-Kampf?

Seit zwölf Jahren herrscht im Nahen Osten ein intensiver Krieg. Die kapitalistischen Mächte sind auf Expansionskurs und wollen ihre Projekte für die Region verwirklichen. Auch Syrien ist Teil dieser Politik. Syrien, der Irak und viele andere Länder sind im Ringen um Einflusssphären zersplittert worden. Es geht um wirtschaftliche, militärische und politische Projekte, die von den kapitalistischen Mächten verfolgt werden. Der türkische Staat ist einer dieser Akteure. Es geht ihm in keiner Weise um das „Wohl der Völker“, wie Ankara immer wieder vorgibt. Das einzige Ziel der Türkei in Syrien ist, den Traum von Misâk-ı Millî, die Grenzen des osmanischen Nationalpakts (von 1920), im Nahen Osten zu verwirklichen. Das ist kein Geheimnis. Die türkische Führung bringt dieses Vorhaben immer wieder und auch sehr deutlich zum Ausdruck. Die faschistische Partei MHP etwa, die an der Regierung beteiligt ist, stellt die Grenzen der Türkei ständig in Frage und erhebt Anspruch auf Teile von Syrien und dem Irak. Dabei verweist sie auf den „Nationalpakt“ von 1920, der eine Türkei vorsah, zu der Mossul, Kerkûk und Aleppo gehören sollten. Die heutige Präsenz türkischer Truppen im Irak und in Syrien offenbart ohnehin das wahre Ziel, nämlich Teile der Nachbarländer der Türkei territorial einzunehmen. Unsere Kraft und unser Modell der autonomen Selbstverwaltung sind Hindernisse, die diesem Projekt des türkischen Staates im Wege stehen.


Wir leben zusammen mit allen Völkern Nord- und Ostsyriens in einem demokratischen System. Viele Staaten und Kreise, insbesondere die Türkei, arbeiteten darauf hin, einen kurdisch-arabischen Konflikt heraufzubeschwören. Diese Pläne sind jedoch gescheitert. Die arabische, assyrische und kurdische Bevölkerung hat hier Seite an Seite einen großen Kampf geführt, der bis heute andauert. Wenn wir uns den Preis der Revolution ansehen, müssen wir auch von Zehntausenden von Gefallenen sprechen – Gefallene aller Völker Nord- und Ostsyriens. Dem türkischen Staat ist genau dieser Wille ein Dorn im Auge. Deshalb greift er mit allen Mitteln der Kriegsführung an. Diese Angriffe finden im Grunde seit Jahren ohne nennenswerte Unterbrechung statt und verfolgen unter anderem das Ziel, die QSD zu vernichten. Dafür setzt der türkische Staat auch auf Methoden der Spezialkriegsführung. Er wird aber kaum in der Lage sein, unser Bündnis zu zerschlagen. Die QSD sind das Resultat eines zwölfjährigen Krieges und des Widerstands. Wir sind eine Armee, die sich aus eigenem Bewusstsein, eigenem Willen und eigener Kraft selbst geschaffen hat. Aus diesem Grund greift der türkische Staat jetzt zivile Einrichtungen an. Er greift die Versorgungsinfrastruktur der Bevölkerung an. Die Zivilbevölkerung befindet sich im Visier der Angriffe. Sie soll eingeschüchtert und aus der Region vertrieben werden. Darum geht es eigentlich. Der türkische Staat versucht, sich für seine Niederlage gegenüber den QSD an der Bevölkerung zu rächen. Er greift militärisch, politisch und gesellschaftlich auf allen Ebenen an.

„Es besteht ein großes Risiko des Wiedererstarkens des IS“

Der IS war die größte Gelegenheit für den türkischen Staat. Ankara versucht mit Hilfe von solchen Gruppierungen, seine Pläne für den Nahen Osten umzusetzen. Die Gefahr eines Wiedererstarkens des IS ist sehr groß. In den Wüstenregionen Syriens attackiert die Miliz praktisch täglich militärische Stellungen von Truppen der Regierung von Damaskus. Sie organisiert sich im Irak, in Syrien und in Afrika neu. Es liegen auch viele Informationen vor, dass sich der IS in Idlib neu aufstellt. Einige Staaten und Kräfte haben ein Interesse daran, dass der IS wieder stark wird. Denn niemand will, dass es eine Lösung in Syrien gibt. Die QSD und der Demokratische Syrienrat (MSD) haben ein Lösungsprojekt. Seit zehn Jahren leben wir in diesem System. Wir leben in einem demokratischen System gemeinsam mit allen Völkern.

„Der IS profitiert am stärksten von den türkischen Angriffen“

Der IS profitiert am stärksten von den Angriffen des türkischen Staates. Ein aktuelles Beispiel ist der Terror gegen die Asayîş. Bereits kurz vor Beginn der dritten Phase der Humanitären Sicherheitsoperation in Camp Hol hat die Türkei die Sicherheitskräfte von Nord- und Ostsyrien angegriffen und mehrere ihrer Angehörigen getötet beziehungsweise verletzt. Es handelte sich um Einsatzkräfte, die für diese Operation eingeteilt waren. Letzten Freitag wurden dann vier Asayîş-Mitglieder bei einem Drohnenangriff ermordet. Mit diesen Angriffen schickt uns der türkische Staat die folgende Botschaft: ‚Ihr dürft den IS nicht anrühren‘. Diese Terrorbanden stützen sich mittlerweile vollständig auf ihren Schutzpatron in Ankara. Jeder Angriff auf uns gibt ihnen Kraft und Moral. Zusammengefasst lässt sich sagen, dass es hier noch lange nicht vorbei ist mit dem IS. Es besteht die Möglichkeit, dass er in der nächsten Zeit größere Angriffe durchführen wird. 

Sie führen gerade die dritte Phase der Sicherheitsoperation in Hol durch. Können Sie uns etwas über die Lage im Camp berichten?

Als es Anfang 2022 zu der versuchten Erstürmung des Sinaa-Gefängnisses in Hesekê kam, fanden parallel dazu Angriffe in Camp Hol statt. Dass es bei einer kurzfristigen Meuterei blieb, war auf die Botschaft eines IS-Emirs aus dem Irak zurückzuführen. „Ihr esst eure Mahlzeiten und erhaltet eure Ausbildung in diesem Lager. Warum erhebt ihr euch jetzt? Wir brauchen euch. Das, was in Sinaa passiert, ist ein anderes Projekt von uns“, hieß es. Mit anderen Worten: Das Camp fungiert als Akademie des IS. Militärisch habe ich keine Angst vor 20-jährigen IS-Söldnern. Aber man fürchtet sich vor einer Generation, die von Geburt an mit der IS-Mentalität aufwächst. Die IS-Mentalität wird den Kindern hier wie Milch eingeflößt. Wenn diese Kinder heranwachsen, dann wächst auch Tag für Tag die IS-Mentalität mit ihnen. Die Kinder, die im Camp Hol groß werden, wachsen mit der Idee auf: „Ich bin der IS, ich werde verfolgt, alle anderen Menschen sind Ungläubige.“ Sie nennen uns Ungläubige, äußern den Wunsch, uns zu töten und unsere Köpfe rollen zu lassen. Viele sagen, es sei nicht die Frage ob, sondern wann Camp Hol explodiert. Das Lager ist aber bereits explodiert. All diese Kinder werden in einer terroristischen Haltung indoktriniert. Die QSD haben hier die Verantwortung übernommen. Aus humanitärer Verpflichtung heraus werden wir diese Aufgabe natürlich erfüllen. Wir können nicht zulassen, dass die IS-Zellen wachsen und sich ausbreiten. Es befinden sich jedoch Menschen aus Dutzenden von Ländern im Camp Hol. Viele dieser Herkunftsstaaten sind bis heute nicht bereit, ihre Bürgerinnen und Bürger zurückzuholen. Sie weigern sich sogar, auch nur eine von diesen Familien aufzunehmen. Ich spreche von etwa 50.000 Menschen, von denen ein Großteil dem IS treu ergeben ist. Wer kann die Verantwortung für die Gefahr übernehmen, die von diesen IS-Anhängern ausgeht? Viele Länder sagen ganz offen, dass sie das Risiko angesichts der Gefahr, die von diesen Leuten für die eigene Gesellschaft ausgeht, nicht eingehen wollen. Großbritannien etwa stellt sich auf diesen Standpunkt, wie zahlreiche andere Länder auch. Wenn eine einzige IS-Familie diese Furcht auslöst, was sollen wir dann im Hinblickt auf 50.000 IS-Leute machen, die in Camp Hol festgehalten werden? Stellen sie für uns denn dann keine Gefahr dar, die durch die Angriffe des türkischen Staates noch größer wird? Für Hol ist ernsthafte Unterstützung und Hilfe notwendig. Damit meine ich aber nicht Waffen oder materielle Hilfe. Die Unterstützung, von der ich spreche, ist die Schaffung einer gemeinsamen Einheit mit der Selbstverwaltung, dem MSD und den QSD für den Antiterrorkampf. Dieses Lager sollte auf der Tagesordnung der ganzen Welt stehen. Camp Hol kann nur mit größtem Aufwand inspiziert werden. Auch die Verteidigungskapazitäten der QSD sind begrenzt. „Ihr habt es nicht geschafft“ ist kein Argument, das wir akzeptieren werden, sollte die Lage außer Kontrolle geraten. Wir sind nur einige Hundert, die hier die gesamte Menschheit vor 50.000 IS-Angehörigen schützen.

Das Camp Hol liegt in der Nähe der syrisch-irakischen Grenze. Der größte Teil der Umgebung des Lagers ist Wüste. Wenn sich die Wetterbedingungen verschlechtern, ist unsere Überwachungstechnik praktisch wirkungslos. Hunderte Menschen können dann unentdeckt in dem Lager ein- und ausgehen und vom IS ausgebildet werden. Während der Operation fanden wir Dokumente, in denen die Grundlagen des sogenannten Dschihad Punkt für Punkt aufgeführt sind. Diese Dokumente sind auf Türkisch verfasst und in Istanbul gedruckt worden, um Kinder zu schulen. Neben Vorgaben, was der Dschihad sei, gibt es darin auch Regeln wie: „Jeder Muslim muss einen Dschihad gegen Ungläubige führen.“

„Wir ziehen Monster in unserem Schoß heran“

Sieht der türkische Staat das alles nicht? Natürlich tut er das. Alle IS-Söldner, die aus Europa kamen, reisten über die Türkei ein. Seit Tagen berichten die türkischen Medien über Gewalt und Unterdrückung im Camp Hol. Die Welt beobachtet diese Operation. Die QSD machen diese Operation nicht allein. Die internationale Koalition verfolgt diese Operation ebenfalls aufmerksam und ist sich der Gefahr durch den IS im Lager bewusst. Wir sahen die Notwendigkeit einer solchen Maßnahme und setzen sie in die Tat um. Es könnte in Zukunft noch mehr solche Operationen geben. Vielleicht wird es eine vierte und fünfte Phase geben. In der ersten Phase wurden Dutzende von Waffen und Munition beschlagnahmt. Die Befehlshaber, die IS-Aktionen im Irak und in Syrien planten, kamen aus diesem Lager. Der IS-Emir Abu Obeida al-Iraqi wurde erst kürzlich in diesem Lager getötet, doch direkt danach wurde ein Nachfolger ernannt. Der IS ist in diesem Lager in jeder Hinsicht systematisch organisiert. Selbst die jüngeren unter den Kindern hier wissen, wie man sich nach IS-Regeln zu verhalten hat. Sie zerstören die Einrichtungen für Solarenergie und die Lampen im Lager und trainieren an Katzen und Hunden das Köpfen. Sie sagen ganz offen, dass sie Kinder des Kalifats sind, dass der IS nicht verschwunden ist, dass es ihn gibt und dass er alle Ungläubigen zur Rechenschaft ziehen werde. Es wächst eine neue Generation von IS-Mitgliedern heran. Die erste Generation verfiel in einem bestimmten Alter dieser Ideologie. Aber die neue Generation, die hier aufwächst, wird in den Armen ihrer Mütter zu IS-Mitgliedern. Diese Kinder werden in den IS hineingeboren. In ein paar Jahren wird es vielleicht nicht mehr möglich sein, diese Generation zu kontrollieren. Wir ziehen tatsächlich ein Monster in unserem Schoß auf. Der Irak ist nah, es gibt viele Dörfer in der Umgebung des Lagers. Die Massaker der IS sind bekannt. Er hat in vielen Ländern und vielen Orten Massaker begangen. Es wurden bereits einige militärische Maßnahmen ergriffen, aber diese Maßnahmen werden nicht ausreichen. Die internationale Koalition sollte mehr Unterstützung leisten und die ganze Welt sollte diese Verantwortung teilen.

Die Operation läuft seit einer Woche. Wie hat sie sich entwickelt, welche Ergebnisse gibt es?

Die dritte Phase der Operation dauert nun schon mehr als eine Woche. Wie ich bereits eingangs sagte, wirkten sich die Angriffe des türkischen Staates negativ auf die Operation aus. Auch die winterlichen Bedingungen haben uns Schwierigkeiten bereitet. Alle unsere militärischen und zivilen Einrichtungen haben wirklich größte Opferbereitschaft gezeigt. Zu Beginn der Operation wurde die Planung diskutiert und entsprechend vorgegangen. In den ersten drei Tagen wurde die Muhadschirat-Sektion durchsucht. In dieser Sektion leben ausschließlich ausländische Frauen und ihre Kinder. Und man kann sagen, dass dieser Bereich der gefährlichste und problematischste Teil des Lagers ist. Es sind Frauen aus diversen Staaten, die ihre Bürgerinnen und deren Kinder abgeschrieben haben. ‚Warum tötet ihr sie nicht?‘ ist eine Frage, die uns häufig gestellt wird. Wir dürfen Gefangene nicht töten. Dies ist ein moralischer Grundsatz der QSD, nicht nur weil das Völkerrecht es so vorschreibt. Es gibt so viele Konventionen, die zwischen Staaten unterzeichnet werden, aber es geht den Staaten dabei um die juristische Dimension. Für uns ist jedoch die humanitäre und moralische Dimension entscheidend. Diese Leute haben unsere Menschen angegriffen, sie haben Dutzenden von ihnen enthauptet. Sie haben nicht nur das Militär attackiert und ermordet, sondern auch Zivilpersonen, die hier arbeiten. Sie schüchtern die Menschen ein. Sie sagen ihnen, dass sie ihnen die Köpfe abschlagen werden, dass sie sie töten werden. Die Durchsuchung dieses Bereichs war wirklich schwierig. Sie dauerte drei Tage und wir gingen sehr vorsichtig vor. Wir fanden Waffen, Telefone und viele andere Dinge. Von all dem werden wir später berichten. Es gibt eine Regel für diese Frauensektion. Alle Frauen hier sind Ausländerinnen und es gibt offiziell keine Männer unter ihnen. Allerdings haben wir in diesem Bereich Dutzende von Männern aufgespürt, die allesamt dem IS angehören. Auch haben wir junge Männer im Alter von 16 bis 17 Jahren und älter aufgefunden, die sich dort versteckt hielten und alle bereits Befehle erhalten hatten. Wie ich schon sagte, das Vorgehen war sehr schwierig.

Während der Operation wurden große Mengen an Waffen und Munition gefunden. Wie kommt dieses Material ins Lager? Ist die Gefahr nach der Operation nun gebannt?

Der Operation geht weiter. Wir können nicht sagen, wie lange sie dauern wird. Das Camp ist gefährlich, und wir können nicht sagen, dass wir diese Gefahr vollständig beseitigt haben. Ich kann jedoch sagen, dass wir ihre Größe teilweise verringert haben. Mit anderen Worten: Wenn der IS einen Plan hatte oder Anschläge vorbereitete, haben wir diese mit der Operation vereitelt. Wir haben jedoch Informationen, dass eine Menge Munition in das Lager gebracht wurde. Wie ist all diese Munition in das Lager gekommen? Es ist nicht möglich, dass ein IS-Mitglied einfach so aus dem Irak hierherkommt. Es gibt einige besondere Gruppen, die nur in Bezug auf dieses Lager arbeiten. Die Verantwortlichen für diese Gruppen befinden sich entweder in der türkischen Besatzungszone um Serêkaniyê und Girê Spî oder direkt in der Türkei. Sie bekommen 5.000 bis 10.000 Dollar für die Schleusung einer Person. Der türkische Staat arbeitet gezielt an dieser Praxis. Nach uns vorliegenden Informationen sammelt der IS seine Söldner wieder an vielen Orten. Er zieht sie in Idlib, Şehba, Efrîn, Girê Spî und Serêkaniyê zusammen. IS-Söldner aus Tschetschenien, Afghanistan und aus vielen anderen Regionen konzentrieren sich dort. Mit unserer Operation haben wir einige Pläne des IS durchkreuzt. Aber es gibt eine größere Gefahr. Das war der Grund, warum die QSD, YPJ und Asayîş beschlossen haben, die dritte Phase der Operation durchzuführen. Der größte Faktor und das größte Hindernis auf diesem Weg ist der türkische Staat. Der türkische Staat will nicht, dass solche Operationen stattfinden. Er will dem IS eine Atempause verschaffen. In diesem Lager hat man natürlich auch langfristige Pläne. Zum Beispiel rufen Kinder ständig Parolen, die besagen, dass der IS weiterexistiert und wächst. Wie wächst der IS? Die Antwort auf diese Frage interessiert mich auch militärisch. Ich bin heute hier in diesem Lager und meine Aufgabe ist es, die Sicherheit der Gesellschaft zu gewährleisten. Es gibt jedoch viele Gebiete in Nordsyrien, die sich nicht unter unserer Kontrolle befinden. Zu diesen Gebieten gehören Serêkaniyê, Girê Spî, Idlib, Efrîn und die Regionen, die unter der Kontrolle der Regierung in Damaskus stehen. Der IS versucht, sich neu zu organisieren und seine Angriffe auszuweiten. Wir werden alles tun, was nötig ist, um dies zu verhindern. Wir bedauern nicht, dass wir 11.000 Gefallene zu beklagen haben. Wir haben gegen den IS in Kobanê, Minbic, Raqqa, Tabqa und al-Bagouz gekämpft und werden es natürlich auch weiterhin tun. Der IS versucht seine Existenz aufrecht zu erhalten und wir sind entschlossen weiterzumachen, bis der IS vernichtet ist.  Vielleicht wird es eine Weile dauern, bis wir die Idee des IS vollständig ausgelöscht haben. Aber wir werden weitermachen, bis auch die letzte Zelle mit ihrer Wurzel zerschlagen ist.

Das Camp Hol ist das größte und gleichzeitig gefährlichste Lager im Nahen Osten. Gibt es dort irgendwelche internationale Hilfe? Welche Lösungsansätze für das Lager gibt es?

Was wir im Lager brauchen, ist internationale Unterstützung. Ich spreche nicht von finanzieller Unterstützung; alle müssen moralische Verantwortung übernehmen. Alle, die sich im Klaren darüber sind, dass Camp Hol eine tickende Zeitbombe ist, sollten sich die Frage stellen, was ihr Plan oder Projekt, ihr Lösungsvorschlag für das Lager ist. Die Selbstverwaltung appelliert schon seit Jahren an die Staaten, sich verantwortlich zu zeigen für ihre hier internierten Bürgerinnen und Bürger. Sie sollten wenigstens die Last, die die QSD zu tragen haben, erleichtern. Die Selbstverwaltung kümmert sich mit ihren zivilen und militärischen Einrichtungen um dieses Lager. Camp Hol hat sich in ein Bermuda-Dreieck verwandelt, aber es gibt keine Lösung für dieses Problem. Wie lange kann das so weitergehen? Ein Kind, das vor vier Jahren noch drei Jahre alt war, ist jetzt sieben. Ein Kind, das sieben Jahre alt war, ist jetzt zehn. Diese Kinder werden von Tag zu Tag älter. Es gibt Tausende solcher Kinder. Das bedeutet, dass Tausende von IS-Söldnern herangezogen werden. Sie werden auf den Armen ihrer Mütter zu Dschihadisten. Es gibt eine Frau aus Konya in diesem Lager, die sagt: „Ich habe vier Märtyrer geboren, ich kann noch vier weitere schaffen.“ Was glauben Sie, mit welcher Mentalität die Kinder einer solchen Frau aufwachsen? Aus diesem Grund sollten alle Staaten und insbesondere die Internationale Koalition dieses Lager in jeder Hinsicht unterstützen. Es gibt gemeinsame Anstrengungen, auch beim derzeitigen Einsatz. Es findet eine verstärkte Zusammenarbeit im Bereich der Aufklärung und Informationsbeschaffung statt. Aber vor allem die QSD und die zivilen Einrichtungen bringen seit einer Woche unter den Winterbedingungen die größten Opfer. Das ist die Situation im Lager. Wie ich bereits sagte, geht die Operation weiter. Wir wissen nicht, wann etwas passieren wird. Ernsthafte Angriffe auf unsere Mitglieder gab es beim laufenden Einsatz noch nicht. Sie kalkulieren sehr genau. Sie warten eigentlich nur auf den richtigen Zeitpunkt. Sie warten auf den Befehl. Wie ich gesagt habe, wird der IS im Irak und in Syrien wiederbelebt, damit hängt auch die Lage in Camp Hol zusammen. Diejenigen, die sich im Lager befinden, erhalten alle ihre Anweisungen von außen, aus Serêkaniyê und Girê Spî. Wie kommt es, dass so viel Material und Geld in das Lager fließt? Das ist eine ernste Frage, die beantwortet werden muss. Als QSD verfügen wir nicht über eine besonders ausgefeilte Technik. Das Lager ist groß und das macht es schwierig, es vollständig zu kontrollieren. Abschließend möchte ich darauf hinweisen, dass viele Staaten, insbesondere der türkische Staat, den IS wiederbeleben wollen. Sie wollen neue Pläne und Projekte für den IS schaffen. Denn es sind mehr als zehn Jahre vergangen und die Krise in Syrien ist immer noch nicht gelöst. Vielleicht wird sie es auch in den nächsten zwei Jahren nicht sein. Noch ist niemand bereit für eine Lösung. Aber das Projekt der QSD und unser politischer Wille, der MSD, sind bereit und wir leben seit zehn Jahren mit diesem Projekt. Es ist bereits bekannt, dass dieses Projekt für alle am besten geeignet ist. Dies ist die allgemeine Situation in Camp Hol. Nach Abschluss der Operation werden wir die Öffentlichkeit selbstverständlich über die Ergebnisse informieren.

 

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